Ihr Lieben, als wir von den niederschmetternden PISA-Ergebnissen der deutschen Schülerinnen und Schüler hörten, meldete sich eine besorgte Lehrkraft bei uns, die schrieb: „Es ist einfach so furchtbar – ich bin Mama und Lehrerin an einem Gymnasium. Man ackert, man schuftet, man versucht für sein Kind und seine Schüler*innen alles Mögliche rauszuholen, aber das System lässt kaum Raum für Innovation und Veränderung. Und die braucht es so dringend!“
„Wir Lehrkräfte jammern nicht, wir prangern die Umstände an“
Als wir sie fragten, ob wir ihr ein paar Fragen schicken dürften, war sie sofort am Start, weil sie es so wichtig findet, auch die Perspektive der Lehrkräfte nicht aus dem Blick zu verlieren. „Viele Mitglieder der Gesellschaft schimpfen ja sehr schnell auf die Lehrkräfte. Unsere Perspektive wird dann schnell als Jammern aufgefasst. Das finde ich sehr schade“, schrieb sie.
Vielleicht noch zu ihrem Hintergrund: Sie ist in der erweiterten Schulleitung einer weiterführenden Schule in Niedersachsen tätig und unterrichtet in den Naturwissenschaften. Und obwohl sie promoviert hat, war ihr immer klar, dass sie Lehrerin werden wollte. Hier kommen ihre Einblicke:
„Die schlechten PISA-Ergebnisse wundern mich nicht“
Ich wundere mich nicht über die schlechten PISA-Ergebnisse, da ich jeden Tag in der Schule sehe, wie sich Kinder verändert haben und gleichzeitig noch ein sehr starres System vorliegt. Es gibt viele wissenschaftliche Erkenntnisse darüber, wie Lernprozesse in der heutigen Welt unterstützt werden können. Leider können wir davon nur wenig umsetzen, da das Schulgebäude und die Ausstattung der Schule nur wenig Möglichkeiten für Veränderung lassen.
Gleichzeitig braucht es so dringend eine Veränderung um auf die Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen besser eingehen zu können. Wir unterrichten in einem veralteten System, wobei gleichzeitig die Schülerinnen und Schüler ganz anders aufwachsen als zum Beispiel noch vor zehn Jahren. Weder wir als Lehrkräfte noch die Kinder können in diesem System das leisten, was sie zu leisten in der Lage sind. Und dann kommen dabei eben solche PISA-Ergebnisse heraus.
Ursachen für die momentane Situation im Bildungssystem
Es gibt viele kleine Ursachen für die momentane Situation. Die Klassen sind viel zu groß, es gibt insgesamt zu wenig Lehrkräfte, der Medienkonsum und auch die Handynutzung der Kinder und Jugendlichen hat sich sehr erhöht und damit sind sie natürlich auch schnell abgelenkt.
Meiner Meinung nach ergibt sich aus der Nutzung des Handys und Nutzung einer KI, die dauerhaft für die Kinder zur Verfügung steht, für sie die Schlussfolgerung, dass sie eigentlich gar nichts mehr lernen müssen, denn die Lösung können sie ja ganz schnell nachschauen.
Auch der Bewegungsmangel aufgrund von vermehrtem Medienkonsum spielt sicher eine Rolle. Man kann, glaube ich, nicht den einzelnen Faktor ausmachen, es ist ein Zusammenspiel aus allen Veränderungen der letzten Jahre und Jahrzehnte. Was die Nutzung der KI angeht, kann ich sagen, dass ein kritischer Umgang wichtig wäre. Den Kindern diesen beizubringen, kostet aber Zeit und Lehrerstunden. Diese haben wir nicht.
„Hausaufgaben machen kaum noch Sinn“
Ich für meinen Teil gebe kaum nach Hausaufgaben auf, weil ich keine KI generierten Lösungen bekommen möchte. Dazu kommt in meinen Augen vor allem bei den jüngeren Schülerinnen und Schülern, dass die Lebensrealität im Vergleich mit dem Zeitraum vor 20 Jahren sich deutlich verändert hat.
Viele Schülerinnen und Schüler sind in der Nachmittagsbetreuung und kommen erst spät nach Hause. Auch bei meiner Tochter war das so. Sie dann noch dazu zu motivieren, Hausaufgaben zu machen, war sehr schwierig. Außerdem haben einige Kinder zu Hause Hilfe, andere müssen alles allein machen. Das ist eine Ungleichbehandlung und nicht in Ordnung.
„Ich versuche in unserer Schule ganz viel zu bewegen“
Ich versuche in unserer Schule ganz viel zu bewegen. Ich setze mich für die Schulentwicklung ein, ich setze mich für die Schülerinnen und Schüler ein, ich versuche, eine Beziehung zu den Kindern aufzubauen und ich versuche, letztendlich auch guten Unterricht zu machen, dennoch sieht man dann diese Ergebnisse und fragt sich, was soll ich denn noch machen?
Insgeheim weiß ich aber, dass im laufenden System nicht mehr herauszuholen ist. Die Schulentwicklung ist leider eine schwierige Aufgabe, ein Professor sagte neulich zu mir, es ist so ähnlich, wie wenn man einen Airbus im Flug zu einem Schiff umbauen müsse.
Diesen Vergleich fand ich sehr passend. Wir können eine Schule nicht schließen, um dann mit neuem Konzept wieder anzufangen. Es muss im laufenden Betrieb passieren und gleichzeitig ist es eine Mammutaufgabe. Das Kerngeschäft Unterricht bleibt leider häufig Nebensache, weil die Verwaltung und die Schulentwicklung so viel Raum einnehmen. Das kann ja nicht das Ziel sein.
„Welche Veränderungsmöglichkeiten helfen könnten“
Veränderungsmöglichkeiten sehe ich im Kleinen schon dann, wenn man zum Beispiel die Räume neugestalten könnte, so dass sie freundlicher aussehen. Wenn man dann beim Schulträger anfragt, heißt es aber immer es sei nicht möglich, vor allem wegen des Brandschutzes. Also keine Gardinen, keine Teppiche keine Sitzsäcke oder Ähnliches.
Wir benötigen dringend flexibles Mobiliar für die offenen Bereiche, werden aber immer nur vertröstet. Eine schnelle Möglichkeit der Umsetzung wäre vielleicht, dass wir mit den Schülern gemeinsam Hand an den Klassenräumen anlegen. Das wiederum wäre eine zusätzliche Aufgabe, die auch kaum zu schaffen ist.
Was ich mir wünschen würde? Mehr Lehrkräfte, gut ausgebildete Lehrkräfte, Lehrkräfte mit Zeit für ein persönliches Gespräch, eine Schule, in der man sich wohl fühlen kann. Ihr merkt vielleicht, das Thema beschäftigt mich sehr.
Ich würde gerne so viel verändern, komme aber immer wieder an meine Grenzen – sowohl, was die Ausstattungsmittel, als auch meine persönliche Energie angeht. Das finde ich sehr schade. Trotzdem gebe ich weiterhin mein Bestes, weil die Kinder es verdient haben.
