Pubertät im Anmarsch: Über eine verrückte, anstrengende Zeit

Na, wer von euch hat auch keine Kleinkinder mehr? Kaum wechselt man keine Windeln mehr, muss man sich schon mit der Pubertät auseinandersetzen – so fühlt es sich jedenfalls manchmal an. Matthias Jung hat das Buch „Erziehungsstatus kompliziert – Pubertät im Anmarsch“ geschrieben, hier gibt es einen Auszug daraus. Zum Schmunzeln und Nicken 🙂

„Wenn ich nicht wüsste, dass sie erst neun ist, dann würde ich denken, sie wäre schon in der Pubertät.“ Dieser Satz ist einer der häufigsten, den Eltern äußern. Und den ich hundertmal dachte. Weil es eben zu rasant ging. Irgendwie über Nacht. Vor ein paar Wochen war meine Tochter gefühlt noch beim Kinderschminken und wurde zu einer bezaubernden Version eines wild fauchenden Löwen oder ein herzerweichender kleiner Tiger. Jetzt ist sie auch gern Löwe und Tiger, aber gleichzeitig. Und sie will eine Tätowierung. Next Level! Das kann sie sich wiederum erst mal abschminken! 

Daraufhin wird natürlich gemault, und die Brut findet, dass sie schlimme Eltern hat, und andere Eltern sind so toll und eigentlich und überhaupt … Meist braucht es aber nicht mal Verbote. Ein falsches Wort, ein falscher Satz, ein falscher Blick oder sogar ein falscher Atemzug, und die Laune ist dahin … Und ja, manchmal könnte man dann selbst platzen, lachen und heulen zugleich! Deswegen stellt sich die Frage: Zeigt dein Kind manchmal Verhaltensweisen oder redet so, als ob es schon in der Pubertät wäre? Du denkst, das kann doch noch gar nicht sein? 

Plötzlich ist die Pubertät da

Doch. Kann es. Der Nachwuchs ist zwar nicht mittendrin, aber am Startpunkt. Und wir sind noch lange nicht am Ziel. Es ist wie bei der Formel 1. Die Reifen werden langsam warm gefahren, und dann geht’s los. Aber man selbst möchte am liebsten die schwarze Flagge schwenken und die Aufgabe signalisieren, das Kind aus dem Ferrari ziehen und mit ihm zurück nach Hause zu den Matchbox-Autos gehen. Man wünscht sich sehnlichst, es wäre Pubertät, aber keiner will hin. 

Doch das hier ist das Warmfahren, das Qualifying. Und wie wir wissen, entscheidet das Qualifying über die Startposition. Es sagt also einiges darüber, wie das später läuft im Rennen. In der eigentlichen Pubertät. Ja, die eigentliche. Ich mache keine Scherze. Das hier ist die Pubertät vor der Pubertät. Am besten, du machst ab jetzt täglich Sport, damit du fit bleibst! Du wirst Stärke brauchen, glaub mir! 

Wir Eltern wollen ja alles richtig machen

Man will doch auch gerade jetzt in dieser neuen Entwicklung nichts falsch machen. Und tatsächlich: Am Ende der Kindheit kann man noch so viel richtig machen. Deswegen jetzt auch eine gute Nachricht: Noch hören unsere Kinder auf uns. Nicht immer. Selten. Ab und zu. Aber deutlich mehr als im weiteren Verlauf der Pubertät. So viel kann man mit Gewissheit sagen. 

Alle Eltern sind verunsichert aufgrund der schnellen, neuen, sich stets verändernden Situation. Also: Erst mal atmen! Super-Tipp für eine Selbstverständlichkeit, aber, vertrau mir, das Atmen wird uns noch oft zugutekommen. 

Beruhigend ist doch, dass die eigentliche Pubertät nicht von jetzt auf gleich komplett einsetzt – das gibt Eltern und Kindern Zeit, sich auf diese aufregende Phase mit vielen Veränderungen einzustellen. Deshalb kann es helfen, wachsam zu sein und schon die ersten Signale wahrzunehmen. Bei den meisten Kindern machen sich pubertäre Anzeichen zum ersten Mal gegen Ende der Grundschulzeit bemerkbar. Dann plötzlich, wie aus dem Nichts: Geschrei, Gezicke, Türenknallen und dicke Tränen. Die Eltern verstehen die Welt nicht mehr, und das Schlimmste an dieser Misere: Das Kind versteht sich selbst nicht mehr! Hormone nehmen überhand, und da reicht schon ein falsches Wort, um die Stimmung zu kippen. Dabei ist „der Zwerg“ oder „unsere kleine Prinzessin“ doch erst neun oder zehn. Wie soll das nur alles weitergehen? 

Die Hormone spielen verrückt

Fakt ist: Die Vorpubertät ist das erste Anklopfen der hormonellen Veränderung, meist schon zwischen dem achten und zwölften Lebensjahr. Nein, das ist kein Druckfehler. Bei Kindern in der Vorpubertät ist eines sicher: Nichts ist mehr sicher! Die Veränderung flackert immer mehr auf. Und wann der nächste Streit kommt, lässt sich weder vorausschauen noch modellieren. Da ist die Ziehung der Lottozahlen vorhersehbarer. 

Erst ist man ganz dicke, dann machen sie sich dünne und verschwinden im Zimmer. Eigentlich immer grundsätzlich mit Türengeknalle, Rumgeheule und herausgeschleuderten Adjektiven wie „fies“, „so gemein“, „scheiße“, „voll scheiße“, und dann der Satz: „Ihr seid die schlimmsten Eltern der Welt.“ Ommm. Vergeht alles wieder. Der Sohn meines Freundes Wulf wollte vor einiger Zeit sogar mal ausziehen. Wulf plagt heute noch ein schlechtes Gewissen, weil er sofort die Reisetaschen vom Dachboden geholt hat. Es ist auch für die Eltern zum Heulen: erst Lego, dann nur noch Ego. Nur noch Bildschirm auf dem Schirm. Es ist eine Zeit zwischen Kindheit und Jugend. Eine ätzende Mischung. Man will noch Kinderschminken, hat aber schon Pickel. Und am Ende stellt man fest: Der König der Löwen mit Akne sieht scheiße aus! 

Ein paar Fakten: Das Alter zwischen acht und zwölf ist heutzutage eine wichtige Zeit. Sie ist in der Tat von entscheidender Bedeutung in Bezug darauf, in welche Richtung es in der Pubertät geht. Die letzte Phase, um erzieherisch für eine stabile und liebevolle Eltern-Kind-Bindung zu sorgen. 

Es geht rund. Es geht ab. Es geht voll Richtung und auf die Zwölf. 

Aber wie gesagt: Noch hören sie eher mal auf uns! Das sollten wir für alle Bereiche nutzen. Auch wenn man so ganz langsam genervte Zwischentöne wahrnimmt … überhöre die einfach. Unsere Kinder werden „Ichlinge“: Selbstbestimmung ist wichtig und wird nun oft ein- gefordert. Sie bewerten das Verhalten der Menschen um sich herum, aber ihres noch nicht. Empathie kommt langsam. 

Dinge, die sie für ihre Eigenständigkeit in Anspruch nehmen, werden oft am Alter und an anderen Kindern festgemacht („Der darf aber auch …!“, „Warum muss ich …?“), aber das ist nicht anders als bei uns früher. Wir erinnern uns doch noch genau an solche Sätze aus unseren Mündern: 

  1. „Der Markus darf immer bis Mitternacht aufbleiben.“ 
  2. „Alle dürfen ‚Der weiße Hai‘/‚Nightmare on Elm Street‘/‚Gesichter des Todes‘ anschauen, nur ich nicht!“ 
  3. „Die anderen müssen nie Zähne putzen. Nie!“ 
  4. „Die Eltern von Armin sagen, wenn er keine Hausaufgaben machen will, soll er es lassen. Echt, das sagen die.“ 

Genau, wir waren auch mal so alt beziehungsweise so jung. Aber wir sind ja nicht doof, haben von uns selbst gelernt und können heute bei solchen Sätzen kontern: „Wirklich, der Ben/Theo/Giselher darf das? Dann rufen wir doch mal seine Eltern an.“ „Äh, nein … äh …!“ 

Die Diskrepanz zwischen aktuellem Alter und den von den Kindern erwünschten Freiheiten ist oft groß, und die Besprechungen dazu verlangen viel Gleichmut…


Wer noch mehr lesen möchte, kann sich das Buch von Matthias Jung „Erziehungsstatus kompliziert – Pubertät im Anmarsch“ aus dem Edel Verlag bestellen.

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5 comments

  1. Das Buch ist eine humorvolle und herzerfrischende Sichtweise auf die Pubertät. Es hilft dabei, sich eine gewisse Gelassenheit für die manchmal etwas turbulente Zeit mit (Vor-)Pubertierenden. Man findet sich „mit einem Augenzwinkern“ oft wieder. In keinster Weise empfinde ich, dass in dem Buch die Launen der Kinder und natürlich auch die innerliche „Zerrissenheit“ der Kinder abgewertet wird – ganz im Gegenteil. Man wird immer wieder erinnert, am Kind „dran zu bleiben“ und es nicht alleine zu lassen. Aber man sollte eben auch alles nicht zu bier-enrnst nehmen, das erhöht doch nur den Druck von beiden Seiten. Es ist eine nicht immer einfache Zeit für Kind und Eltern beiderseits. Humor hilft beiden durch diese Zeit.😉😊

  2. Ich verstehe natürlich die eher humorvolle Herangehensweise. Allerdings ist das eine Entwicklung die stattfindet, samt „Umbau“ im Gehirn, wo auch der Jugendliche garnichts dafür kann. Und die auch immens wichtig ist für die Persönlichkeitsentwicklung zum selbständigen Menschen. Erwachsene/ werdende Eltern sollten realistischer über die niedliche Babyphase hinaus denken! Das gehört zum Kind groß ziehen dazu.

    1. Da sagst du was liebe Silvia, ich habe heute festgestellt, dass ich jetzt ca 10 Jahre nonstop Pubertät vor mir habe bis alle durch sind 🙈 Daran hatte ich wirklich im Vorfeld nicht gedacht. Hoffe meine Nerven stehen das durch 😂

  3. Also ich fand ihn lustig. 🙂 Genauso ist das bei uns. Ich wünsche jedem eine gute Portion Gelassenheit. Ich übe noch, nehme es zwar nicht persönlich was mir so an den Kopf geworfen wird, aber diese ständige Gezackere stresst mich teilweise schon.

  4. Ich finde den Artikel ganz schlimm!! Klingt für mich nach einem Besserwisser Vater, der sich in seiner Autorität gekränkt fühlt. Ja, bei unseren 3 Pubertierenden gibt es auch schlechte Laune und Türenknallen. Aber genauso witzige Dialoge und vertrauensvolle Gespräche. Mein Tipp: die Launen der Kinder nicht persönlich nehmen und vor allem nicht so abwerten wie in diesem Artikel. Dann klappt’s auch mit der Pubertät.

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