Ihr Lieben, innerhalb von 20 Jahren hat sich die Zahl der jungen Frauen und Mädchen (10-17 Jahre) , die wegen Essstörungen im Krankenhaus behandelt werden mussten, mehr als verdoppelt. Die häufigste Diagnose ist Magersucht, wie das Statistische Bundesamt in Wiesbaden mitteilte. Auch unsere Leserin Lena, die heute 21 Jahre alt ist, litt in ihrer Jugend unter Magersucht. Wie sehr die Krankheit ihr Leben im Griff hatte, erzählt sie hier:
Liebe Lena, du hast mit 14 die Diagnose Magersucht bekommen. Wie hat die Krankheit bei dir angefangen?
Rückblickend gab es nicht den einen Moment, an dem alles begann – es war vielmehr ein schleichender Prozess. Ich bin bereits seit meinen frühen Lebensjahren im Leistungssport aktiv. Gesunde Ernährung und sportliche Aktivität sind in meiner Familie und in meinem gesamten sozialen Umfeld stets wichtige Themen. Ich bin in einer wirklich behüteten und liebevollen Familie aufgewachsen, ein großer Teil meiner Familie sind Mediziner und ich vermute, dass gerade deshalb besonders auf solche Dinge geachtet wurde. Dennoch wurde niemand jemals auf sein Äußeres reduziert – ein gesunder Lebensstil, Natürlichkeit und Individualität wurden bei uns mit viel Zuneigung vermittelt.
Doch dann passierte ein Unfall….
Genau, ich hatte mit 12 Jahren einen schweren Reitunfall und habe mir die Halswirbelsäule gebrochen. Ich lag lange im Krankenhaus, musste auf Reha und konnte mich kaum körperlich betätigen.. All das kannte ich aus meinem bisherigen Leben natürlich nicht. Mit Ende 12/Anfang 13 fing ich an, immer mehr auf mein Essen und meinen Körper zu achten. Das Essen musste ich mir gewissermaßen verdienen und ich hatte plötzlich das Bedürfnis, alles zu kontrollieren.
Als ich wieder zuhause und langsam zurück in meinen Alltag ankam, fing ich an, mich viel mit Gleichaltrigen, auch mit anderen aus meinem Sport zu vergleichen. Und ich verglich mich mit Menschen auf Social Media, die ich überhaupt nicht kenne. Auf einmal realisierte ist, dass ich so gar nicht meinem Ideal entspreche…
Zur selben Zeit kam vieles zusammen: Ich verlor meine erste richtige beste Freundin und meine schulischen Leistungen, die zuvor durchweg im Einser-Bereich gelegen hatten, ließen spürbar nach. Über meine Belastungen sprach ich mit niemandem – stattdessen suchte ich nach einem einen „Sinn“ und fand ihn betrügerischerweise in der Anorexie. Während ich im Außen also nach und nach vieles verlor, gab mir die Anorexie das Gefühl von Kontrolle zurück – und das Gefühl, überhaupt noch etwas zu können. Genau darin lag, wie ich heute glaube, ein großer Teil ihrer Kraft.
Gab es einen Moment, an dem Du gemerkt hast, dass das alles nicht mehr gesund ist?
Ehrlicherweise nein. Auch nach der Diagnose nicht. Ich habe zwar bemerkt, dass Ernährung bzw. das „nicht-essen“ und der Sport einen großen, wenn nicht den größten Teil, einnahmen, um den sich meine Gedanken kreisten. Und ich habe auch wahrgenommen, wie meine körperliche Gesundheit litt -ich kam zum Beispiel kaum noch die Treppen zum Klassenzimmer hoch, weil ich so schwach war.
Mit einer Anorexie geht in den allermeisten Fällen eine Körperschemastörung einher, das heißt, man denkt immer, dass man zu „dick“ und zu „schlecht“ sei, egal wie dünn man ist. Ich habe meine körperlichen Veränderungen nicht wahrgenommen, ich habe in meinen Augen immer mehr zugenommen, insbesondere wenn ich mich nicht an die „Regeln“ im Sinne vom täglichen Ernährungs- und Bewegungsziel gehalten habe – welche natürlich völlig ungesund waren. Wenn mein Körper schlapp gemacht hat, war es eher ein Gefühl von Erfolg – dass ich alles richtig mache und genauso weitermachen muss und immer noch ein bisschen mehr geht.
Wann und wie haben deine Eltern deine Krankheit bemerkt?
Meine Eltern haben es erst so richtig mitbekommen, als sich die Schule eingeschaltet hat. Das war Mitte 2019, relativ schnell folgte dann auch die Diagnose „Anorexia Nervosa“. Ich bin ständig im Schulsport umgekippt, saß apathisch im Unterricht, weil ich mich so darauf konzentrieren musste, dass mein Körper nicht versagt. Ich habe viel geweint wegen der „kleinsten“ Dinge und meine schulische Leistung nahm rasant ab.
Ein weiterer Punkt bei mir war, dass ich alles dafür getan habe, dass niemand etwas davon mitbekommt. Jegliche Gespräche zum Thema Essen habe ich mit meinen Eltern vermieden, ich trug immer „Oversize“ Kleidung, sodass man im ersten Moment keine äußerlichen körperlichen Veränderungen bei mir feststellen konnte und Entschuldigungen für meine Abwesenheit beim familiären Mittag- oder Abendessen zu finden, war für mich eine einfache Aufgabe.
Zu den schlimmsten Zeiten – wie sehr hatte die Krankheit dein Leben im Griff?
Als ich mit Anfang 15 meinen besten Freund durch einen tragischen Unfall verlor, hatte die Anorexie von da an absolut ALLES im Griff! Es gab keinen Zeitpunkt im Alltag, an dem sie nicht präsent war. Ich träumte sogar vom Essen und Abnehmen. Ich habe ständig in meinem Kopf gezählt, was und wie viel ich gegessen habe, wie viel ich mich bewegt habe bzw. noch bewegen musste.
Ich saß auf dem Pferd, habe es „geschafft“ 3 Tage nichts außer Wasser; Red Bull und Gurken oder Wassermelone zu mir zu nehmen, schaute auf meine Apple Watch und habe berechnet, wie lange ich noch reiten muss, um meine gesetzten Ziele zu erreichen, obwohl ich kurz davor war vom Pferd zu kippen. Ich lag abends im Bett mit einem Puls von 180-190, habe geweint und war mir sicher ich würde am nächsten Morgen nicht aufwachen.
Ich hatte einen BMI von 14 und mein Körper schaltete nach und nach ab. Irgendwann habe ich gehofft, dass ich einschlafe und nicht mehr aufwache, damit dieser „Terror“ in meinem Kopf endlich aufhört. Ich bin meinem Sport, dem Reiten immer treu geblieben, denn dort habe ich mich körperlich angestrengt. Bis auf eine Freundin, die heute meine beste Freundin ist, habe ich den Großteil meiner Freunde währenddessen verloren – das wollte ich aber auch so, damit bloß niemand etwas von meiner Anorexie, mitbekommt.
Ich wollte verschwinden. Die Schule wurde hintenangestellt, weil ich mir sicher war, dass ich bis zu meinem Abitur sowieso nicht überlebe. Das schlimme an der Anorexie ist, dass sie nach außen hin klare Zeichen vermittelt, dass man in Lebensgefahr schwebt, absolut die Kontrolle verloren hat und nicht mehr für sich selbst sorgen kann und dementsprechend auf externe Hilfe angewiesen ist – nach innen den Betroffenen aber vermittelt, dass man alles richtig macht, und ein Erfolgsgefühl und ein Gefühl von Autonomie & Kontrolle vermittelt, nachdem man sich häufig sehnt. Es geht also irgendwann gar nicht mehr ums Essen an sich.
Wie und wann habt ihr euch externe Hilfe geholt?
Externe Hilfe haben wir uns kurz nach der Diagnose gesucht. Ich selbst wollte eigentlich gar keine Hilfe und habe meine Eltern lange davon überzeugen können, dass ich das alleine wieder „in den Griff“ bekomme – was natürlich nicht funktionierte. Außerdem waren auch da schon die Wartelisten lang, auch für Privatpatient*innen und trotz des „Vitamin B´s“ aus meiner Familie.
Die Corona-Pandemie erschwerte die Suche nach einem Therapie Platz und meine Familie befürchtete, dass die Patient*innen die in dieser Zeit aufgenommen wurden lediglich am Leben gehalten und nicht langfristig therapiert und versorgt werden. Zunächst bekam ich einen ambulanten Therapieplatz, kam zwischenzeitlich auf Grund von Herz-Kreislauf-Versagen ins Krankenhaus und bekam schließlich einen Platz in einer privaten Tagesklinik. Das ging ein halbes Jahr lang und ich wurde nach dem Aufenthalt weiter engmaschig ambulant psychotherapeutisch, psychiatrisch und medizinisch bis zu meinem 18. Lebensjahr begleitet, danach in dem Rahmen einmal jährlich.
Du bist mittlerweile stabil. Kannst du sagen, was dir am meisten geholfen hat?
Auf jeden Fall der Halt durch meine Familie, die frühe Intervention durch meine Schule, meine langjährige beste Freundin und vor allem die Pferde. Ich habe durch die Therapie wieder Ziele für mein Leben gesetzt und erfahren, warum es sich lohnt zu kämpfen. Ich wollte unbedingt mein Abitur machen, Erfolge im Sport feiern können, Psychologie studieren, um anderen Betroffenen helfen zu können und nicht zuletzt ein gesundes Leben leben und das Leben feiern können.
Welches Vorurteil oder welche Falschannahme gibt es über Magersucht?
Anorexie bzw. ein extrem kontrolliertes Ess- und Sportverhalten wird häufig unterschätzt und zunächst als eine „Phase“, besonders in der Pubertät wahrgenommen. „Das machen heutzutage doch alle so“ oder „Sie möchte doch nur Aufmerksamkeit“ usw. habe ich teilweise in meinem Umfeld wahrgenommen – insbesondere, wenn man meinen Eltern die Sorgen nehmen wollte. Aber dem ist nicht so.
Anorexie ist die dritthäufigste chronische Erkrankung und die tödlichste aller psychischen Erkrankungen im Jugendalter. Sie beginnt auf psychischer Ebene: Kontrollbedürfnis, Körperschemastörung, die Nutzung des Essens als Ventil für Gefühlsregulation. Dieses psychische Geschehen führt zu konkretem körperlichem Verhalten – dem intensiven Hungern – und damit zu direkten biologischen Folgen für den gesamten Organismus.
Aber das große Ganze wird häufig unterschätzt. Ein relativ aktueller und junger Forschungsbefund ist, dass beispielsweise das Darmmikrobiom und Anorexie sich gegenseitig aufrechterhalten – denn das Mikrobiom ist kein passiver Beobachter, sondern ein aktiver Faktor, was bedeutet, dass eine rein psychotherapeutische oder ernährungsmedizinische Behandlung möglicherweise nicht ausreicht, solange das Mikrobiom nicht ebenfalls adressiert wird.
Außerdem gibt es signifikante genetische Überschneidungen zwischen der Veranlagung zu Magersucht und Genorten, die den Body-Mass-Index, sowie Stoffwechselprozesse steuern. Bislang wurden mehrere chromosomale Risikoregionen und Genvarianten identifiziert, die das Risiko für Anorexia nervosa erhöhen.
Was ich damit sagen möchte, ist, dass die Ursache häufig nicht im engeren Umfeld liegt und Eltern die Ursache häufig zu Unrecht bei sich selbst suchen. Man muss Eltern dabei unterstützen, ihr Kind bestmöglich in der akuten Situation zu unterstützen, mit Hilfsangeboten, elterlicher Fürsorge und elterlicher Sensitivität. Es hilft weder den Betroffenen noch den Eltern nach der Antwort für die Schuldfrage zu suchen. Anorexia Nervosa sollte mit einem biopsychosozialen Ansatz betrachtet werden. Häufig wird die Genetik und biologische Faktoren unterschätzt. Darauf haben weder Eltern noch wer anders einen direkten Einfluss.
Hast du heute noch Momente, in denen dich Essen triggert?
Heute habe ich selten Momente, in denen ich getriggert werde. Ich studiere Psychologie und merke bei der Konfrontation mit dem Thema, dass es mir nahe geht, aber triggert im Sinne von „ich möchte die Kontrolle wieder haben“, habe ich nicht. Das hätte kurz nach dem Abschluss der Therapie vor ca. 3 Jahren sicher anders ausgesehen.
Was mich allerdings stört, sind all die Menschen auf Social Media, die jungen Menschen erzählen, wie richtige Ernährung und Sport aussehen und ein Ideal zeichnen, das gefährlich ist. Ich selbst mache nach wie vor viel Sport und ernähre mich gesund, aber ich achte gut auf mich – und auch die Ärzte bestätigen mir, dass es meinem Körper heute gut geht.
Wie geht es dir ganz aktuell? Was erträumst du dir für dein Leben?
Mir geht es sehr gut. Ich bin total glücklich mit meinem Studium, bin seit dem 1. Semester in der psychologischen Forschung als Hilfswissenschaftlerin an einem Uniklinikum in meiner Nähe tätig und umgeben von absoluten Experten und spüre, dass das meine Berufung ist. Ich habe präventive Konzepte für Essstörungen mit dem Schwerpunkt auf Anorexie miterstellt, und führe diese in Schulklassen mit Erfolg durch.
Als Ausgleich bin ich nach wie vor Springreiterin – wenn auch ich das ein wenig zurückschrauben musste, auf Grund des Studiums und meiner Osteoporose, an der ich als Folge der Anorexie erkrankt bin. Ich habe einen tollen Freundeskreis und eine liebevolle Familie um mich herum, auf all die ich zählen kann, wenn ich sie brauche. Ich schätze dieses Leben gerade sehr, weil ich lange für die Anorexie darauf verzichtet habe und erträume mir ein langes, erfülltes, gesundes Leben und hoffe zukünftig mit Forschungsprojekten Essstörungen behandeln, verhindern und enttabuisieren zu können.





1 comment
Hallo Lena, danke für den tollen Artikel – der nicht nur Gefühle anspricht, sondern durch den wissenschaftlichen Teil etwas Druck rausnimmt. Ich hatte selber den größten Teil meines Lebens Essstörungen. Deine eigene Erfahrung und dazu dein Wissen aus der Forschung machen Dich zur Fachfrau und ich finde es toll, dass Du auf dem Gebiet arbeitest.
Alles Gute für Dich!
Alles