„Ich musste mit meinem Baby im Obdachlosenheim leben“- Interview mit Ute

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Liebe Ute, Du hast uns geschrieben, dass Ihr einige Zeit im Obdachlosenheim leben musstet. Das waren sicher sehr harte Wochen!

Ja, das waren sie. Vorallem, weil meine erste Tochter gerade mal drei Wochen alt war, als wir dort einziehen mussten. Was für eine besondere Zeit, in der man es sich eigentlich zu Hause schön machen sollte…

Wie sah die Wohnung im Obdachlosenheim aus?

Ich würde sagen, wir hatten Glück im Unglück. Das Heim liegt in einem Industriegebiet, dort gab es drei Häuser für Obdachlose und einen Kälteschutzraum. In jedem Haus waren sechs Wohnungen mit je drei Zimmern. Da wir ein Baby hatten, bekamen wir die einzige abgeschlossene Einzimmer-Wohnung und hatten auch ein Bad und eine Küche für uns alleine – deshalb also Glück im Unglück. 

Es gab einen Hausmeister, der versucht hat, das Gelände zu pflegen und auch der Sandkasten wurde regelmäßig gesäubert. Aber dank der anderen Bewohner sah das Gelände dort ständig aus wie nach einer Party. Ich weiß es natürlich nicht sicher, aber gefühlt hatte jeder dort ein Alkohol-oder Drogenproblem. Manche haben einfach ihre Flaschen in den Innenhof geschmissen, es lagen auch viele Zigaretten und Joints rum. Eine Frau zeigte im Rausch immer ihre nackten Brüste aus dem Fenster. Es war mitunter echt schlimm – wir waren über sieben Monate dort.

Was ist passiert, dass Ihr dort überhaupt leben musstet?

Ich bin Servicekraft in einem Restaurant und war damals in Elternzeit. Mein Lebensgefährte hatte eine gut bezahlte Arbeit als Fahrzeugbautechniker. Ich hatte vorher eine süsse kleine Wohnung, in der ich jahrelang gewohnt habe und die mit 580 Euro absolut bezahlbar war. Dann ist mein Freund miteingezogen und das fand der Vermieter nicht gut. Als ich sagte, ich sei schwanger, meinte er, das könne er nicht akzeptieren, weil es ja nur zwei Zimmer wären und es somit für drei Personen viel zu eng sei. Er hat mir die Wohnung dann zum Jahresende gekündigt. Weil wir aber nichts bezahlbares gefunden haben, hat er noch bis Januar verlängert. Doch dann mussten wir raus. 

Kannst Du Dich noch an die erste Nacht im Obdachlosenheim erinnern?

Ja, wir kamen an und hatten praktisch nichts. Mein Freund hat dann mit einem Bekannten noch einige Möbel von uns gebracht und unsere Matratze. Abends haben wir zu dritt am Boden gelegen und konnte nicht aufhören zu weinen. Ich konnte das alles gar nicht glauben. Dass ICH in so eine Situation gekommen war. Ich hatte doch immer ein geregeltes Einkommen und wollte meinem Kind ein schönes Heim bieten. Ich fühlte mich als komplette Versagerin. Und ich war wütend, dass ich es nicht geschafft hatte. Und ich fühlte mich schrecklich allein. 

Hattet Ihr in der Zeit Kontakt mit dem Jugendamt? Was wurde Euch da gesagt?

Wir hatten nur Kontakt wegen der Vaterschaftsanerkennung und des Sorgerechts. Aber ich hatte ständig Angst, dass das Jugendamt auftauchen würde und sagen würde, das Heim sei kein guter Platz für Kinder. Ich hatte panische Angst, man könnte mir mein Kind wegnehmen. 

Wie lange habt Ihr nach einer neuen Wohnung gesucht und woran scheiterte es, dann Ihr schnell neuen Wohnraum gefunden habt?

Wir haben monatelang nach drei Zimmern für 800 Euro Warmmiete gesucht. Fast alle Wohnungen waren teurer. Und meist wurden wir gar nicht zum Besichtigungstermin eingeladen, wenn wir unsere Adresse angeben mussten – jeder wusste, dass da das Obdachlosenheim ist. 

Wie sind die Kinder mit der Situation umgegangen? Und wie Eure Bekannten und Freunde?

Meine Kleine hat das zum Glück alles noch gar nicht so mitbekommen, sie war ja noch ein Baby. Ich habe mit den Kindern tagsüber viel Zeit bei meinen Eltern und Geschwistern verbracht, ich habe versucht, nur am Abend und über Nacht im Heim zu sein. Meine Kinder, ich habe mittlerweile noch eine zweite Tochter, sind beide wunderbar und stark wie Löwenkinder. 

Ohne unsere Freunde und Familie hätten wir das alles nicht geschafft. Meine beste Freundin war Tag und Nacht da, hat auf die Kleine aufgepasst, sodass ich zu wichtigen Terminen konnte. Sie war damals mein Gehirn und hat viele Dinge organisiert, für die ich keine Kraft hatte. Meine Großeltern, die selbst nur eine kleine Zweizimmer-Wohnung haben, haben uns tagsüber aufgenommen und uns bekocht. Der Papa von meinem Freund hat die Kaution von unserer neuen Wohnung bezahlt. 

Was war für dich das Schlimmste in der ganzen Zeit?

Das Schlimmste war für mich das Gefühl, als Mutter versagt zu haben. Andere Mütter zu sehen, die mit ihren Kindern im eigenen Garten spielen. Ich konnte meinem Kind kein eigenes Zimmer bieten. Und die Panik, man könnte mir mein Baby wegnehmen. 

Wie ist die aktuelle Situation? Wie habt Ihr eine neue Wohnung gefunden?

Der Hausmeister im Heim hat gemerkt, wie schlecht es mir geht und hat mir einen Kontakt zu einem Anwalt vermittelt, der eine alte Dame betreut. Diese Dame hatte eine drei Zimmer Wohnung, sie war zwar renovierungsbedürftig, aber das war uns egal. Sie hat sogar einen Balkon und kostet 700 Euro warm. Wir durften uns die Wohnung angucken und bekamen sofort die Zusage. Bis wir alle Unterlagen zusammen hatten, dauerte es etwas. Dann kam der erlösende Anruf, dass alles klappt. Wir haben die Wohnung hergerichtet und konnten einziehen. Ich bin so glücklich, dass wir hier nun als Familie leben. 

Was Euch passiert ist, ist ein Härtefall. Aber es ist für viele andere Familien ebenfalls schwer, bezahlbaren Wohnraum zu finden…

Ja, manchmal denke ich, Familien gehen in dem System unter. Es muss mehr Wohnungen geben, die sich normale Familien leisten können. Und es muss mehr Anlaufstellen geben für Familien, die in Not sind. Und ich glaube, dass die Vermieter einsehen sollten, dass Kinder nicht Lärm und Zerstörung bedeuten, sondern Lachen und Leben. 

Foto: Pixabay

 

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2 comments

  1. Kündigung rechtens?
    Hallo Ute,
    war die Kündigung denn überhaupt rechtens? Man kann doch jemandem nicht einfach so die Wohnung kündigen! Was hat er denn als Grund angegeben? Oder hätte er zustimmen müssen, dass der Freund dort einzieht?
    Ich verstehe nicht, wie man so herzlos sein kann und in Kauf nimmt, dass eine Familie mit Baby auf der Straße landet!
    Aber leider gibt es zu viele Leute, die eine bezahlbare Wohnung suchen, dass man nicht mal sagen kann „Soll er doch froh sein, dass er Mieter wie Euch hat, die pünktlich ihre Miete zahlen und auch sonst keine Vandalen sind!“, obwohl es bestimmt so ist.
    Aber schön, dass es doch noch gut ausgegangen ist und erschreckend zu sehen, dass es einen jederzeit selbst treffen könnte, bei dem Wohnraummangel.
    Alles Gute für Euch!
    Gruß Silke

  2. Liebe Ute,

    Liebe Ute,
    es tut mir leid dass euch das passiert ist. Ich bin selbst vor 5 Monaten Mama geworden, wenn ich mir vorstelle ich hätte die ganze Zeit (und noch länger) im Obdachlosenheim leben müssen, puh…es ist toll wie du/ihr die Situation gemeistert habt und dass ihr so viel Unterstützung bekommen habt!
    Ich drücke euch die Daumen dass ihr sowas nicht nochmal erleben müsst.
    Alles Gute für euch!