Mein Kind hat sich den Zahn ausgeschlagen: Was soll ich tun?

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Ihr Lieben, haltet ihr manchmal auch seeeeehr die Luft an, wenn eure Kids toben? Ich habe hier ja einen besonders aktiven Jungen zu Hause, der auf jeden Baum klettert, jeden Stunt probieren muss. Ein Wunder eigentlich, dass wir bis jetzt ohne größere Verletzungen durchgekommen sind. Mein persönlicher Horror sind ja ausgeschlagene Zähne – ganz einfach, weil ich gar nicht wüsste, wie ich mich dann richtig verhalten soll. Genau darüber haben wir mit Professor Gabriel Krastl, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Endodontologie und zahnärztliche Traumatologie sowie Direktor der Poliklinik für Zahnerhaltung und Parodontologie und Leiter Zahnunfallzentrum Universitätsklinikum Würzburg unterhalten. Von ihm gibt es hilfreiche Expertentipps:

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Lieber Prof. Krastl, aufgeschlagene Knie und angebrochene Knohen, das hatten wir bereits diverse Male – von Zahnunfällen sind wir bisher verschont geblieben. Wo passieren denn die meisten Unfälle dieser Art und in welcher Altersgruppe?

Die meisten Zahnunfälle passieren zu Hause, in der Schule und in Sport- und Freizeiteinrichtungen. Zahnunfälle ereignen sich besonders häufig im 3. und 4. Lebensjahr (Milchzähne), zwischen dem 8. und 12. Lebensjahr sowie um das 16. Lebensjahr, was mit unterschiedlichen Entwicklungsstadien bezüglich Bewegung und Verhalten korreliert („Laufen lernen, raufen lernen, saufen lernen“). 

Welche Zähne sind am häufigsten betroffen und gibt es dabei ein Ranking von „nicht so schlimm“ bis „richtig dumm gelaufen?“

Oberkieferfrontzähne sind aufgrund ihrer exponierten Stellung am häufigsten betroffen – insbesondere die mittleren oberen Frontzähne.

Meist laufen Zahnunfälle glimpflich ab. Das ist der Fall, wenn die betroffenen Zähne nur gelockert oder nur geringfügig aus ihrer ursprünglichen Position verschoben sind. Auch kleinere Frakturen der Zahnkrone sind gut zu behandeln. Wenn Zähne deutlich verschoben oder unterhalb des Zahnfleisches abgebrochen sind und der Zahnnerv dabei freigelegt wird, ist die Situation schon deutlich ungünstiger.

Gehen wir mal die Situationen durch: Mein Kind stürzt und ein Zahn wackelt – wie verhalte ich mich am Besten?

Bei verletzten bleibenden Zähnen sollte man immer zeitnah zum Zahnarzt gehen. Das gilt auch für vermeintlich unspektakuläre Verletzungen, bei denen ein Zahn beispielsweise nur etwas wacklig ist. Beim Zahnarzt wird genau untersucht und ein Röntgenbild gemacht, um festzustellen ob zusätzlich zur Zahnlockerung noch eine Fraktur der Zahnwurzel vorliegt.

Und nun einen Schritt weiter: Ein Teil des Zahnes ist abgebrochen. Was nun?

Ganz wichtig ist in solchen Situationen, das abgebrochene Zahnstück zu suchen, es in Wasser zu legen und damit zum Zahnarzt zu gehen. Das Bruchstück kann in den meisten Fällen problemlos wieder eingeklebt werden. Wenn durch den Bruch auch der Zahnnerv freigelegt ist, besteht zusätzlich die Gefahr, dass sich die Wurzel infiziert, also möglichst schnell zum Zahnarzt!

Und worst case: Das Kind hat sich einen Zahn ausgeschlagen. Ist da überhaupt noch was zu retten?

Sofern es sich um einen bleibenden ausgeschlagenen Zahn handelt, sind die Aussichten für den Zahnerhalt sogar ganz gut, wenn man richtig handelt! Man muss alles dafür tun, dass die Zellen auf der Wurzeloberfläche nicht absterben. Der Zahn sollte nicht an der Wurzel angefasst werden, sondern nur an der Krone und möglich sofort feucht gelagert werden. Jede Minute zählt hier! Und dann sofort den Zahnarzt aufsuchen, damit dieser den Zahn wieder einpflanzt.

Wie transportiere ich einen ausgefallenen Zahn denn am Besten zum Zahnarzt?

Idealerweise wird der ausgeschlagene Zahn in einer sogenannten Zahnrettungsbox transportiert. Das ist ein Zellkulturmedium in dem die Zellen bis zu 24 Stunden überleben können. Schulen und Sportvereine sollten mit Zahnrettungsboxen ausgestattet sein.

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Ist die Zahnrettungsbox jedoch am Unfallort nicht verfügbar, kann der Zahn in kalte H-Milch gelegt werden. Auch darin können die Zellen mindestens eine Stunde überleben.

Ansonsten gibt es noch die Möglichkeit den Zahn in Plastikfolie (z.B. Frischhaltefolie) feucht zu halten, bis eine bessere Lösung gefunden wird. Die Lagerung in Wasser wäre ungünstig, da die Zellen darin schnell absterben.

Manchmal denkt man ja zunächst, es sei doch nicht so schlimm – und dann wird der Zahn schwarz. Was ist dann passiert und wie sollen Eltern sich dann verhalten?

Ja, das gibt es manchmal, dass auch bei Verletzungen, die gar nicht so spektakulär sind (z.B. bei einer Lockerung des Zahnes), der Zahn sich dunkel verfärbt. Dies kann ein Hinweis darauf sein, dass der Zahnnerv den Unfall nicht überlebt hat. Bei Milchzähnen muss nicht zwingend etwas unternommen werden, bei bleibenden Zähnen muss der Zahn oftmals wurzelkanalbehandelt werden.

Nochmal zum Thema Milchzähne: Gibt man die schneller auf – oder lohnt es sich auch da, den Zahn zu erhalten?

Gerade bei Kleinkindern sind die Möglichkeiten zur Behandlung oftmals stark eingeschränkt. Es macht zwar auch bei verletzten Milchzähnen prinzipiell Sinn diese zu erhalten, dennoch wird man bei schwer verletzen Milchzähnen nicht den gleichen Aufwand betreiben wie für einen bleibenden Zahn. Entscheidend ist bei der Behandlung nach Milchzahnunfällen weniger der Milchzahn selbst, sondern dass eine zusätzliche Schädigung des bleibenden Zahnkeims der unter dem Milchzahn noch im Knochen liegt, vermieden wird.

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3 comments

  1. Moin, ich habe mir als Kind bei einem Schwimmunfall die Schneidezähne ausgeschlagen.
    Damals gab es noch keine Rettungsboxen. An beiden Frontzähne sind die Ecken wieder aufgebaut worden.Leider haben es beide Wurzeln nicht überlebt. der eine Zahn ist recht zügig schwarz geworden, der andere erst Jahre später.Verbunden war das dann mit einer langwierigen Wurzelkanalbehandlung. Bei einem der beiden Zähne musste diese auch nochmal wiederholt werden, da sich später die Spitzen des Wurzelkanals noch einmal entzündet haben. Inzwischen habe ich zwei Kronen über den Frontzähnen.
    Bei dem Unfall konnten sie den Nebenschneidezahn rechts nicht retten.Er musste gezogen werden. Seinen Platz hat der Eckzahn eingenommen.

    Gott sei Dank wird die Technik immer besser und hat inzwischen gut funktionierende Lösungen parat. Leider bezahlt die Krankenkasse nur das Standardprogramm.
    Ich werde mir wünschen, dass hier für Kinder mehr übernommen wird. Für mich war es nicht leicht mit einem verfärbten Frontzahn durch die Pubertät zukommen.

  2. Solche Erlebnisse kennen wir auch. Mein Sohn hat sich im 3. Schuljahr in der Schule bei einem Sturz eine wirklich große Ecke vom bleibenden Schneidezahn ausgeschlagen. Am Mittwoch Mittag war es gar nicht so einfach, einen verfügbaren Zahnarzt zu finden, der die Ecke wieder ankleben konnte. Die Schule hatte so eine Zahnrettungsdose, deshalb ging das. Zweimal ist die Ecke im Laufe der Zeit wieder abgebrochen und war unauffindbar (beide Male natürlich am Wochenende, wann auch sonst?). Das fehlende Stück wurde dann wieder aufgebaut. Inzwischen hat mein Sohn einen Metallstift eingesetzt bekommen und die Ecke hält. Glück gehabt!
    Da es sich um einen Schulunfall handelt, werden übrigens alle Behandlungskosten von der Unfallkasse getragen.

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