Ihr Lieben, Robin und Dominik arbeiten beide als Lehrer und haben ein Buch mit dem Titel „Wieso sind euch eure Kinder egal?“ geschrieben. Ganz schön provokant, oder? „Dieses Buch greift weder Eltern noch Lehrkräfte an. Es beschreibt ein System, das vielerorts an seine Grenzen gestoßen ist. Und es stellt die Frage, was mit einer Gesellschaft passiert, wenn Bildung nicht mehr Priorität hat“, erklärt uns Robin. Wir haben mit ihnen über ihre Erfahrungen aus 16 Jahren Schulpraxis gesprochen.
Lieber Robin, lieber Dominik, euer Buch trägt den Titel „Wieso sind euch eure Kinder egal?“. An wen richtet sich diese Frage?
An uns alle. An Eltern, Lehrkräfte, Politik, Gesellschaft – und auch an uns selbst. Der Titel ist bewusst provokant. Wir stellen die Frage, ob unsere Entscheidungen wirklich dem Wohl der Kinder dienen oder oft eher den Bedürfnissen der Erwachsenen.
Wenn wir Kinder permanent unter Leistungsdruck setzen, ihnen immer weniger Zeit schenken oder ihre Bedürfnisse im Alltag übergehen, dann müssen wir uns diese unbequeme Frage gefallen lassen. Wann dürfen Kinder denn noch Kind sein? In vielen Fällen, vor allem ab Klasse drei, nicht mehr im richtigen Ausmaß: Ganztag, Nachhilfe, Notendruck und falscher Medienkonsum belasten viele Schüler.
Ihr arbeitet seit 16 Jahren im Bildungssystem. Was hat euch damals dazu bewegt, diesen Beruf zu wählen?
Weil wir davon überzeugt waren, und es bis heute eigentlich noch sind, dass Bildung Leben verändern kann. Schule ist viel mehr als ein Ort, an dem Wissen vermittelt wird. Sie kann Kinder stärken, ihnen Selbstvertrauen geben und Chancen eröffnen. Wir wollen junge Menschen auf ihrem Weg begleiten und einen positiven Unterschied machen. Diese Motivation hat sich bis heute nicht verändert.
Was sind aus eurer Sicht die drei größten Probleme im deutschen Bildungssystem?
Erstens: Wir messen Leistung oft höher als Persönlichkeitsentwicklung. Noten sind wichtig, aber sie sagen längst nicht alles über einen Menschen aus.
Zweitens: Das System ist vielerorts nicht mehr auf die Lebensrealität der Kinder vorbereitet. Themen wie mentale Gesundheit, Digitalisierung oder soziale Kompetenzen bekommen noch immer nicht den Stellenwert, den sie verdienen.
Drittens: Lehrkräfte und Schulen stehen unter enormem Druck. Zu wenig Zeit, zu viel Bürokratie und häufig fehlende Ressourcen machen gute Bildung unnötig schwer.
Wenn ihr eine Sache sofort verändern könntet – was wäre das?
Wir würden Beziehung zur Grundlage von Bildung machen. Kinder lernen am besten dort, wo sie sich sicher, gesehen und ernst genommen fühlen – die Umgebung und die Lehrerpersönlichkeit sind sehr wichtig! Wenn Beziehung vor Stoff kommt, profitieren am Ende auch die Leistungen. Dafür brauchen Schulen mehr Zeit, mehr Personal und mehr Vertrauen.
Welche Veränderungen habt ihr als Lehrer bei den Kindern im Laufe der Jahre beobachtet?
Viele Kinder sind heute deutlich belasteter. Sie stehen früher unter Leistungsdruck, vergleichen sich ständig und erleben eine Welt, die schneller und unsicherer geworden ist. Gleichzeitig sind sie unglaublich reflektiert, offen und interessiert. Sie wollen mitreden, verstehen und gestalten. Das ist gut, viele sind für mich aber zu früh kleine Erwachsene. Wir müssen den Druck rausnehmen und sie so lange wie möglich Kind sein lassen. Sie sollten viel öfters die Wahl haben zwischen Sozialisieren mit Freunden und auch mal für sich alleine und in Ruhe etwas machen – eben eigene Entscheidungen treffen und selbstständig werden.
Welche Veränderungen nehmt ihr bei den Eltern wahr?
Einerseits wollen viele Eltern alles richtig machen – und genau das setzt sie unter enormen Druck. Zwischen Beruf, Familie und gesellschaftlichen Erwartungen bleibt oft wenig Zeit für echte Gelassenheit. Gleichzeitig beobachten wir eine größere Verunsicherung in Erziehungsfragen.
Eltern brauchen weniger Perfektionsanspruch und mehr Vertrauen in sich selbst. Andererseits gibt es auch Eltern, die durch die gesellschaftliche und wirtschaftliche Situation nicht mehr beziehungsweise wenig erziehen und sich aus vielen Fragen raushalten. Kinder werden oft im Ganztag geparkt und/oder vor Endgeräte gesetzt und ruhiggestellt.
Und was hat sich aus eurer Sicht bei den Lehrkräften verändert?
Lehrkräfte leisten heute viel mehr als Unterricht. Sie sind oft gleichzeitig Pädagoginnen und Pädagogen, Sozialarbeiter, Konfliktmanager, Digitalexperten und Ansprechpartner für Familien. Die Anforderungen sind enorm gestiegen, ohne dass die Rahmenbedingungen im gleichen Maß verbessert wurden.
Trotzdem erleben wir jeden Tag engagierte Menschen, die mit Herzblut für Kinder da sind. Die Anerkennung und die Vergütung sollten jedoch größer sein. Während sich vor zehn Jahren an den Hochschulen hunderte Studenten immatrikuliert haben, sind es nun nur noch Bruchteile davon. In fast allen Bundesländern herrscht ein Lehrermangel.
Gibt es etwas, das andere Länder im Bereich Bildung deutlich besser machen und das ihr euch auch für Deutschland wünschen würdet?
Mich beeindruckt, wie in einigen Ländern Vertrauen wichtiger ist als Kontrolle. Dort wird stärker auf individuelle Förderung, Eigenverantwortung und das Wohlbefinden der Kinder gesetzt. Weniger Vergleich, weniger Druck und mehr Freude am Lernen – davon könnten wir uns durchaus etwas abschauen. In unserem Buch haben wir einige Länder unter die Lupe genommen und waren erstaunt über die tolle Entwicklung in der Schweiz, in Norwegen und auch in Kanada.
Stellt euch eure Traumschule vor: Beschreibt sie in fünf Wörtern.
Vertrauensvoll. Wertschätzend. Neugierig. Mutig. Kindgerecht.
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3 comments
Gleich zweimal der Vorwurf „im Ganztag parken“ und das auch noch von einem Lehrer. Unglaublich. Ist klar, dass berufstätige Mütter (und vor allem alleinerziehende Berufstätige) in Deutschland an ihrem schlechten Gewissen zugrunde gehen…
Finde ich auch. Der Titel geht völlig am Thema vorbei. Unnötig reisserisch
Bisher bin ich noch nie Eltern oder Lehrkräften begegnet, denen die Kinder egal sind.
Den Vorwurf finde ich sowohlsehr hart als auch ungerechtfertigt. Im Gegenteil machen sich viele viele Gedanken und viel Arbeit.
Ob die Prioritäten immer passen, kann man manchmal diskutieren.
Aber die Einseitigkeit dieses Textes teile ich auch nicht. Die Kids hier leben in Frieden und Wohlstand, der seines gleichen sucht. Nur perfekt ist weder das Leben noch Menschen.