Gastbeitrag von Meike: Auch Erziehungs-Profis sind nur Menschen…

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Ihr Lieben, kennt Ihr diese Situationen, in denen Ihr kurz davor seid, zu explodieren? Vielleicht geht Ihr auch mal in die Luft – und schämt Euch hinterher. Weil ihr denkt, dass alle anderen es besser machen und Ihr die Einzigen seid, die nicht immer gelassen und ruhig bleiben können. Dann gibt´s heute von uns Entwarnung. Es geht allen Mamas so – sogar denen, die Erziehung auch noch beruflich betreiben. Unsere Leserin Meike ist 29 Jahre alt, wohnt in NRW, ist Sozialpädadgogin und Mutter einer Tochter. Für uns hat sie ganz ehrlich aufgeschrieben, dass auch ein Profi wie sie manchmal einfach nicht weiter weiß. VIELEN DANK dafür und alles Liebe für Dich, liebe Meike. 

"Ich bin Mutter einer zweijährigen Tochter in der schönsten Autonomie- oder Trotzphase. Und ich bin Sozialpädagogin, arbeite in einer integrativen Kindertagesstätte. Halbtags. Meine Aufgaben umfassen in erster Linie Netzwerkarbeit, also die Zusammenarbeit mit Kooperationspartnern wie Schulen, Erziehungsberatungsstellen, sozialpädiatrischen Zentren und Frühförderstellen. Sie umfasst kollegiale Beratung und die Unterstützung der Kollegen im Gruppenalltag. Sie umfasst die Elternarbeit, also Beratung und Unterstützung in alltäglichen, aber auch in herausfordernden Situationen anzubieten. Und sie umfasst die Förderung von Kindern mit speziellen Förderbedarfen in Einzel- und Kleingruppensituationen.

Das bedeutet, dass ich jeden Tag mit schwierigen Situationen konfrontiert werde. Mit überforderten oder genervten, gestressten oder verunsicherten Eltern. Mit Kollegen, die bei einem Kind oder einer Familie Unterstützung suchen. Und vor allem auch mit Kindern, die Sprachentwicklungsverzögerungen, motorische Auffälligkeiten, kognitive und soziale Besonderheiten zeigen. Ich entwickle Förderpläne und setze diese, gemeinsam mit den Kollegen, in die Tat um. Ich verweise, wenn nötig, an Fachkräfte wie Logopäden, Physio- oder Ergotherapeuten weiter. Ich setze mich während meines gesamten Arbeitsalltages mit herausfordernden Situationen in der Erziehung und Förderung von Kindern auseinander. Ich habe das gelernt und ich habe meinen Beruf genau deshalb gewählt. Ich liebe es und es macht mir Spaß. Ich finde es toll, mit so vielen unterschiedlichen Menschen in verschiedenen Altersgruppen zusammen zu arbeiten, sie kennen zu lernen und begleiten zu dürfen.

Und dann komme ich nach Hause, hole meine Tochter ab und auf einmal ist alles anders. Diese kleine Person liebe ich von ganzem Herzen und sie ähnelt mir in so vielen Dingen, dass es mir manchmal Angst macht. Sie schafft das, was alle Kinder und Eltern in unserer Einrichtung zusammen nicht schaffen. Meine Tochter schafft es mit Links, mich aus der Ruhe zu bringen, mich wahnsinnig zu machen, mich ratlos zu machen. Mit einem trotzigen „Nein!“ Mit einem „Mama, geh weg!“ Mit einem Wutanfall, der sich gewaschen hat. Mit einem kurzen nach-Mama-schlagen-ohne-sie-zu-berühren.

Es gibt Tage, da kann ich entspannt und ruhig bleiben, weiß, wie ich am besten reagiere und was auch aus pädagogischer Sicht eine gute Herangehensweise ist. Ich weiß, was meine Tochter aus entwicklungspsychologischer Sicht gerade an riesigen Leistungen vollbringt und wie ich sie am besten dabei unterstützen kann. Ich weiß, dass sie es nicht böse meint, wenn ich ihr keinen Gute-Nacht-Kuss geben darf oder sie ihren Vater gerade in jeder Hinsicht bevorzugt. Das ist sogar an den meisten Tagen der Fall.

Aber es gibt eben auch die Tage, an denen ich nicht so gute Laune habe, gestresst bin, genervt bin, irgendwo Ärger hatte oder vielleicht auch gerade krank werde. Oder  seit mehreren Tagen oder sogar Wochen keine Nacht mehr durchgeschlafen habe. Und dann treffen mich ihre Aussagen oder Handlungen zu tiefst. Ich könnte losheulen, weiß nicht mehr weiter. Jedes pädagogische Handwerkszeug ist vergessen. Jede entwicklungspsychologische Begründung für ihr Verhalten egal. Dann möchte ich einfach nur noch jemanden haben, der mir in einer schwierigen Situation weiterhilft. Denn dann bin ich nicht mehr Pädagogin, sondern einfach nur eine verzweifelnde Mutter. Gott sei Dank habe ich so Jemanden in meinem Mann, meinen Freundinnen, meiner Familie und den Tagesmüttern meiner Tochter.

Und dann kommt meine Tochter, legt mir ihre Arme um den Hals und flüstert „Ich hab dich lieb.“

 

 

Foto: Roodini / photocase.de

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6 comments

  1. Unverständnis
    Was erschüttert Dich daran bis zur Verzweiflung, wenn Deine Kleine Dir keinen GuteNachtKuss gibt, oder ihren Papa bevorzugt?
    Das ist doch absurd, Du bist doch erwachsen!
    Und ja, ich habe Kinder, die auch mal zickig drauf sind, die lieber zu ihren Papa wollen etc. – wieso ist das ein Drama-Grund?

  2. Kenn ich
    Ach, danke!!
    Ich habe mich so wiedergefunden – ich bin auch Pädagogin, zwar derzeit mehr in der Erwachsenenbildung unterwegs, aber doch nicht so weit vom Thema weg… Hilft aber manchmal alles nix beim eigenen 2jährigen. Wie entlastend, dass es anderen aus der „Branche“ auch so geht…

  3. Nachtrag
    Noch ein kleiner Nachtrag… Wenn es richtig schlimm ist hole ich mich auf den Teppich in dem ich mir sage, ich bin nicht seine Erzieherin ich bin seine Mutter.

  4. Auch Profis sind Menschen….
    Hallo, nur zu gut kenne ich diese Situation. Ich bin Erzieherin und mit 31 Mutter geworden. Unser Sohn ist 5 und geht im Sommer in die Schule. Wie oft habe ich gedacht: du hast sogar hochschwanger noch locker eine Gruppe von 20 Kindern geleitet. Und dein einiziger eigener kleiner Zwerg bringt dich regelmäßig zur Weißglut. So wie jetzt wieder, in dieser tollen Zeit vor der Einschulung wo er mal groß genug, seiner Meinung nach, aber dann im nächsten Augenblick wieder ach so klein. Dann auch noch die Erkenntnis, wie gelassen und verständnissvoll ich bei fremden Kindern sein kann und bei ihm mir oft jegliches Verständnis fehlt. LG