Das Wunder der Geburt: Eine Hebamme erzählt von ihren schönsten Geburten

Mein Name ist Sylvia, bin inzwischen seit 13 Jahre Hebamme. Eine Zeit, in der man sehr sehr viel sieht, hört und mitbekommt. Heute möchte ich Euch fünf ganz besondere Geschichten erzählen. 

Meine faszinierendste Geburt:

Als noch recht frische Hebamme übernahm ich im Nachtdienst eine junge Erstgebärende, die mir die Kollegin mit 5-6 cm Muttermundweite übergab. Die italienischstämmige Frau war in der Wanne und wurde liebevoll von ihrer kleinen Nichte (ca. 6 Jahre alt) und ihrem Mann umsorgt.

Die werdende Oma, zwei Schwestern und noch eine Nichte (ca. 4 Jahre alt) kümmerten zudem sich um Getränke, Essen, Musik und positive Energie. Das große Mädchen fächerte ihrer Tante unablässig kühlende Luft mit dem Fächer zu, massierte ihr zwischendrin die Stirn und die Schultern und las der Gebärenden jeden Wunsch von den Augen ab.

Ich war ziemlich erstaunt, im Kreißsaal Kinder zu sehen, aber die große Selbstsicherheit dieser kleinen Mädchen und auch die Selbstverständlichkeit, mit der sie ganz bei der Sache waren, haben mich sehr schnell überzeugt. Es war einfach stimmig. Es war so ruhig, das Licht gedimmt. Es war nur leise Musik und das konzentrierte Atmen der Gebärenden zu hören.

Das Kind schwamm auch kurze Zeit später auf diese Welt und wurde so liebevoll begrüßt, wie ich es leider nur selten zu sehen bekomme. Es wurde mit Liebe in die Liebe geboren. Die beiden Mädels waren so verzaubert von der Geburt ihrer kleinen Cousine und ich bin sicher, dass sie die Geburt als absolut positives Erlebnis wahrgenommen haben und als erwachsene Frauen hoffentlich auch so selbstbestimmt und liebevoll gebären können.

Diese Geburt wird mir immer in Erinnerung bleiben und ich kann mit dieser Geschichte klar machen, dass es sehr wohl möglich ist, Kinder im Kreißsaal dabeizuhaben. Die Gegebenheiten müssen passen und die Kinder sollten gut vorbereitet werden. Und in erster Linie muss sich natürlich die Gebärende dabei wohl fühlen.

Meine überraschendste Geburt:

Vor nicht allzu langer Zeit bekam mein Mann spätabends einen Anruf von einem guten Freund und Kollegen, der ziemlich panisch ins Telefon rief: "Schnell!!! Schnell!! Deine Frau muss kommen, wir haben schon Presswehen!" Ich betreue eigentlich keine Hausgeburten, sondern arbeite in einem kleinen Belegkrankenhaus.

Das Paar kannte ich bereits vom 1. Kind und ich wäre auch diesmal wieder einfach „nur“ die betreuende Wochenbetthebamme gewesen. Der errechnete Termin der Frau wäre auch erst in einigen Wochen gewesen, was die ganze Situation nicht unbedingt beruhigte.

Ich bin mit Vollgas, in meinen Schlafklamotten, durch unser Dorf gerast. Die Familie wohnt nur wenige Kilometer entfernt. Auf dem Weg dahin tropfte das Adrenalin schon aus meinen Ohren. Was erwartete mich wohl dort? Ein Frühchen mit Atemproblemen oder Anpassungsstörungen? Vor dem Haus sah ich schon die Lichter des Rettungswagens.

Im Haus erwarteten mich die werdenden Eltern und zwei recht nervöse Sanitäter, die die Schwangere unbedingt noch in den Wagen verfrachten und schnell ab ins Perinatalzentrum wollten. Ich sah allerdings auf den ersten Blick, dass das mit dem Transport nichts mehr werden würde. Eine kurze vaginale Untersuchung bestätigte das.

Der Kopf war schon sehr tief, die Frau spürte starken Druck. Das Baby würde also jetzt gleich kommen, hier und jetzt. Ich befreite die Frau erstmal vom Blutdruckgerät und Pulsoxy, der werdende Papa legte den Boden noch schnell mit Handtüchern aus. Die Frau konnte so gut in den Kniestand gehen, der Mann stützte sie dabei. 

Ein paar Minuten später flutschte ein gar nicht so kleines Baby in meine Hände und wir konnten alle auf den ersten Blick erkennen, dass da wohl ein gewaltiger Terminfehler vorlag. Der kleine Mann war gar nicht so klein, sondern sah ziemlich normal groß und gewichtig aus. Den beiden Sanitätern und auch mir fiel ein Stein vom Herzen, dass alles so toll und positiv ausging.

Mutter und Kind wurden anschließend doch noch zur Kontrolle ins Krankenhaus gebracht, schließlich stand im Mutterpass ein völlig falscher Termin und bei der frischgebackenen Mama musste auch noch ein kleines bisschen genäht werden.

Der Papa hat sich danach gefühlt tausendmal bedankt, dass ich so spontan und schnell gekommen bin und augenblicklich die Situation entschärft und beruhigt habe. Ich war und bin immer noch so so so stolz auf meine erste Hausgeburt und denke sehr oft daran. 

Schnelle Geburt Nr. 1)

Vor kurzer Zeit erst kam in der Nacht ein werdender Vater mit seiner Frau im Rollstuhl in den Kreißsaal gejoggt! Er ist wirklich gerannt, hat seine Frau mehr oder weniger ins Bett gekippt, die Frau hat sich die Hose ausgezogen und – plopp – mir flog ein Kind entgegen!

Ich hatte weder die Herztöne gehört, das Abnabelungsset vorbereitet oder die Wärmelampe angemacht. Ich hatte ja noch nicht mal mehr Zeit mir Handschuhe anzuziehen, geschweige denn den Arzt zu informieren. Wären sie nur eine Minute später dran gewesen, wäre das Kind wohl im Aufzug geborenen worden! 
 

Schnelle Geburt Nr. 2)

Diese Geburt liegt schon etwas länger zurück. Die Frau hatte ich bereits bei ihrer ersten Geburt betreut, die wirklich sehr sehr lang ging. Ich war dann zum Schluss die dritte Hebamme und nach über 24 Stunden Kreißsaal lagen die Nerven blank. Beim zweiten Kind wollte sie deshalb ja nicht zu früh in die Klinik, sie wollte so lange zuhause warten bis sie es wirklich nicht mehr aushielt.

Nun ja, beim zweiten geht’s bekanntlich meist schneller, vor allem wenn die erste Geburt auch noch nicht lange zurückliegt. Es kam wie es kommen musste: Das Baby wurde im Auto vor der Krankenhaustür geboren.

Zu allem Unglück hat nämlich auch noch die Tür geklemmt! Nachts sind alle Kliniktüren verschlossen und werden dann nach Klingeln elektronisch geöffnet. Ging aber nicht. Es musste der Notfallschlüssel gesucht und geholt werden. Und genau in dieser Zeit wurde das Kind geboren. 

Und eine Geburt muss noch sein, die einzige Geburt (bei über 800), bei der ich jemals ein Tränchen (oder auch zwei) vor Freude verdrückt habe.

Zwei sehr junge Erstlings-Eltern wurden von der Oma ins Krankenhaus gebracht, weil sie beide noch keinen Führerschein hatten. Die Beiden waren mir auf ersten Blick sympathisch. Er war super aufgeregt, total hibbelig, hatte Angst um seine Freundin. Sie dagegen hat völlig in sich geruht, die Wehen gut veratmet und sich mit Neugierde auf den Geburtsvorgang eingelassen.

Die Geburt ging völlig problemlos und sehr zügig voran. Als schließlich die Presswehen einsetzten, mussten meine Hebammenschülerin und ich erstmal den werdenden Papa beruhigen. Der hat beinahe hyperventiliert, weil „es schon so weit war“!

Er ist hin- und hergerannt, hat die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen. „Jetzt schon?! Oh Gott, es kommt jetzt schon?! Jetzt schon?!! Das dauert doch normal 20 Stunden!! Oh Gott, oh Gott!!!“, rief er die ganze Zeit.

Nach ein paar Minuten hat er sich aber doch wieder zu seiner Freundin hingesetzt, die immer noch die Ruhe in Person war. Sie hat nach Gefühl mitgeschoben und sich zwischen zwei Wehen zu ihm hingedreht und ihm zugehaucht: „Ich liebe dich“.

Der junge Kerl, eh schon fix und fertig, hat dann endgültig die Schleusen geöffnet und hemmungslos weinend seiner Freundin den Kopf gestreichelt und auch immer wieder geschluchzt: „Ich liebe dich auch so sehr!“

Uns Hebammen standen auch die Tränchen im Auge, weil diese zwei jungen Menschen unser Herz so ergriffen haben, wie ich es noch nie zuvor und bis heute nicht wieder erlebt habe.

Diese große Liebe zwischen diesen beiden war so echt, so sichtbar, so berührend! Dann wurde das Kind geboren und von der ersten Sekunde an mit Liebe umhüllt. Jeder konnte sehen und spüren, dass diese Drei ab jetzt eine Einheit waren.

 

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3 Kommentare

  1. Meine Geburt
    Oh mein Gott, die schnelle Geburt mit dem Rollstuhl hört sich zu 100% an wie meine Geburt vor 4 Jahren bei meinem 3 Kind. Wir haben in Berlin Buch entbunden , vielleicht bist du unsere Hebamme gewesen 🙂
    Ganz liebe Grüße

  2. Danke …
    für diese wunderschönen Berichte voller Emotionen!! Sonst bekommt man ja meist nur Horrorgeschichten erzählt. Meine zweite Geburt ging auch so wahnsinnig schnell, dass ich wirklich Angst bekam, noch rechtzeitig ins KH zu kommen… hat zum Glück gereicht 🙂

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