Dr. Judith Bildau: Wie begleite ich meine Tochter gut durch die Pubertät?

Pubertät

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Ihr Lieben, habt nochmal vielen Dank für all eure lieben Reaktionen auf den Brief an mein Kind in der Pubertät. Nun wollten wir das ganze Phänomen gern nochmal auf Expertinnen-Füß setzen und darum sind wir total glücklich Dr. Judith Bildau für ein Interview gewonnen zu haben, die nicht nur Medizinerin ist, sondern in ihrer Patchwok-Familie auch fünf Mädchen ins Leben begleitet. Gerade erst hat sie ja, ihr kennt sie vermutlich als Team-Mitglied MutterKutter ihr neues Buch vorgelegt: Mit meiner Tochter durch die Pubertät. Wie du sie unterstützt. Wie du sie loslässt. Wie ihr in Kontakt bleibt.

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Mit meiner Tochter durch die Pubertät. Wie du sie unterstützt. Wie du sie loslässt. Wie ihr in Kontakt bleibt.

Liebe Judith, „Pubertät ist, wenn die Eltern plötzlich peinlich werden“ – über diesen Satz lachen wir hier gern mit den Kindern. Kannst du das bestätigen?

Ja, genau so ist es! Eltern werden peinlich. Und dafür müssen sie nicht einmal etwas Besonderes oder Andersartiges tun es passiert ganz automatisch. Für viele Eltern ist das total schlimm. Haben ihre Kinder früher zu ihnen „aufgeschaut“, möchten die Jugendlichen plötzlich am liebsten gar nicht mehr gemeinsam mit ihnen gesehen werden.

Von der Schule möchten sie plötzlich drei Straßen weit entfernt abgeholt werden und wenn Freund*innen nach Hause kommen, versuchen sie jeden elterlichen Kontakt zu meiden. Das ist für Eltern zunächst erst einmal ganz schön hart!

Es lohnt sich aber hier, einmal genau hinzuschauen: Warum ist das eigentlich so? Ich habe in meinem Buch diesem Thema ein ganzes Kapitel gewidmet; es heißt „Schamalarm Warum jetzt alles nur noch peinlich ist”.

Es geht nämlich auch hier um das ganz normale und auch gesunde Abgrenzungsverhalten der Kinder. Und es ist einfach leichter, etwas „loszulassen“, wenn man es total bescheuert findet. Zudem ist Scham ein „Kleber“ zwischenmenschlicher Beziehungen. Im Grunde hat jede Gruppierung eine andere Schamgrenze.

Jungen Menschen ist es meist besonders wichtig „dazuzugehören“ und sie finden andere Dinge peinlich als Erwachsene. Deshalb haben sie oft Angst, dass ihre Eltern in Gegenwart ihrer Freunde*innen irgendetwas tun, was total peinlich für sie sein und dadurch ihr Stand in der Freundesclique gefährdet sein könnte; aus dieser Furcht heraus, versuchen sie Treffen zwischen beiden Seiten zu vermeiden. 

Nun hast du ein Buch speziell zum Umgang mit Mädchen in der heißen Phase des Erwachsenwerdens geschrieben, was genau ist in der Begleitung von Mädchen anders?

Ich denke, dass sich in der Pubertät von Mädchen und Jungen natürlich sehr viel ähnelt. Und ich möchte auf keinen Fall irgendwelche Genderstereotypen in meinem Buch bedienen. Aber ich bin ja Frauenärztin und arbeite jeden Tag mit jungen Mädchen und deren Eltern zusammen.

In der Pubertät entwickelt sich der weibliche Körper, die Periodenblutung fängt an und so weiter. Das sind einfach andere Entwicklungsschritte und damit auch häufig verbundene andere Fragestellungen in der Pubertät von Mädchen. Da geht es meist nicht nur um die seelische Begleitung der Kinder, sondern auch um die körperliche. Natürlich hängt beides eng zusammen.

Wie kann ich meiner Tochter bei einer schmerzhaften und starken Menstruationsblutung helfen? Welche Menstruationsartikel gibt es für sie? Es ist für die Mädchen sehr hilfreich, wenn sie wissen, dass sie sich auch mit diesen Dingen sicher und vertrauensvoll an ihre Eltern wenden können. Denn: All das schafft Bindung.

Ab welchem Alter oder welcher Entwicklungsphase hältst du den ersten Termin in einer Gynäkologischen Praxis für ein Mädchen für sinnvoll?

Das ist eine Frage, die ich auch sehr häufig in den sozialen Netzwerken gestellt bekomme. Ich empfehle allen Eltern, mit einem Besuch in einer gynäkologischen Praxis nicht allzu lange zu warten, also nicht erst, wenn eure Töchter bereits Probleme haben.

Man darf die Sorgen und Ängste vor dem ersten Frauenarzt*ärztinnenbesuch der Mädchen nicht unterschätzen. Und es ist so wichtig, eine Person zu finden, bei der sie sich menschlich und medizinisch gut aufgehoben fühlen. Deshalb mein Rat: Vereinbart bereits nach dem Einsetzen der ersten Menstruation eine Art “Vorstellungsgespräch” bei einer*m Gynäkologen*in.

Einfach zum Kennenlernen, um Fragen zu stellen und nicht, um direkt eine gynäkologische Untersuchung durchführen zu lassen. Einige Praxen bieten auch eine Teenager-Sprechstunde an. Fühlen sich die Mädchen wohl und wissen sie, wo sie bei Problemen und Beschwerden hingehen können, ist schon einmal ganz viel gewonnen!  

Wie begleite ich meine Tochter gut durch die erste Phase mit der Periode?

Ich rate allen Eltern, das Thema „Periode“ schon viel früher als vor dem Einsetzen der Regelblutung anzusprechen. Einfach um die Mädchen darauf vorzubereiten, was sie diesbezüglich erwarten können. Ich erkläre in meinem Buch noch einmal leicht verständlich, wie genau der weibliche Zyklus abläuft und was es genau mit der Periodenblutung auf sich hat.

Wenn Eltern das verstehen, können sie es auch leichter ihren Töchtern erklären. Meine Erfahrung ist, dass auch junge Mädchen genau das wissen und verstehen möchten und sie dann letztendlich auch besser damit umgehen können, wenn es soweit ist.

Es ist zum Beispiel auch hilfreich, wenn sie wissen, warum die Periodenblutung so weh tun kann. Denn all das schafft Verständnis und letztendlich mehr Sicherheit. Gemeinsam kann schließlich ein kleines Etui gepackt werden mit den wichtigsten Utensilien für die erste Regelblutung. 

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Wie viel sollte mit der eigenen Mama in Sachen Sexualität und Verhütung besprochen werden, wie finden wir da ein gutes Mittelmaß?

Oh ja, hier ist es gar nicht so leicht, einen guten Mittelweg zu finden!  Ich glaube, es geht auch bei diesen Themen darum, eine gute und sichere Bindung zueinander zu haben. „Sexualität und Verhütung“ sind häufig sehr sensible Themen für junge Mädchen und viele möchten diese gar nicht im Detail mit ihren Eltern besprechen. Das ist auch völlig in Ordnung so.

Ich denke, Eltern sollten ihren Töchtern hier keine Gespräche und Ratschläge aufdrängen. Es reicht zu signalisieren: Ich bin immer für dich da, ich höre dir zu und du kannst dich mir mit allem anvertrauen!

Haben die Eltern ihren Töchtern dann auch rechtzeitig dabei geholfen, eine*n Frauenarzt*ärztin zu finden, wo sie sich wohl fühlen, dann haben sie einen sehr guten Grundstein dafür gelegt, dass ihre Mädchen ihre ersten Erfahrungen verantwortungsvoll und umsichtig eigenständig sammeln können.

Nun gibt es ja so schwierige Sprüche wie „Ui, auf die musst du aber aufpassen später!“ Wie schaffe ich es, der Gesellschaft und meiner Tochter – zu vermitteln, dass sie gut auf sich selbst aufpassen kann? Wie schaffen wir es, unsere Mädchen selbstbewusst großzuziehen?

Die Aufgabe, unseren Kindern Selbstbewusstsein mitzugeben, fängt nicht erst in der Pubertät an, sondern im Grunde schon als Kleinkind. Von Beginn an sollten wir sie in ihrem Selbstwert bestärken und sie darin unterstützen, ihren ganz eigenen Weg zu finden.

In der Pubertät gerät noch einmal alles in Unordnung und das Beste, was wir nun tun können, ist, sie darin zu bestärken, dass sie genau gut so sind wie sie sind; dass sie Erfahrungen sammeln und Fehler machen dürfen, dass wir als liebende Eltern immer an ihrer Seite sind. 

Nochmal weg vom Medizinischen, hin zur emotionalen Begleitung. Manchmal kommen wir in heftigeren Pubertätsphasen ja kaum noch aneinander ran? Wie finde ich da ein gutes Mittelmaß an Vertrauen, Interesse zeigen, aber auch Loslassen?

Ich glaube, hier ist es ganz wichtig, als Eltern selbst erst einmal zu verstehen, was genau gerade mit unseren Töchtern passiert. Welche mentalen Umbauprozesse gerade stattfinden, dass das jugendliche Gehirn im Grunde gerade einer Baustelle gleicht. Hier hängen Medizin und Emotionen nämlich sehr eng miteinander zusammen.

Besonders interessant ist hier, dass sich die Hirnstrukturen nicht alle gleichzeitig neu strukturieren. Der Frontallappen, der für die Gefühls- und Impulskontrolle verantwortlich ist, funktioniert noch sehr lange wie bei einem Kind. Deswegen reagieren sie häufig so überschäumend emotional und für Eltern oft gar nicht nachvollziehbar.

Zudem reagiert das jugendliche Gehirn besonders sensibel auf den Botenstoff Dopamin. Dopamin verschafft Glücksgefühle und die Lust auf Abenteuer und danach streben junge Menschen nun häufig. Haben aber, wie gerade erklärt, häufig noch nicht die ausreichende Fähigkeit, Impulse ausreichend zu beherrschen und Risiken realistisch einschätzen zu können.

Das alles übersetzt heißt: Wenn Eltern verstehen, welche gefühlsmäßige Achterbahnfahrt ihre Kinder tagtäglich fahren, ist es auch leichter, damit umzugehen. Ganz einfach schon deshalb, weil dadurch klar wird, dass es zunächst einmal gar nichts mit den Eltern selbst zu hat und es diesen hilft, das Verhalten ihrer Töchter nicht allzu persönlich zu nehmen.

Außerdem zeigt es, dass es dennoch wichtig ist, die Mädchen während der Pubertät liebevoll und verantwortungsvoll zu begleiten, denn genau das brauchen sie eben in dieser Phase noch. In dem Buch schaue ich mir typische Situationen an, in denen es ordentlich krachen kann und setze dann immer wieder „4 Bausteine des guten Miteinanders“ zusammen: Verständnis, sicheres Gegenüber, Loslassen und Da sein. Diese 4 Säulen können sehr gut dabei helfen, einen passenden Mittelweg zu finden, um die Mädchen einerseits ihre eigenen Erfahrungen machen zu lassen, andererseits aber auch den sicheren Rahmen dafür abzustecken.

Und wenn mein Kind plötzlich mit Pickeln vor mir steht oder mit angeblich „schwabbeligen“ Oberschenkeln oder was auch immer ihr grad missfällt: Wie reagiere ich da adäquat?

Mit ganz viel Ruhe und Geduld. Und nicht dem dringenden Wunsch, ihnen ihre Gefühle ausreden zu wollen. Das wird übrigens auch höchstwahrscheinlich gar nicht gelingen. Es ist wichtig, den Mädchen hier zu signalisieren, wie wunderbar sie sind, wie sehr sie geliebt werden und dass wir als Eltern immer für sie da sind.

Es ist völlig normal, dass sich junge Menschen kritisch mit ihrem Körper auseinandersetzen. Besonders dann, wenn sich scheinbar tagtäglich etwas an ihm verändert. Hier ist es deshalb ganz wichtig, zunächst einmal ganz ruhig und gelassen zu bleiben.

Es gibt ja auch Kinder, die sich selbst mit dem Frauwerden schwertun, erstmal keine BHs wollen oder ihre weiblicheren Rundungen nicht mögen, auch da: Wie kann ich das behutsam begleiten?

Oh, das gibt es sehr, sehr häufig! Und auch hier ist es wichtig, dass Eltern Ruhe bewahren. Etwa 90-95% aller Jugendlichen haben vorübergehend Probleme mit ihrer Geschlechtsidentität. Es gehört also beinahe zur normalen Entwicklung dazu. Behutsam begleiten heißt hier, die Mädchen zu fragen, wie sie sich am wohlsten fühlen und was man als Elternteil tun kann, um sie darin bestmöglich unterstützen zu können.

Zu guter Letzt: Was hältst du für das Wichtigste in der Begleitung unserer erwachsen werdenden Töchter?

Ich halte es für das Wichtigste, eine sichere und feste Bindung zu unseren Töchtern zu haben. Ihnen wissend und beruhigend zur Seite zu stehen. Nicht bei jeder Gefühlsschwankung mitzuschwingen, sondern quasi als Fels in der Brandung und als Rückzugsort da zu sein. 

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