Ihr Lieben, unsere Leserin Iris hat endlich, endlich ihre Gasteltern aus ihrem Schüleraustausch in der Jugend wiedergetroffen. Es waren sehr emotionale Tage für sie und ihre Familie. Schon lange hatte sie Lust, in unserem Blog mal Rede und Antwort zu stehen, nun ist sie total glücklich, ein Paar Fragen zu diesem positiven Erlebnis des Auslandsaufenthaltes zu beantworten.
Iris ist 44 Jahre alt und hat drei Kinder im Alter von 4, 9 und 12 Jahre. Zusammen und mir ihrem Mann lebt sie in einem kleinen Ort im Münsterland. Ihr Auslandsjahr hat sieh im Alter von 16 Jahren im Bundesstaat Michigan, USA gemacht. Nun gab es ein Wiedersehen mit ihrer Gastfamilie, die sie nie aus den Augen verloren hat.
Liebe Iris, du hast lang darauf gewartet, deine Gasteltern wiederzusehen, warum hat das so lang gedauert?
Also tatsächlich habe ich meine Gasteltern das letzte Mal vor sieben Jahren gesehen. Da bin ich mit meinen damals zwei Kindern (2 und 5 Jahre alt) zu ihnen in die USA geflogen. Auch davor war ich schon acht Mal nach meinem Austauschjahr alleine wieder zu Besuch bei ihnen.
Immer wieder aus anderen Gründen – Heimweh nach meinen Gasteltern, Hochzeiten meiner dortigen Freundinnen und Gastgeschwister, Verlängerung meines work & travel Aufenthaltes oder einfach aus Urlaubszwecken. Die Sehnsucht war jedoch häufig auf beiden Seiten zu spüren.
Meine Gasteltern wollten mich unbedingt wiedersehen und ich wollte sie und meine dortigen Freunde wiedertreffen. Aber für meine Gasteltern war es immer viel schwieriger, frei von der Arbeit zu bekommen und mit ihren familiären Verpflichtungen zu pausieren. Während der 28 Jahren haben mir meine Gasteltern immer wieder zugesagt, mich irgendwann besuchen kommen zu wollen. Sie hatten sogar schon einmal ihre Reisepässe beantragt. Aber dann ist doch irgendetwas dazwischen gekommen.
Dazu muss ich sagen, dass meine Gasteltern ja auch selber noch zwei Kinder (damals 10 und 12 Jahre alt) haben und sieben Jahre nach meinem Auslandsaufenthalt noch zwei Kinder (damals 6 und 11Jahre alt) aus einem Waisenhaus aus Albanien adoptiert haben. Somit hatten sie immer auch Kinder im Haus und nach der Adoption auch keine leichte Zeit.
Außerdem hatte mein Gastvater auch lange Zeit Sorgen, dass der Flug zu anstrengend für ihn werden könnte, da er 2,08 Meter groß ist und seine Beine nicht in einen „normalen“ Sitz passen. Für ihren Flug in diesem Jahr haben sie dann „extra leg space“ dazu gebucht.
Wie war das damals, als du bei ihnen warst? Was war das Tollste, wie würdest du euer Verhältnis beschreiben?
Mein Auslandsaufenthalt war damals 11 Monate lang. Das hieß, bevor die Schule anfing, hatte ich noch zwei Wochen Sommerferien bei meinen Gasteltern. Im Vorfeld fragten sie mich schon, ob ich mit ihnen Urlaub bei den Niagara-Fällen machen möchte oder ob sie vorher ohne mich fahren sollten. Ich finde, das sagt schon eine Menge aus, wie liebenswert und mitdenkend diese Familie ist.
Sie haben mich von Anfang an als ihr Kind angesehen. Ich hatte die gleichen Regeln und Absprachen, wie ihre eigenen Kinder. Ich hatte das ganze Jahr im Haushalt meine Aufgaben zu tun, aber durfte am Ende des Jahres auch in das gleiche Zeltlager-Camp wie meine Gastgeschwister.
Da ich für das eine Jahr das älteste Kind in der Familie war, war ich jedoch auch diejenige, die Teenager-Regeln in der Familie ausdiskutieren musste. Wie lange durfte ich am Wochenende bei meinen Freunden bleiben? Zu welchen Veranstaltungen durfte ich gehen?
Eigentlich habe ich immer meine Wünsche diesbezüglich erfüllt bekommen. Auch, weil ich mich eigentlich immer vernünftig verhalten habe und gute Freundinnen an meiner Seite hatte, die mich zuverlässig von zuhause abgeholt haben und wieder zurück gebracht haben. Ich kann sagen, dass zwischen meinen Gasteltern und mir immer viel Vertrauen herrschte.
Mit meinen Gastgeschwistern habe ich mich während des Jahres auch sehr gut verstanden. Meine Gastschwester hat einen eher zurückgezogenen Charakter. Daher haben wir viel Zeit zuhause mit TV gucken und Gesellschaftsspiele spielen verbracht. Das hat sie, glaube ich, sehr genossen.
Ich war aber auch immer interessiert an neuen Dingen und neuen Erfahrungen. Also war ich eigentlich immer bei Schulveranstaltungen meiner Geschwister dabei, auch wenn das nicht unbedingt erwartet wurde.
Was hast du sonst noch mitgenommen aus deiner Auslandserfahrung?
Wie schön es ist, in Wohnortnähe einen Strand und See zu haben! 🙂 Andere Sichtweisen kennenzulernen. Dass man durch Freundlichkeit sehr schnell Freunde gewinnt. Ein stärkeres Selbstbewusstsein. Und eine Menge Erfahrungen fürs Leben.
Wie habt ihr Kontakt gehalten über all die Jahre?
Anfangs per Mail oder mit dem guten alten AOL-Messenger. Bei meinem ersten Auszug von Zuhause für ein FSJ stellten mir meine Eltern extra einen alten PC (damals noch mit Modem Verbindung) zur Verfügung, damit ich meine Kontakte in die USA pflegen kann. Viele viele Jahre lang gab es auch noch regelmäßig Weihnachtsgeschenke und Geburtstagsgeschenke per Post. Mittlerweile geht alles per Messenger.
Von meinen Freundinnen aus den USA werde ich tatsächlich häufig noch durch Facebook geupdated. Da wird nicht mehr so viel privat hin- und hergeschrieben. Aber trotzdem hält die Verbindung. Noch vor zwei Jahren kam mich eine Freundin mit ihrer ganzen Familie besuchen. Das war einfach toll.
Hast du deinen Kindern nach deiner tollen Erfahrung auch geraten, einen Auslandsaufenthalt in Erwägung zu ziehen?
Tatsächlich hat mein 12jähriger Sohn zwei Wochen nach Abreise meiner Gasteltern an einem freiwilligen 14tägigen Schüler-Austausch in den USA teilgenommen. Vier Stunden entfernt von meinem damaligem Zuhause. Der Austausch-Junge war letztes Jahr für 10 Tage bei uns und wir hatten eine sehr schöne Zeit.
Ob eines unserer drei Kinder mal für längere Zeit ins Ausland gehen wird, wird sich noch zeigen. Ich befürworte es auf jeden Fall. Auch wenn sicherlich die USA aus politischer Sicht zur Zeit nicht mein Favorit für meine Kinder wäre. Aber es gibt ja auch noch viele andere interessante Länder.
Wie hast du das Wiedertreffen mit deinen Gasteltern geplant?
Von Anfang an war klar, dass meine Gasteltern nicht bei uns mit im Haus schlafen wollen. Das fand ich, ehrlich gesagt auch ganz gut. Denn meine Gasteltern hätten bei uns keine Ruhe gehabt. Und meine Kinder wären die ganze Zeit angespannt gewesen, weil für sie fremde Personen im Haus wohnen.
Also habe ich für die zehn Tage eine Ferienwohnung gebucht, die nur einen kurzen Fußweg entfernt liegt. Ich habe verschiedene Tagestrips herausgesucht, die möglich sind. Da meine Kinder selber in der Zeit Schule hatten, habe ich schonmal vorgeplant an welchen Tagen welcher Ausflug sinnvoll wäre. Also: Wo könnte meine eigene Familie mit? Wo ist es sinnvoll, dass ich da alleine mit meinen Gasteltern hinfahre? An welchen Tagen kann mein Mann Urlaub nehmen, damit er sich um die Kinder kümmern kann und mir damit den Tag frei hält?
Eigentlich hatte ich also im Vorfeld wirklich nur die Ferienwohnung gebucht, einen Tag in Wolfsburg in der Volkswagen-Autostadt mit englischer Führung gebucht (mein Gastvater ist so ein Nerd von deutschen Autos, dass ich ihm das auf jedenfall ermöglichen wollte) und meine eigene Akkordeon Orchester Probe geplant (denn ich wollte endlich beweisen, dass das Akkordeon mehr als Volksmusik kann – und ich habe schon damals bei meinem Auslandsaufenthalt Akkordeon gespielt, was sie aber nie zu hören bekommen haben).
Im Endeffekt haben wir jeden Tag einen kleinen oder großen Ausflug gemacht. Mit oder ohne Kinder. Sei es ins Römer-/Germanen Museum, in eine kleine mittelalterliche Stadt oder in die Fahrradstadt Münster auf den Markt. Was ganz praktisch war: Auf Grund der hohen Spritpreise hatten wir für uns drei das Deutschlandticket von der Bahn. Somit konnten wir viele Wege mit der Bahn fahren, was eine echte Erfahrung für meine Gasteltern war.
War es dann so, wie du es dir vorgestellt hast? Welche Gefühle hattest du beim Wiedersehen?
Vom ersten Moment an war alles wie immer! Wir haben gequatscht und uns ausgetauscht und geupdated – und das eigentlich die kompletten zehn Tage lang. Schön fand ich, dass meine Kinder selber Interesse an meinen Gasteltern gezeigt haben. Mein zwölfjähriger Sohn hatte natürlich den Vorteil, dass er schon Englisch sprechen konnte. Er hat uns also gerne bei unseren Städtetrips begleitet.
Meine neunjährige Tochter hat es vor allem genossen, wenn meine Gasteltern bei uns Zeit verbracht haben und wir Gesellschaftsspiele rausholten. Dabei haben wir auch meine alten amerikanischen Spiele herausgekramt. Mein Mann hat mir die ganzen Tage wirklich gut den Rücken frei gehalten. Ich brauchte mich um fast nichts in der Zeit kümmern, was die Familie anging.
Was ich nicht so eingeplant hatte: Meinen Gasteltern war es wichtig, meinen Alltag kennenzulernen, meine Freunde, meinen Ort, die Schule der Kinder. Das hätte ich vorher nicht gedacht. Ich dachte, wenn meine Gasteltern einmal in ihrem Leben nach Deutschland kommen, dann wollen sie Sehenswürdigkeiten sehen. Aber eine gute Mischung war im Nachhinein das Beste.
Wir haben zwei Tagestrips einfach weggelassen um den Nachmittag mit meiner Familie zu verbringen. Um zusammen weißen Spargel zu kochen, die Freizeitaktivitäten der Kinder zu begleiten und sogar für einen Besuch zum Baumarkt zu fahren. Das fand ich sehr schön.
War alles direkt „wie früher“ vom Gefühl her oder hatte sich was verändert?
Es war wirklich alles wie immer! Vielleicht bin ich sogar etwas positiv überrascht über ihre veränderte Denkweise. Ich erinnere mich an Gespräche vor 28 Jahren über die Umweltproblematik, die endeten mit dem Satz: „Wir brauchen keine Mülltrennung, Gott wird für alles eine Lösung haben“. Und nun hörte ich meinen Gastvater sagen: „Vielleicht sollten wir auch über eine Solaranlage nachdenken“.
Wie geht es dir jetzt, nachdem ihr euch endlich wiedergesehen habt?
Auf der einen Seite bin ich sehr zufrieden, wie der ganze Besuch abgelaufen ist und was für eine schöne Zeit wir miteinander hatten. Aber auf der anderen Seite bin ich auch traurig, da meine Gasteltern nun auch schon über 60 Jahre alt sind und für sie diese Reise anstrengend war. Es liegt also wahrscheinlich an mir, wann wir uns das nächste Mal wieder sehen…



1 comment
Was für ein schöner Bericht! Danke!