Unser erstes Weihnachten ohne Papa: „Er fehlt so sehr“

Ihr Lieben, vor einigen Tagen haben wir den Beitrag von Kathrin geteilt, die über das erste Weihnachten ohne ihren Mann geschrieben hat (HIER klicken, um den Beitrag nochmal zu lesen). Der Artikel ging viral, er hat so so so viele von euch berührt. Auch Silke hat diesen Text gelesen, ihr Mann ist im Sommer gestorben. Ihr und den Kindern steht also dieses Jahr das erste Weihnachten ohne den geliebten Partner und Vater bevor. Ihre Gefühle und Gedanken hat sie für uns aufgeschrieben. Wir danken dir sehr für dein Vertrauen…

Mein Name ist Silke, mein Mann Karen (das ist ein armenischer Männername) ist in der Nacht vom 17.07. auf den 18.07.2021 gestorben. Einfach so, es gab keine Anzeichen, dass er sterben würde.

Es war ein Samstag, wir waren nachmittags noch im Park mit unseren Kindern spazieren. Unsere Tochter ist 7 Jahre alt, unser Sohn ist 8 Jahre alt, er hat das Down Syndrom. Das Foto oben habe ich auf diesem Spaziergang gemacht, es ist das letzte Foto von Karen. Nach dem Spaziergang hat mein Mann noch den Grill angeschmissen und wir haben alle gemeinsam gegessen.

Unser Sohn kann nicht so gut alleine einschlafen, also hat sich mein Mann abends zu ihm ins Bett gelegt und mit ihm gekuschelt. Dabei ist er wohl eingeschlafen, das passierte uns öfter. Ich bin dann später alleine ins Bett, dachte, ich lasse meinen Mann lieber schlafen.

Kurz vor zwölf bin ich wach geworden, ich hatte so einen komischen Druck auf der Brust. Ich habe mich aufgesetzt, versucht, tief durchzuatmen und dabei auch gesehen, dass mein Mann nicht neben mir liegt. Ich bin heute fest davon überzeugt, dass das der Todeszeitpunkt meines Mannes war. Er würde wahrscheinlich darüber lachen und sagen, dass ich das ja nicht genau wissen kann, aber ich glaube es.

Ich bin morgens als Erste wach geworden, das ganze Haus war noch still. Irgendwann kamen die Kinder zu mir ins Bett und sagten: „Papa schläft noch!“ Ich hab mich für ihn gefreut, dass er mal ausschlafen kann und bin mit den Kindern in die Küche zum Frühstück. Sie wollten dann etwas auf ihren Tablets machen, die waren allerdings noch im Kinderzimmer. Ich bin dann also leise rein ins Zimmer, dort brannte ein kleines Licht – und ich habe sofort gesehen, was los ist…

Wie in einem Film habe ich den Kindern die Tablets und Kopfhörer gegeben, sie ins Wohnzimmer gesetzt, die Tür zugemacht und den Krankenwagen gerufen. Der Arzt sagte später, dass mein Mann in der Nacht gestorben ist, er hatte die ganze Nacht unseren Sohn im Arm. Die genaue Todesursache ist ungeklärt.

Ich konnte das alles nicht verstehen. Wir wollten doch in wenigen Tagen in den Urlaub fahren, drei Wochen lang. Wir haben jeden Abend gegoogelt und uns schon überlegt, wo wir essen gehen, an welchen Strand wir fahren. Und plötzlich… war er weg. Mein Mann, mein bester Freund, der Vater meiner Kinder. Karen, der so zuverlässig und fleißig war, sportlich, fürsorglich, stur und beschützend. Einfach weg.

Als der Krankenwagen weg war, verfiel ich in Trance. Ich rief alle möglichen Leute an, zuerst unsere großen beiden Kinder, die in der Nacht nicht zu Hause waren. Immer wieder klingelte Karens Telefon, weil sich die Nachricht von seinem Tod schnell verbreitete und es viele nicht glauben konnten, ihn einfach anriefen. Und dann natürlich unsere zwei Kinder. Sie haben es gar nicht richtig verstanden, glaube ich. Es war absolut surreal.

Die ersten Tage nach Karens Tod war wahnsinnig viel Trubel. Wir haben viele Freunde, Karen kannte etliche Leute vom Bau und alle wollten helfen. Sie haben Essen gebracht, waren einkaufen, haben mir die Kinder abgenommen, haben mit Behörden und Ämtern telefoniert. Karens Familie aus dem Ausland wollte kommen, dafür mussten Visa organisiert, außerdem natürlich die Beerdigung geplant werden. Ich habe nur funktioniert und gemacht, was mir gesagt wurde. An Einzelheiten kann ich mich nicht mehr erinnern.

Und dann der Besuch im Beerdigungsinsitut. Einen Sarg aussuchen für deinen Mann. Das konnte nicht sein, durfte nicht sein. Ich war doch erst 45 Jahre alt. Jetzt war ich Witwe? Wir hatten doch noch so viel vor, die gemeinsame Zeit war viel zu kurz gewesen. War das alles nur ein böser Traum?

Dann endlich kam auch Karens Bruder aus Russland. Er ist meinem Mann so ähnlich, sein Gesicht, seine Art. Es tat gut, dass er da war. Er fühlte ähnlich großen Schmerz.

Ich hatte solche Angst vor der Beerdigung. Ich wollte, dass viele Menschen kommen. Ihn leise zu beerdigen, das passte nicht. Er war nie leise gewesen, sondern immer laut, gesellig und beliebt. Ich wollte, dass man das sieht an der Beerdigung. Viele Menschen, die traurig sind, dass er nicht mehr da ist.

Und gleichzeitig wollte ich nicht, dass der Tag der Beerdigung kommt. „Wenn ich ihn beerdige, ist es vorbei. Dann ist er wirklich weg“, dachte ich. Dann ist es so endgültig.

Als wir nach der Trauerfeier ins Auto stiegen, fing es an zu regnen. So stark, dass die Scheibenwischer es nicht mehr geschafft haben. Ungewöhnlich für Anfang August. Man sagt: „Wenn ein guter Mensch zu Grabe getragen wird, weint der Himmel.“ Und genauso war es.

Wir sind dann kurz darauf tatsächlich in den Urlaub gefahren. Wir mussten einfach mal raus. Als wir über die Grenze Kroatiens gefahren sind, musste ich anhalten. Minutenlang habe ich im Auto geweint. Dann haben wir das Meer gesehen, die Kinder haben sich so gefreut. Ich bin ganz weit rausgeschwommen, habe versucht, ihn zu fühlen. Aber es kamen nur noch mehr Tränen. Die Tage im Urlaub waren schön und schlimm zugleich, aber ich glaube, es war richtig, zu fahren.

Zurück zu Hause war es still, richtig still und leer. Für unseren Großen war es ganz besonders schlimm. Durch seine Behinderung versteht er alles nicht so richtig. Immer wieder fragt er: „Wo ist Papa?“ und antwortet sich selbst: „Papa ist arbeiten.“ Denn das war ja all die Jahre zuvor immer meine Antwort auf die Frage gewesen. Ich sage nun immer: „Nein, Papa ist tot, er ist jetzt im Himmel. Er kann nicht mehr nach Hause kommen.“ Aber unser Sohn versteht nicht, was „tot“ bedeutet. Manchmal guckt er lange Videos von Papa auf dem Tablet, manchmal wischt er alles mit Papa schnell zur Seite, ist bockig und aggressiv.

Auch unsere Tochter hat starke Stimmungsschwankungen und weint viel. Sie fragt viel, redet viel über Papa, macht sich Gedanken, ob man Papa jetzt noch was zum Geburtstag schenken kann. Sie war eigentlich meinem Mann am ähnlichsten, sehr taff, sehr selbstbewusst. Seit seinem Tod ist sie sehr still und ruhig, hat Angst, wenn zu wenig Lichter brennen und kann auch nicht mehr alleine im Zimmer einschlafen.

Nun steht Weihnachten, Silvester und Anfang Januar Karens Geburtstag an. Ich wünschte, es wäre alles schon vorbei. Ich konnte mich noch nicht überwinden, das Haus zu schmücken, aber ich werde es für die Kinder tun. Ich werde einen Baum kaufen, das war eigentlich immer Karens Aufgabe. Wir haben zwei Christbaumkugeln gekauft, in die man Fotos reintun kann. In eine stecken wir ein Foto von unserem letzten Weihnachtsfest und in die andere ein Foto von Papa. Das habe ich meiner Tochter versprochen.

Damit wir Heiligabend nicht alleine sein müssen, gehen wir zu sehr engen Freuden. Am Heiligabend vor vielen Jahren hat Karen mir einen Heiratsantrag gemacht. Er war gar nicht romantisch und immer wenn wir davon erzählt haben, mussten wir alle so lachen. Dieses Jahr werde ich nicht darüber lachen. Ich werde am 24. nicht in die Kirche gehen, zu sehr würde ich vermissen, wie Karen neben mir das Vater unser auf Armenisch flüstert. Das habe ich so geliebt.

Silvester hat uns eigentlich immer viel bedeutet, der Tisch war voll gedeckt mit traditionellen Gerichten aus Russland und Armenien. Wir haben immer russische Musiksendungen geschaut, die Kinder bekamen nochmal Geschenke. All das kann ich dieses Jahr nicht, ich denke, wir werden einfach alle früh schlafen gehen.

Und dann noch am 2.1. Karens Geburtstag. Es werden Gäste kommen und wir werden über ihn reden. Die Kinder haben Bilder gemalt, die wir zum Grab bringen werden.

Ich bin sehr dankbar, dass wie viele gute Freunde haben, sie sich immer noch gut um uns kümmern, die mir zuhören, uns Essen bringen, die Kinder versorgen. Und dennoch bin ich so schrecklich einsam. Karen fehlt mir so sehr. Diese Lücke, die er hinterlässt, ist so gewaltig. Jede freie Minute bin ich an seinem Grab, dort fühle ich mich ihm an nächsten. Dort muss ich mich nicht zusammenreißen und funktionieren. Dort kann ich mit ihm reden und einfach nur weinen.

Dann stehe ich auf und versuche, unser Leben auf die Reihe zu bekommen. Ich wünsche mir, dass die Kinder und ich ohne psychischen Knacks da durchkommen, denn Karen hätte genau das gewollt: Dass wir wieder glücklich werden und eine Zukunft haben….

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6 comments

  1. Liebe Silke,

    mit großem Bedauern habe ich deinen Bericht gelesen – so etwas rührt mich immer zu Tränen.

    Ich finde es bewundernswert, daß du überhaupt die Kraft hast, über etwas so persönliches, so offen darüber zu schreiben! Es ist ganz furchtbar, wenn ein Mensch so aus dem Leben der Familie gerissen wird und ich fühle mit dir und deinen Kindern und hoffe, daß ihr diese Zeit überstehen werdet.
    Zudem kann ich es mir kaum vorstellen, wie schwer es sein muß allein deine beiden Kinder großzuziehen (besonders in dieser schwierigen Corona-Zeit), bzw. wie deine Kinder den Verlust des Papas verkraften. Ich hoffe, daß du Hilfe und Rückhalt in deiner Familie findest! Gerade jetzt in der Weihnachtszeit wo die Familie zusammenkommt, müssen das super-schwere Tage für dich (euch) sein.

    Natürlich werde ich durch deinen Bericht auch an die Zeit (vor einigen Jahren) zurückerinnert als mein Papa verstarb. Ich hatte das Glück, daß meine Mama zwar in Trauer war, aber dennoch die Kraft hatte damit umzugehen und alles danach (Beerdigung, etc.) zu regeln. Auch für mich war es ein großer Verlust den Papa zu verlieren und gerade an solch heiligen Tagen (Weihnachten…) wird einem das wieder schmerzlich bewußt.
    Aber das Leben musste ja weitergehen. Meine Mama fand eine neue Liebe und ist heute super glücklich mit ihrem Schatz – wobei unser Papa natürlich nie vergessen wird!!!

    Nach meiner Trauerphase entwickelte ich mich auch weiter und fand quasi ein neues Leben – mit neue Perspektiven. Genau das wünsche ich dir und deiner Familie!!!

  2. Sehr berührend und traurig. Der Verlust tut mir sehr Leid.
    Man spürt ihre Liebe zu Karen in jeder Zeile ihres Textes.
    Es ist ein schöner Gedanke das er bei seinem Sohn war.
    Vielen Dank fürs Teilen der Geschichte
    Auf dem Foto, durch die Erzählung wirkt er wie ein fitter Mann mitten im Leben. Solche Texte helfen einen dabei nicht alles selbstverständlich anzunehmen und die eigene Gesundheit und die der Liebsten viel mehr wertzuschätzen.

  3. Liebe Silke, tröstende Worte gibt es wohl kaum, dennoch wünsche ich dir und deinen Kindern die Kraft diese schwere Zeit zu durchstehen! Ich schicke dir unbekannterweise eine Umarmung!
    Julia

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