Ihr Lieben, das Thema Kontaktabbruch ist ein sehr emotionales. Immer wieder kriegen wir von euch auch Nachrichten, dass es einfach nicht mehr möglich war, mit den eigenen Eltern oder den Schwiegereltern in Kontakt zu bleiben. Die Gründe dafür sind vielfältig und wir sind uns sicher, dass kein Kind leichtfertig den Kontakt abbricht.
Anja Sernau berät verlassene Eltern, hilft ihnen, ihr Handeln zu reflektieren und versucht, die verstrittenen Familienmitglieder wieder ins Gespräch zu bringen. Wir haben mit ihr nochmal ausführlich über das Thema gesprochen.
Liebe Frau Sernau, wir haben das letzte Mal im Juli 2025 miteinander gesprochen. Wie war denn die Resonanz auf unser Interview bei Ihnen?
Die Resonanz war sehr gut. Viele Eltern, die ich beraten habe, hatten das Interview gelesen. Die betroffenen Eltern haben vieles ähnlich gesehen wie ich. Die Kinder zum großen Teil auch, aber manchmal hatte ich das Gefühl, dass Kinder denken, dass ich auf der Seite der Eltern stehen würde. Ich versuche neutral zu sein, beide Seiten zu verstehen und gegenseitige Toleranz aufzubauen. Es gelingt in vielen Fällen auch – allerdings dauert es oft lange. Manchmal ist es jedoch auch nicht wirklich erstrebenswert, den Kontakt wieder herzustellen. Aber das ist die Ausnahme.
Sie versuchen ja, Kinder, die den Kontakt zu ihren Eltern abgebrochen haben, wieder an einen Tisch mit den Eltern zu bekommen. Was ist in den allermeisten Fällen der erste Schritt, damit das gelingt?
Ich würde sagen, dass der erste Schritt das Erkennen der Gründe für den Kontaktabbruch ist. Kinder haben die Situation zuhause oft so dargestellt, dass sie immer und immer wieder mit den Eltern über Probleme geredet haben und diese aber nicht gehört wurden.
Manchmal war der Kontaktabbruch der einzige Schritt, den sie gehen mussten, wenn sich nichts geändert hat und man die Probleme nicht ernstgenommen hat. Ich höre immer wieder, dass mit dem Weggang der Wunsch verbunden ist, dass sich die Eltern mit der Problematik auseinandersetzen und sich dann etwas ändert.
Ist es so, dass umso länger kein Kontakt besteht, desto schwerer ist eine Versöhnung?
Das kann man wahrscheinlich nicht pauschal sagen. Viele Kinder, die den Kontakt abbrechen, haben es schon lange in Erwägung gezogen. Wenn sie dann wirklich diesen Schritt gehen, ist es wahrscheinlich dann, wenn sie an einem Punkt der Verzweiflung angekommen sind, bei dem sie so nicht mehr weitermachen möchten.
Ein Grund, der immer wieder genannt wird, ist dass sich Kinder nicht gesehen oder sogar abgewertet und unwichtig fühlen. Sollte dann wieder so ein Moment kommen, kann es sein, dass sie „ihre Sachen packen“. Wenn dieser Punkt erreicht ist, brauchen sie tatsächlich Abstand. Bevor man dann wieder zusammen findet, müssen die Gründe den Eltern klar sein und man sollte gemeinsam daran arbeiten.
Wenn ein Kontaktabbruch schon seit Jahren besteht, ist die Frage, warum das so ist. Ich habe oft erlebt, dass beide Seiten schon lange wieder Kontakt wollten, aber keiner den ersten Schritt gehen wollte. Wenn das der Grund ist, dann kann man relativ einfach wieder zusammenfinden.
Wenn jedoch unausgesprochene Schwierigkeiten auf beiden Seiten bestehen, braucht man ein (oder mehrere) klärende(s) Gespräch(e). Teilweise gab es auch ein bestimmtes Ereignis, welches eine funktionierende Beziehung langfristig zerstört hat. Dies können z.B. als ungerecht empfundene Geldzuwendungen an Geschwister sein oder Ähnliches. Hier wäre es von Vorteil, wenn man im Vorfeld überlegen könnte, ob es tatsächlich ungerecht war – und wenn ja, das Problem logisch lösen.
Wie erleben Sie „Kinder“ und „Eltern“ in Ihrer Arbeit – ist ein Lager eher dazu bereit, an sich zu arbeiten?
Ich habe mehr mit Eltern als mit Kindern zu tun, da ich Selbsthilfegruppen für verlassene Eltern anbiete. Ich denke, dass die Eltern, die auch von sich aus kein gutes Verhältnis zu den Kindern hatten und denen der Kontaktabbruch nicht so viel ausmacht, sich nicht bei mir melden.
Ich habe fast ausschließlich mit Eltern zu tun, die richtig unter dem Kontaktabbruch leiden. Teilweise fallen sie in Depressionen, können ihr Leben nicht mehr unbeschwert leben, haben Schuldgefühle und verstehen die Welt nicht mehr. Diese Eltern sind, glaube ich, zu allem bereit.
Die meisten „kämpfen“ darum, ihre Kinder wiederzusehen. Es sind ja auch oft nicht nur die Kinder, sondern auch die Enkelkinder, die sie liebend gerne wieder sehen würden. Aber einige Eltern sind auch durch so viele Schmerzen gegangen, dass sie nicht mehr können.
Sie haben nicht direkt aufgegeben, aber sie sind desillusioniert und haben einfach keine Kraft mehr. Und es gibt auch Eltern, die auch ihren Stolz haben und bereit sind den Kindern ein Stück entgegen zu gehen, aber nicht den ganzen Weg alleine zu gehen.
Bei den Kindern habe ich meist das Gefühl, dass sie ihre Eltern sehr vermissen, sie aber dennoch noch so verletzt sind (was viele Gründe haben kann), dass sie den Weg zurück (noch) nicht schaffen. Der Wunsch bei ihnen ist oft, dass die Eltern die Problematik erkennen und daran arbeiten.
Ein weiterer wichtiger Punkt, warum Kinder gehen, ist eine konfliktreiche Trennung der Eltern in ihrer Kindheit. Nicht selten wird das Kind von einem Elternteil ferngehalten oder der Expartner/in wird schlecht geredet. Das Kind verliert das Vertrauen in ein oder sogar in beide Elternteile. Auch dieses Gefühl keine Sicherheit und Geborgenheit zu haben, niemanden, auf den man sich verlassen kann, kann dazu beitragen, dass man sich im Erwachsenenalter isoliert.
Kommt eigentlich ein Thema immer wieder auf, wenn Kinder ihre Gründe für den Kontaktabbruch erklären?
Das Thema Zeit ist sehr wichtig. Gerade Kinder, die nur mit einem Elternteil zusammen gelebt haben, berichten davon. Als Kind sieht man nur, dass z.B. der Vater nie bei einem Fußballspiel vom Sohn dabei war und man nicht im Urlaub war. Aber dass der Vater neben dem Geld verdienen, noch 3 Kinder versorgen musste, den Haushalt alleine organisieren musste und noch seine kranke Mutter pflegen musste, kann ein Kind nicht verstehen. Beim Kind kommt an: „Papa hat keine Zeit für mich, ich bin ihm egal.“
Weitere Themen sind wie oben erwähnt, die konfliktreiche Trennung, Narzissmus bei einem Elternteil, Vernachlässigung etc. Ein Thema, welches man eigentlich nicht erwartet, dass es öfter vorkommt, ist die Parentifizierung. Gerade beim Tod eines Elternteils oder bei Trennungen spüren die Kinder, dass sie gebraucht werden. Sie kümmern sich um Mutter oder Vater, um die kleineren Geschwistern, Haushalt etc. Bis zu einem gewissen Grad ist das bedenkenlos.
Aber oft werden die Kinder überfordert und sie können nicht mehr richtig Kind sein. Diese Überforderung mündet dann manchmal in einem Kontaktabbruch. Das erwachsene Kind möchte irgendwann ausbrechen und merkt, dass wenn es alleine ist, die Arbeit und die Verantwortung weniger wird.
Kann es wirklich vollkommen gelingen, wieder ein gutes Verhältnis herzustellen?
Auf jeden Fall. Ich habe viele Eltern begleitet, die dann wieder mit ihren Kindern den Kontakt aufnehmen konnten. In fast allen Fällen ist das Verhältnis wieder normal – manchmal schier euphorisch. Manchmal sind die ersten Begegnungen schwer und von Kritik und Vorwürfen geprägt (was man besser unterlassen sollte). Aber nach einiger Zeit, wenn die Wogen sich geglättet haben, sind die meisten Betroffenen glücklich, wieder als Familie zusammenzuleben.
Was ist Ihnen bei dem Thema noch ganz wichtig?
Ich würde gerne den Kindern einen Rat geben: Brecht, wenn es euch möglich ist, den Kontakt nicht ganz ab. Es gibt natürlich Situationen, bei denen man es nicht mehr aushält und es ist dann natürlich auch das Recht eines jeden, sich zu distanzieren. Vielleicht könnt ihr euren Eltern mitteilen, dass ihr den Kontakt im Moment nicht mehr möchtet, aber bereit wäret, z.B. am Geburtstag der Eltern vorbeizu kommen.
Wenn auch das jetzt zu viel wäre, könntet ihr – ich nenne es das Einbahnstraßenprinzip – wählen. Hier könnt ihr mit den Eltern besprechen, dass ihr ihnen z.B. einmal im Monat schreibt, die Eltern aber nicht zurückschreiben. Dann könntet ihr nicht verletzt werden, aber eure Eltern wissen, wie es euch geht oder hören zumindest etwas von euch. Das ist nur eine Idee, wie ihr vielleicht das Band nicht ganz zerreißen lasst und die Eltern einen kleinen Strohhalm haben. Vielleicht entwickelt sich daraus irgendwann wieder mehr.
Anja Sernau bietet kostenlose Selbsthilfegruppen mit Coaching und kostenlose Vorträge an. Zusätzlich können sich sowohl Eltern als auch Kinder beraten lassen und 3 x im Jahr finden ganztägige Seminare statt. Weitere Infos unter: [email protected] oder www.verlassene-Eltern.net




8 comments
Meine Eltern haben zu mir (45J.) und meinen 4 Kindern den Kontakt abgebrochen, weil ich immer wieder meine Benachteiligung gegen über meinen Geschwistern kritisiert habe. Das hat mir den Boden unter den Füßen weggezogen. Ich habe öfter um therapeutische Gespräche gebeten, aber es besteht kein Interesse auf Seiten meiner Eltern.
Diese Perspektive kommt aus meiner Sicht zu kurz, wahrscheinlich, weil Frau Sernau nur mit Eltern arbeitet, die unter dem Kontaktabbruch leiden.
Verstehe ich gut, wir hatten ähnliche Probleme aber nun Ruhe seit Jahren, kompletter Kontaktabbruch war der einzige Weg. Ja, diese gut gemeinten Ratschläge von Außenstehenden kennen wir auch. Oft hilft es auch zu diesen Leuten den Kontakt etwas zu reduzieren, bei uns werden Themen durch so etwas wieder großer und diese Leute zu denen der Kontakt abgebrochen wurde, zum Gesprächsthema ungewollt.
Ein guter Artikel. Leider fehlt hier die Perspektive von Kindern deren Eltern den Kontakt abgebrochen haben. Es wäre auch wichtig anzusprechen unter welchen Umständen ein Kontaktabbruch richtig oder sogar wichtig ist und trotzdem schmerzhaft sein kann. Wenn es z.B. um klaren Missbrauch usw geht.
@Sisi: ich fürchte, die Facetten von Mißbrauch sind so vielfältig und tiefgründig, dass es schwierig ist, da eine „Blaupause“ als Antwort zu bekommen.
P.S.: @Sisi:
Sehr wahr in diesem Kontext, der erste Satz von Tolstois Anna Karenina:
„Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich.“
Ein relativ ausgewogener Artikel zum Thema. Aber leider am Schluss dann doch wieder der Rat an die Kinder, den Kontakt nicht ganz abzubrechen, als Bringschuld nahbar zu bleiben. Und wieder das Mantra „der armen, verlassenen Eltern“. Es nutzt wirklich gar nichts, ein reflektiertes, recht sachliches Interview zu posten, wenn dann doch wieder die gleichen Klischees, Opferrollen und Bringschuldthemen im Raum stehen. Vielleicht sollte man Eltern mal raten, dass es gegen Kontaktabbruch hilft, seine Kinder nicht zu verletzen?
Sehe ich ganz genauso wie Sie… diese Dame behauptet sie wäre unparteiisch und begleitet aber mehrheitlich die „armen, verletzten und verlassenen Eltern, genau mein Humor, es hat so gute Gründe und diese unreflektierten Eltern werden das nie verstehen, da sie sich niemals reflektieren geschweige denn Verhalten Hinterfragen oder verändern, ausruhen in der Opferrolle und bocken wenn man Grenzen setzt.
@Fini: Danke für die Rückmeldung! Ich habe den Kontakt nicht abgebrochen, weil zu einem Elternteil ein guter Kontakt besteht. Den anderen Part aushalten zu müssen ist unmenschlich anstrengend und verletzend, immer wieder, seit Jahrzehnten. Wie oft ich schon gehört habe: sie ist doch deine Mutter! Das schuldest du ihr! Das hat sie nicht verdient! Wenn du nur netter zu ihr wärst! Wenn du nicht immer so empfindlich wärst! Findest du nicht, du solltest ihr endlich verzeihen? Und do weiter…..
Ein einziges Mal habe ich mitbekommen, wie andere zu ihr sagten, sie könne mit ihrer Tochter nicht so umgehen. Die Lobbykarten sind verteilt