Zwischen Nein und Nähe: Wie bleib ich verbunden, wenn mein Kind ausrastet?

Zwischen Nein und Nähe

Foto: pixabay

Ihr Lieben, manchmal ist es mit Kindern ein Spagat zwischen Nein und Nähe, oder? Wir nehmen uns fest vor, ruhig zu bleiben. Bedürfnisorientiert. Auf Augenhöhe. Und dann … kommt das Leben dazwischen: Unser Kind weigert sich, mitzukommen. Geschwister streiten die ganze Zeit.

Romina Alberti kennt sich mit diesen Situationen aus. Sie hat Soziologie und Erziehungswissenschaften studiert. Im Jahr 2021 hat sie KINDHEIT ANDERS MACHEN gegründet und seitdem über 8000 Eltern begleitet. Sie hat beraten, Vorträge gehalten sowie Kurse und Workshops durchgeführt. Im April 2026 erschien ihr erstes Buch „Zwischen Nein und Nähe“. Auf ihrem Instagram-Profil @kindheit.anders.machen nimmt sie über 60.000 Eltern mit konkreten Impulsen und viel Einfühlung an die Hand.

Romina Alberti liefert keinen idealisierten Wohlfühl-Content, sondern einen ehrlichen Reality-Check und einen klaren Fahrplan, der uns auch dann handlungsfähig macht, wenn unser Nervensystem längst im Alarmzustand ist. Für mehr Orientierung und weniger Eskalation in eurem Familienleben!

Liebe Romina, mit Anfang 20 hat ein medizinischer Notfall bei dir für einen Lebenswandel gesorgt, magst du uns davon erzählen?

Ja, gerne. Also mit Anfang 20 wurde bei mir – quasi per Zufallsbefund – ein Hirnaneurysma diagnostiziert, das auch behandelt werden musste und wurde. Das Ganze war schon ziemlich akut und die Behandlung auch nicht ohne Risiko.

Am Ende ist alles gut gegangen, aber diese krasse Ausnahmesituation hat Vieles in mir zum Vorschein gebracht. Zum Beispiel, dass es mir zum damaligen Zeitpunkt schwerfiel, mit der Traurigkeit umzugehen. Ich glaube, viele kennen diese Tendenz, sich in Stress- und Konfliktsituationen innerlich zu verhärten, abzuschotten, Gefühle wegzudrücken à la „Stell dich nicht so an“ und Ähnliches. Bei mir hat das dann zu Ängsten geführt.

Ich hatte schließlich die wunderbare Gelegenheit eine Therapie machen zu können, hier schnell einen Platz zu bekommen ist ja leider gar nicht so selbstverständlich, und Dinge zu lernen, die sich natürlich auch positiv auf meine Elternschaft heute auswirken.

War es so, dass dir zuerst bewusst wurde, wie du es NICHT haben willst für Kinder – und dir dann klarwurde, WIE du es haben willst?

Zwischen Nein und Nähe
Autorin Romina Alberti. Foto: Martina Schwarzer

Ja schon, und ich glaube, das geht Vielen von uns so. Nach meinem Aneurysma wusste ich schon ziemlich schnell: Erstens will ich gerne Kinder haben und zweitens will ich die Gefühle meiner Kinder ernst nehmen können. Ich will NICHT, dass sie mit Themen struggeln, die eigentlich meine eigenen sind.

Du bist dann Familiensoziologin und Elternberaterin geworden, wie haben sich die Themen in den letzten Jahren verändert?

Ich glaube, dass es ein großes Geschenk ist, dass „Bedürfnisorientierung“ heute Common Sense ist. Die meisten Eltern haben sich – sicher auch durch Social Media– viel damit auseinandergesetzt, was sie wollen, beziehungsweise nicht wollen, was es bedeutet, Kinder gut zu begleiten und auf was es dabei ankommt.

Gleichzeitig erlebe ich immer noch eine große Verunsicherung, diese Theorie dann in die Praxis umzusetzen und sich selbst beim Versuch ein supergutes Elternteil zu sein nicht zu verlieren – darum habe ich ja auch mein Buch geschrieben, haha.

Du sagst, es gehe nicht um Kinder, die funktionieren, kannst du uns dazu ein konkretes Beispiel nennen?

Naja, also in meinen Beratungen erlebe ich ganz oft, dass Eltern es als ihr persönliches Versagen empfinden, wenn Kinder nicht „funktionieren“. Es wird oft davon ausgegangen – auch von außenstehenden Personen –, dass das (früher hätte man „gehorchen“ gesagt, heute eher „kooperieren“) ein Zeichen von guter Elternschaft ist. So im Sinne von: „Oh, das Kind hört aber gut, da haben die Eltern alles richtig gemacht.“

Wichtig finde ich aber: Ob dein Kind gut „funktioniert“, also ob es beispielsweise Übergänge gut meistern kann, ob es ein Thema mit Hausaufgaben hat oder ob es viele oder wenige Geschwisterstreitigkeiten bei euch gibt, sagt erstmal überhaupt nichts über dich oder über die Beziehung zu deinem Kind aus.

Natürlich ist es wichtig, dass im Familienalltag alle gut zusammenkommen, und es geht darum, den Alltag einfacher zu gestalten, abzuwägen und Zumutungen zu verteilen. Dennoch sind Kinder keine Roboter, die einfach machen, was wir sagen (und das wollen ja auch die wenigsten von uns), sondern Menschen mit eigenen Bedürfnissen und Wünschen.

Es kann sicher hilfreich sein, darauf zu schauen, an welchen Stellen ein Kind kooperieren kann und an welchen nicht. Viel wichtiger finde ich aber, auf die Beziehung zu schauen. Denn am Ende geht es ja darum, dass wir eine gute Beziehung zu unserem Kind haben und nicht darum, ein Kind zu haben, das einfach immer macht, was wir sagen.

Mein Kind rastet nun komplett aus, als ich ihm sage, dass die „nur noch 5 Minuten“ am Tablet jetzt vorbei sind, wie schaffe ich es, mein Nervensystem trotz Stresses, weil gleich ein wichtiger Termin ansteht, zu beruhigen?

Für mich geht es bei bedürfnisorientierter Elternschaft grundsätzlich auch um Verantwortungsübernahme. Also ja: Das ist jetzt erstmal eine ätzende Situation und du denkst dir „Was soll das denn schon wieder?“ und „Ich habe doch gesagt nur fünf Minuten!“ und gleichzeitig – also mal unter uns – wundert es dich, dass dein Kind jetzt ausrastet?

Wenn wir als Erwachsene unsere Lieblingsserie schauen und dann – nach fünf Minuten – hoffentlich ja dann, wenn die Serie auch zu Ende ist, ausschalten müssten, würde uns das auch schwerfallen. Heißt das, dass du dein Kind immer weiter schauen und auf deinen Termin pfeifen sollst?

So wie sich das Beispiel liest eher nicht. Aber ich finde, sich allein dieser Dynamik bewusst zu werden – du bestimmst, dein Kind muss folgen – kann helfen, von Gedanken a la „Mein Kind hört einfach nicht“, „Wir hatten doch eine Absprache“, „Ich hab es verkackt“ wegzukommen und unser Nervensystem etwas runterzubringen. Dein Kind ist nicht gegen dich! Es mag nur gerne weiter Tablet schauen.

Und wie reguliere ich mich dann selbst?

Die Frage, wie du dich dann in einer akuten Situation am besten regulieren kannst, hat viel damit zu tun, wo du stehst und wieviel Übung du hast. Studien zeigen, dass Dinge wie „durchatmen“ nach wie vor am effektivsten sind und gleichzeitig kann ich aus der Arbeit mit tausenden Eltern sagen – sie sind ziemlich voraussetzungsreich…

In meinem Buch habe ich daher verschiedene Ansätze und auch Hau-Ruck-Strategien zusammengefasst, die vielleicht nicht so sexy aussehen, aber effektiv sind. Für den Einstieg sind häufig sehr körperliche Strategien hilfreich, etwa sich am Körper mit Gorillaähnlichen Fäusten abzuklopfen, sich zu schütteln oder ein Haargummi am Handgelenk schnalzen zu lassen.

Und vielleicht ist dann ja doch noch der ein oder andere tiefe Atemzug drin. Ich empfehle an dieser Stelle übrigens auch immer, zu benennen, was wir tun, denn so kann dein Kind ganz praktisch lernen, wie Selbstregulation aussehen soll und hat so viel mehr davon als von Sprüchen à la „Box in ein Kissen wenn du wütend bist“.

Wenn ich als Mutter dann doch mal laut werde und einen Schrei loslasse, wie kann ich das meinem Kind gegenüber wieder geradebiegen?

Grundsätzlich finde ich es hier erstmal wichtig Druck rauszunehmen – wir alle sind Menschen, wir alle machen Fehler und das ist okay. Da ist nichts verbogen und nichts beschädigt. Und ich denke, das ist auch die Message, die man seinem Kind transportieren darf. Also auch hier wieder: Verantwortungsübernahme:

„Das war doof von mir. Es tut mir leid. Ich kümmer mich darum, anders mit solchen Situationen umgehen zu können.“ Dein Kind darf wissen, dass es nicht die einzige Person in eurer Familie ist, die Fehler macht und es darf wissen, dass du TROTZ dieser Fehler ein tolles Elternteil bist. Davon, dass du dich ewig beschämst und auf Knien entschuldigst, hat niemand was. 

Zwischen Nein und Nähe
Romina Alberti: Zwischen Nein und Nähe

Wie kommt es, dass wir überhaupt auch mal so ausrasten, wie wir es vor den Kindern eigentlich nie getan haben?

Klar könnte ich jetzt sagen „Unsere Kinder berühren oft Dinge in uns, die so vorher einfach nicht zum Vorschein kommen mussten“ und ich denke das stimmt auch. Gleichzeitig darf man festhalten, dass Elternschaft – vor allem so wie sie in unserer Gesellschaft gelebt wird – halt auch einfach ein krasses Ding ist.

Viele Eltern bewegen sich dauerhaft irgendwo zwischen Selbstaufgabe und Überforderung und stellen die eigenen Bedürfnisse so weit zurück, wie es nur irgendwie geht. Und ja, neben so offensichtlichen Dingen wie Autonomie, Selbstwirksamkeit auch so was wie auf die Toilette gehen, wenn man muss.

Leider trifft die große Wut, die sich dann irgendwann Bahn bricht, meist die Falschen – die Kinder nämlich. Und natürlich kommt auch hier wieder zum Tragen, dass die meisten eben nicht gelernt haben, sich gut zu regulieren, dabei ist das etwas, das man eben lernen muss.

Wenn ich nun zu meinem Kind sage, dass es heute kein Eis gibt: Wie kann ich die Nähe trotzdem erhalten?

Indem ich mir klar mache, dass mein „Nein“ nicht bedeuten muss, dass ich GEGEN mein Kind vorgehe. Ich kann sanft und zugewandt bleiben und dennoch „Nein“ sagen. Wir glauben häufig, es gäbe nur entweder „Ja und Nähe haben“ oder „Nein und Grenze halten“ – aber das stimmt nicht. Daher ja auch der Titel von meinem Buch „Zwischen Nein und Nähe“. Beides geht, egal wie ätzend es wird.

Was möchtest du allen Eltern noch mutmachend mit auf den Weg geben?

Du liest dieses Interview, weil du dich mit Elternschaft auseinandersetzt. Ich bin mir sicher, du machst das schon ziemlich gut. Bitte bedenke, dass du keinen Pokal der bedürfnisorientierten Elternschaft gewinnen musst und es auch keinen Test geben wird. Am Ende geht es darum, Wege zu finden, die für alle am wenigsten sche*ße sind. Trau dich hier deine eigenen zu finden und die, die für euch als Familie gut sind.

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