Jahre nach der Trennung: Wie ich meine Tochter von heute auf morgen verlor

Jahre nach der Trennung

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Ihr Lieben, hier wendet sich ein Vater an euch und erzählt ausführlich, wie es dazu kam, dass der Kontakt zu seiner Tochter Tylla Jahre nach der Trennung von heute auf morgen abbrach. Nun lebt er in einem Schwebezustand aus Ungläubigkeit und Ohnmacht und kann nur hoffen, dass es irgendwann für ihn als Papa auch mal wieder anders wird. Das Thema ist komplex, das wissen alle, die je mit getrennter Elternschaft zu tun hatten. Hier gibt es nun ganz viele Einblicke in diese emotionale Ausnahmesituation.

„Mein Kind hat einen Namen: Tylla. Wenn ich ihn hier schreibe, wenn ich ihn sage, wenn ich ihn mit meinem Herzen umarmen möchte, dann greifen meine Gefühle ins Leere. Mein Kind ist weg. Fort. Nicht tot, nicht umgezogen. Einfach weg. Ich weiß nicht, warum. Und niemand kann es mir erklären.

Das ist brutal. Auch, weil damit Sorgen verbunden sind, die weit über den physischen, hoffentlich temporären Verlust hinausgehen. Dinge, die sich nicht einfach reparieren lassen. Wie verändert sie sich, wenn sie nicht mehr bei mir ist? Wie verändere ich mich? Lässt sich diese Melange aus Unsicherheit, Wut, Trauer, Verlust und gebrochenem Vertrauen je reparieren? Und wenn ja, wie geht das?

Dabei galt doch gerade noch: Mein Kind ist perfekt. Oder war perfekt. Oder war das nur ein Trugbild? In meinem Kopf verschwimmen Ebenen und mir fällt schwer zu unterscheiden, was richtig ist und falsch. Was habe ich erlebt? Passen meine Erinnerungen noch zu dem Heute, das gerade geschieht?

Solche und viele andere Fragen stellen sich Eltern, Väter und Mütter, die plötzlich ihr Kind an den anderen Elternteil verlieren. Dahinter steckt immer eine Geschichte. Aber nicht alle Kapitel scheinen zusammenzupassen.

Wie alles begann

Verdrängte Schwangerschaft
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Meine, unsere Geschichte beginnt so: Als meine Tochter zwei Jahre alt wurde, passte es zwischen uns Eltern nicht mehr. Streit und Aggressionen machten den Großteil der Zweisamkeit aus, die nicht mit Wickeln, Kita-Wegen, Füttern und Spielzeit besetzt war. Funktional klappte das alles noch gut. Nur drumherum war nichts mehr außer übertretenen roten Linien.

Wenn jedes Wort Angriff ist, jeder Satz Provokation, dann ist es manchmal besser, getrennt weiterzugehen. Für mich war das der richtige Weg. Ich zog 500 Meter weiter. Die Nähe zu meiner Tochter war wichtiger als die Distanz zur Mutter. Mit dieser Nähe sollte eine neue, bessere Ebene zwischen uns als Eltern entstehen. So viel Nähe, so hoffte ich, ermöglicht Transparenz, niedrigschwellige Kontakte und damit vielleicht eine konfliktärmere Elternbeziehung. Zudem sollte meine Tochter in ihrem Kiez bleiben.

Die Kita, die Schulen, all das würde bei so geringer Distanz zwischen den zwei Zuhauses viel leichter zu bewältigen sein. Das alles schien anfangs okay. Ich wohnte zwar woanders, weckte aber Montag bis Freitag meine Tochter als Erster, bereitete sie für den Tag vor, lief mit ihr und meinem Hund zur Kita und kam jeden Abend in der Woche, um sie ins Bett zu bringen.

Dieses Ritual, dieses stundenlange Schuckeln im Arm, bis ihr kleiner Körper im Schlaf erschlaffte, wie sich die Händchen trotzdem beim ins Bettchen legen in meine Arme krallten … ihr letzter Versuch, doch noch wach zu bleiben… das sind mit meine wunderbarsten Erinnerungen. Es ist diese ganz besondere Nähe, diese enge Bindung, die entsteht, wenn man ein kleines Mädchen Abend für Abend in den Schlaf wiegt. Jede Minute davon war ein Geschenk.

So gut sich die neue Situation im Moment anfühlte, so trügerisch war sie. Es kam erneut zu Konflikten. Angestoßen von meinem Wunsch, feste Umgangszeiten zu vereinbaren. Drei Jahre lang stritten die Mutter und ich in drei Verfahren darum, wo unsere Tochter wann sein sollte. Es war ein Albtraum, vor allem für unsere Tochter.

Viele Therapeut*innen und Berater*innen warnten mich davor, mein Umgangsrecht einzuklagen. Doch es war der einzige Weg für mich, verlässlichen Umgang zu festen, geregelten Zeiten mit meiner Tochter durchzusetzen.

Der Schauspieler Christoph Letkovski berichtete vor einiger Zeit im SPIEGEL, wie traumatisch für ihn die Gerichtsverfahren zum Umgangsrecht mit seinem Kind waren. Diese tief empfundene Ohnmacht habe bei ihm Panikstörungen ausgelöst und ihn schließlich dazu gebracht, sich in eine Psychiatrie zu begeben.

Der Druck, der auf dem Elternteil lastet, der sich aus Liebe zum Kind Umgang oder etwas mehr Umgang wünscht, steigert sich im Laufe des oder der Verfahren immens. So sehr wir Erwachsenen unter Spannung stehen, so sehr spüren die betroffenen Kinder, das etwas nicht stimmt.

Endlich eine gute Umgangsregelung gefunden

Wechselmodell
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Umso größer die Befreiung, als wir kurz vor Tyllas Einschulung die gerichtliche Regelung erreichten, die den Großteil von Tyllas Kindheit gelten sollte. An sechs aufeinanderfolgenden Tagen war sie bei mir, an den acht übrigen Tagen lebte sie bei ihrer Mutter. Die Ferienzeiten teilten wir uns hälftig.

Allen vorher erhaltenen Ratschlägen zum Trotz ermöglichte diese Regelung viel Alltag und Routine. Vor allem aber nahm sie extrem viel Spannung aus den Beziehungen zwischen uns Eltern und dem Kind. Klare Regeln ermöglichen einfache Lösungen. Jede und jeder macht sicher eigene Erfahrungen. Und ganz sicher ist diese Erfahrung für Kinder so individuell wie die Kinder selbst. Unsere Tochter fand diese fortan geltende Regelung die meiste Zeit ihres Lebens als normal.

Ihre beiden Zuhauses waren so nah, dass sie in wenigen Minuten wechseln konnte. Hier mal den Ranzen vorbeibringen, da mal die Wasserflasche wechseln. Heute die wärmere Jacke? Hole ich. Nein, bringe ich Euch schnell. Wichtiger noch war die psychische Verfügbarkeit für Tylla. Das Gefühl zu wissen: Der andere Elternteil ist nicht weit, auch wenn er woanders ist.

Das half Tylla. Und die vielen kleinen Dinge im Alltag halfen uns Eltern, den Kontakt zueinander zu verbessern. Es klingt banal: Aber Tylla genoss die Brettspiele bei Mama, und die Switch bei mir. Das Basteln in dem einen und das Kreieren von kleinen Videos in dem anderen Zuhause. Stundenlang spielte sie Szenen mit ihren Playmobilfiguren, erfand Geschichten und dokumentierte diese mit der Kamera. Wenn sie nicht hinter der Kamera stand, stellte sie sich davor und inszenierte Theaterstückchen. Inklusive Pause, Catering und Platzkarten.

So heilten die lange vor Gericht geschlagenen Wunden zwischen uns Eltern. Auch wenn dieser Prozess ein hohes Maß an Vergesslichkeit erforderte. Streiten Eltern gegeneinander vor der Justiz, erkennen sie im jeweils anderen oft unentdeckte Seiten. Oft erkennen sie sich in den Beschreibungen des Anderen nicht wieder. Das verletzt. Noch schmerzhafter wird es allerdings, wenn sie in all dem, was vor dem Gericht ausgekippt wird, ihren selbst verzapften Mist entdecken. Das war mit das Schmerzhafteste für mich. Das Erkennen und Aushalten der eigenen Fehler.

Ein Leben im Patchwork

Großfamilie
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In den folgenden Jahre beruhigte sich vieles. Wir Eltern fanden neue Partner und patchworkten uns durch das Leben. Die Streitereien gerieten in Vergessenheit, in den allermeisten Fällen lösten wir Schwierigkeiten mit Kommunikation. Zu gemeinsam gefeierten Kindergeburtstagen kamen gemeinsame Muttertags- und Vatertags-Events. Der gemeinsame zelebrierte Heilige Abend wurde ein festes Ritual.

Für Freunde, die uns lange begleiteten, war das ein Wunder. Jede Woche saßen wir hier oder da beim Kaffee zusammen, ratschten über das Leben, unsere Tochter, die vergessenen Sportschuhe oder den anstehenden Termin beim Kieferorthopäden. Ein Jahr lang teilte meine Lebensgefährtin ihr Auto mit Tyllas Mutter. Idyllisch, harmonisch, das sind die Begriffe, die mir dazu einfallen, wenn ich darüber nachdenke.

Sah meine Tochter das ähnlich? Das kann ich nicht mehr sagen. In meiner Erinnerung genoss sie diesen Zustand der Vertrautheit. Im Abstand von sechs Monaten fragte ich hier und da, wie es denn sei, mit den zwei Zuhauses und wie sehr sie das anstrenge? „Überhaupt nicht“, antwortete Tylla dann.  

Beide Zuhauses boten ihr Unterschiedliches. Tylla war immer ein fröhliches, aufgewecktes Kind, das unfassbar tollen Quatsch machen konnte. Die ihre Liebe zu ihren Eltern zeigte und lebte. Bei den abendlichen Ritualen spielte Tylla den Clown, tanzte mit einer Hose auf dem Kopf durch die Wohnung, während sie die Zahnbürste schwang und löste bei mir Lachkrämpfe aus. Ans Schlafen gehen war in diesen Momenten nicht zu denken.

Dann kam der vergangene Herbst.

In den Sommerferien steckte sich Tylla mit einer Darmbakterienerkrankung an, die Bauchkrämpfe und Übelkeit verursacht, dazu dauernden Durchfall. Die Ansteckung mit EPEC ist meldepflichtig. Die betroffene Person darf einige Zeit lang nicht in die Schule, Kita oder eben zur Arbeit. Es gibt kein Medikament dagegen. Und damit begann das große Drama, das bis heute bei uns anhält.

Beginnend mit Meinungsverschiedenheiten zwischen der Mutter und mir zum richtigen Umgang mit dem Bakterium und zur richtigen Ernährung. Was ist Schonkost? Zählen Reibekuchen dazu? Aus meiner Sicht nicht. Muss Tylla ab sofort glutenfrei essen? Aus Sicht der Mutter ja.

So untergruben wir langsam das Fundament unserer Elternbeziehung. Mein Optimismus wurde von immer neuen Mikrokonflikten mürbe. Was ich dabei übersah? Dass Tylla oft mitten in einem Sturm aus Meinungen und Streitigkeiten stand.

Eine Erkrankung, die alles veränderte

Krankenschwester
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Als die Darmerkrankung nicht besser wurde, musste Tylla für zehn Tage zur Diagnostik ins Krankenhaus. Tylla hatte bereits stark abgenommen. Ihre Seele hielt der Belastung kaum stand. Die permanente Schwäche, der ewige Durchfall, das andauernde Gefühl, zu frieren. Die Diagnose lautete: Colitis ulcerosa, eine akute chronische Darmentzündung mit Verdacht auf eine chronische Leberentzündung, einer primär sklerosierenden Cholangitis, PSC.

Während man eine Colitis ulcerosa gut behandeln kann, kann man eine PSC nur begleiten. Sie ist eine der tödlichsten Formen einer chronischen Leberentzündung. Bei unserer Tochter wurde nur der Verdacht festgestellt. Aber dieser Verdacht steht im Raum und bleibt unverändert bestehen. Das ist für den weiteren Verlauf wichtig. Denn während wir Eltern im Krankenhaus ein Team zu sein schienen, löste sich diese Gemeinsamkeit nach der Diagnose.

Immer wieder zoomten Nachrichten zwischen der Mutter und mir hin und her. Ist diese Untersuchung nötig? Braucht es diese Medikation? Während ich stets plädierte, den Anweisungen der Ärzt*innen zu folgen, verfolgte die Mutter andere Ansätze. Ihr waren es meist zu viele Medikamente, zu viele Maßnahmen. Und ich wurde in diesem Verlauf immer angestrengter, weil ich die Haltung der Mutter angesichts der drohenden Gefahren als fahrlässig empfand.

Unentschiedenheit zwischen uns Eltern

Die Unentschiedenheit zwischen uns Eltern zwangen unsere Tochter in ein Dilemma namens Loyalitätskonflikt. Während sie früher fröhlich zwischen uns wechselte, wirkten jetzt verschiedene Faktoren gleichzeitig. Aufgrund der stark aktiven Krankheit musste Tylla täglich hoch dosiert Kortison einnehmen. Kortison, so klärten uns die Ärzt*innen auf, kann vor allem bei Jugendlichen starke mentale Nebenwirkungen erzeugen, die mitunter bis zu schweren depressiven Schüben führen. Vor Suizidgedanken wurden wir explizit gewarnt.

Dazu kamen die Erkenntnis der lebensbegleitenden Krankheit, der Streit zwischen den Eltern, die normale Pubertät. Im Gehirn unserer Tochter wirbelte es kräftiger, als ich das wahrnahm. Oder wahrnehmen wollte? Ich weiß das nicht so genau. Am Heiligen Abend feierten wir noch gemeinsam als Patchwork-Familie alle gemeinsam, wenige Wochen später war von Gemeinsamkeit oder Familie nichts mehr zu spüren.

An einem Dienstag im Februar brach meine Tochter den Umgang bei mir ab. Sie war erst am Tag vorher zu uns gekommen. In einer kurzen WhatsApp-Nachricht erklärte sie, ihr sei der Streit am Morgen zwischen mir und meiner Partnerin zu viel gewesen und sie brauche heute mal Abstand.

Dafür hatte ich in dem Moment wenig Verständnis. Hatten wir nicht morgens auf dem Weg zur Schule über den Streit gesprochen und ich mich entschuldigt? Damals ahnte ich nicht, dass diese WhatsApp die letzte meiner Tochter sein würde. Bis heute. 20 Wochen danach.

Kontaktabbruch Jahre nach der Trennung

Handy
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Ein paar Tage später kam die Mutter zu uns, sie wolle darüber reden, dass Tylla nicht mehr zu uns wolle. Wir zeigten uns flexibel, bemüht, aufgeschlossen und verabschiedeten uns mit einer Umarmung. Am Tag danach stellte die Mutter beim Familiengericht einen Antrag auf völlige Aussetzung meines Umgangs. Bis zum Gerichtstermin dauerte es zehn Wochen. Ich schrieb Tylla in der Zeit sparsame, liebevolle und verständnisreiche Nachrichten. Sie las keine.

Was war passiert? Hinter uns lagen doch acht sehr gute Jahre. Mit Feiern, Kanutouren und Picknick. Mit Osterfesten, an denen die Eltern meiner Freundin mit Tyllas Mutter lachten. Das Durcheinander im Kopf meiner Tochter, die Unstimmigkeiten zwischen uns Eltern, all das vermengte sich zu einem stinkenden, undurchdringlichen Matsch, der mich verzweifeln ließ. Wer war ich? Wo war meine über alles geliebte Tochter? Ich weiß bis heute nicht, an welcher Stelle ich aufgehört habe, sie wirklich zu sehen.

Dann kam der Tag vor Gericht. Er war schlimm. Die Verfahrensbeiständin, das Jugendamt und die Richterin hatten Tylla zuvor befragt. Drei Mal hatte sie klar und deutlich wiederholt: Ich will keinen Kontakt zu meinem Vater. So sehr ich versuchte, mich darauf emotional vorzubereiten: Wenn dir die Richterin das vorliest, dann geben die Beine nach, das Hirn setzt aus, da bleibt nichts.

Im Ergebnis wurde der alte Umgangsbeschluss aufgehoben, einen Umgangsausschluss konnte ich vermeiden. Verloren habe ich trotzdem. Das Wichtigste, was ich habe. Mein Kind.

Noch vor dem Gericht beruhigte mich die Verfahrensbeiständin, eine studierte Psychologin und Psychotherapeutin: „Die kommt von allein wieder.“ Ein Satz, den ich immer wieder höre. Aber der so wahr ist wie: „Alles wird gut.“ Dabei muss ich immer an den „Der letzte Song“ von Kummer denken. Und daran, dass gar nichts dabei gut wird. Sondern nur das Vergessen, das Aushalten hilft.

Mein neues Leben ohne Kind

Seitdem lebe ich ohne Kind. Ein Satz, der wie eine glühende Messerklinge durch meine Seele schneidet. Ich lebe ohne Kind.

Gestern noch lebte ich mit, für, rund um dieses bezaubernde Wesen. Dieses Geschenk, um das sich dann doch ein sehr großer Teil der Gedanken dreht. Ich wollte schreiben: seit dem Tag der Geburt. Aber alle Eltern wissen, dass die Zentrierung der Gedanken auf das eigene Kind schon viel früher beginnt. Bei Müttern sowieso. Aber auch bei uns Vätern.

Zehn Wochen ist der Gerichtstermin nun her. Seitdem habe ich noch weniger Kontakt zur Mutter als zuvor. Die Bestätigung des Familiengerichts scheint ihr die völlige Freiheit gegeben zu haben, die sie sich wünschte. Wie so etwas konkret aussieht?

So zum Beispiel: Das Krankenhaus, in dem Tyllas Behandlung bislang erfolgte, wollte nach dem Gerichtstermin die Medikation erhöhen. Tyllas Entzündungswerte seien unverändert schlecht, darum sollte die Gabe des Medikaments Azathioprin erhöht werden. Die Gabe dieses Medikaments muss mit regelmäßigen Blutwerten kontrolliert werden. Zudem sollte Tylla zusätzlich auf eine regelmäßige Infusion umgestellt werden.

Die Mutter hielt dagegen, Tylla sei gut drauf, habe rosa Wangen, sei beschwerdefrei und voller Tatendrang. Überprüfen lässt sich das von mir nicht. Ich habe mein Kind monatelang nicht gesehen. Den vereinbarten Termin zur ersten Infusion sagte die Mutter 45 Minuten vorher ab. Sie wolle erst noch eine Zweitmeinung einholen. Daraufhin bat das Krankenhaus uns Eltern, die Behandlung von Tylla an jemand anderen zu übergeben.

Ich verfolge das alles als Zuschauender hinter einer undurchdringbaren Wand. Mühsam laufe ich medizinischen Informationen hinterher. An guten Tagen bekomme ich grundlegende. Zum Beispiel, wo Tylla aktuell eigentlich behandelt wird. Wie und was behandelt wird, danach habe ich aufgehört zu fragen.

Wenn ich davon bei Freunden erzähle, folgt immer der gleiche Aufschrei, versehen mit dem Fragezeichen: „Aber du hast doch das Sorgerecht, oder?“ Ja, habe ich. Seit der Geburt. Ändert aber nichts daran. Das Jugendamt verweist mich auf Nachfrage immer wieder an die Mutter. Das Gericht, so sagt es mein Anwalt, wird sich solcher Fragen nur annehmen, wenn Gefahr in Verzug ist. Und was bedeutet das? Wie weise ich das nach?

Ich lasse ohnmächtig zu, was ich mir nie vorstellen konnte

Alle Wege scheinen auf dieser Landkarte verbaut. Ich fühle mich ohnmächtig, allein gelassen. Und lasse so also zu, was ich mir nie vorstellen konnte. Ich gebe die Verantwortung ab. An die Mutter. Ohne weitere Diskussionen. Ohnmacht, nicht handeln zu können, das kennen die meisten Menschen aus dramatischem eigenen Erleben. Ein Gefühl aus der Hölle der Lebenserfahrungen.

In diesem Durcheinander aus Schmerz, Sorge, Tatenlosigkeit und Verzweiflung kostet das Leben oft mehr Kraft als ich zu haben scheine. Das Aufstehen scheint mir oft unmöglich. Ohne meine Hunde und meine Partnerin würde ich es oft lassen. Dazu depressive Schübe und völlige Ungewissheit, wie und wann dieser Verlust enden könnte.

Kommt Tylla zurück? Darauf hoffe ich. Und darauf, dass ich dann die Kraft, die Lebensfreude habe, sie so zu umarmen, dass sie bleiben möchte. Dass sie bleibt. Wie auch immer dieses Bleiben dann aussehen mag.“

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5 comments

  1. Ich finde diese Geschichte heftig, sehe aber (in meinem direkten Umfeld) oft wie wenig getrennt lebende Eltern auch Jahre nach einer Trennung „begreifen“ was diese Form der Elternschaft bedeutet. Gesundheitsvorsorge ist bspw. kein seltenes Streit- bzw. Konfliktthema und Umgangsregeln sind ein Klassiker der Zoff-Topliste. Ich hatte das große Glück eine sehr gute und bodenständige Anwältin und eine pragmatische Jugendamtmitarbeiterin gehabt zu haben. Bevor das ganze Scheidungschaos ausbrach, wusste ich was ich (realistisch und rechtlich) fordern und erwarten kann und was eben nicht. Was man am Ende bekommt, ist weniger als das was man sich unter «geteiltes Sorgerecht“ vorstellt, Recht haben und Recht bekommen sind zwei völlig unterschiedliche Paar Stiefel.

  2. Guten Tag liebe Katharina und liebe Lisa,
    mir ist unwohl dabei, einen so besonderen Vornamen hier als mutmaßlichen Klarnamen zu lesen. Eine Pseudonymiesierung fänd ich bei einem Teenager und mit diesen vielen privaten und medizinischen (!!!) Informationen tausendmal angemessener! Bitte beruhigt mich und sagt, dass es nicht der echte Name des Mädchens ist!

    Lieber Vater,
    danke für diesen persönlichen Bericht. Er nimmt mich sehr mit beim Lesen. Ich finde mich in vielem, was deine heranwachsende Tochter erlebt wieder, obwohl vieles auch anders war bei mir.
    Sie hat eine sehr schwierige Zeit durchzumachen. Der Loyalitätskonflikt brach mit der Erkrankung komplett neu und gewaltig auf. Ich kann verstehen, dass man keine starken und massiven Medikamente möchte, auch wenn alles, was du schreibst sehr nach einer wohldurchdachten Therapie für die Colitis Ulcerosa klingt. (ich spreche aus Erfahrung)
    Zudem muss sie mit der Erkrankung in einem besonders vulnerablen Alter klar kommen und die Pubertät ist auch noch da.
    Sie lehnt sich wohl nun sehr an die Mutter an,warum auch immer. Vielleicht braucht sie es, um gesund zu werden.
    Es tut mir sehr leid für dich, dass du nun gar keinen Kontakt mehr zu ihr hast. ich hoffe sehr, dass sich das wieder ändert. aber vielleicht braucht sie einfach Zeit.
    Alles Gute aus der Ferne!

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