Ihr Lieben, neulich hatten wir einen Artikel zum Thema Kontaktabbruch zwischen Eltern und Kindern (Hier nachzulesen). Daraufhin hat sich Anita bei uns gemeldet, die durch eine Selbsthilfegruppen für Eltern, die keinen Kontakt mehr zu ihren Kindern habe, neue Kraft fürs Leben gefunden hat. Ein Interview über ihre unglückliche Ehe, eine schreckliche Trennung und den Schmerz über den Kontaktabbruch:
Liebe Anita, erzähl uns doch mal ein bisschen was über deine Familiensituation.
Ich bin 48 Jahre alt und seit zwei Jahren in zweiter Ehe glücklich verheiratet. Ich habe zwei Söhne im Alter von 15 und 18 Jahren. Die beiden leben aktuell bei ihrem Vater, meinem Ex-Mann aus erster Ehe. Beruflich bin ich selbstständig und leite mein eigenes Studio für Yoga, Massagen und Hypnose.
Wie würdest du rückblickend deinen Erziehungsstil beschreiben? Was war dir wichtig?
Mein Erziehungsstil war immer sehr ermutigend. Mir war es eine Herzensangelegenheit, meine Kinder mit all ihren Gaben und Talenten zu fördern und sie niemals zu verbiegen oder zu etwas zu zwingen. Unser Haus war ein offenes Haus: Der Tisch war eigentlich immer voll mit Kindern aus der Nachbarschaft und Freunden, die nach dem Kinderyoga blieben, mit uns aßen und spielten.
Statt eines übertriebenen Ferienprogramms gab es bei uns freies Spielen. Ich habe meine Söhne stets ermutigt, sich selbst einzuschätzen und sich kennenzulernen – sei es beim Klettern oder beim Sport. Gleichzeitig war mir wichtig, dass wir für Fehler geradestehen. Wenn sie etwas angestellt hatten, sind wir gemeinsam zum Hausmeister gegangen und haben uns entschuldigt. Auch bei Streit unter Kindern habe ich die Beteiligten an einen Tisch geholt, um darüber zu sprechen, wer sich wie fühlt, damit man sich entschuldigen und wieder zusammenfinden kann.
Was ist dir gut gelungen in der Erziehung?
Ich glaube, es ist mir gut gelungen, ihnen emotionale Intelligenz beizubringen. Sich in andere hineinzuversetzen, im Gespräch zu bleiben, die eigenen Gefühle mitzuteilen und auch die Größe zu haben, sich zu entschuldigen. Wichtig war mir auch das tägliche Familienritual: Um Punkt 18:00 Uhr saßen wir alle vier am Tisch, haben gemeinsam gegessen und uns über den Tag ausgetauscht. Das war absolute Pflichtzeit für uns als Familie.
Und gibt es auch etwas, was du heute anders machen würdest?
Ich würde mich allgemein viel stärker durchsetzen. Gerade im Hinblick auf meinen Vater und meinen Ex-Mann hätte ich damals härter bleiben müssen. Rückblickend würde ich heute bei einigen Entscheidungen viel mehr auf mein Bauchgefühl hören und ganz anders entscheiden.
Nun gibt es mit deinen Söhnen keinen Kontakt mehr. Wie ist das passiert?
Der Bruch kam mit einer brutalen, traumatischen Plötzlichkeit. Ich habe meinen ersten Mann nach insgesamt 26 gemeinsamen Jahren (davon 20 Jahre Ehe) verlassen, weil ich mich in meinen jetzigen Ehemann verliebt hatte. Ich wollte endlich ein Leben führen, das ich mir immer gewünscht hatte, voller Lachen, Leichtigkeit und Freiheit. In den letzten Jahren meiner ersten Ehe gab es keinen Spaß mehr.
Obwohl mein Ex-Mann anfangs noch vorschlug, die Trennung ohne Rosenkrieg zu regeln, lief es hinter den Kulissen fies, eklig und absolut würdelos ab. Zum Beispiel fragte er mich vor den Kindern, ob ich bereit wäre, auf die Hälfte des Hauses zu verzichten. Wenn ich das nicht täte, müssten wir das Haus verkaufen und die Kinder würden ihr Zuhause verlieren. Was die Kinder natürlich total geschockt hat.
Generell hat er die Kinder manipuliert und mich als die alleinige Schuldige dargestellt. Ich habe das Familienhaus erstmal eine Woche verlassen, um Konfrontation zu vermeiden. Bei meiner Rückkehr nahm er mir die Hausschlüssel und die Sparkassenkarte weg und setzte mich vor die Tür. Ich stand fassungslos mit einem Koffer auf der Straße. Ab diesem Tag hat er mich nie wieder auch nur eine Sekunde allein mit meinen Söhnen sprechen lassen, geschweige denn ins Haus gelassen. Er suchte die Schuld für die Trennung überall: bei meiner Mutter, einer Nachbarin, sogar beim Hund. Nur nicht bei uns als Paar.
Du sagst also, dass dein Ex die Kinder so manipuliert hat, dass der Kontaktabbruch passiert ist?
Ja, der Grund ist eine tiefe, systematische Beeinflussung und der Hass des Vaters, der sich auf die Kinder übertragen hat. Ich reichte eine Umgangsklage vor dem Amtsgericht ein. Der Richter schrieb sogar extra in den Beschluss, dass absolut nichts gegen den Umgang mit der Mutter spricht. Doch die Jungs waren in einem Alter, in dem sie selbst entscheiden durften – und sie wollten nicht.
Das Jugendamt schlug damals eine gemeinsame Familientherapie vor, die auch vom Richter am Amtsgericht befürwortet wurde. Mein Ex-Mann hat diese Hilfe jedoch komplett abgelehnt. Er meinte, er bräuchte keine psychologische Behandlung – die bräuchte nur ich. Er lässt sich da nichts sagen, weil er davon überzeugt ist, selbst keine psychischen Probleme zu haben. Stattdessen hat er mich überall als Lügnerin, Verräterin und Kriminelle hingestellt. Er verbreitete die Erzählung, dass ich einen schlechten Einfluss auf meine Söhne hätte und man mir die Kinder auf gar keinen Fall anvertrauen könne. Das ging so tief, dass meine Kinder mich heute nicht einmal mehr mit Mama ansprechen. Sie schreiben mir distanziert „Hallo Anita“.
Besteht gerade gar kein Kontakt? Nichts mehr?
Die Jungs gratulieren mir weder zum Geburtstag, noch zu Weihnachten oder zum Muttertag. Ich werde komplett ignoriert. Der Verfahrensbeistand äußerte vor Gericht letztlich nur noch die Aussage der Kinder, sie hätten kein Interesse an mir. Ich bekam nie die Chance, meine Sicht der Dinge darzustellen.
Von Bekannten hörte ich, dass mein Ex-Mann und die Kinder sagen, ich hätte die Familie verraten – nach dem Motto: Wie kann man sich nur für einen anderen Mann entscheiden? Dabei spielen sicherlich auch unsere familiären Prägungen im Hintergrund eine Rolle: Meine Familie gehört zu den Russlanddeutschen, die Familie meines Ex-Manns zu den Polendeutschen. n beiden Kulturen spielen traditionelle Werte, unbedingte Loyalität und feste Rollenbilder eine riesige Rolle. Das Verlassen einer Ehe wird dort schnell als unverzeihlicher Traditionsbruch gesehen.
Was hast du versucht, um den Kontakt wieder aufzunehmen?
Ich habe wirklich alles versucht. Ich habe den rechtlichen Weg über das Gericht gesucht. Ich habe den Jungs Geschenke zu Weihnachten und zum Geburtstag gebracht, stand vor verschlossener Tür oder mir wurde gesagt, ich solle den Müll wieder mitnehmen. Mein Ex-Mann schrie mich auf dem Hof an, ich solle verschwinden und mich nie wieder blicken lassen.
Zum 18. Geburtstag meines großen Sohnes habe ich in wochenlanger, nächtlicher Arbeit ein wunderschönes dickes Fotobuch erstellt, da kam auch keine Reaktion. Wenn ich meine Kinder auf der Straße abgepasst habe und das Gespräch suchte, sind sie eiskalt an mir vorbeigelaufen, ohne auch nur Hallo zu sagen. Ich wurde behandelt wie der letzte Dreck. Auch meine Ex Schwiegereltern haben einfach den Telefonhörer aufgelegt, wenn ich dort angerufen habe.
Wie fühlt sich das an, wenn das eigene Kind keinen Kontakt mehr will?
Es sind die übelsten Schmerzen, die man einer menschlichen Seele überhaupt zufügen kann. Dieser emotionale Boxhieb wirft dich zu Boden, und bevor du taumelnd aufstehen kannst, kommt schon der nächste Schlag. Ich verlor alles: meine Kinder, mein Haus, meine Existenz, Freunde.
Ich kam für sechs Wochen in eine psychosomatische Klinik. Mein einziger Wunsch an den Chefarzt war: Ich will einfach nur aufhören zu weinen. Diese tiefe Traurigkeit hielt zwei Jahre an. Ich stand oft stundenlang allein im Regen im Wald und habe geschrien und geweint. Ich war völlig ausgebrannt, konnte nicht mehr machen. Es war die dunkelste Nacht meines Lebens.
Zu der tiefen Trauer kam eine enorme Scham und auch Wut. Die Leute schauen dich an, als wärst du anders. Sie bewerten und verurteilen dich sofort, wenn du sagst: Die Kinder leben bei meinem Ex-Mann und wollen nichts von mir wissen. Sofort munkeln alle, was die Mutter wohl falsch gemacht hat. Diese ständige Schuldzuweisung von außen macht unfassbar einsam. Hinzu kam die finanzielle Vernichtung, ohne meinen jetzigen Mann hätte ich physisch & psychisch nicht überlebt.
Du hast dir auch professionelle Hilfe gesucht…
Genau, ich war in einer psychosomatischen Klinik. Dort habe ich verstanden, was eigentlich passiert ist: Ich befand mich mein Leben lang in Beziehungsstrukturen, die mir emotional nicht gutgetan haben und in denen ich mich selbst verloren habe – erst bei meinem Vater, dann in der Ehe mit meinem Ex-Mann. Ich bin damals mit 19 Jahren direkt aus dem Elternhaus in diese erste große Beziehung geschlittert Ich war völlig blind für die Warnsignale, heute frage ich mich oft fassungslos, wie ich das so lange nicht sehen konnte und ich mit einem Mann voller emotionaler Härte und Kälte so viele Jahre verbringen konnte.
Bitter ist auch: Die Geschichte wiederholt sich. Mein Ex-Mann hatte selbst keinen Kontakt, seit er vier Jahre alt war, zu seinem Vater. Er hat auch keinen Kontakt zu seinem Vater aufgenommen, selbst als dieser auf dem Sterbebett lag. Sein Vater hatte ihm einen Brief geschrieben. Mein Ex blieb eiskalt und ohne jeglichen Kontakt.
Was hast du in der Selbsthilfegruppe für verlassene Eltern gelernt?
Die Selbsthilfegruppe von Anja Sernau und auch ihr Einzelcoaching waren meine absolute Rettung. Durch die Gruppe habe ich gelernt, dass ich mit diesem Schicksal nicht allein bin. Ich habe gelernt, immer einen Funken Hoffnung zu bewahren, weiterzumachen und den Kindern im Herzen das Gefühl zu geben, präsent zu sein.
Gleichzeitig habe ich aber auch gelernt, mich selbst nicht mehr komplett aus der Bahn werfen zu lassen. Ich habe gelernt, ein neues Leben wieder aufzubauen – auch wenn es verdammt schwerfällt, diese harte Entscheidung der Kinder im Moment akzeptieren zu müssen.
Ich habe mich aktuell für den Weg entschieden, mich zurückzunehmen und den Jungs die Zeit zu lassen, die sie brauchen. Ich kann mir nicht ständig den nächsten Schlag im Boxkampf abholen, das verträgt meine Seele nicht. Ich habe gelernt, wieder in meine eigene Kraft und Selbstliebe zu kommen.
Was möchtest du anderen betroffenen Eltern raten?
Mein wichtigster Rat an alle betroffenen Mütter ist: Findet zurück in die Selbstliebe, den Selbstrespekt und die eigene Wertschätzung!
Und vor allem: Frauen, haltet nicht mehr still. Ich habe über 20 Jahre lang den Mund nicht aufgemacht – tut das nicht auch. Teilt euch mit, was in euch vor geht, wehrt euch! Es gehören immer mehrere Personen/Beteiligte zu einer Trennung, es ist niemals nur einer allein schuld. Und ich glaube auch, dass es gar nicht mehr immer nur im Schuld geht, sondern darum, wie man gemeinsam Eltern bleiben kann, auch wenn man kein Paar mehr ist.
Wie geht es für dich nun weiter?
Für mich persönlich beginnt bald ein ganz neues Kapitel: Mein Mann und ich werden demnächst auf eine längere Reise gehen. Aber ich glaube fest daran, dass die Kinder und ich eines Tages wieder zueinander finden werden.