Die ersten Klassenfahrt: So meistern Kinder (und Eltern!) Aufregung, Heimweh und Reise-Euphorie

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"Liebe Mama, ich vermisse dich sehr. das essen ist nicht das Beste und jetzt hat der Neue auch noch gesagt, das hier ein Reuber rum leuft. P.S. Die Nacht war sehr gut."

Das war die Postkarte, die ich von der ersten Klassenfahrt meiner Tochter bekam. Und diese Karte zeigt auf ganz wunderbare Weise, was Kinder auf solch einer Reise beschäftigt. Da ist ein bisschen Furcht  –  vor dem „Reuber“, den unsere Große mittlerweile auch mit „äu“ schreibt –, ein bisschen Euphorie – sie hat ihr Heimweh überwunden, die Nacht war „sehr gut“ –, und mit Gedanken an Mama…

Schüler: Zu Hause ist es doch am schönsten

Dass das Essen nicht besonders gut schmeckt, heißt ja im Grunde auch nur, dass sie erkannt hat, dass es zu Hause doch eigentlich am schönsten ist. Was für eine tolle Erfahrung! Sie weiß, was sie an uns hat! Sie hat es geschafft! Das sind die wertvollen Erkenntnisse, die sie zusammen mit der Schmutzwäsche von ihrem Abenteuer Klassenfahrt mitgebracht hat.  

Klassenfahrten gehören heute wie damals zu einer Schullaufbahn dazu. Die meisten Grundschulen bieten in der dritten oder vierten Klasse eine gemeinsame Tour an – oft für drei Tage. Die Kinder übernachten mit ihren Freunden und den betreuenden Lehrern in einem Landschulheim, in einem Hostel oder in einem Jugenddorf.

Vorab planen sie mit den Klassenkameraden Spiele, üben zu Hause schon mal das Betten beziehen und überlegen sich, ob sie den Lehrern Kaugummis unter die Türklinke kleben sollen. Allein diese Vorbereitungen schweißen sie zusammen. Und auch vor Ort geht es vor allem um den Zusammenhalt.

Lehrer: Endlich freie Zeit mit den Kindern

„Es dreht sich dort endlich mal nicht nur um Noten, sondern um die Persönlichkeit“, bestätigt auch Claudia Schneider vom Deutschen Jugendherbergswerk. Teamtrainings vor Ort ließen Schüler und Lehrer im wahrsten Sinne des Wortes einfach auch mal an einem Strang ziehen. „Das kann die Beziehung untereinander nachhaltig positiv beeinflussen“, weiß Schneider aus Erfahrung. Auch vermeintliche Außenseiter hätten hier plötzlich die Chance, mal mit anderen Augen gesehen und akzeptiert zu werden. Weil sie besonders stark oder geschickt sind zum Beispiel.

Klassenfahrten können also eine Chance sein. Für die Lehrer, weil sie ihre Klasse einmal ganz ohne Schuldruck kennenlernen, für die Schüler, weil sie sich in einer solchen Situation noch einmal ganz anders zusammenwachsen. Und für die Eltern auch – die bekommen Zeit, zu reflektieren.

Denn während die Kleinen es vielleicht gewöhnt sind, dass Mama oder Papa ab und zu mal ein Wochenende wegfahren, ist es umgekehrt doch ungewohnt. Wenn der Bus mit den winkenden Kindern um die nächste Straßenecke biegt, dann stehen wir als Eltern da und fühlen uns auf merkwürdige Weise zurückgelassen. Und zwar nicht nur an der Bushaltestelle, sondern ein bisschen auch im Leben.

Eltern: Braucht mich mein Kind jetzt nicht mehr?

Ist dieses Kind, das ich gefühlt gerade noch im Kinderwagen durch den Ort schob, jetzt wirklich so groß, dass es mich gar nicht mehr braucht? Dass es jetzt allein mit seinen Freunden auf Tour geht? Wahnsinn! Wird es die Herausforderung meistern? Wird es Heimweh bekommen? Wird es nach der Tour um einige Zentimeter gewachsen sein – vor Stolz? Und werden wir das überhaupt schaffen, ein paar Tage ohne unser Kind?

Stopp, Halt, das geht doch hier alles zu schnell! schießt es uns durch den Kopf. Plötzlich wird für einige Tage niemand mehr an die Badezimmertür klopfen, weil wir zu lange duschen. Keiner wird mittags über Hunger klagen oder abends einen zweiten Gute-Nacht-Kuss verlangen. Da fehlt etwas. Was unser Kind wohl gerade alles erlebt?

Für die Eltern ist so eine Klassenfahrt tatsächlich manchmal aufregender als für die Kinder selbst. Ein Lehrer aus NRW, der hier nicht namentlich genannt werden möchte, erzählt von einer Mutter, die sich während der Klassenfahrt in ein Hotel neben der Jugendherberge eingemietet haben, um ihrem Kind näher zu sein.

Klassenfahrt – wenn die Sehnsucht zu groß wird

Er erzählt von Eltern, die trotz des Handyverbots morgens und abends bei den Kindern anrufen oder Nachrichten hinterlassen. Einzelfälle natürlich! So extrem reagieren die wenigsten. Und trotzdem bedeutet so eine Klassenfahrt für die Lehrer vor allem auch Elternarbeit. „Für uns ist es sehr wichtig, die Eltern von Anfang an mit in die Planungen einzubeziehen“, bestätigt auch Theresa Freesemann, Lehrerin aus Cuxhaven. „Denn während die Fahrt für die Kinder oft einfach als großes Abenteuer vor ihnen steht, machen sich Eltern im Vorfeld unheimlich viele Gedanken.“

Bettlaken, Taschenlampe, Kuscheltier: Soll die lange Liste, die wir vor der Klassenfahrt abarbeiten sollen, uns Eltern also einfach nur so sehr in Beschäftigung bringen, dass wir uns nicht allzu viele Sorgen machen können? „Nein, nein“, lacht Theresa Freesemann, soweit geht es dann doch nicht. Trotzdem sagt sie, ist es vor allem wichtig, dass sich die Eltern mit der Planung der Reise sicher fühlen. Erst dann können sie darauf vertrauen, dass es ihren Kindern gut gehen wird. So wird es auch leichter für sie, dem eigenen Kind die Fahrt zuzutrauen – und ihm das auch zu vermitteln. Die Kinder spüren das. Das hat auch Mutter Natalia Fistera so erlebt.

Heimweh kann auch von allein verschwinden

„Unsere Tochter hatte auch die Sorge, wie das alles werden würde“, erinnert sie sich. „Was ihr am meisten geholfen hat, war, dass wir ihr das zugetraut haben, das wir sie förmlich angefeuert haben vorher. Dass wir nicht am Bus geweint haben, sondern erst später.“ Selbst ein Kind, das vor lauter Heimweh nie bei Freunden übernachtet, kann auf der Klassenfahrt ein Aha-Erlebnis haben kann. „Allein durch die Gruppendynamik, ist das eine ganz andere Situation“, sagt Lehrerin Riesenmann. Und wenn dann doch mal eine Träne kommt, dann hat sie immer ihre „Heimweh-Tabletten“ dabei. Das sind bunte Smarties in einem kleinen Döschen. Bislang haben die noch immer geholfen.

Heimweh, das ist das sehnsüchtige Gefühl, das bei der Trennung von der Heimat entsteht. Es kann sich in Lustlosigkeit und Traurigkeit äußern. Manche verlieren den Appetit, sind gereizt oder können nicht schlafen. Interessant ist, dass es überall auf der Welt vorkommt, in allen Kulturen. Heimweh ist kein westliches Phänomen.

Und: Heimweh ist Typ-Sache. Danielle Graf, Mit-Autorin des Bestsellers „Das gewünschteste Wunschkind aller Zeiten treibt mich in den Wahnsinn“  sagt: „Es lassen sich nach unserer Kenntnis keine Rückschlüsse auf die Eltern-Kind-Bindung ziehen. Sicher gebundene Kinder haben unseres Erachtens genauso viel oder wenig Heimweh, wie unsicher gebundene.“ Jedes Kind ist eben anders.

„Wir schaffen das alle zusammen“

Und auch in unserer Familie ist Heimweh ein Thema. Unsere Tochter schlief bis zu ihrer ersten Klassenfahrt nicht bei Freundinnen, sie ist ein klassisches Heimwehkind, aber die Klassenfahrt war etwas anderes. Da war dieses Gemeinschaftsgefühl, dieses erhebende „Wir schaffen das alle zusammen“. Und es funktionierte!

Sie war angetan von der Wald-Rallye mit den anderen. Sie war begeistert von der Kletterwand und den netten Betreuern vor Ort. War rundum euphorisiert, als sie zurück war in ihrer gewohnten Umgebung, um wie ein Wasserfall von alle dem zu erzählen.

Ich kann sie so gut verstehen. Auch ich selbst war ein Heimweh-Kind. Ich erinnere mich gut an das beklemmende Gefühl der Einsamkeit in der Brust, wenn es dunkel wurde, wenn es zum Abend hin ruhiger wurde und ich nicht mehr abgelenkt war. Die Panik, wenn meine Zimmernachbarinnen schon eingeschlafen waren, ich aber noch nicht. Es roch anders. Mama und Papa waren weit weg. Aber als ich von meiner ersten Klassenfahrt in der vierten Klasse heimkam, da hatte ich einen Aufsatz im Gepäck, den ich bis heute aufbewahrt habe: „Wie ich mein Heimweh verlor“, hieß der.

Ich habe meiner Tochter den Brief vor ihrer Fahrt gezeigt und gesagt: „Siehst du, bei mir war es genau wie bei dir.“ Und später, erzählte ich dazu, bin ich dann sogar für mehrere Monate ins Ausland gegangen. Und dafür brauchte es kein Anti-Heimweh-Training, sondern einfach nur ein bisschen mehr Reife. Das Glück des Reisens kam ganz von allein.

 

Dieser Text erschien ursprünglich in der Zeitschrift Eltern Family.

Foto: pixabay

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2 comments

  1. Ich bin Klassenlehrer und kann mich noch gut an meine erste Klassenfahrt erinnern und habe aus den Anfängerfehlern gelernt. Mittlerweile plane ich meine vierte Klassenfahrt nach London. Wir werden uns gemeinsam einen guten Anbieter für die Buchung suchen.

  2. Ich kann mich auch noch daran erinnern, wie nervös ich vor der ersten Klassenfahrt meiner Tochter war. Letztlich verlief alles sehr gut und meine Tochter kam ganz begeistert zurück. Sogar ihr Mathelehrer, den sie vorher gar nicht mochte, war auf einmal ganz nett in ihren Augen. Ich kann also nur bestätigen, dass Klassenfahrten für Schüler und Lehrer eine ganz besondere Chance sind, einander besser und ohne Druck kennenzulernen.

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