Ihr Lieben, es gibt die unterschiedlichsten Kinderwunschreisen, aber ein Kind durch eine Eizellspende zu bekommen, ist in Deutschland nicht legal. Erst diese Woche sorgt Ex-Minister Jens Spahn für medialen Wirbel, weil sein Mann und er Eltern eines kleinen Jungen wurden, der von einer Leihmutter im Ausland ausgetragen worden war (obwohl seine Partei gegen die Legalisierung von Leihmutterschaft in Deutschland ist).
Nicole Klein bemängelt das nicht nur, sie setzt sich auch ganz bewusst gegen die Stigmatisierung nach Eizellspende ein und hilft Familien, die ihren Kindern die wahre Geschichte über ihre Entstehung erzählen möchten. Sie hat sogar einen Verlag gegründet, um betroffenen Familien Wiedererkennung in Büchern zu verschaffen.
Liebe Nicole, in Deutschland sind Eizellspenden nicht erlaubt. Viele Familien weichen also ins Ausland aus und haben dann das Problem: Wie erzähle ich meinem Kind ehrlich von seiner Entstehungsgeschichte?
Für viele Familien endet mit der Geburt ihres Babys eine lange Kinderwunschreise. Bei einer Eizellspende ist das sogar eine Reise im ganz wörtlichen Sinn, denn die rechtliche Situation in Deutschland führt die Betroffenen ins Ausland. Aber die Frage, wie sie ihrem Kind später von seinem Anfang erzählen, beginnt oft erst danach – und kann sie über Jahre hinweg begleiten.
Viele Eltern möchten ehrlich sein, haben aber Sorge, den richtigen Einstieg zu finden. Dabei geht es aus meiner Sicht gar nicht um ein großes, einmaliges Aufklärungsgespräch. Für Kinder ist es oft natürlicher, wenn die Entstehungsgeschichte von Anfang an in kleinen, altersgerechten Sätzen mitwachsen darf. Dann wird sie nicht zu einem Geheimnis oder einer schweren Enthüllung, sondern ist Teil der Familiengeschichte.
Eine Betroffenenbefragung der Deutschen Vereinigung für Familien nach Eizellspende ergab, dass sich 88 Prozent der Befragten Unterstützung wünschen, später mit ihrem Kind über seinen Anfang zu sprechen. Der Bedarf ist also da…
Ja, und das überrascht mich nicht. Viele Familien erhalten vor und während der Behandlung medizinische Informationen. Was danach oft fehlt, ist eine Sprache für den Familienalltag. Eltern fragen sich: Wann fangen wir an? Was versteht ein kleines Kind schon? Wie machen wir die Geschichte nicht größer oder schwerer, als sie für das Kind sein muss? Deshalb ist Unterstützung so wichtig. Nicht, weil Eltern es nicht schaffen würden, sondern weil sie oft nach einfachen Worten und Orientierung suchen.
In Deutschland sind Eizellspenden nicht erlaubt. Kannst du die Argumente für das Verbot bis zu einem gewissen Grad auch nachvollziehen?
Ja. Es geht u.a. um medizinische Eingriffe am Körper einer Frau, um den Schutz von Spenderinnen, um das Recht eines Kindes, die genetische Herkunft zu kennen. Das sind echte ethische Fragen.
Was ich aber kritisch sehe, ist die Annahme, dass ein Verbot diese Punkte löst. Es verhindert nicht, dass Kinder nach Eizellspende in deutschen Familien aufwachsen. Es verlagert die Behandlung ins Ausland – teilweise in Länder, in denen Spenderinnen anonym bleiben und genau die Transparenz fehlt, die für Kinder später wichtig sein kann.
Mir geht es deshalb nicht darum, Eizellspende zu bewerben. Mir geht es darum, ehrlich auf die Realität zu schauen: Diese Kinder gibt es. Diese Familien gibt es. Das Verbot löst die Fragen, die damit verbunden sind, jedoch nicht. Es verschiebt sie nur dorthin, wo Familien später oft allein damit sind: in den Alltag mit ihrem Kind.
Betroffene haben das Gefühl der Stigmatisierung nach Eizellspende, diese führe zu Geheimnissen und dazu, dass Eltern ihren Kindern gegenüber eher schweigen. Dabei zeigt die Erfahrung: In Familien, in denen früh offen darüber gesprochen wird, ist das Thema normal und steht nicht im Vordergrund.
Wenn eine Familiengeschichte gesellschaftlich als „verboten“ oder „kompliziert“ wahrgenommen wird, kann das dazu führen, dass Eltern den richtigen Moment für offene Gespräche immer weiter nach hinten schieben. Wenn Eltern altersgerecht, ruhig und liebevoll darüber sprechen, kann ein Kind ganz selbstverständlich damit aufwachsen. Dann ist die Entstehungsgeschichte ein Teil seiner Biografie, aber nicht der Mittelpunkt seiner Identität.
Du führst auch ganz praktische Gründe an, die für eine Legalisierung der Eizellspende sprechen würden…
Ja. Praktisch bedeutet das Verbot für viele Familien: Sie müssen ins Ausland reisen, hohe Kosten tragen, vieles selbst organisieren und sich in andere rechtliche Regelungen und oft auch in eine andere Sprache einfinden. Eine Legalisierung in Deutschland könnte Familien spürbar entlasten und kürzere Wege sowie eine Begleitung im vertrauten Gesundheitssystem ermöglichen. Die Familienrealität ist längst da. Mir wäre wichtig, dass diese Realität auch rechtlich und gesellschaftlich ihren Platz findet.
Familien berichten, dass sie sich während der medizinischen Behandlung im Ausland gut begleitet fühlten, nach der Rückkehr nach Deutschland jedoch oft allein gelassen. Wie sieht diese Begleitung aus?
Die Begleitung im Ausland ist meist sehr medizinisch und organisatorisch geprägt: Behandlungsplan, Medikamente, Termine, Abläufe, Schwangerschaftstest. Kliniken sind darin sehr professionell und routiniert. Nach der Geburt in Deutschland geht es um Familienkommunikation, kindgerechte Aufklärung und die Frage, wie die eigene Geschichte im Alltag einen selbstverständlichen Platz finden kann.
Hier leisten Netzwerke wie das FE-Netz e.V. sehr wichtige Arbeit. Sie schaffen Sichtbarkeit und zeigen Familien, dass sie mit diesen Fragen nicht allein sind. Auch psychosoziale Beratung kann eine wichtige Orientierung geben. Für mich darf gesellschaftliche Normalität aber nicht nur vom ehrenamtlichen Engagement oder einzelnen Beratungsangeboten abhängen. Sie sollte sich auch darin zeigen, dass die Familien im Alltag ganz selbstverständlich mitgedacht werden.
Ihr habt im letzten Jahr den unabhängigen Glanzfunke Kinderbuchverlag gegründet und richtet euch an Familien nach Kinderwunschbehandlungen, Eizellspende, Embryonenspende oder Samenspende. Wie kamt ihr auf die Idee und wie sind die Rückmeldungen der Leserinnen und Leser?
Glanzfunke entstand aus einer einfachen Frage: Was passiert eigentlich nach der Kinderwunschbehandlung? Denn irgendwann geht es nicht mehr um medizinische Abläufe, sondern um Familienalltag: Wie erzähle ich meinem Kind seine Entstehungsgeschichte so, dass es selbstverständlich damit aufwachsen kann? Dort haben wir eine spürbare Lücke wahrgenommen: Es gibt wenig kindgerechte Unterstützung für die Zeit danach.
Wir wollten Bücher entwickeln, die nicht erklären wie ein medizinischer Ratgeber, sondern erzählen wie ein Kinderbuch: liebevoll, ruhig, ehrlich und ohne Schwere. In dem Buch „Unser kleiner Anfang mit einer Eizellspende“ geht es um einen Wunsch, der stärker war als jede Hürde, um liebevolle Hände, die geholfen haben und um den Moment, in dem aus einem Traum endlich Wirklichkeit wurde. Kinder sollen ihre Geschichte in einer Sprache hören können, die sie verstehen. Und Eltern sollen spüren: Ich darf einfach anfangen. Ich muss nicht jedes Detail perfekt erklären.
Die Rückmeldungen sind oft sehr emotional: Eltern schreiben uns, dass sie beim ersten Lesen Tränen verdrücken mussten, weil sie sich und ihre Geschichte wiedergefunden haben. Hebammen spiegeln uns zurück, dass sie in den Büchern genau den Zugang sehen, der vielen Familien bisher gefehlt hat. Und auch aus Kinderwunschzentren hören wir, dass die Bücher eine wertvolle Brücke zwischen Behandlung und Familienalltag schlagen. Das bestätigt uns sehr, weil es zeigt: es geht nicht nur um ein Kinderbuch, sondern um einen liebevollen Gesprächsanfang.
Was möchtest du betroffenen Familien zu guter Letzt noch mit auf den Weg geben?
Ich möchte Familien sagen: Ihr müsst nicht alles auf einmal erklären. Und ihr müsst es auch nicht perfekt machen. Eine Entstehungsgeschichte mit Hilfe einer Spenderin, eines Spenders oder einer Kinderwunschbehandlung macht eine Familie nicht weniger echt. Kinder brauchen vor allem das Gefühl, dass ihre Geschichte einen liebevollen und sicheren Platz in der Familie hat. Mein Wunsch wäre, dass alle Kinder eines Tages sagen können: „Ich kenne meinen kleinen Anfang – und er gehört zu mir.“


