Mord an meiner Tochter: „Hannah wurde nur 21 Jahre alt“ #fuerimmer21

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Ihr Lieben, Annikas Kinder wurden 2002, 2005 und 2007 geboren, sie führte ein Leben mit den ganz „normalen“ Sorgen und Freuden einer Dreifachmama, bis ein Mord ihr Familienleben in ein Davor und ein Danach teilte. Nicht nur hier bei uns, sondern auch in einem Podcast erzählt sie nun darüber, was ihr und ihrer Familie passiert ist (unbedingt anhören, es gibt auch bald noch eine zweite Folge).

Jahrelang las sie schon Stadt Land Mama, schickte uns immer wieder Nachrichten auf unsere Storys, kommentierte, hatte Anregungen, fragte, ob wir sie mit der Autorin eines Autismus-Beitrags vernetzen könnten (was klappte!), lieferte uns sogar selbst einen Gastbeitrag, bis uns die Dreifachmama in der Adventszeit 2023 schrieb:

„Hallo Lisa, hab jetzt lange überlegt ob ich euch überhaupt nochmal anschreibe… Ich hab vor 4 Wochen meine Tochter verloren… und vor der Adventszeit und Weihnachten graust es mir… Aber deine Idee ist wunderschön, das könnte auch was für die Geschwister sein. Sonst hab ich für alle Kinder jedes Jahr selber den Adventskalender gemacht. Aber dieses Jahr ist alles anders… Vielen Dank für deine Idee, Annika“.

Das waren ihre Worte nachdem ich ein Video aufgenommen hatte mit der Idee, als Adventskalender einfach mal auf 24 kleine Zettel zu schreiben, was man an der Person liebt oder toll findet. Ich fragte kurz nach, ob sie darüber sprechen möchte, was passiert ist. Sie sagte, sie könne noch nicht gut drüber sprechen, schickte aber einen Gofundme-Link von ihren KollegInnen aus dem Rettungsdienst mit.

„Hannah, Du warst etwas Besonderes“

Hannah

„Hannah, Du warst etwas Besonderes“, heißt es darin. „Du hast uns alle mit deinem Lachen angesteckt. Du hast bei uns für Dich entdeckt, wie gerne Du anderen Menschen in ihren dunklen Stunden helfen möchtest und Dich für den Rettungsdienst entschieden. (…) Du fehlst uns unfassbar. Du hinterlässt eine Leere, die einfach niemals gefüllt werden kann. Du bist #einevonuns und so werden wir Dich in Erinnerung behalten und an Dein Lachen denken, wenn uns einmal selbst die Decke auf den Kopf fällt.“

Annikas Tochter Hannah, ihr erstes Kind, war mit 21 Jahren auf einer Party von einem Kollegen aus dem Rettungsdienst erstochen worden. Er hatte Interesse an ihr gezeigt, sie hatte abgelehnt.

Ihr kennt wohl alle dieses Gefühl von: So etwas passiert doch nur anderen. Aber hier war das nun anders. Annika hatte sich immer wieder mit uns zu ihren drei Kindern ausgetauscht. Ich hatte grad meine Trauerbegleitungs-Ausbildung abgeschlossen, wie begannen, mehr zu schreiben. Ich schickte ihr auch den Link zu unserem Beitrag über Katy, die ihre Schwester Larissa durch ein Gewaltverbrechen verloren hatte.

Irgendwann telefonierten wir. Im Januar dieses Jahres begegneten wir uns nach einer herausfordernden Glatteis-Fahrt in ihrer Heimatgemeinde, wo ich aus meinem Buch „Und plötzlich ist nichts mehr wie es war“ vorlas und sie zur Begrüßung dem Publikum von ihrem eigenen Schicksal erzählte. Von Hannah. Vom Prozess. Vom Weiterleben. Wie auch immer.

Mord an Hannah
Annika und Lisa bei der Lesung

Mit Katy hat sie, wie oben erwähnt, nun einen Podcast aufgenommen und erstmals ausführlich öffentlich darüber gesprochen, was ihr passiert ist. Lange hatte sie sich das nicht vorstellen können, nun traute sie sich. Und auch hier bei STADT LAND MAMA erzählt sie jetzt zum ersten Mal von dem, was ihre Familie durchmachen musste – und weiter durchmacht.  Wir haben lange telefoniert und das hier ist ihre Geschichte:

Vom Mord an unserer Tochter Hannah

Es muss um kurz vor oder kurz nach halb sieben gewesen sein, als Annika durch ein Klingeln aus dem Schlaf geholt wurde. Durch die Glastür sah sie vier Menschen, zwei Polizisten, zwei Notfallseelsorger.

Statt die Haustür zu öffnen, rannte sie sofort ins Zimmer ihres Sohnes, um zu schauen, ob alles in Ordnung ist bei ihm. Er lag dort seelenruhig. Annika ging beruhigt zur Tür, öffnete und sagte sinngemäß etwas wie: „Sie sind falsch hier, Sie haben sich geirrt, unserem Sohn geht es gut.“

Hannah war Annikas erstes Kind, danach kamen noch ein Sohn und eine Tochter. Die Erste hat sie zur Mutter gemacht. Sie war Tochter, große Schwester, Nichte, Cousine, Enkelkind; sie war empathisch, freundlich, hilfsbereit und fast immer fröhlich. Sie war kein Mittelpunktmensch. Vom Wesen her eher introvertiert, vom Rande aus beobachtend. Und eine richtige Leseratte war sie, in Büchern konnte sie verschwinden. Wie oft waren die Eltern für sie und mit ihr in die Bücherei gefahren!

Für Frisuren konnte sie sich auch begeistern, sie war geschickt mit ihren Haaren, frisierte aber auch ihre kleine Schwester gern. Hannah hatte eine ziemliche Vorbildfunktion für ihre Geschwister. Sie war überhaupt keine Mitläuferin, wenn zehn Leute nach rechts gingen, entschied sie sich für links. Im Italien-Urlaub mit tropischen Temperaturen trug sie auch gern mal Socken und Langarm. Es ist heiß, aber es sieht gut aus. Man hätte sie als stur oder als Dickschädel bezeichnen können, wenn sie dabei nicht so charmant gewesen wäre. Wollte sie etwas nicht, dann machte sie es auch nicht.

Es gab einmal einen Kindergeburtstag, Anfang der Grundschulzeit, da wollte sie ihre Freundin nicht einladen, weil da grad ein bisschen Funkstille herrschte. Annika überredete sie, das Mädchen doch auf die Gästeliste zu schreiben, aus Anstand. Sie hatte sie schließlich auch eingeladen gehabt. Und dann ließ Hannah das Mädchen die gesamte Geburtstagsfeier lang links liegen.

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Annika war das eine Lehre! Ihre Kinder entscheiden, sie mischt sich bei sowas nicht mehr ein. Nur einmal, da hat sie sich noch durchgesetzt, 2020. An ihrem 18. Geburtstag. Hannah hatte eigentlich nicht feiern wollen, doch Mama Annika insistierte.

Komm, du hast einen sooo lieben Freundeskreis… und ja, es ist Coronazeit, aber 15 Leute dürfen doch jetzt wieder offiziell zusammenkommen. Wir müssen doch feiern, dass das erste Kind volljährig wird! Es wurde die beste Party ihres Lebens. Nicht zu toppen. Ein Abend, aus dem die ganze Familie noch heute so viel schöpft.

Heute. Wo alles anders ist. 

„Wir sind nicht wegen Ihres Sohnes hier. Dürfen wir reinkommen?“, fragte der Polizist und schob Annika sanft in ihr Zuhause. Die Herrschaften von der Notfallseelsorge folgten. Es war noch dunkel, in der Nacht waren die Uhren auf Winterzeit umgestellt worden. Annika war von der Klingel geweckt worden. Sie hatte erst gedacht, irgendwer hätte mal wieder einen Schlüssel vergessen.

Annika stand, ihr Mann hatte sich gesetzt, auch er war durch den Trubel wach geworden. „Haben Sie eine Tochter, die Hannah heißt? Ich muss Ihnen leider sagen: Sie lebt nicht mehr.“ Annikas Mann vergrub den Kopf in seinen Händen, die selbst rannte ins Schlafzimmer, um ihr Handy zu holen. Sie wählte Hannahs Nummer. Die Mailbox ging ran. Ruf doch bitte mal zurück.

Annika
Das letzte gemeinsame Bild von Mama Annika und Tochter Hannah

Flashback zur Nacht davor. Freitag. Hannah war mit Freunden in einem Club gewesen, Samstagmorgen um 5 hatte Annikas Telefon geklingelt. „Mama, kannst du uns abholen?“ „Schickt mir euren Standort, ich hole euch!“, hatte Annika ins Telefon gesagt. Sie zog sich schnell etwas über und setzte sich ins Auto. Sie ahnte nicht, dass diese Fahrt Teil ihrer größten Kraftquellen für die nächsten Jahre werden würde.

Zwei angeduselte, junge Ladies steigen in Annikas Auto, Hannah und ihre Freundin. Hannah strahlte Annika an, sie war so glücklich in diesem Moment. „Mutti, tut mir leid. Du hast ja gesagt, ich soll mich melden, wenn wir nicht wegkommen und das ist jetzt das erste Mal, dass wir das nutzen.“ Mutter und Tochter nahmen sich in den Arm, drückten sich.

Hannah begann dann, mit einer weiteren Freundin zu telefonieren. Und dieses Gespräch war so lustig, dass Annika fast mit dem Auto im Graben landete. Vor Lachen! Hannah wiederholte immer die Fragen der Freundin, sodass ihre Mutter alles mitbekommen konnte. Hannah, Schluss jetzt, hör auf, wenn du heile nach Hause kommen willst, ich kann nicht mehr… prustete sie. Die Mädels gingen dann schlafen. Und Annika zur Arbeit, die hatte Wochenenddienst. So sah sie Hannah erst am Abend wieder.

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Hannah wollte Medizin studieren und arbeitete in dieser Zeit als Rettungssanitäterin. Sie war für den Abend auf der Geburtstagsparty eines Kollegen eingeladen. Annika war grad im Bad, als sie Tschüss sagen wollte. Sie hatte geduscht, als es kurz darauf an der Tür klopfte. Komm rein.

Hannah hatte zwei Flaschen in der Hand. Das weiß Annika noch so genau, weil sie diese letzte gemeinsame Szene im Leben mit ihrer Tochter abertausende Male wieder hochholen würde in ihr Gedächtnis. Eine der Flaschen war pink. Hannah verabschiedete sich, gab ihrer Mama einen Kuss auf die Wange. Übertreibt´s nicht so.

Annika ging schlafen, bis sie vom morgendlichen Klingeln der Beamten geweckt worden war. Hannah hatte im Laufe der Nacht noch Fotos der Party in ihren Status gestellt. Es sah nach Spaß aus. Nun versuchte Annika panisch, vom Schlafzimmer aus ihre Tochter zu erreichen. Ein Notfallseelsorger war ihr gefolgt, fragte, was sie vorhabe. Hannah erreichen.  

Was ist denn passiert? Fragt Annika erst, als sie zurück in der Küche ist. Ein Unfall? „Ihre Tochter ist einem Gewaltverbrechen zum Opfer gefallen.“ War es Person xy? „Nein, diese Person war es nicht. Der Täter ist gefasst und in U-Haft. Es war ein Kollege.“ Ich will zu meinem Kind. „Das geht leider nicht. Ihre Tochter ist bereits auf dem Weg in die Gerichtsmedizin und wird dort obduziert werden.“

Annika weiß nicht, wann sie zum ersten Mal geweint hat. Sie erinnert sich, dass die Polizei recht lange da war. Dass sie öfter mit der KriPo telefonierten, um möglichst viele Fragen der Familie beantworten zu können. Auch Hannahs Geschwister wussten mittlerweile Bescheid. Ihr Sohn war von ihrem stürmischen Suchen nach ihm wach geworden, zu ihrer zweiten Tochter war sie hochgegangen und hatte sich ans Bett gesetzt. Was ist los?

Es ist was mit Hannah. Komm mal mit runter. Annika fehlten die Worte, sie konnte nicht aussprechen, was unaussprechlich war. Ihre Tochter brüllte: „Ihr sagt mir jetzt nicht, dass Hannah tot ist!“

Mord an Hannah

Hannah ist tot. Hannah wollte doch immer nur anderen helfen.

In ihrer Erinnerung reagierte Annika recht still, nicht schreiend. Sie wollte gern, dass der Pfarrer ihrer Gemeinde kommt, den mochte sie, dem vertraute sie. Eine Freundin, die Notfallseelsorgerin ist und die Nachricht in ihrem Ticker bekommen hatte, stieß eine halbe Stunde nach der Polizei zu ihr. Auch Annikas Schwestern kamen im Lauf des Vormittags vorbei. Einige erinnern sich, dass Annika doch irgendwann schreiend Sachen durch die Küche geworfen haben soll. Sie selbst weiß davon nichts mehr. Wie auf Autopilot informierte sie Freunde, damit sie es nicht aus der Zeitung erfahren mussten.

Ein paar Tage später durfte die Familie Hannah nochmal sehen. Die Bestatterin hatte sie über jeden Schritt auf dem Laufenden gehalten. Die Beerdigung war riesig. Auch irgendwie tröstlich. Annika hatte Hannahs KollegInnen gegenüber geäußert, dass sie es schön finden würde, wenn da vielleicht ein RTW stehen könnte. Mit Blaulicht.

Annika hatte die Urne getragen, um ihr Mädchen selbst zur Erde zu lassen. Sie hatten es Lebensfest genannt. Die letzte Party. Als die Tür der Trauerhalle aufging stand da nicht nur ein RTW mit Blaulicht. Alle KollegInnen aus dem Rettungsdienst waren gekommen. Sie standen Spalier fast bis runter zum Grab. Bestimmt 200 Leute. Es waren auch viele Seelsorgende vor Ort.

Mord an Hannah

Alle Emotionen gehen zu Hannah, hatte sich Annika geschworen, als der Prozess gegen den Täter stattfand. Sie wollte ihm keinen Schnipsel ihrer Gefühle schenken. Meinen Hass kriegst du nicht. Ihr Mann, ihr Sohn, ihre zweite Tochter und sie: sie würden alle mit in den Gerichtssaal gehen. Mit der Anwältin und der psychosozialen Prozessbetreuerin. 13 Jahre bekam der Täter. Die Tatwaffe ist bis heute nicht aufgetaucht. Sie hatten vorab alle Akten gelesen. Sie hielten das gemeinsam aus. Gemeinsam für Hannah.  

Das bislang größte Loch tat sich etwa ein halbes Jahr nach Prozessende auf. Die größte Herausforderung: Der Alltag. Annika hatte in den Monaten zuvor viel funktioniert, immer wieder hatte es Akten zu lesen oder irgendetwas zu organisieren gegeben.

Nun bekam sie Schwierigkeiten, sich in der Küche aufzuhalten. Denn da hatte die meiste Zeit ihres Familienlebens stattgefunden. Und hier war ihr das mitgeteilt worden, was ihr Leben für immer in ein Davor und ein Danach geteilt hatte.

Sie schaffte es nicht, zu kochen, weil Hannah so gern gekocht hatte. Sie, die immer so viel Wert auf Hygiene und Sauberkeit legte, konnte zu Hause nicht mehr putzen, während sie das auf der Arbeit exzessiv tat. Überhaupt, die Arbeit. Die wurde zu ihrem größten Anker und zu besten Ablenkung.

Ihre Therapeutin hatte irgendwann die These aufgestellt, ob es ihr vielleicht schwerfiel, Spuren zu verwischen? Hannahs letzte Spuren. Wie oft hatte Annika im Bad die Fliesen fixiert, auf die sie geschaut hatte, als Hannah ihr zum letzten Mal in ihrem Leben Tschüss gesagt hatte.

Ein Tschüss für immer.

Ein Tschüss von einer jungen Frau, die immer helfen wollte.

Von einer, die nie vergessen werden wird.

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