Nach Frühgeburt: „Ich fühlte mich total alleingelassen vom Krankenhaus“

Frühgeburt

Foto: pixabay

Ihr Lieben, Personalmangel und Sparpolitik haben längst das Gesundheitswesen erreicht. Unsere Leserin Josefa hatte vor kurzem eine Frühgeburt und hat in den Tagen danach deutlich die Auswirkungen des maroden Gesundheitssystems gespürt. Hier erzählt sie uns davon:

Liebe Josefa, du hattest kürzlich eine Frühgeburt mit Zwillingen. Kannst du uns mehr davon erzählen?

Ich habe letzte Ende August in der SSW 32+2 zwei Jungs entbunden. Aufgrund einer erhöhten Fruchtwassermenge beim oben liegenden Zwilling war damit zu rechnen, dass eine frühere Geburt stattfinden wird. So früh allerdings nicht. Der führende Zwilling hatte Mittwochabend einen Blasensprung ausgelöst, woraufhin ich direkt das Klinikum aufgesucht habe. Dort habe ich Wehenhemmer und die erste Lungenreifespritze erhalten.

Nach einigen Stunden gab es trotz des Wehenhemmers einen Wehendurchbruch und die Spontangeburt konnte nicht mehr aufgehalten werden. Zum Glück hatten beide Kinder mit 1905 Gramm sowie 2340 Gramm schon gut „Kampfmasse“ für den Frühstart. 

Es ist immer hart, wenn man nach der Geburt nicht einfach mit den Kindern nach Hause gehen kann. Wie war das bei euch?

Während der Geburt standen zwei Teams der Kinderklinik parat und übernahmen direkt die Versorgung. Da die zweite Lungenreifespritze nicht gesetzt werden konnte, konnte ich nur wenige Momente der Versorgung über den Birth-Trolley miterleben und dann kamen die Zwillinge direkt in den Nebenraum zur Untersuchung. Ein kurzes auf die Brust nehmen war nicht möglich. 

Die Zwillinge kamen nach der ersten Untersuchung auf die Intensivstation der Neonatalogie. Ich kam auf die Wochenbettstation und mein Mann musste nach Hause gehen. Was uns bis dahin nicht klar war: Ohne Kinder im Wochenbettzimmer hatten wir in dieser Klinik keinen Anspruch auf ein Familienzimmer. Hat man also kein Kind im Zimmer, darf auch der Partner nicht im Zimmer bleiben.

Als wäre die Trennung zu den Kindern nicht schon schlimm genug, wurde mir mein emotionaler Halt genommen. Weil an dem Tag besonders viele Kinder geboren wurden, wurde dann eine Mutter mit einem Neugeborenem zu mir ins Zimmer verlegt. Das war echt eine schwere emotionale Herausforderung.  

Wie schwer war es für dich, zwischen den verschiedenen Stationen hin und her zu pendeln? Und wie gesehen hast du dich auf der Station gefühlt?

Die Pendelei war sehr schwer für mich. Mein Mann hat morgens zuerst die Lage bei den Kids gecheckt und dann haben wir einen Plan für den Tag gemacht, wann wir zu zweit bei ihnen sind, wann er alleine bei ihnen ist. Wir waren quasi ab Geburt nur damit beschäftigt, uns zu koordinieren und zu schauen, wann die Möglichkeit zum Bonden besteht.  

Am ersten Tag war ich kreislauftechnisch nicht in der Lage zu gehen, mein Mann brachte mich dann immer im Rollstuhl hin. Auch an den nächsten Tage fiel mir das Gehen schwer, entweder schob mein Mann mich zur Kinderklinik oder ich hielt mich am Rollstuhl fest und ging damit. Auf der Neonatologie gab es keine Liegemöglichkeit, sodass ich tagsüber immer wieder zurück ins Wochenbettzimmer musste, um mich und die Geburtsverletzung zu schonen. 

Auf der Wochenbettstation habe ich mich überhaupt nicht gesehen gefühlt. Ich hatte immer das Gefühl, „unterm Radar“ zu laufen. Da die Schwestern kein Kind kontrollieren mussten und ich viele Stunden auf der Neonatalogie verbrachte, kannten mich viele Schwestern gar nicht. Dieses Gefühl hat sich in vielen Situationen gezeigt. Zum Beispiel lag ich einmal winkend im Bett, da die Schwester bereits im Tunnelblick nach außen gehen wollte, nachdem sie meine Zimmernachbarin kontrolliert hat.

Ich musste winken und laut mitteilen, dass ich auch gerne ein Schmerzmittel hätte. Auch weitere Schmerzmittel oder Hilfsmittel wie Lactulose erhielt ich immer nur, wenn ich klingelte und diese anforderte. Es gab kaum Kommunikation mit den Schwestern, da diese sich auf die Kontrolle der Kinder konzentrierten. Wenn ich direkt beim Schwesternzimmer nach etwas fragte, kam immer die Gegenfrage, „und wer sind Sie“? 

Auch musste ich gegen Ende der offiziellen Essenszeiten immer zur Wochenbettstation zurück, um zu verhindern, dass mein Essen eingesammelt wurde. Die Visite habe ich mitbekommen, wenn ich zufällig auf der Station war, ansonsten habe ich keine Visite mitbekommen. Ich habe auch nicht mitbekommen, ob jemals eine Stillberaterin auf der Station war. Bis zur Entlassung habe ich keine Stillberatung erhalten und es hat auch niemand meine Brüste angeschaut. 

Ich wurde von der Wochenbettstation in den ersten Stunden nach Geburt auch nicht ins Abpumpen eingewiesen. Die Schwestern auf der Intensivstation fragten mich bei meinem ersten Besuch, zwölf Stunden nach der Geburt, ob ich Muttermilch dabei hätte. Wie sollte ich die dabei gehabt haben, bis zu diesem Zeitpunkt hatte mich niemand darauf angesprochen oder aufgeklärt. Die Schwestern auf der Intensivstation zeigten mir dann, wie ich die Milchpumpe einstelle und gaben mir Brustwarzensalbe. 

Der Höhepunkt zeigte sich dann, als mein Klingeln nachts übersehen wurde. Nach über einer Stunde vergeblichen Wartens suchte ich das Schwesternzimmer auf, in dem ich wieder einmal gefragt wurde, „wer sind denn Sie?“. 

Wass hättest du eigentlich in dieser Situation gebraucht? Was hätte dir geholfen?

Am meisten hätte ich mir gewünscht, dass ich mit meinem Mann ein Familienzimmer erhalten hätte. Gerade in den verwundbaren Stunden nachts hätte ich ihn gebraucht. Tagsüber hat er mir und den PflegerInnen viel Arbeit abgenommen, dies hätte er auch nachts tun können. Ich fühlte mich einfach nur bestraft. 

Dann hätte ich mir gewünscht, dass es für Frühchenmütter bzw. Eltern einen Plan gibt, einfach eine Person, die für uns mitdenkt und Abläufe erklärt. Ganz banal hier das Beispiel, dass standardmäßig das Essen im Zimmer der Wöchnerin stehen bleibt und ich nicht noch danach schauen muss, dass irgendjemand es abholt.

Oder dass die Pflegerinnen auf ihrer Runde morgens als Erstes und abends als Letztes nach der Frühchenmutter schauen, damit man tagsüber ganz in Ruhe bei den Kindern sein kann. Oder dass man informiert wird, wann der Arzt zur Visite kommt. Auf der Intensivstation hätte mir eine Liegemöglichkeit geholfen. Die Stillsessel sind mit frischer Geburtsverletzung nicht sehr bequem, um es mal nett auszudrücken. 

Eigentlich müsste man am ersten Tag nach der Entbindung eine Stillberatung erhalten sowie eine Information der Physiotherapeutin, wie man sich nach der Geburt verhält. Mein Mann und ich waren den ganzen Tag im Hamsterrad. 

Zum Glück konntest du dir in einigen Situationen selbst helfen….

Absolut. Aber das konnte ich nur, weil ich bereits ein großes Kind habe und ich von meinem letzten Klinikaufenthalt weiß, welche Möglichkeiten es gibt. Damit meine ich, welche Schmerzmittel oder andere Mittel zur Verdauungsanregung oder Wundheilung ich beim Personal anfordern kann.

Außerdem hat es mir geholfen, dass ich einschätzen konnte, ob sich die Geburtsverletzung „normal“ anfühlt oder wann ich mich hinlegen muss. Wäre dies meine erste Geburt gewesen, wäre ich völlig untergegangen und hätte im dümmsten Fall nachhaltig meinem Beckenboden und der Geburtsverletzung geschadet. 

Ein kleiner Lichtblick von Seiten der Wochenbettstation gab es dann, als ich in der Nacht von Samstag auf Sonntag nach dem erfolglosen Warten zum Schwesternzimmer bin und dort einen Nervenzusammenbruch hatte. Die Nachtschwester hat sich daraufhin Zeit für mich genommen und sich entschuldigt, dass sie mich vergessen hat. Sie konnte mich in dem Moment dann gut auffangen und sie hat den nächtlichen Vorfall dem Team im Frühdienst und den Ärzten weitergeben.

Die Schwester des Frühdienstes brachte mir dann direkt morgens um sieben Medikamente für den ganzen Tag und es kamen in der Früh direkt zwei Ärzte vorbei, um die Sache zu besprechen. Ein Resümee daraus war, dass die Physiotherapeutin beauftragt wurde, nach mir zu schauen, dass ich vom Klinikum ein Rezept für eine elektrische Milchpumpe erhalte (bis dahin wurde ich an meinen Frauenarzt verwiesen) und ich wurde über die Möglichkeit der Psychosozialen Seelsorge hingewiesen.

In allen Gesprächen wurde deutlich, dass ich kein Einzelfall bin und sich auch das Personal und die Ärzte eine Besserung dieser Strukturen wünschen. Deswegen war es mir wichtig, euch zu schreiben. Es gibt sicherlich Kliniken, in denen es mehr Plan für die Eltern gibt, aber auch Kliniken, in denen es genauso schlecht läuft. Gerade von einem Perinatalzentrum Level 1 hätte ich sowas erwartet. 

Wie ist die Lage aktuell?

Ich wurde gestern entlassen. Von Seiten der Ärzte hätte ich noch ein bis zwei Tagen auf der Wochenbettstation bleiben können, quasi in Kindsnähe, allerdings war ich nach diesen Tagen fertig mit der Welt und wollte dort nur noch raus. 

Meine Zwillinge werden noch einige Wochen auf der Neonatalogie betreut. Zum erwartbaren Zeithorizont wurde uns mal gesagt, dass es Wochen dauern könnte und mal, dass es bis zum eigentlich ET acht Wochen später dauern kann. Eine Aufnahme auf deren Station ist aus Platzgründen erst ein bis zwei Wochen vor der geplanten Entlassung möglich. Bis dahin heißt es täglich ins Klinikum fahren, um Milch abzuliefern und zu bonden. 

Parallel versuchen wir zu klären, welche Ansprüche wir in dieser Situation haben. Zum Glück konnten wir ein paar Informationen über den Bundesverband Frühgeborener erhalten und auch meine Krankenkasse konnte mich gut aufklären. 

Hast du generell das Gefühl, dass die Qualität in den Krankenhäusern zurück geht?

Ja das habe ich. Im Kreißsaal und auf der Intensivstation merkt man es den Pflegerinnen bisher nicht an. Zumindest hier ein Lichtblick. Soweit ich weiß, gibt es auch dort Personalmangel, aber die Mitarbeiter und Ärzte sind mit Herzblut dabei und geben alles. 

Auf der Wochenbettstation herrschte ganz klarer Personalmangel. Dies hat die Nachtschwerster auch als Hauptursache angegeben. Zwei Nachtschwestern für eine volle Wochenbettstation ist einfach zu wenig. Ebenso hat mir die Physiotherapeutin berichtet, dass sie immer da sind, um Frauen aufzuklären, allerdings müssen sie von den ÄrztInnen damit beauftragt werden und es gebe hier keine standardisierten Abläufe. 

Von meiner Hebamme habe ich erfahren, dass es früher einen Arbeitskreis mit den ganzen Stationen und einigen freien Hebammen gab, um regelmäßig zu überprüfen, was gut und schlecht laufe. Dieser Arbeitskreis wurde vor einiger Zeit eingestellt. Wenn ich mir die aktuelle Kliniksituation und die politischen Pläne anschaue, dann bin ich froh, dass meine Kinderplanung abgeschlossen ist. 

Wirst du dem Krankenhaus und der Station Feedback geben?

Der Station habe ich durch meinen kleinen nächtlichen Ausraster und den darauffolgenden Gesprächen bereits Rückmeldung gegeben. Es war anzumerken, dass die Mitarbeitenden vor Ort gerne bessere Bedingungen hätten, sie jedoch selbst gegen die gegebenen Strukturen kämpfen. Meine Hebamme hat mir dazu geraten, die Vorfälle an den Chefarzt heranzutragen und das werde ich auch tun. 

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3 comments

  1. Hallo Josefa,
    tut mir leid was du durchmachen musstest. Ich habe leider mit meinem Sohn ähnliche Erfahrungen machen müssen – als Frühchen in der 35. Woche musste er knapp 2 Wochen im Krankenhaus bleiben. Ich konnte zum Glück nach ein paar Tage auf sein Zimmer ziehen. Das Hin und Her Pendeln,das Gefühl vor allem auf der Neo oft im Weg und lästig zu sein,habe ich leider auch so erlebt. Im Frühstücksraum die anderen Mamas mit Babies während man selbst sein Kind „nur besucht“ und oft als lästige Besucherin gesehen wird. Erst mit viel Druck konnte ich mit ihm aufs Zimmer ziehen obwohl uns das sofort versprochen wurde. Mein Partner wurde auch recht schnell nach der Geburt rausgeschmissen.Ich hatte zum Glück auch viele nette Schwestern und Hebammen und habe meinen Frust oft den Ärzt_innen mitgeteilt,aber es ist einfach keine Art mit Menschen umzugehen.Ich finde auch dass Frühchen Eltern nochmal gesondert beraten werden sollten,hier gab es diesbezüglich fast keine Infos. Schlimm dass ich von Krankenhäusern meist ähnliche Berichte lese. Ich wünsche euch alles Gute und hoffe ihr könnt die Zeit gut verarbeiten.
    Ach so,mir wurde auf Nachfrage in der Neo auch gesagt „ich könnte mir ja einen Stuhl nehmen“- wohlgemerkt hart und unbequem und vor dem Hintergrund dass ich nicht schwer heben durfte…
    Viele Grüße
    Solveig

  2. Danke für diesen Bericht! Ich wünsche der Familie alles Gute und dass sie bald zu 5t zu Hause sein werden! Ich habe leider ähnliche Erfahrungen gemacht, als ich damals mit meiner 1-jährigen Tochter in der Kinderklinik war. Ihr wurde geholfen, aber die Empathie der Schwestern war quasi nicht vorhanden und ich hatte öfters das Gefühl, dass wir eine Last sind. Und ich als Mama war quasi unsichtbar mit meinen Gefühlen. Ich habe damals das gleiche Fazit gezogen, dass unser Gesundheitswesen überlastet ist.

  3. Liebe Josefa, zuallererst herzlichen Glückwunsch zur Geburt deiner Zwillinge und ich hoffe, dass ihr sie bald Zuhause habt. Das hört sich nach einem Erlebnis an, das sich niemand wünscht und das doch so viele Frauen mit dir teilen. Ich hatte ein ebenfalls unschönes Erlebnis nach der Geburt unseres zweiten Kindes vor einem Jahr. Zum Glück für uns mussten wir nicht so lange im KH bleiben und der Kleine war auch nur 2 Wochen vor Termin. Aufgrund schwankender Blut-Sauerstoffwerte (die- wie sich im Nachhinein herausstellte- vor allem an der ungenauen Messmethode lagen) wurde mein Sohn knapp 24 h nach Geburt in die benachbarte Uniklinik verlegt. Mir wurde freigestellt, ihn zu begleiten, ich würde dann mit aufgenommen. Nichtsahnend habe ich mich also von der Geburtsklinik entlassen lassen. In der UK kam mein Sohn auf die Kinderstation ( nicht Intensiv) zur Beobachtung. Die Aufnahme dauerte ca. 2 h, für die ich mich immerhin auf einen Plastikstuhl setzen konnte. Mein Glück war, dass ich keine grösseren Verletzungen hatte und zumindest physisch schon recht fit. Was ich nicht bedacht hatte war, dass nur mein Sohn aufgenommen war und ich für diese Klinik eine mow lästige Zugabe. Die Schwester verwies mich also auf eine Kippliege aus Netzstoff (eine Gartenliege), da könne ich die Nacht verbringen. Alle Mutter- Kind Zimmer seien belegt, in der Gyn und in der Wöchnerinnenstation eh nix frei und sie könne halt nix machen. Nur weil Schwie Mu und ich mich auf die Hinterbeine stellten bekam ich -unter Murren- eine Pritsche mit Matratze zugewiesen mit der Anmerkung, falls es noch voller würde, würde man mich direkt wieder entfernen. Wie gesagt, die Entbindung war gerade 1 Tag her. Essenskarten in die Hand gedrückt- Essen abholen in der Cafeteria, 300 m laufen bitte. Toilette? (im Wochenbett!)- gibt’s hier auf Station nicht. Gehen Sie raus auf die Besuchertoilette. Duschen? Gibt’s nur in den Mu- Ki- Zimmern. „Sie können ja mal fragen, ob Sie da duschen dürfen“. Na klar! Ich war nach den 4 Tagen Aufenthalt dort psychisch sowas von durch und wollte einfach nur noch nach Hause. Hier hatte ich eher den Eindruck dass Personalmangel weniger das Problem war als vielmehr völlige Empathielosigkeit seitens der Leitung gegenüber den Eltern. Du bringst kein Geld- seh zu wo du bleibst. So habe ich mich gefühlt, obwohl das Pflegepersonal und auch die Ärzte bis auf wenige Ausnahmen freundlich waren.
    Leider sind die geschilderten Erlebnisse trotzdem keine Ausnahme in deutschen Krankenhäusern.

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