Gastbeiträge

29/09/2015 - 07:30

Land-Mama Lisa

Gastbeitrag von Nadja zu ihrer Abtreibung: "Ich habe mein ungeborenes Kind Miriam genannt"

Ihr Lieben, wir haben vor einiger Zeit auf unserer Facebookseite gefragt, ob jemand sich trauen würde, uns von seiner Abtreibungs-Erfahrung zu erzählen. Wir haben gemerkt: Ja, es gibt viele Betroffene und ja, es wird zu wenig darüber geredet.

Wir haben uns deswegen für eine Mini-Serie zum Thema entschieden, die bis morgen laufen wird. Gestern kam Mimi mit ihrer Geschichte zu Wort, die sich noch immer schuldig fühlt. Heute erzählt Nadja von ihrer einschneidenden Erfahrung mit dem Thema.

Der Sommer 2006 war für viele Deutsche das Fußbal-Sommermärchen. Für mich nicht. Es war der Sommer meiner Abtreibung.

Ich war 22 Jahre alt, war seit einem Jahr mit einem Mann zusammen, der mich mehrfach geohrfeigt, mich angespruckt hat und einmal vors Schienenbein getreten hat, der mich mehrmals zum Sex gezwungen hat, obwohl ich ausdrücklich nein gesagt habe. Er war krankhaft eifersüchtig. Mit Freundinnen konnte ich nur heimlich ausgehen. Hätte ja sein können, dass ich dabei einen Mann kennenlerne.

Mehrmals wollte ich mich trennen, konnte aber nicht, da ich nicht alleine sein kann. Und dann stellte ich fest, dass ich schwanger war. Erst zwei Monate zuvor hatte ich die Pille aus gesundheitlichen Gründen abgelehnt und wollte Kondomen vertrauen. Ich war Studentin und Anfang zwanzig. Meine Familie war arm. Ich war die erste in der Familie, die die Chance auf Abitur und Studium hatte. Meine Mutter arbeitete schwarz als Putzfrau, um mich im Studium unterstützen zu können.

Ich weiß, es gibt Frauen, die schaffen Kind und Studium, auch als Alleinerziehende. Aber ich kenne meine Grenzen. Ich hätte es nicht geschafft. Ich hätte mich direkt exmatrikulieren und Hartz4 beantragen können. Ich bin sicher, dass ich lange nicht aus dem Hartz4-Bezug gekommen wäre.

Mein Freund hätte das Kind mit mir erzogen, aber ich hatte Angst, dass er mich schlägt, wenn ich erst mal von ihm abhängig bin. Wenn er vorher schon mehrfach handgreiflich geworden ist. So konnte ich kein Kind bekommen.

Kurzfristig habe ich überlegt, das Kind anonym zu bekommen (das war damals noch möglich) und wegzugeben. Aber das hätte in der Umsetzung nicht geklappt. Ich hätte niemals vor meiner Familie die Schwangerschaft verheimlichen können. Obwohl ich es genau durchdacht habe. Ich hätte z.B. ein Auslandssemester vorschieben können. Aber was, wenn mich jemand im Ausland hätte besuchen wollen? Nein, das war keine Option.

Also hatte ich eine Abtreibung in der 11. Schwangerschaftswoche. Das war am Tag als Deutschland gegen Schweden gespielt hat. Am Tag zuvor saß ich noch in einem Eiscafé, beobachtete Mütter mit Kindern und fragte mich, wie mein Kind wohl aussehen würde.

Von meinem Freund habe ich mich getrennt. Mein Studium habe ich beendet. Ich habe nun einen guten Job, einen Ehemann und inzwischen erwarte ich unser zweites Kind. Ich bin aktuell wieder in der 11. Woche. Das ist für mich eine schwierige Etappe meiner Schwangerschaft. Ich will z.B. aktuell keinen Ultraschall machen und sehen. Dann würde ich ja sehen wie weit das Baby damals war.

Bis heute erinnert mich jährlich eine Notiz in meinem Handykalender an den errechneten Geburtstermin des Babys. Es würde nun zur Schule gehen. Es wäre 8 Jahre alt. Ich habe es Miriam genannt. Ich hatte das Gefühl, es war ein Mädchen. Ich habe nachts von einem Mädchen geträumt. Ein Mädchen, dass sauer auf mich ist und mich verletzten will, so wie ich es verletzt habe.

Ich war bei der Beerdigung des Babys. Bei uns werden abgetriebene und fehlgeborene Embryonen mehrmals jährlich in einem eigenen Grab beerdigt. Ich war bei der Beerdigung. Es war furchtbar. Die beiden Pastorinnen haben nur von Fehlgeburten gesprochen. Um mich herum waren lauter Familien, die um ihre Fehlgeburten getrauert haben. Ich habe gedacht, wenn die wüssten, wieso ich hier bin... Am Grab war ich seitdem nicht mehr. Obwohl ich nicht weit entfernt wohne.

Ich trage bis heute eine Katalogseite mit mir herum, die ich damals gesehen und ausgerissen habe. Man sieht darauf ein etwa 2jähriges Mädchen. Als ich es sah, war ich mir sicher, so würde meine Tochter aussehen. Genau diese Hautfarbe würde es haben. Mein Exfreund war Nordafrikaner. Er war gebräunt, ich eher blass. Unser Kind hätte bestimmt auch einen sonnengeküssten Teint gehabt. Die Katalogseite ist zerfleddert und ich habe inzwischen mehrmals mein Portemonnaie gewechselt. Aber das Bild kann ich nicht wegschmeißen.

Mein Exfreund hat gesagt, das Kind wird uns irgendwann vor dem Jüngsten Gericht zur Rechenschaft ziehen. Auch wenn ich das nicht glaube, läuft mir bei dem Gedanken ein kalter Schauer den Rücken runter.

Als ich Jahre später mit meinem Ehemann ein Kind haben wollte, stellte sich heraus, dass er eine sehr schlechte Spermienqualität hat. Wir brauchten eine künstliche Befruchtung. Ich habe mich nicht gefragt, wieso gerade wir. Ich wusste ja, wieso gerade ich. Für mich war es die logische Folge und Bestrafung. Man kann nicht ein Kind nicht annehmen und anschließend erwarten, dass es keine Konsequenzen hat.

Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich bereue es nicht. Ich kann mir mein Leben mit diesem Baby immer noch nicht vorstellen. Es wäre nicht gegangen. Aber vergessen ist Miriam nicht.

Ich war in meiner Familie nicht nur die erste Abiturientin, sondern auch die erste Frau, die diese Möglichkeit hatte. Meine weiblichen Vorfahren konnten sich nicht für oder gegen eine Abtreibung entscheiden. Sie alle haben ungewollte Kinder bekommen. Und teilweise sieht man das heute noch in den Verhältnissen zu ihren Kindern. Ich bin froh, dass ich diese Möglichkeit hatte.

Tags: Abtreibung

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Kommentare

Gast — Di, 09/29/2015 - 09:16

Es gibt einfach Situationen, in die kein Kind geboren werden sollte. Wichtig ist, dass wir Frauen aufhören uns selbst zu zerfleischen. Niemand unterbricht eine Schwangerschaft aus Jux und einfach mal so. Trotzdem müssen wir uns nicht für immer Vorwürfe machen. Männer tun dies sicher qucj nicht - dabei ist es genauso ihr Kind...

Melli — Di, 09/29/2015 - 10:00

Liebe Nadja, dein Text geht mir unter die Haut. Auch ich habe so gehandelt - unsere Geschichten sind ähnlich. Mein Sohn (ich bin mir sicher es wäre ein Junge geworden) wäre heute 12 Jahre alt - ein Teenager fast. Auch ich vermisse dieses Kind nicht. Es ist gut so. Ich bereue auch nichts, aber denken tue ich trotzdem ab und zu an ihn. Mittlerweile habe ich 3 gesunde Kinder bekommen und bin dankbar für, dass ich damals die Möglichkeit einer Abtreibung hatte.

Lena — Di, 09/29/2015 - 10:15

Versuche es gut sein zu lassen, genau für solche Situationen ist Abtreibung m.E. legalisiert worden. Ich beglückwünsche dich zu deinem guten Leben! Du hast es dir wirklich verdient! Alles Gute!

Klaudi — Di, 09/29/2015 - 11:01

Egal was Frauen zur Abtreibung bewegt ob entschlossen, selbstsicher oder verunsichert.Der tiefe, stille Schmerz bricht irgendwann aus, wie aus dem Nichts.Es wird immer emotionale Folgen haben. Immerhin ist es das eigene Kind, was ein anrecht auf Leben hatte.Es macht mich sehr, sehr traurig wenn ich lese man ist dankbar dafür, die Möglichkeit einer Abtreibung zu haben. Es war sicher nicht leicht darüber zu schreiben. Alles Gute Ihnen.

Sabine — Di, 09/29/2015 - 11:05

Liebe Nadja! Ich verstehe Dich sehr gut, habe eine sehr ähnliche Geschichte. Ich habe meinem jetztigen Mann sofort davon erzählt, da war die Abtreibung aber auch noch relativ frisch. Wir haben geheiratet, haben uns Kinder gewünscht. 4 Jahre haben wir gewartet obwohl bei uns beiden alle in Ordnung war. Vor unserer kirchlichen Hochzeit war ich bei einem Pastor der eine Gruppe für Frauen nach Abbruch betreut. Er hat mir die Beichte abgenommen. Danach ging es mir sehr viel besser. Seitdem habe ich ein Patenkind in Mexiko. Ich werde mein 1. Baby nie vergessen. Aber ich weiß, es wäre nicht gut gewesen. Mein Ex hätte uns das Leben zur Hölle gemacht. So wollte ich kein Kind. Und konnte mich endlich trennen. Heute bin ich glücklich verheiratet habe eine wundervollen Sohn und bin glücklich. Vergessen werde ich trotzdem nie. Und das ist auch gut so. Ich Drück Dich und Danke Dir für den Mut Deine Geschichte zu erzählen.

Anja Kirchner — Do, 11/12/2015 - 18:03

Liebe Nadja, deine Geschichte berührt mich sehr. Obwohl ich zum Glück noch nie in einer solchen Situation war und auch noch keine Kinder habe kann ich beim Lesen richtiggehend fühlen, wie schwierig das für dich war und mit viel Liebe du heute noch an Miriam denkst. Ich bin sehr spirituell, d.h. ich versuche immer die Dinge in einem Gesamtzusammenhang zu sehen und als ich las, dass in deiner größeren Familie einige ungewollte Kinder geboren wurden, dachte ich, dass du womöglich das Karma und die damit den Lauf der Geschichte in deiner weiblichen Ahnenlinie verändert hast. Das ist sehr mutig und tapfer und geht immer einher damit, dass man alleine seinen Weg gehen muss. Danke für deine Offenheit und deine Ehrlichkeit. Wie gesagt, das hat mich sehr berührt. Liebe Grüße! :)

Gabi — Fr, 08/19/2016 - 21:31

Das war bei mir die Woche als unser Kind uns von sich aus verließ. Unglaublich dass einige so gehen und einige im selben Zeitraum gehen müssen. Das ist ungerecht... jedes Kind hat doch ein Recht auf Leben...

Purzel — Sa, 08/20/2016 - 09:12

Heute wäre meine Tochter, von der ich glaube dass es eine war,24 Jahre alt. Sie hätte zwei Geschwister auf dieser Welt die jeweils 14 und 18 Jahre jünger wären. Dazwischen gingen noch zwei von selber. Ich war damals sehr sehr jung und hatte eine Beziehung die ungefähr 5 Jahre andauerte. Diese war sehr von Gewalt und besitzenden geprägt. Ich habe mich trotzdem über die Schwangerschaft gefreut aber aus Angst auf die Reaktion auf die ungeplante Schwangerschaft nichts erzählt um mir über meine Optionen klar zu werden. In einem Streit der sehr sehr körperlich wurde habe ich das Kind dann verloren. Da ich trotz meiner gefühlsbetontheit trotzdem ein sehr pragmatischer Mensch bin könnte ich sehr gut mit der Situation umgehen und war auch vielleicht etwas erleichtert. Ich war anschließend noch 4 Jahre mit diesem Menschen zusammen, kann es heute nicht mehr nachvollziehen. Dieses Kind wäre in keine gute Familie hineingehören, nicht in eine wie ich sie hatte. Meine lebendigen Kinder sind das. Vermutlich wäre mein Lebensweg ein komplett anderer weit nicht so guter geworden wie er es bis jetzt war. Ich weiß heute, dass ich das Kind vermutlich ausgetragen hätte, bin aber dennoch froh, dass es anders kam. ich denke oft an Sie.

Mel — Do, 03/22/2018 - 11:43

Ein Kind abzutreiben, ist die schwerste Entscheidung, die ich je zu treffen hatte! Es wäre mein 3.Kind gewesen, nach 2 Söhnen hatte ich das Gefühl, daß es endlich das ersehnte Mädchen gewesen wäre! Mein Mann wollte aber keinesfalls ein weiteres Kind. Ich hatte 2 sehr schwierige Kaiserschnitte, beim 2.wäre ich fast gestorben. Die Ärzte hatten mir eher von einem weiteren Kind abgeraten. Da mir das Risiko, daß was passieren könnte und meine Jungs plötzlich keine Mama mehr hätten, viel zu groß war, habe ich mich schweren Herzens für den Abbruch entschieden! Solch eine Entscheidung ist niemals „klar“ und erst recht nicht leicht! Ich war früher immer total dagegen! Aber ich bin sehr froh, daß wir in Deutschland diese Option haben! Es war die richtige Entscheidung, auch wenn ich wohl den Rest meines Lebens um „sie“ trauern werde :-(

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