Maggy: „Ich bin damals von zu Hause weggelaufen – und hoffe, meine Kinder tun es mir niemals gleich“

Von zu Hause weglaufen

Liebe Maggy, du bist als 15jährige von zu Hause abgehauen, erzähl doch mal, wie es dazu kam.

Ich war als 15jährige ziemlich willensstark und wollte mir nicht gern so viel sagen lassen. Meine Eltern sind beide Vollzeit arbeiten gegangen und zu Hause musste es laufen. Geschwister habe ich nicht. Ich hab mich oft unverstanden gefühlt und ich musste funktionieren.

Dazu kam, dass ich ziemlich kräftig war und langsam gemerkt habe, dass das in vielen Situationen nicht gut ankommt. Es wurde schon mal gelästert und Jungs fanden die dünnen Mädchen auch viel schöner. In der Schule waren die Noten in einigen Fächern schlecht und in anderen Fächern gut. In einem Fach sollte aber sogar eine 5 auf dem Zeugnis stehen.

Ich hatte Angst davor, meine Eltern zu enttäuschen. Anfang des Jahres hatte ich dann die Idee abzuhauen. Kurz vor den Halbjahreszeugnissen. Ich hab das eine Weile geplant. Hab mir vom Taschengeld noch Klamotten gekauft, damit ich eine Weile zurechtkommen kann. Dann bin ich zur Bahn und hab mir ein Zugticket in eine größere deutsche Stadt gekauft. Dort wollte ich unbedingt hin, weil ein paar Tage später meine Lieblingsband dort spielen sollte. 

Als der Tag gekommen war, bin ich wirklich auch voller Vorfreude gestartet. Ich hatte kein schlechtes Gewissen. Im Gegenteil, ich war der Meinung, dass meine Eltern ohne mich viel besser dran sind. 

Wo bist du als Erstes hin, als du das Haus verlassen hast?

In der Stadt angekommen, habe ich mich als Erstes zu dem Ort begeben, an dem ein paar Tage später das Konzert stattfinden sollte. Damals wurde da tagelang vorher schon campiert, um einen guten Platz zu bekommen oder um vielleicht schon einen Blick auf die Musiker werfen zu können. Ich war die Erste vor Ort und echt stolz. Das sollte aber nicht lange anhalten. Ich wurde ziemlich schnell weggeschickt.

Meine erste Nacht bin ich durch einen nahegelegenen Park spaziert. Es hat geschneit und es war bitterkalt. Als ich nicht mehr weiterkonnte, weil ich so erschöpft und müde war, hat mich jemand angesprochen und ich bin tatsächlich mitgegangen. 

Er hat mich mitgenommen in eine Art Wohnheim. Es war warm und er hatte eine Matratze und eine Decke. Ich hatte keine Angst vor ihm. Mitten in der Nacht kam er aber und wollte mehr. Ich war diesbezüglich noch völlig unerfahren. Ich hab mich schlafend gestellt und er hat es dann sein lassen. Da hatte ich so unwahrscheinlich Glück. Als ich gehört habe, dass er schläft, bin ich abgehauen, so schnell ich konnte. Ich bin wieder zurück zu der Konzerthalle gegangen, weil das der einzige Ort war, an dem ich erst einmal was „erleben“ wollte.

Wo und wie hast du die erste Nacht verbracht und was ging dir durch den Kopf dabei?

Nach der ersten Nacht war ich eigentlich schon völlig fertig. Ich habe dann versucht Konzertkarten zu bekommen, aber das Konzert war komplett ausverkauft. Also habe ich gehofft, dass ich noch irgendwen finde, der die Karten kurzfristig verkauft. Aber es war echt hoffnungslos. Langsam kamen dann auch die Gedanken, was wird, wenn das Konzert vorbei ist? Was mache ich dann? Nach Hause zurück gab es in meinem Kopf nicht. Ich wollte es echt schaffen unabhängig zu sein…

Aber die Kräfte ließen immer mehr nach. Durch die Kälte hat einfach alles unglaublich viel Energie gekostet. Egal wo ich mich aufwärmen wollte, ich wurde immer nach kurzer Zeit weggeschickt. 

Wie lang warst du insgesamt weg? Was hast du in der Zeit erlebt? Wussten deine Eltern, wo du warst?

Dann kam die nächste Nacht. Ich hab im Schnee auf einer Parkbank gesessen. Bis die Polizei kam… Sie haben mich mitgenommen und ich konnte mich aufwärmen. Natürlich haben sie viele Fragen gestellt, die ich nicht beantworten wollte. Ich hatte echt Angst vor dem Danach. Ich hab immer gesagt, dass ich mich an nichts erinnern kann. An keinen Namen, an keinen Wohnort, einfach an nichts.

Es gab ein kleines Notizbuch, da hatte ich mir die Adressen und Telefonnummern aufgeschrieben von einigen Menschen, bei denen ich mich vielleicht irgendwann mal wieder melden wollte. Das haben die Polizisten in meinen Sachen gefunden. Und da haben sie dann angefangen Nummern anzurufen. Als sie bei meiner Cousine landeten, war schnell alles aufgeklärt. Mein Vater hat sich mitten in der Nacht ins Auto gesetzt und hat mich abgeholt. 

Wie ging es dann weiter?

Ich war unendlich froh darüber. Obwohl ich nie wieder zurückwollte. Zu Hause habe ich dann erstmal nur geschlafen. Meine Eltern haben mir keine Vorwürfe gemacht und sie haben auch nicht so viel nachgefragt. Ich habe aber von selbst einiges erzählt.

Meine Klassenlehrerin kam ein paar Tage später zum Hausbesuch, um auch Vorschläge zu machen, wie das alles besser laufen könnte. Und den Montag drauf bin ich auch schon wieder zur Schule gegangen. 

Hast du das mit deinen Eltern aufgearbeitet? Könnt ihr heute darüber sprechen?

Insgesamt war ich drei Tage weg, von denen ich zwei Tage und zwei Nächte auf mich gestellt war. Den dritten Tag habe ich auf dem Polizeirevier verbracht. Erst am späten Abend konnten sie über mein Notizbuch jemanden erreichen und ich wurde dann abgeholt.

Nach den ersten Gesprächen zu Hause, war das eigentlich nie wieder Thema in unserer Familie. Ich weiß auch nicht, ob das für meine Eltern Konsequenzen oder Kosten verursacht hat. 

Nun hast du selbst zwei Kinder, sie sind 6 und 10. Was geht dir bei dem Gedanken durch den Kopf, sie könnten auch mal von zu Hause ausreißen?

Für mich persönlich hat es sehr viel verändert damals. Ich hätte das niemals wieder gemacht. Ich habe gemerkt, dass man nicht einfach so davonlaufen kann, dass es die Situation überhaupt nicht verändert. Und es hat mir im Nachhinein unglaublich weh getan zu erfahren, wieviel Ängste meine Eltern dadurch durchstehen mussten.

Mein Vater ist in den Tagen durch ganz Deutschland gereist. Zu jedem Ort, an dem die Band ein Konzert gegeben hat. Es ist unfassbar, was es für meine Eltern bedeutet haben muss, nicht zu wissen, wo ich war. Damals hatte man auch noch kein Handy…

Machst du mit deinen Kindern etwas anders, weil du die Ausreißerfahrung gemacht hast?

Meine zwei Mädels… Ja, ich weiß nicht, wie ich eine solche Situation durchstehen würde und hoffe einfach inständig, dass sie mir und uns das nicht antun. Aber natürlich hab ich große Angst davor.

Ob ich so viel anders in der Erziehung mache, weiß ich nicht. Mein Mann und ich sind ziemlich konsequent, wenn es um wichtige Dinge geht, aber wir lassen die Zwei auch ihre Erfahrungen machen. Ich gehe 30 Std in der Woche arbeiten, um noch genug Zeit für meine Mädels zu haben.

Beide haben Hobbys. Sie gehen Tanzen, spielen Fußball und sind in einer Schwimm-AG. Sie haben also ein stabiles soziales Umfeld, auch außerhalb der Familie. Das hatte ich damals so nicht. Ich war nach der Schule viel auf mich allein gestellt. Freunde hatte ich auch. Aber trotzdem hat es sich anders angefühlt. Ich bin also guter Hoffnung…

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