Jugendhilfe: Die übersehenen PädagogInnen

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Liebe Ina, du arbeitest in der Jugendhilfe, um wen genau kümmerst du dich da wie?

Ich bin selbstständige Sozialarbeiterin und bekomme Aufträge entweder vom Jugendamt oder von Menschen, die die Beratung selber zahlen können/ wollen. In der Hilfeplanung, an der die Familien, die Mitarbeiter*innen des Jugendamtes und ich teilnehmen, besprechen wir dann, was die Familie im nächsten halben Jahr erreichen will und was die Mitarbeiter*innen des Jugendamtes wünschen (oder manchmal auch fordern).

Es gibt kaum eine Beschränkung, wer durch mich betreut werden kann. Das fängt bei Säuglingen an und geht hin zu jungen Erwachsenen, die in ihre eigene Wohnung ziehen und Unterstützung brauchen. Die Beratung umfasst in vielen Fällen das ganze familiäre System. Ich spreche also nicht nur mit einer überlasteten Mutter oder einem gestressten Vater, sondern natürlich auch mit den Kindern und weiteren Angehörigen, wenn sie für das System bedeutsam sind. Über das „wie“ spricht man dann konkret in der Hilfeplanung, allerdings sind Hausbesuche bei mir eher die Regel. Ich arbeite durch alle sozialen Schichten hindurch, weil Erziehungsprobleme eben überall vorkommen.

Immer wieder äußern auch Leserinnen hier im Blog, dass die Berufsgruppe der JugendhelferInnen viel zu wenig gesehen wird, hast du auch das Gefühl?

Vor der Geburt meiner Tochter war ich selber viele Jahre im Jugendamt tätig. Die Tätigkeit wird in der Öffentlichkeit schon mehr honoriert; allerdings hat man hier auch wesentlich mehr Verantwortung, als ich jetzt.

Ich erlebe leider häufig, dass mein Job als müßig und wenig erfolgversprechend gesehen wird. Ich helfe den „Asis“ oder den „Ausländern“, die allein nicht klarkommen. Dass die Realität ein anderes Bild zeigt, wird natürlich nirgendwo veröffentlicht.

Nach der Tat einer Mutter in Solingen, die fünf ihrer Kinder nicht überlebte, las ich schockiert in Kommentarspalten, dass die Kinder besser hätten abgetrieben werden sollen, dass eh nichts geholfen hätte. Sowas macht mich sprachlos und zeigt, dass die Öffentlichkeit keine Idee von meiner Arbeit hat.

Nun hast du keinen festen Arbeitsort, du gehst in die Familien rein. Wie ging und geht das in Zeiten von Corona?

Zunächst haben sich alle sozialen Einrichtungen sortieren müssen. Glücklicherweise ging das bei uns schnell; wir sind drei Gesellschafter*innen und hatten vor dem Montag im März, an dem die Kontaktbeschränkungen beschlossen wurden, schon unser Konzept fertig.

Jugendhilfe geht immer weiter. Wir machen kürzere Hausbesuche, tragen in den Familien Mundschutz, waschen und desinfizieren unsere Hände und verlegen so viele Termine, wie möglich, ins Freie. Die Kinder freuen sich über einen Spielplatzbesuch, die Erwachsenen finden Zeit zum Reden.

Die Familien, die wir begleiten, gehen sehr gewissenhaft mit dem Thema um. Wir werden sofort informiert, sollte jemand in der Familie erkrankt sein. Ob und in welcher Form dann Termine stattfinden, entscheiden wir dann spontan.

Dein Auftrag ist es, Eltern zu befähigen, das Wohl ihrer Kinder sicherzustellen. Wie genau machst du das konkret?

Vieles läuft in meinem Job über Vertrauen. Ich sitze bei den Familien auf der Couch und gucke mir einen sehr intimen Teil des Lebens an. Das würde ich persönlich auch nicht mit jedem teilen wollen. Schaffen wir eine Vertrauensbasis, können wir uns gemeinsam langsam aber sicher zu den Kernpunkten vorarbeiten.

Alle Erziehenden haben ihre eigene Geschichte, jede Familie hat ihre Strategien. Es bringt also nichts, wenn ich da mit tollen Ideen auflaufe, die aber für die Familie nicht passend oder nicht umsetzbar sind. Wichtig ist immer, dass die Eltern verantwortlich für ihre Kinder bleiben und ihre Wege nach und nach selber entdecken. In den Fällen begleite ich dann wesentlich mehr, als das ich beratend tätig bin.

In den Gesprächen geht es um die familiären Strukturen in den Herkunftsfamilien der Eltern oder um eigene Erfahrungen mit bestimmen Themen (z.B. Schulbesuch, Bestrafungen). Wichtig ist es, die Eltern mitzunehmen in das Gefühl, das sie als Kinder hatten, als etwas besonders gut oder eben besonders schlecht war. Auf der Basis gelingt es den Eltern Veränderungen anzutreiben. Wie das dann konkret aussieht, ist völlig individuell und bei jeder Familie anders.

Manchmal geht es dann also um ganz essentielle Dinge wie: Ist genug Essen im Haus? Gibt es genügend Kleidung – nicht nur das Sommerröckchen bei zehn Grad usw. Was macht das mit dir?

Da ich die Familien ja meist zwei Jahre und länger begleite, kenne ich die Umstände meist schon. Ich kann gut sehen, welche Eltern selber nie genügend Essen hatten oder unter schlechten Bedingungen groß geworden sind. Hier fällt es mir leicht, zu unterstützen und Hilfsangebote zu machen. Dann gehe ich auch schon mal mit einkaufen oder begleite die Familien morgens vor der Schule, damit alle ein Schulbrot und eine Regenjacke haben. Das Ziel ist immer, dass die Eltern das irgendwann allein schaffen.

Es gibt natürlich auch Familien, vor denen ich kopfschüttelnd stehe und die mich mit ihrer Nachlässigkeit oder ihrem Desinteresse wütend machen. In solchen Fällen steht mir mein Team zur Seite, um aufschlüsseln zu können, woher die Haltung der Eltern kommt. Dadurch komme ich selber nach kurzem Ärger schnell wieder zurück in die Professionalität.

Ich denke allerdings auch, dass es diese Momente braucht, um weiter gut arbeiten zu können. Ich bin und bleibe in dem ganzen Chaos ja auch ein Mensch.

Du berätst die Eltern auch in Sachen Erziehung. Worum geht es da meist?

Um das kurz zu umreißen würde ich sagen: Alle großen und kleinen Probleme, die einem das Leben so vor die Füße werfen kann. Schulverweigerung, Verweigerung zu Hause, Streit unter Geschwistern, Entwicklungsschwierigkeiten, Paarkonflikte, die das Verhalten der Kinder beeinflussen etc.

Vieles davon ist zum Glück eine Phase und muss nicht immer als unnormal bewertet werden. Vierjährige Kinder liegen halt schon mal brüllend im Laden. Und Dreijährige rasten aus, wenn es der falsche Becher zum Frühstück ist. Da geht es dann oft darum, den Eltern den Mut zu geben, gut zu reagieren und auch, dass Aushalten ab und an die einzige Möglichkeit ist.

Sind dir die Eltern dabei denn wohlgesonnen oder gibt es auch mal Widerstand gegen dein Hilfsangebot?

Wenn ich im Zwangskontext (also in einer durch das Jugendamt initiierten Hilfe) eingesetzt werde, kann es schon sein, dass die Familien mich zunächst nicht gut finden. Und auch im Hilfeverlauf kann es sein, dass es schwierig wird.

Die Offenheit, die ich den Eltern entgegenbringe, wünsche ich mir dann auch und spreche das konkret an. Entweder es klärt sich oder wir müssen gemeinsam gucken, ob eine Veränderung stattfinden muss. Angst musste ich bisher glücklicherweise nicht haben. Leider kenne ich Kolleg*innen, die da schon unschönere Begegnungen hatten.

Wachsen dir einige Familien dabei sehr ans Herz oder hast du da immer die Profibrille an?

Klar gibt es Familien, die einem näher sind als andere; meist die, mit denen man zu Beginn kämpfen musste. Grundsätzlich habe ich allerdings auch da einen professionellen Blick. Wenn ich mit meinen Klienten Kaffee trinken gehe, dann in meiner Arbeitszeit und ich bekomme dafür Geld.

Der Grundsatz ist immer, dass ich nicht die Familien meiner Freunde berate und Klienten eben auch keine Freunde werden.

Welche Geschichte einer Familie hat dich denn mal sehr gerührt, kannst du das sagen?

Es gibt immer mal wieder Momente, an die ich zurückdenke und Familien, von denen ich gern wüsste, wie es weiter gegangen ist.

Letztes Jahr hat eine Klientin ihr Kind durch einen Fenstersturz verloren; vor wenigen Tagen ist eine junge Erwachsene, die ich lange begleitet habe, verstorben. Das sind dann Momente, in denen ich meine eigenen Rituale brauche, um nicht den Boden unter den Füßen zu verlieren. Und dann bin ich dankbar für meinen Mann, der da ist und mit mir spricht, für mein Team, dass mich unterstützt und natürlich auch für meine Tochter, die mich zurück holt in unser gemeinsames Leben.



5 comments

  1. Mich begleitete auch eine lange Zeit lang die “ familienhilfe“ ich finde das sie meist einen sehr guten Job machen
    Oft geben sie Ratschläge und denkanschübe die helfen den Fokus wieder zu finden oder es öffnen sich neue Wege die man einfach nicht (mehr) gesehen hat.
    Alle die diesen Job machen Respekt und bitte macht weiter so ihr seid supper.

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