Verwächst sich das noch oder ist das schon eine motorische Störung? Fragen an die Ergotherapeutin

Ihr Lieben, man kann es nicht beschönigen: Durch Corona ist so einiges weggefallen und viele Kinder konnten nicht in dem Maß gefördert werden, wie sie es gebraucht hätten. Vielleicht habt auch ihr ein Kind zu Hause, dem gewisse Dinge schwer fallen – und ihr wisst nicht, ob das noch im Rahmen ist oder ob mal mal einen Experten dazu holen sollte. Elke ist Ergotherapeutin, hat selbst eine Tochter und erzählt genau darüber hier in Interview. Dieser Text ist ein bisschen länger als unsere anderen Artikel, steckt aber voller guter Ansätze und Ratschläge. Viel Freude beim Lesen.

Liebe Elke, du bist Ergotherapeutin, bietest Entwicklungsförderung an. Welche Kinder kommen zu dir?

Ich habe grob gesagt zwei Tätigkeitsfelder: Zum einen biete ich präventive Onlinekurse für Eltern und Interessierte an und zum anderen führe ich eine Ergotherapiepraxis in der Nähe von Heidelberg. 

Prävention bedeutet, dann gezielt tätig zu werden, wenn das Kind „noch nicht in den Brunnen gefallen  ist“.  In die Online-Kurse kommen Eltern von Kindergartenkindern (3-6 Jahre) die sich mit gewissen Dingen noch schwer tun (z.B. Malen, Umgang mit Stiften), bei denen aber noch kein Therapiebedarf besteht. Ich zeige den Eltern z.B. in einem 5-tägigen Kurs, wie ihr Kind Spaß am Malen bekommt und was sie tun können, um z.B. die Stifthaltung zu unterstützen – aber ohne „am Kind zu ziehen“, sondern ganz liebevoll in den Alltag integriert. Damit wird eine spätere schreibmotorische Störung in der Schule vorgebeugt. 
In meiner Praxis kümmere ich mich um die Kinder, bei denen die Schwierigkeiten stärker ausgeprägt sind.  Das sind Kinder, die mit einer Diagnose vom Kinderarzt geschickt werden. Auch hier liegt der Altersschwerpunkt im Kindergartenalter – zu mir kommen aber auch schon Säuglinge. Neben einer Entwicklungsdiagnostik bieten wir auch individuelle Entwicklungsförderung im Kontext einer Therapieleistung an. 

Ab welchem Alter und bis zu welchem ist diese Therapie sinnvoll?

Therapie ist immer dann sinnvoll, wenn aufgrund einer Diagnose Einschränkungen im Alltag bestehen. Bei Säuglingen sehen diese natürlich etwas anders aus (z.B. Regulationsstörungen) als bei Kindergartenkindern, wenn die Selbstständigkeit und Handlungsfähigkeit des Kindes eingeschränkt ist (sich nicht alleine anziehen können, nicht Malen können, Konzentrationsprobleme, Koordinationsprobleme,…). 

Im Bereich der Prävention arbeite ich nicht mit den Kindern selbst (wie in der Therapie), sondern mit den Eltern. Ich hole die Eltern ins Boot, gebe Hintergrundinformationen und leicht umsetzbare Tipps, die sie zu Hause umsetzen. Die Eltern verstehen plötzlich z.B. Zusammenhänge und kommen dadurch auch viel leichter selbst auf mögliche neue Lösungsideen. Und sie merken v.a., dass Förderung auch ganz ohne erhobenen Zeigefinger auskommt und viel Spaß machen kann. 

Was genau wird bei dir in der Praxis gemacht  – also in welchen Bereichen kannst du helfen?

Wenn Kinder vorgestellt werden, kommen sie oft zunächst mit einer Verdachtsdiagnose, z.B. auf Entwicklungsstörung der motorischen Funktionen. Wir machen dann nach dem Aufnahmegespräch zunächst einen Entwicklungstest, um festzustellen, inwieweit die motorischen Leistungen noch im Rahmen dessen sind, was man für das Alter erwarten kann. 

Kindliche Entwicklung zeigt ja eine große Varianz. Die Altersangaben, die man üblicherweise in Elternratgebern findet, sind sogenannte Meilensteine der Entwicklung, d.h. mindestens die Hälfte der gesund entwickelten Kinder erreichen einen Entwicklungsschritt zu diesem Zeitpunkt. 

Darüberhinaus gibt es aber natürlich auch noch die, die schneller sind und auch die, die etwas langsamer sind – und all das ist auch überhaupt kein Problem. 

Ab einem bestimmten Zeitpunkt spricht man jedoch nicht mehr von einem Spätentwickler – ab einem gewissen Punkt sollte man etwas genauer hinschauen und sich die Frage nach dem Warum stellen. Dann geht es oft darum, gemeinsam mit den ÄrztInnen zu klären, ob eine gewisse Erkrankung m für die Verzögerung verantwortlich gemacht werden kann – also ob ein medizinischer Grund vorliegt. Ist dies dann der Fall, haben die Kinder mit ihren Familien Anspruch auf Hilfestellung durch z.B. Therapie.

Diagnosen, mit denen z.B. Kinder vorgestellt werden, sind z.B. Umschriebene Entwicklungsstörung der motorischen Funktionen, Wahrnehmungsstörungen mit Schulleistungsstörungen als Folge, Aufmerksamkeitsstörungen, Dyspraxie, Störungen aus dem Bereich des Autismusspektrum, Trisomie21, verschiedene genetische Erkrankungen, etc. 

Für Eltern ist das gar nicht so leicht zu entscheiden, ab wann man sich externe Hilfe holt. Die einen hoffen, dass sich Probleme einfach auswachsen, die anderen wollen nicht übervorsichtig sein, aber man hat natürlich auch Angst, sein Kind nicht ausreichend zu unterstützen. Kannst du da einen Leitfaden geben, wann man abwarten kann und wann es Zeit ist, sich Hilfe zu holen?

Hilfe sollte man sich immer dann holen, wenn man sich mit einem Thema hilflos, ratlos oder überfordert fühlt. Das muss ja nicht immer eine Therapie, sondern kann auch zunächst einmal ganz niedrigschwellig Beratung sein. Oft haben Eltern auch ein gewisses Bauchgefühl, das ihnen sagt „da stimmt doch etwas nicht“. 

Der 5-jährige stolpert möglicherweise ständig oder nimmt immer wieder die Tischkante mit,  scheint 2 linke Hände zu haben, vermeidet feinmotorische Tätigkeiten bzw. Stifte, kann nicht puzzeln, ist im Kindergarten in der Bauecke oder Gartenecke zu finden aber niemals nie am Mal-und Basteltisch, ist auch zu Hause immer noch sehr unselbständig, An-und Ausziehen ist ein Kampf…. und all das scheint sich auch durch „abwarten“ nicht wesentlich zu ändern. Den Krankheitswert abzugrenzen von einer normalen „Ungeschicklichkeit“ ist dann u.a. Aufgabe ärztlicher und therapeutischer Interventionen. 

Eltern scheuen sich manchmal vor Diagnostiken, weil sie fürchten, das Kind werde dadurch in Schubladen gesteckt.

Ich für mich kann sagen, dass ich die Kinder individuell wahrnehme und es in der Therapie nur noch darum geht, wie wir helfen können. Ziel von Ergotherapie ist, den Kindern wieder Handlungsfähigkeit im Alltag zu vermitteln, so dass sie das tun können, was sie gerne möchten oder auch das, was entwicklungstypisch ist. Alltag kann dabei sehr weit gefasst werden. Der häusliche Alltag inkl. Badezimmerroutinen, die Situation am Essenstisch oder auch die Situation beim Verlassen des Hauses (Anziehen von Schuhen, Jacke,…) gehört genauso dazu wie der Alltag in Kita oder Schule mit all den typischen Herausforderungen dort. 

In den letzten Jahren vor der geplanten Einschulung wird auch im Kindergarten etwas genauer hingeschaut. Elterngespräche sind da noch mal besonders wichtig. Eltern sollten sich deshalb auch dann näher informieren, wenn sie vom Kindergarten auf gewisse Themen aufmerksam gemacht werden. Wie oben schon erwähnt muss es ja nicht immer in eine Therapie münden. Viel kann man auch schon zu Hause tun. Oft machen schon kleine Dinge einen bedeutsamen Unterschied – wenn man sie denn kennt! 

Hast du das Gefühl, dass die Kinder, die mehr Hilfe brauche, immer mehr werden? Woran könnte das liegen?

In den letzten Jahren – auch coronabedingt – auf jeden Fall! Was sich schon jahrelang unabhängig von Corona angedeutet hat ist das „Schwinden der Sinne“. Durch die sich verändernde Lebensrealität der Kinder verändert sich auch der Körper, die Wahrnehmungsfähigkeit und das Gehirn. „Die Form folgt der Funktion“, sagt man. Das hat u.a. auch dazu geführt, dass die Normwerte von Motoriktests angepasst werden mussten, da die Kinder heutzutage insgesamt schlechtere Ergebnisse im Bereich der allgemeinen Motorik und Koordination zeigen als noch früher. 

Heutzutage sind Kinder lang nicht mehr so körperlich aktiv wie noch zu meiner Kindheit. Sie halten sich mehr in geschlossenen Räumen auf, konsumieren viel mehr elektronische Geräte,… Ich möchte die Technik gar nicht verteufeln, aber man muss sich das einfach klar machen: Ein Kind, das 3 Stunden lang auf dem Sofa sitzend mit dem Finger ein Tablett bedient hat 3 Stunden lang nur sehr eingeschränkte Körper-Bewegungs-Koordinations-und Handlungserfahrungen sammeln können. 

Und gerade in den Lockdowns gab es für viele Kinder mehr Medienzeit, weil es gar nicht anders zu schaffen war für die Eltern…

Genau, wenn erhöhter Medienkonsum nur mal kurzzeitig so ist, ist das in der Regel kein Problem. Jetzt in der Coronazeit mit Lockdown, Kitaschließung plus Homeoffice waren solche Beschäftigungen aber eine sehr lange Zeit oft Alltag für die Kinder. Und ich kann das gut verstehen – die Familien waren am Limit und froh, wenn die Kinder sich beschäftigten und die Eltern arbeiten konnten. 

Dennoch macht es was mit den Kindern. Es fehlen ihnen gewisse Erfahrungen und motorische Übung. Dazu kommt, dass vieles von dem, was sonst unterstützend war, weggefallen ist. Ich denke da z.B. an Kinderturnen, Sportvereine und Schwimmen. Teilweise waren ja sogar Spielplätze im Freien mit Flatterband abgesperrt! 

Kinder, die sich mit gewissen Dingen noch schwer tun, sind zudem mehr auf Erwachsene angewiesen, die sie unterstützen und geduldig begleiten – die sie mal im 1:1- Kontakt zur Seite nehmen und ermutigen, inspirieren, üben, erklären usw. 

Auch hier hat der Lockdown zugeschlagen, wenn Eltern noch mehr Belastungen zu tragen und dann einfach kaum mehr Geduld hatten für zeitintensivere Begleitung. Dann wird das Kind doch lieber schnell von der Mama angezogen oder das Brötchenschneiden und -schmieren doch schnell übernommen. Gemeinsames jahreszeitliches Basteln kommt auch zunehmend aus der Mode – die Deko wird dann doch oft eher „instagramchic“ von entsprechenden Dekoshops gekauft. Auch durch eingeschränkte Übungssituationen im Alltag fehlen dem Kind dann aber u.U. wieder Erfahrungswerte – und so entsteht ein kleiner Teufelskreis. 

Können das Kitas/Kindergärten auffangen?

Nein, die Kindergärten können erhöhte individuelle Bedarfe nicht ausschließlich auffangen, da kaum Kapazität für eine 1:1- Betreuung/Hilfestellung besteht. Es ist allgemein bekannt, dass in vielen Kitas ein unzureichender Personalschlüssel herrscht. 
Wenn ein Kind sind in einem Kindergarten mit offenem Konzept aufgrund von feinmotorischen Problemen monatelang den entsprechenden Angeboten entzieht und diese Betätigungen vermeidet, kann die Einrichtung das meist nicht auffangen. Deshalb betone ich immer wieder, dass es wichtig ist, dass sich Eltern nicht ausschließlich auf die Einrichtungen verlassen, sondern sich auch selbst informieren und Ideen an die Hand bekommen, was sie zu Hause tun können. Was sie ohne viel Aufwand in den Alltag integrieren können   – denn es ist auch wichtig, dass Eltern Eltern bleiben und keine Therapeuten. 

Lass uns nochmal übet die Tollplatischigkeit sprechen. Deiner Erfahrung nach kann da aber auch etwas anderes dahinter stecken. Erzähl mal.

Ja, wenn die motorische Geschicklichkeit deutlich von dem abweicht, was man für das Alter erwarten kann, können sich medizinische Ursachen dahinter verbergen. Das herauszufinden ist Aufgabe der ärztlichen Diagnostik. Ein mögliches Krankheitsbild ist die Umschriebene Entwicklungsstörung der motorischen Funktionen mit dem ICD-Code F82 oder auch F83. Bei dieser Diagnose ist der Spruch „das wächst sich schon aus“ falsch. 

Das heißt, die Kinder können gar nichts für ihre Ungeschicklichkeit und Ermahnungen bringen auch nichts. Wie können Eltern die Kinder unterstützen?

Richtig! Sprüche wie „stell dich nicht so an“, „mein Kind ist faul, der will nicht“, „ich hab dir das doch schon hundertmal gesagt/gezeigt etc“, „das kann doch nicht so schwer sein“ oder „dein Freund kann das doch schließlich auch“ sollten unbedingt vermieden werden, denn die Kinder machen das nicht absichtlich. 

Eltern unterstützen ihre Kinder, indem sie sie auf dem Entwicklungsstand abholen, auf dem sie stehen – und weder unter-noch überfordern. Indem sie Anforderungen so abstufen, dass das Kind diese auch erreichen kann und Erfolgserlebnisse hat. Sonst ist z.B. Malen frustrierend für das Kind und es vermeidet schlimmstenfalls den Umgang mit Stiften komplett. 

Das wiederum führt dann zu einem Teufelskreis, denn es fehlen dem Kind dann später in der ersten Klasse wichtige Vorläuferfähigkeiten. Für das Schreiben von Buchstaben und Zahlen sollte ein gewisses Erfahrungswissen im Umgang mit Stiften vorhanden sein. Im Kindergartenalter geht es dabei noch nicht um das Schreiben an sich, sondern um den spielerischen Zugang zu Farben und Formen. Wie muss ich meine Muskeln anspannen und wie die Bewegungen aufeinander folgen lassen,  damit ich ein Kreuz malen kann? Wo muss ich meine Augen hinrichten und wann die Bewegung stoppen, damit der Kreis auch geschlossen ist und nicht wie eine Spirale aussieht? Für Kinder mit motorischen oder kognitiven Schwierigkeiten ist all dies nicht selbstverständlich und sie benötigen unter Umständen viel mehr Zeit, Geduld und Übung, um solche Entwicklungsschritte zu schaffen. 

Kinder mit Umschriebenen Entwicklungsstörungen motorischer Funktionen haben Anspruch auf Hilfestellung. Ergotherapie ist da ein möglicher Bestandteil. Haben die Einschränkungen deutlichen Einfluss auf den Alltag, so gibt es auch die Möglichkeit, einen Pflegegrad zu beantragen. Hier gibt es dann auch Unterstützung für die Familie, z.B. eine Haushaltshilfe oder finanzielle Töpfe zum Ausgleich des Mehraufwands. Näheres zum Thema habe ich auch hier in diesem Artikel zusammengefasst: www.elkekumar.de/uemf

Was ist dir noch besonders wichtig zu sagen?

Abschließend möchte ich Eltern motivieren, präventiv tätig zu werden, wenn sie merken, dass sich ihre Kinder mit bestimmten Tätigkeiten schwer tun. Wenn in der Arztpraxis gesagt wird „Dafür gibts noch kein Rezept“, dann heißt das nicht, dass nichts getan werden sollte. Es heißt möglicherweise, dass die Schwierigkeiten noch keinen Krankheitswert haben und daher die Krankenkasse keine Kosten übernimmt. 

Manchmal ist es leider auch so, dass selbst in Arztpraxen das Krankeitsbild noch nicht ernst genommen wird. Der Spruch „Das wächst sich raus“ gilt leider für Kinder mit diesen Einschränkungen nicht. Studien haben gezeigt, dass mehr als die Hälfte der im Alter von 5 Jahren diagnostizierten Kinder (mit UEMF) auch noch im Alter von 15 Jahren diagnoserelevante Symptome aufweisen.

Es gibt daher eine medizinische Leitlinie, die den ÄrztInnen das Krankheitsbild näher erläutert und Hilfestellung für die Bewilligung von Therapien gibt. 
Auch in pädagogisch-therapeutisch-medizinischen Kreisen ist somit noch viel Aufklärungsarbeit erforderlich und ich hoffe, dass dieser Artikel dazu beitragen kann. 

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