Warum Grenzen mit unseren Kindern mitwachsen müssen

Grenzen

Foto: Magnific

Ihr Lieben, Gamze ist Pädagogin, Mutter und betreibt den Instagram-Kanal KIND:NAH, auf dem sie sich mit gesellschaftlichen und pädagogischen Fragen rund um Kinder, Elternschaft und Erziehung beschäftigt. Heute schreibt sie bei uns darüber, warum Grenzen sich verändern sollten:

Warum Grenzen mit unseren Kindern mitwachsen müssen

Mein Sohn ist im August 13 geworden. Dreizehn. Ein Alter, in dem sich nicht nur für ihn vieles verändert, sondern auch für mich als Mutter. Seine Freundschaften verändern sich. Ich kenne längst nicht mehr jeden seiner Freunde persönlich, geschweige denn deren Eltern. Freiräume werden wichtiger, Regeln zunehmend hinterfragt. Und ich merke, dass ich auch meine Rolle als Mutter immer wieder neu überdenken muss.

Manchmal frage ich mich, ob ich an bestimmten Grenzen festhalte, weil sie heute noch sinnvoll sind. Oder nur, weil ich sie irgendwann einmal gesetzt habe. Denn mein Sohn ist nicht mehr der kleine Junge von damals. Aber bin ich als Mutter eigentlich genauso mitgewachsen?

Grenzen sind nicht in Stein gemeißelt

Wir sprechen häufig darüber, wie wichtig Grenzen für Kinder sind. Darüber, dass sie Orientierung und Sicherheit geben. Und das tun sie auch. Worüber wir meiner Meinung nach viel seltener sprechen, ist die Frage, ob diese Grenzen eigentlich noch zu dem Kind passen, das vor uns steht.

Was für meinen Sohn vor einem Jahr noch sinnvoll und notwendig war, muss heute nicht mehr gelten. Denn Kinder entwickeln sich weiter, gewinnen neue Fähigkeiten und möchten zunehmend eigene Entscheidungen treffen. Vielleicht liegt die eigentliche Herausforderung für uns Eltern manchmal gar nicht darin, eine Grenze zu setzen, sondern darin, sie wieder zu verschieben.

Wessen Bedürfnis steckt hinter einer Grenze? Was möchte ich mit einer Grenze eigentlich erreichen? Möchte ich mein Kind schützen? Oder geht es vielleicht auch um meine eigenen Ängste und Unsicherheiten? Fällt es mir einfach schwer, mitanzusehen, wie mein Sohn die Konsequenzen seiner eigenen Entscheidungen erlebt?

Es macht einen Unterschied, ob ich meinem Sohn sage, dass er für eine bestimmte Entscheidung noch nicht verantwortungsbewusst genug sei, oder ob ich ehrlich eingestehe, dass es mir selbst noch schwerfällt, ihm diese Verantwortung zu überlassen. Natürlich kann es gute Gründe geben, einem Kind etwas noch nicht zuzutrauen. Nicht jede Sorge ist unbegründet.

Unsere Kinder sind eigenständige Menschen mit eigenen Interessen, Bedürfnissen und Vorstellungen und nicht die Verlängerung unserer Persönlichkeit. Unsere eigenen Erfahrungen prägen, was wir unseren Kindern erlauben, wovor wir sie schützen und welche Entscheidungen wir für richtig halten. Doch was früher selbstverständlich oder sinnvoll war, muss es heute nicht mehr sein.

Wenn Loslassen schwerfällt

Als Pädagogin weiß ich, wie wichtig es ist, Kindern eigene Erfahrungen zu ermöglichen. Dass sie Fehler machen dürfen, Entscheidungen treffen und lernen, mit deren Folgen umzugehen. Als Mutter fällt mir genau das manchmal schwer.

Selbstständigkeit entsteht schließlich nicht plötzlich mit dem 18. Geburtstag. Sie entwickelt sich durch die Erfahrungen, die wir unseren Kindern schon vorher zutrauen – auch dann, wenn nicht alles gelingt. Sicherheit bedeutet nicht, jeden Schritt zu begleiten.

In meiner pädagogischen Arbeit habe ich zahlreiche Krippeneingewöhnungen begleitet. Dabei konnte ich immer wieder beobachten, wie Kinder sich zunehmend von ihrer Bezugsperson entfernen, ihre Umgebung erkunden und sich zwischendurch vergewissern, dass sie noch da ist.

In der Bindungstheorie sprechen wir von der Bindungs-Explorations-Balance: Das Bedürfnis nach Sicherheit und der Drang, die Welt zu entdecken, stehen in einem engen Zusammenhang. Die Bezugsperson dient dabei als sichere Basis, von der aus das Kind seine Umgebung erkunden und zu der es bei Bedarf zurückkehren kann.

Und manchmal denke ich, dass sich daran auch mit 13 Jahren gar nicht so viel verändert hat. Das Bedürfnis nach einer verlässlichen Bezugsperson bleibt. Nur die Form der Begleitung verändert sich. Was früher Fürsorge bedeutete, kann heute möglicherweise schon Einmischung sein.

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