Ihr Lieben, wie oft erreichen uns Nachrichten zum Thema Mobbing! Und Cybermobbing ist ja nochmal etwas anderes, passiert meist leise und ist für Eltern oft schwer erkennbar. In ihrem Buch Hate, Druck, Gruppenchat erklärt Sozialpädagogin Alena Mess verständlich und ohne Alarmismus, welche Dynamiken dahinter stehen, wie Gruppendruck wirkt und wie aus digitalen Inhalten wie Fake Nudes oder Deepfakes schnell Mobbing entstehen kann.
Sie hilft uns, Warnsignale frühzeitig zu erkennen, und zeigt, warum betroffene Kinder häufig schweigen – aus Scham, Angst oder weil sie die Situation nicht einordnen können. Gleichzeitig gibt sie konkrete Impulse, wie wir unser Kind schützen können, ohne es zu kontrollieren oder zu beschämen. Dabei geht es nicht nur um akute Krisenintervention, sondern auch um Medienkompetenz, eine klare Haltung gegenüber digitaler Grenzüberschreitung sowie darum, den Selbstwert unserer Kinder zu stärken.
Alena Mess hat 20 Jahre Erfahrung in der Kinder- und Jugendpsychiatrie, der Kinder- und Jugendhilfe und mit Gewalt- und Sexualstraftätern. Sie berät Mobbing-Opfer sowie Opfer von sexualisierter Gewalt und deren Familien. Zudem ist sie Sachverständige für das Familiengericht und arbeitet seit vielen Jahren als Referentin im Bereich Missbrauchsabbildungen und sexualisierter Gewalt für das LKA und BKA, sowie an Schulen, Kitas und der Kinder- und Jugendhilfe. Sie berät Kinder, Eltern und Fachkräfte.
Liebe Alena, warum scheint es für einige Kinder und Jugendliche so viel Genugtuung zu bringen, andere kleiner zu machen und sich selbst zu überhöhen? Warum braucht es diese Abgrenzung, was steckt dahinter?
Kinder und Jugendliche, die andere kleinmachen, wollen sich häufig selbst größer fühlen. Dahinter können ein geringer Selbstwert, Unsicherheit oder die Angst stehen, selbst zur Zielscheibe zu werden. Manche haben am eigenen Leib erlebt, wie es ist, ausgeschlossen, abgewertet oder ohnmächtig zu sein – und drehen dieses Gefühl um:
Wer andere beherrscht, fühlt sich für einen Moment nicht mehr hilflos. In der Gruppe kommt noch etwas dazu: Wenn andere mitlachen, liken oder mitmachen, entsteht schnell ein Gefühl von Macht, Anerkennung und Zugehörigkeit. Das kann Verhalten erklären, entschuldigt es aber nicht.
Warum fällt es einigen Kindern schwer, Anderssein zu akzeptieren? Warum heißt es so schnell: „Der oder die ist komisch“?
Anderssein kann verunsichern. Kinder und Jugendliche vergleichen sich ständig miteinander: Wie sehe ich aus? Was trage ich? Wen finde ich gut? Was kann ich, was können die anderen? Wer sich selbst noch nicht sicher fühlt, erlebt Unterschiede manchmal nicht als Bereicherung, sondern als Bedrohung. Dann kann es leichter erscheinen, jemanden als „komisch“ abzustempeln, statt sich mit dem Ungewohnten auseinanderzusetzen.
Hinzu kommt der Druck, zur eigenen Gruppe zu passen. Wenn in einer Clique bestimmte Regeln gelten – wie man aussehen, sprechen oder reagieren soll –, wird schnell abgewertet, wer davon abweicht. Gerade deshalb brauchen Kinder Erwachsene, die klar widersprechen, wenn Ausgrenzung als Normalität verkauft wird, und die Vielfalt nicht nur behaupten, sondern im Alltag vorleben.
Manchen Kindern ist gar nicht bewusst, wo Mobbing anfängt und was „War doch nur ein Spaß!“ beim Gegenüber auslösen kann. Wie können wir Kinder hier sensibler machen?
Kinder müssen lernen, nicht nur auf ihre eigene Absicht zu schauen, sondern auf die Wirkung beim anderen: Wie geht es der Person gerade? Lacht sie wirklich mit – oder lacht sie nur, damit es nicht noch schlimmer wird? Was passiert, wenn ein Bild weitergeleitet, ein Spruch wiederholt oder jemand demonstrativ aus dem Chat ausgeschlossen wird?
Das kann man konkret üben: gemeinsam Situationen aus dem Schulalltag oder aus Gruppenchats besprechen, Rollen tauschen und fragen: „Wie wäre das für dich?“ Wichtig ist auch, Kindern Sprache für Grenzen zu geben: „Hör auf“, „Lösch das“, „Das ist nicht witzig“, „Ich mache da nicht mit.“
Und sie brauchen die klare Botschaft: Wer nicht mitlacht, weiterleitet oder wegschaut, kann jemandem den Rücken stärken. Spaß ist nur dann Spaß, wenn alle darüber lachen können. Wird ein Kind verletzt, beschämt oder ausgeschlossen, ist eine Grenze überschritten.
Wenn ich mitbekomme, dass mein Kind bedrückt ist: Welchen Weg hältst du für vielversprechend, damit es sich öffnet und von einer doofen Situation im Chat erzählt?
Nicht jede Veränderung ist „nur Pubertät“. Eltern sollten aufmerksam werden, wenn ein Kind sich plötzlich zurückzieht, nicht mehr zur Schule möchte, schlechter schläft, gereizter oder ungewöhnlich still wirkt, Bauch- oder Kopfschmerzen hat, sein Handy panisch kontrolliert oder es auf einmal gar nicht mehr anfassen will. Auch ein verändertes Essverhalten, sinkende Leistungen oder der Rückzug von Freundinnen und Freunden können Signale sein.
Dann hilft es, eine Tür zu öffnen, ohne das Kind zu verhören: „Du wirkst in letzter Zeit anders. Ich mache mir Gedanken, ob dich etwas belastet – vielleicht in der Schule oder im Chat.“ Nicht sofort mit Lösungen, Handyverbot oder einer Konfrontation der Gruppe reagieren.
Viele Kinder schweigen aus Scham, Loyalität zur Clique oder aus Angst, dass Erwachsene alles übernehmen und es dadurch schlimmer wird. Entscheidend ist die Zusage: „Du bekommst keinen Ärger, wenn dir online etwas Blödes passiert. Wir schauen gemeinsam, was dir jetzt hilft.“
Warum ist das Ankommen in der Peer Group so lebensentscheidend in diesem Alter?
Mit zunehmendem Alter wird die Gruppe neben der Familie zu einem zentralen Ort für Zugehörigkeit, Anerkennung und Orientierung. Kinder und Jugendliche erproben dort ihre Identität: Wer bin ich? Wie wirke ich auf andere? Mit wem möchte ich verbunden sein? Rückmeldungen von Gleichaltrigen bekommen deshalb ein besonders großes Gewicht.
Wer dazugehört, erlebt Bestätigung, Schutz und soziale Sicherheit. Wer ausgeschlossen wird, verliert nicht einfach nur eine Spielgruppe oder einen Chat: Häufig gerät das Gefühl ins Wanken, als Person akzeptiert und wertvoll zu sein. Gerade weil die Gruppe so wichtig ist, bleiben viele Kinder in verletzenden Dynamiken, lachen mit oder verraten nichts – aus Angst, selbst den Anschluss zu verlieren.
Online verschärft sich das: Die Gruppe ist über Chats, Likes und Stories dauerhaft präsent; Ausgrenzung endet nicht unbedingt nach Schulschluss. Mobbing kann deshalb tief belasten und Rückzug, Angst, Schlafprobleme oder depressive Symptome verstärken.
Wie können wir unsere Kinder im Umgang mit sozialen Medien und Messengerdiensten stärken – und im Leben natürlich?
Kinder brauchen keine dauernde Kontrolle, sondern verlässliche Erwachsene, die interessiert bleiben und ansprechbar sind. Sie sollten wissen: Ich darf Nein sagen. Ich muss nichts posten, schicken oder weiterleiten. Ich muss nicht mitlachen, um dazuzugehören. Und ich darf Hilfe holen, ohne selbst Schuld zu sein.
Dazu gehört, früh und regelmäßig über konkrete Situationen zu sprechen – nicht nur dann, wenn bereits etwas passiert ist. Eltern können fragen: „Was geht gerade in euren Chats?“, „Was würdest du tun, wenn jemand ein peinliches Bild verschickt?“ oder „Wie kann man helfen, ohne sich selbst in Gefahr zu bringen?“ Kinder brauchen außerdem praktische Handlungsmöglichkeiten: Beweise sichern, nicht zurückschreiben, blockieren, melden und eine erwachsene Vertrauensperson einschalten.
Wichtig ist auch digitale Zivilcourage. Kinder können lernen, keine verletzenden Inhalte weiterzuleiten, nicht mit Emojis oder Likes mitzumachen und Betroffenen privat zu schreiben: „Ich habe das gesehen. Das war nicht in Ordnung. Ich bin da.“ Schon eine Person, die sich sichtbar nicht beteiligt, kann eine Gruppendynamik verändern.
Das Digitale ist nicht grundsätzlich böse. Aber im Chat fehlen Mimik, Tonfall und die unmittelbare Reaktion des Gegenübers. Gleichzeitig gibt es Publikum, Screenshots, Weiterleitungen und eine ständige Erreichbarkeit. Eine Gemeinheit kann dadurch bis ins Kinderzimmer reichen und immer wieder auftauchen. Umso wichtiger sind klare Regeln, Medienkompetenz und Erwachsene, die selbst vorleben, wie man über andere spricht – online wie offline.

