Extreme Eifersucht: Unser Sohn ging auf seinen kleinen Bruder los

Liebe Natascha, als Euer erstes Kind 2 Jahre alt war, kam Euer zweites Kind. Anfangs freute sich der Große, doch dann kam extreme Eifersucht hinzu…

Genau, zuerst schob er seinen Bruder immer weg, wenn er in der Nähe war. Oder er schrie extra laut, wenn der Kleine einschlafen sollte. Später wurde es richtig körperlich. Der Große sprang mit den Knien voran in die Spielecke, zerkratzte dem Bruder mit Autos den Kopf und er hat ihn auch mal ins Gesicht gehauen. Als der Kleine dann sitzen konnte, hat der Große ihn umgeschubst. Der Höhepunkt war, dann als die beiden auf dem Spielhaus waren und der Große den Kleinen an den Füßen packte und über das Geländer warf. 

Wie seid Ihr Eltern damit umgegangen?

Anfangs haben wir sehr sehr viel erklärt und geredet. Dann war ich immer dabei und es gab auch Spielpausen, das heißt, die beiden haben nicht mehr zusammen gespielt. Es wurde alles aber nicht viel besser und ich wusste einfach nicht weiter. Da haben wir uns Hilfe geholt.

Wo hast Du um Hilfe gebeten und wie sah diese aus?

Als der Große drei Jahre alt war, habe ich einen Antrag auf Familienhilfe beim Jugendamt gestellt. Die Familienhilfe hat sich erstmal unsere Familie angeschaut und unseren Alltag. Dann haben wir überlegt, wo Struktur fehlt, wo wir konsequenter sein müssen. Vorher haben wir oft mit „noch einmal, dann“ gearbeitet, die Familienhilfe hat uns beigebracht, direkt einzugreifen. Wir merkten, dass der Große oft wie in einer Blase war und uns gar nicht richtig gehört hat. Wir sind auch viel vorausschauender geworden und haben nun feste Exklusivzeiten für jedes Kind.

Außerdem haben wir Techniken zum runterkommen gelernt, zum Beispiel die Augenbrauen massieren, das Gesicht mit den Fingern abtippen, Hände und Füße schütteln. Das hilf sehr gut, besonders wenn der Große überdreht.

Heute ist Euer Großer 5 Jahre alt, wie würdest du ihn beschreiben?

Er ist ein interessierter, sehr starker Junge, der sich gerne körperlich verausgabt. Höher, schneller, weiter. Er schaukelt für sein Leben gern, aber strengt gerne auch den Kopf an. Warum leuchtet der Mond, wie scheint die Sonne, warum machen Flugzeuge weiße Spuren – er will alles wissen. Er scannt seine Umwelt, kann viel erklären, erkennen und für sich nutzen. Aber häufig ist das auch alles zu viel für ihn.

Sobald es laut wird, wird er auch laut. Wenn sich etwas stark verändert, bekommt er Wutausbrüche und/oder wird sehr traurig. Wenn er wütend ist, muss sein Bruder das Meiste einstecken, wenn wir mal nicht rechtzeitig eingreifen. Manchmal ist er noch sehr impulsiv, dann geht auch mal was zu Bruch. Er hat auch schon mal in eine Glastür getreten….Im Großen und Ganzen müssen wir alles bruchsicher gestalten, die Gefahr scheint ein großer Trigger zu sein. Aber wenn wir im Haus was verändern, dann werden wir beleidigt, geschlagen und dann wieder weinend umarmt.

Du hast ja schon früh festgestellt, dass er grobmotorisch sehr weit ist, feinmotorisch aber gar nicht. Sag uns mal ein typisches Beispiel dafür. 

Er konnte mit 8 Monaten laufen und sehr gut klettern, aber ist an Dingen wie Motorikschleifen lange gescheitert. Er hat sehr lange nur gekritzelt und kann erst seit ca. einem halben Jahr Menschen malen. Alles, wofür er Feingefühl braucht, muss sehr geübt werden. Eine Linie ausschneiden ist zb super schwer für ihn.

Ihr habt irgendwann auch den Kinderarzt gewechselt. Was hat der über Euren Sohn gesagt?

Ja, beim alten Kinderarzt fühlten wir uns nicht ernstgenommen. Der neue Arzt hat bei der U9 gleich gemerkt, dass einige Dinge nicht ganz die Norm sind und wollte, dass unser Sohn mal richtig untersucht wird.
Er hat sich auch das U-Heft angesehen und festgestellt, dass bei jeder Untersuchung ein Kommentar zur Lebhaftigkeit meines Sohnes steht – da war für ihn klar, dass Klärungsbedarf besteht. 

Nun habt Ihr seit einigen Wochen eine Diagnose. Wie lautet die?

ADHS. Er ist feinmotorisch weit unter dem Durchschnitt, dafür aber im Grobmotorischem weit drüber. 

Was wünscht du dir für Eure Familie?

Ich hoffe, dass wir mit den externen Hilfen weiterhin positive Entwicklungen schaffen. Er hat nur noch 1,5 Jahre bis zur Einschulung und bis dahin hoffe ich, dass wir und er noch viel lernen. Ich möchte weiterhin eine Medikation vermeiden, er soll sich spüren lernen und lernen, mit all seinen Gefühlen umzugehen. Ich wünsche mir, dass wir aneinander wachsen und den Kindern den bestmöglichen Start ins Leben ermöglichen können. 

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2 comments

  1. Interessanter Bericht! Den Eltern würde ich empfehlen, sich unbedingt sehr umfassend zu ADHS zu informieren, nach dem Stand der Wissenschaft. ‘ADHS Deutschland’ ist glaube ich eine seriöse Anlaufstelle. ‘Medikation vermeiden’ würde ich persönlich nur, solange und soweit es mit anderen Mitteln wirklich gut klappt, d.h. das Kind (+ die Familie) nicht zu sehr unter den Symptomen leidet. Spätestens ab dem Schulalter würde ich sehr genau hinterfragen, ob es wirklich ohne Methylphenidat geht. Mein Partner hat ADS, das in der Kindheit nicht behandelt wurde, und eine EXTREM schlechte Schulerfahrung gehabt. Das sollte man betroffenen Kindern heutzutage ersparen.

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