Gastbeiträge

14/09/2018 - 07:15

Land-Mama Lisa

Abschied vom Kinderwunsch: "Ich werde nie wieder schwanger sein"

Jahrelang dachte unsere Leserin Anna, 34, sie bekomme vielleicht irgendwann noch ein viertes Kind. Mittlerweile sind ihre drei Kinder so groß (zwischen 7 und 10), dass sie weiß: Weiterträumen von einem Baby ist schön. Aber in Wahrheit steht längst fest: Sie wird nie wieder schwanger sein. Die Familie ist komplett. Abschied von einem Lebensgefühl.

Meine Tasche vibriert. Ich bin unterwegs von einem zum nächsten Termin. Ich krame das Handy aus meiner viel zu vollen Tasche. Es zeigt mir eine Nachricht an. Ich klicke. Ein Bild erscheint. Es ist das Foto eines positiven Schwangerschaftstests… So ein Moment schneidet sich wie ein warmes Messer durch kalte Butter. Es trennt die Zeit in ein Vorher und in ein Nachher. Besonders, wenn auf das Foto noch der Satz „Du wirst Patentante“ folgt.

Ich könnte weinen vor Rührung. Ein neuer Mensch. So schön! Und da ist es wieder, dieses Gefühl des Ungewissen: was wird wohl kommen, wer wird wohl kommen? Wie wird die Schwangerschaft, wie die Geburt verlaufen, wie wird das Baby sein? Neugier, Vorfreude. Aufregung, Prickeln. Die Welt dreht sich einfach weiter bei solchen Nachrichten, aber in uns drin tobt etwas Weltbewegendes. Ein Baby!

Ich bin so froh, Patentante zu werden, um das alles noch einmal – zumindest ein bisschen – miterleben zu dürfen. Denn in meinem Leben als Dreifachmutter ist klar: Ich werde nie wieder schwanger sein.

Hab ich diesen Satz wirklich gerade geschrieben? Mir fällt dieses Endgültige immer noch schwer. In mir tobt ein Kampf zwischen Realität und Fantasie. Die Realität sagt: Du hast drei tolle Kinder, deine letzte Schwangerschaft ist acht Jahre her. Du wirst nicht jünger. Die Kinder sind doch jetzt aus dem Gröbsten raus und du hast endlich wieder mehr Freiheiten.

Die Fantasie sagt: Du hast drei tolle Kinder, da würde das vierte doch auch so toll werden. Du bist doch noch jung (ist man das gefühlt nicht immer?). Die Kinder brauchen dich physisch nicht mehr so sehr, also warum nicht die frei werdenden Ressourcen in ein neues faszinierendes Lebewesen stecken? Die Großen würden bestimmt helfen, sie sind es doch, die immer wieder fragen: Warum bekommen wir nicht noch ein Baby?

Da! Da ist dieses Blubbern in meinem Bauch, wie automatisch lege ich meine Hand schützend darauf. Ach nee, da ist kein zappelnder Mensch, da sind nur Darmbewegungen, die Zeiten mit Baby im Bauch sind vorbei. Es ist einfach so: Ich habe recht jung Kinder bekommen, mit Mitte 20. Viele meiner Freundinnen bekommen jetzt erst Nachwuchs, vielleicht denke ich deswegen so viel nach?

Ein weiteres Kind: Will ich oder will ich nicht?

Wenn ich auf Dienstreise fahre und mir eine neue Stadt anschaue, dann denke ich: Diesen herrlichen freien Moment friere ich mir jetzt ein und taue ihn auf, wenn ich wieder schwach werden sollte und denke: Ich hätte so gern noch ein Baby. Zeiten, in denen ich am ersten Tag der Periode ausrechne, an welchem Tag ein Kind wohl kommen würde, falls ich im nächsten Zyklus ungeplant schwanger würde. Einzig: es wird nicht passieren. Für den Mann ist das klar. Für mich eigentlich auch…

Ich koste von der Freiheit, die sich wieder einstellt, ich koste von der Anna, die ich vor den Kindern war, die gern getanzt hat, die gern viel Zeit mit Freunden verbracht hat, Hobbys hatte und viel und gern arbeitete. Und mein Mutterherz sagt mir: das alles plus ein Baby, das wäre perfekt. Aber dann schaltet sich die Vernunft ein und sagt: Vor dem ersten Kind dachte ich auch, alles ginge so weiter, nur dass noch ein lächelndes Baby dazu käme.

In Wirklichkeit sah das aber anders aus: Erst war da die schlimme Übel- und Müdigkeit. Da waren zwei Kaiserschnitte – der Gedanke, die Narbe noch einmal zu öffnen, macht mir Angst. Da waren nach der Geburt die Schreiphasen jeden Abend, immer um die sechs Stunden, ein halbes Jahr lang. Die Blähungen. Die durchwachten Nächte, das Gefühl, alles an einem klebt. Das Kind klebt, die Haare kleben, das Leben klebt, weil Tag und Nacht sich nicht mehr unterscheiden.

"Es ist alles gut so, wie es ist"

Und dann sehe ich mir unsere drei Kinder an, drücke sie, helfe ihnen bei den Hausaufgaben, fahre sie zu ihren Hobbys und lege mich abends ins Bett, mit der Gewissheit, durchschlafen zu dürfen und am nächsten Morgen zur Arbeit zu fahren, die ich wirklich liebe. Und dann denke ich: Es ist alles so gut so, wie es ist. Ich habe die Zeit, sie in ihrem Alltag zu begleiten. Ich habe vor allem auch die Nerven, das zu tun (meistens zumindest).

Es fühlt sich rund an. Wir sind komplett! Auch wenn da diese Sehnsucht noch in mir schlummert. Ich nehme sie ernst. Sie zeigt mir, dass meine Gefühle groß genug ist, noch weitere Wesen in mein Herz zu schließen. Ich habe die Patenschaft für einen Flüchtlingsjungen übernommen, die mich unglaublich erfüllt. Wir sehen uns regelmäßig, seit über einem Jahr und es ist jedes Mal inniger. Ich überlege aber auch, mehr für mich zu tun. Da ist noch dieser Traum aus meiner Kindheit, ein eigenes Pferd. Wer weiß, vielleicht werde ich mir den irgendwann erfüllen, wenn neben Arbeit, Beziehung, Freunden, Kindern und Haushalt noch mehr Ressourcen frei werden?!

Und da ist noch mein Patenkind. Die Schwangerschaft verlief gut, die Geburt war schmerzhaft, das Kind ist fantastisch. Es gluckst, es brabbelt, es lächelt und lernt. Es macht mich glücklich, dieses Kind so nah zu erleben und trotzdem nicht selbst die Verantwortung zu tragen. Es ist das, was ich mir eigentlich wünschte: alles bleibt gleich in meinem Leben, aber da ist ein neuer kleiner Mensch. Ich fahre jetzt einfach so oft es geht zu ihm, wenn ich den Duft eines Babys einatmen – und trotzdem durchschlafen möchte.

 

Tags: Kinderwunsch, Familienplanung, Baby, Schwangerschaft, schwanger, Mama, Kinder

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Kommentare

Katrin — Fr, 09/14/2018 - 21:51

Ganz ruhig durchatmen und die Bauchgefühle wachsen lassen... du bist 34, nicht 44.

anja — Sa, 09/15/2018 - 07:45

du hast doch bereits 3 kinder, da ist es doch nicht so schlimm wenn du kein 4. kind mehr bekommst. das ist besser und stressfreier nur 3 kinder zu haben. die überbevölkerung der erde wird ein zunehmendes problem weshalb ich der meinung bin dass man lieber nicht zu viele kinder kriegen sollte.

Hollie — Sa, 09/15/2018 - 12:05

Aber der Kinderwunsch ist etwas biologisch natürliches und höchstpersönliches. Das kann jede Frau nur für sich selbst entscheiden, wann Schluss ist.

Sandra — Sa, 09/15/2018 - 17:10

Sorry, aber dein Kommentar hat null Sinn. Warum sind 4 Kinder stressiger als 3? Warum sind 3 überhaupt stressig ?? Auch mit einem Kind kann. Es stressig sein... Vor allem die Aussage "das ist besser" !

Antje — Mo, 09/17/2018 - 15:01

...die kenne ich auch. Auch ich habe 3 Kinder und bin 34 Jahre alt. Allerdings sind meine Kinder noch deutlich jünger als die von Anna aus diesem Gastbeitrag. Trotzdem - bei jeder Schwangeren Frau, jeder Schwangerschafts- oder Geburtsnachricht aus meinem Freundeskreis zieht es in meinem Bauch, blubbert es in meinem Herzen... da wäre noch Platz für ein kleines Menschlein mehr... Aber der Kopf oder die Vernunft sagt dann doch eher nein (neues Auto, nicht genug Kinderzimmer, der Schlaf, unsere Nerven - ja sogar die Überbevölkerung auf der Welt... und und und). Und dann denke ich mir, wir haben ja noch ein bisschen Zeit, das zu entscheiden. Der Kleinste ist ja gerade erst 1 Jahr geworden und der Mann muss es ja auch wollen. Aber diese Sehnsucht, ja die kenne ich und frage mich, ob sie jemals ganz vergeht...?!?

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