Ihr Lieben, unsere Leserin Silke hat einen Sohn, der neurodivergent ist, was die Familie vor einige Herausforderungen stellt. Auch, weil der Vater des Jungen zunehmend ablehnend und ungeduldig reagiert. Sie hofft, dass hier jemand mitliest, der diese Situation kennt und der gute Tipps geben kann:
Mein Sohn ist neurodivergent – und mein Mann versteht ihn nicht
Ich weiß gar nicht so recht, wo ich anfangen soll. Wir haben einen neunjährigen Sohn, der neurodivergent ist. Schon im Kindergarten haben wir gemerkt, dass er in manchen Situationen anders reagiert als andere Kinder. Veränderungen fallen ihm schwer, er ist schnell überreizt, kann seine Gefühle manchmal nur schwer regulieren und gerät in sozialen Situationen immer wieder an seine Grenzen. Inzwischen gibt es auch in der Schule zunehmend Probleme. Er kommt mit bestimmten Situationen nicht klar, verweigert Aufgaben, gerät mit anderen Kindern aneinander und manchmal eskaliert eine eigentlich kleine Sache völlig.
Ich versuche, damit umzugehen. Ich habe angefangen, mich intensiv mit dem Thema Neurodivergenz auseinanderzusetzen, spreche mit der Schule und hole mir Unterstützung. Ich versuche zu verstehen, was hinter seinem Verhalten steckt: Wann ist er überfordert? Was sind seine Auslöser? Was können wir verändern, damit er sich besser zurechtfindet? Mir ist wichtig, dass er nicht ständig das Gefühl bekommt, falsch zu sein, nur weil ihm manche Dinge schwerer fallen als anderen Kindern.
Mein Mann sieht das komplett anders. Er sagt, wir würden unseren Sohn „in Watte packen“ und viel zu viele Entschuldigungen für sein Verhalten finden. Wenn unser Sohn beispielsweise morgens nicht loskommt oder wegen einer Kleinigkeit völlig ausrastet, sagt mein Mann Dinge wie: „Jetzt reiß dich endlich zusammen.“ Er ist überzeugt, dass unser Sohn vor allem klare Grenzen und mehr Konsequenz braucht.
Ich kann sogar verstehen, dass mein Mann manchmal erschöpft und ratlos ist. Auch für ihn ist die Situation belastend. Aber inzwischen habe ich das Gefühl, dass aus seiner Überforderung immer mehr Wut wird. Er ist unserem Sohn gegenüber zunehmend genervt, wird laut und manchmal auch richtig aggressiv. Es gab Situationen, in denen ich dazwischengehen musste, weil mir seine Reaktion zu heftig war.
Danach ist mein Mann meistens selbst unglücklich. Er sagt, er wolle ja gar nicht so reagieren, aber unser Sohn treibe ihn einfach irgendwann in den Wahnsinn. Gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass mein Mann immer mehr Abstand zu unserem Sohn bekommt – und unser Sohn wiederum zunehmend Angst davor hat, etwas falsch zu machen, wenn sein Vater dabei ist.
Das macht mir große Sorgen. Ich fühle mich inzwischen zwischen allen Stühlen. Ich möchte meinen Sohn schützen und ihm vermitteln, dass mit ihm nichts falsch ist. Gleichzeitig möchte ich meinen Mann nicht ständig korrigieren oder ihn zum „bösen Elternteil“ machen. Und natürlich möchte ich auch nicht, dass unsere Familie an diesem Thema zerbricht.
Ich frage mich aber zunehmend: Wie viel Unterschied in der Erziehung kann eine Familie aushalten? Und ab wann wird aus unterschiedlichen Vorstellungen ein Problem, bei dem ich als Mutter ganz klar eingreifen muss?
Wie kann ich meinem Mann vermitteln, was Neurodivergenz tatsächlich bedeutet und warum unser Sohn nicht einfach „mehr Disziplin“ braucht? Wie können wir als Eltern wieder an einem Strang ziehen? Und was kann ich tun, wenn mein Mann in seiner Überforderung laut oder aggressiv wird? Ich habe Angst, dass wir gerade nicht nur unseren Sohn verlieren, sondern uns als Familie gegenseitig. Vielleicht kann mit jemand gute Ratschläge geben!
