Interviews

01/09/2017 - 07:00

Stadt-Mama Katharina

Wann nimmt man ein Kind aus der Familie heraus? Interview mit einer Jugendamts-Mitarbeiterin

Liebe Jutta, Du arbeitest seit 7 Jahren in einem Jugendamt in einer großen deutschen Stadt. Wie viele Kinder musstest Du in dieser Zeit in Obhut nehmen?

Leider kann ich keine genauen Zahlen sagen. Aber es waren eindeutig zu viele Kinder, die so akut gefährdet waren, dass sie aus der Familie herausgenommen werden mussten. Ein Großteil dieser Kinder konnte später wieder zur Familie zurück, die Familien wurden von uns betreut. Aber es gibt leider auch Kinder, die nicht weiter in der Herkunftsfamilie leben können.

Gem. §42 SGB VIII darf und muss das Jugendamt tätig werden, wenn ein Kind oder ein Jugendlicher um Obhut bittet oder eine dringende Gefahr für das Wohl des Kindes ein Eingreifen notwendig macht. Es gibt auch immer wieder Fälle, bei denen sich Jugendliche aus Spaß in Obhut nehmen lassen - quasi als Mutprobe oder als Auszeit von den Eltern. Das ist bedauerlich, denn wir brauchen eigentlich alle Kräfte für die wirklich akuten Fälle. 

Laut Statistischem Bundesamt mussten 2016 68226 Kinder (bis 18 Jahre) aus ihren Familien herausgenommen werden - die Tendenz ist steigend. 

Gibt es Fälle, die Dich besonders berührt haben? 

Ja, es gibt zwei Fälle, die noch immer in meinem Kopf herum schwirren. 

Bei dem einem Fall wurde ein Neugeborenes mit der Mutter direkt aus der Klinik in ein Mutter-Kind-Haus gebracht. Die Einrichtung meldete nach 6 Monaten, dass sie die Sicherheit des Babys nicht mehr sicherstellen können. Das Baby wurde von uns in Obhut genommen und bei einer Bereitschaftsplegemutter untergebracht. Dort blieb es 8 Monate, bis die 2. Instanz (Oberlandesgericht) gegen die 1. Instanz (Familiengericht) entschieden hat - und das Kind musste zu den Eltern zurückgeführt werden. Aussage des Oberlandesgerichtes war, dass zwar mit einer hohen Wahrscheinlichkeit eine Schädigung eintreten wird, diese aber nicht so akut sein wird-  aus diesem Grund mussten wir das Kind zurück führen. Für die Eltern gab lediglich die Auflage, eine Sozialpädagogische Familienhilfe anzunehmen. Da die Eltern in eine andere Stadt verzogen sind, hatte ich nach dem Gerichtstermin keine Einsicht mehr in den Fall. Oft denke ich daran, was aus der kleinen Maus wohl geworden ist. 

Bei dem 2. Fall wurde ein Geschwisterpärchen über einen langen Zeitraum von den eigenen Eltern und Großeltern sexuell missbraucht. Beide Kinder wurden in Pflegefamilien weit weg untergebracht werden. Ein Strafverfahren wurde allerdings eingestellt, weil die Aussagen der Kinder strafrechtlich nicht ausreichten. Hier hadere ich oft mit dem Rechtssystem. Beide Kinder sind leider in ihrer Entwicklung stark verzögert und zeigen auffälliges Verhalten. Ein normales Leben werden sie, trotz Therapien und viel Unterstützung, nie führen können.

Was sind denn die häufigsten Probleme in den Familien, mit denen Du arbeitest? Und haben sie sich im Laufe der Jahre verändert?

Leider ist tatsächlich bei mir im Bezirk Gewalt die häufigste Problematik - wer nicht weiter weiß, der schlägt. Schlagen ist eine Form von Hoffnungslosigkeit, Hilflosigkeit und fehlenden Handlungsmöglichkeiten.

Da die Öffentlichkeit immer sensibler wird, gehen immer mehr Meldungen bei den Jugendämtern ein - zum Beispiel über ein immer wieder am Abend schreiendes Kind, schreiende Eltern usw. Wir gehen jeder Meldung nach. 

Leider ist es so, dass viele sozialschwache Eltern selbst aus Problemfamilien kommen. Dies geben sie an ihre Kinder weiter. Wir nennen das „Sozialadel“. Wir haben manchmal Akten von den Großeltern im Archiv. Leider sind die Eltern das Schicksal ihrer Kinder. Sie werden zu dem, was die Eltern aus ihnen machen. Das öffentliche Bildungssystem kann hier nur bedingt auffangen. 

In einigen Bundesländer sind auch die U-Untersuchungen Pflicht. Werden die Kinder nicht regelmäßig dem Arzt vorgestellt, wird das Jugendamt darüber informiert. Zu viele Kinder sind durch fehlende Kontakte zu Tode gekommen. 

Viele Eltern haben Angst, sich beim Jugendamt Hilfe zu holen, wenn sie überfordert sind, weil sie denken, ihnen werden gleich die Kinder entzogen. Kannst Du mal sagen, ob das realistisch ist? Was sind denn die Voraussetzungen dafür, dass Kinder entzogen werden?

Bis die Voraussetzung geschaffen ist, dass das Jugendamt mit einer Inobhutnahme eingreift, muss das Leben des Kindes akut gefährdet sein. Und auch dann bleibt die letztendliche Entscheidungsmacht beim Gericht. Sobald ein Kind vom Jugendamt in Obhut genommen wurde, muss sofort - sollten die Eltern nicht einverstanden sein - das Familiengericht eingeschaltet werden. Das Familiengericht trifft dann die Entscheidung, ob das Kind von den Eltern getrennt bleiben muss. 

Die Entscheidung, ein Kind in Obhut zu nehmen, treffen wir nicht leichtfertig. Teamleitung und mehrere Fachkollegen beraten sich hier gegenseitig. Eine Inobhutnahme ist ein massiver Eingriff für ein Kind, Entwicklungsschäden wie Bindungsstörungen können eintreten. Hier gilt es gut abzuwägen ,was man einem Kind mit solch einer Maßnahme antut. Eine Gefährdungsmeldung mit anschließender Inobhutnahme bindet mind. 3 Fachkräfte für 8-10 Stunden, manchmal Tage. Alle anderen Fälle liegen in der Zeit brach!

Ich sehe es als absolut positiv, wenn man sich Hilfe holt. Jeder Mensch hat im Leben Situationen, in denen er überfordert ist und nicht mehr weiter weiß. Sich Hilfe zu holen bedeutet, dass man sich mit der Situation auseinander setzt. Viele Mütter kommen zu uns und fragen gezielt um Hilfe, oft geht es um Trotzphasen, Pubertät, Umgangs- und Sorgerechtsfragen. Per Gesetzt sind die Jugendämter sogar dazu verpflichtet hier Hilfestellungen zu geben.

Das größte Problem sehe ich darin, dass die Mitarbeiter in den Jugendämtern oft haltlos überfordert sind. Offene Stellen, hohe Krankheitsausfälle, steigende Fallzahlen, niedrige Bezahlung. Es steht und fällt immer mit dem Mitarbeiter. Aufgrund meiner doppelten Tätigkeit (Jugendamt und Verfahrensbeistand) kenne ich viele Jugendämter in vielen Städten. Es gibt Städte, da werden Kinder ab Mitte des Monats nicht mehr in Obhut genommen, weil keine Gelder mehr da sind. Oder es gibt gar keine geeigneten Pflegestellen mehr. 

Ein weiteres Problem sehe ich in der Öffentlichkeitsarbeit, das Jugendamt hat einen schlechten Ruf. Die allgemeine Meinung: "Das Jugendamt kommt entweder zu spät oder zu früh." Tatsächlich habe ich schon vielen Familien helfen können - aber so etwas dringt nicht an die Öffentlichkeit! 

Wie hilft das Jugendamt Eltern, die mit ihren Kindern überfordert sind?

 Oft hilft es schon wenn Mütter, oder auch Väter wissen, dass sie mit ihren Gefühlen nicht alleine sind. Das Gesetz stellt eine Menge Hilfen zur Verfügung. 

Von der Beratung bis zu einer pädagogischen Hilfe für die gesamte Familie zu Hause - oder nur für das pupertierende Mädchen oder für den introvertieren 13jährigen, der in der Schule gemobbt wird oder für den Vater oder der Mutter, denen die Hand „ausgerutscht“ ist. In vielen Stäften gibt es Beratungsstellen, Elterncafés, die mit dem Jugendamt zusammenarbeiten. Man kann sich auch anonym am Telefon beraten lassen - es gibt so vieke Möglichkeiten. Ich kann nur noch einmal sagen: Sich Hilfe holen, ist kein Zeichen von Schwäche!

Du bist nebenberuflich auch Verfahrensbeitstand - was bedeutet das genau?

 Gem. §158 FamFG müssen in kindschaftsrechtlichen Verfahren die Interessen Minderjähriger vertreten werden. Das bedeutet, wenn es um das Sorgerecht oder den Umgang geht, muss der Wunsch und der Wille des Kindes mit in das Verfahren einfließen. Auch bei anstehenden geschlossenen Unterbringungen oder Adoptionsverfahren wird ein Verfahrensbeistand vom Gericht bestellt.  Man nennt den Verfahrensbeistand auch „Anwalt des Kindes“. Da Minderjährige bei Gerichtsverfahren nicht dabei sein dürfen (Loyalitätskonflikte), bringe ich deren Interessen bei Gericht vor. 

Der Verfahrensbeistand ist ausschließlich für die Interessen des Kindes tätig, muss aber zwischen Wohl und Wille unterscheiden können. Ein simples Beispiel: Ein Kind möchte ganz viel Fernsehen schauen und dabei auch noch ganz viele Süßigkeiten essen. Und das jeden Tag. Dies ist der Wille des Kindes. Dieser Wille steht aber dem Wohl, nämlich hier dem gesundheitlichen Aspekt, entgegen. 

Es sind immer individuelle Themen der Kinder. Die Themen der Eltern wiederholen sich aber leider sehr oft. Gegenseitige Vorwürfe und Manipulationen bringen die Kinder oft in einen großen Loyalitätskonflikt. Wie soll sich ein Kind für den Umgang mit dem Papa entscheiden, wenn die Mutter zu Hause nur über den „Erzeuger“ hetzt. In sehr vielen Fällen verlieren die Eltern die Kinder aus dem Blick, weil sie mit ihrer eigenen Problematik zu sehr beschäftigt sind. 

Der Unterschied zum Jugendamt ist hier, dass der Verfahrensbeistand ausschließlich für das Kind da ist. Das macht auch die Rolle im Jugendamt so schwer. Wie soll ein Mitarbeiter mit den Eltern angemessen weiterarbeiten, wenn dieser den Eltern gerade das Kind weggenommen hat. 

Ich könnte mir vorstellen, dass die Arbeit mit Gerichten und Richtern auch nicht immer einfach ist...

Als Erstes kann ich da sofort sagen, dass es keine Kinderrechte gibt. Im Gesetz sind nur Elternrechte verankert. Das heißt, die Kinder haben zwar das Recht auf eine gewaltfreie Erziehung, die Eltern sind aber dafür verantwortlich, dies umzusetzen. Können sie das Recht auf Erziehung nicht ausüben, tritt der Staat ein. 

Aktuell gibt es einen großes Umbruch bei den Gerichten. Verfahren werden wieder eröffnet, weil der Bundesgerichtshof (das ist die letzte Instanz bei Familiensachen) Entscheidungen von den Oberlandesgerichten anzweifelt. Für den BGH wurden zu viele Kinder aus den Familien herausgenommen, weil damit den Eltern ihr Recht auf eine Familie und die Erziehung genommen wurden. 

Viele Richter sind schlecht ausgebildet, haben wenig bis kein pädagogisches Wissen. Ein Richter hat mal einem Kind „von mir“ in der Kindesanhörung an den Kopf geknallt, dass der Papa aber ganz schön traurig darüber sein wird, dass es nicht mehr zu ihm will. Dabei hat sich das Kind endlich mal getraut ,etwas zu sagen. Das hat einiges an Arbeit gekostet. Das Kind war danach traumatisiert und hat sich große Vorwürfe gemacht. 

Die Richter sehen auch oft schon weiter. Wenn sie eine Entscheidung treffen, könnte die nächste Instanz diese Entscheidung rückgängig machen. Auch das macht die Arbeit als Sozialarbeiterin schwer. Aber Gesetze haben wenig mit Emotionen zu tun. Hier gibt es klare Vorschriften, an die sich die Richter halten müssen.

Hast Du schon mal eine Familie mit schlechtem Gefühl zur den Akten gelegt ?

Ich habe selbst Fälle, die ich von Beginn an meiner Tätigkeit betreue. Das oberste Ziel des Jugendamtes sollte immer sein, dass die Familie ohne staatliche Überwachung oder fremder Hilfe leben kann. Kann sie das nicht, wird eine Akte auch nicht geschlossen. Aber viele Eltern sind behördenerfahren. Sie ziehen von einer Stadt in die nächste, um den Jugendämtern zu entkommen. Aber auch hier kommt es wieder auf die jeweiligen Mitarbeiter an. Gehen sie einer Sache nach, die sie von einer anderen Stadt mitgeteilt bekommen haben oder sehen sie selbst die Sache als nicht so akut an. Die Empfindungen von den Kollegen sind alle unterschiedlich. 

Du bist selbst Mutter - kannst Du nach Feierabend abschalten?

Ich weiß für mich, dass ich eine gute Arbeit mache und immer wieder versuche, den Eltern und den Kindern zu helfen. Freunde mache ich mir damit oft nicht. Aber das ist auch nicht meine Aufgabe. Aus diesem Grund bleibt tatsächlich fast alles im Büro. Aber das Arbeitspensum ist oft so hoch, dass man am Abend schon mal darüber nachdenkt, was am nächsten Tag wieder auf einen wartet. Kommt dann noch eine Gefährdungsmeldung dazu, wird alles komplizierter. 

Was ich bis heute nicht verstehen kann, wie man einem kleinen Wesen wissentlich und auch willentlich Schaden zufügen kann. Hier hört dann auch meine Empathie auf. Ich bin in meiner Profession transparent und ehrlich. Wenn ein Elternteil schlägt oder sein Kind in sonstiger Weise misshandelt, hört auch bei mir die Freundlichkeit auf.

Aber hier kann man oft gut unterscheiden. Überforderte Mütter greifen zu ungewöhnlichen Maßnahmen. Zeigt man ihnen Alternativen auf, greifen sie auch oft danach und sind dankbar für die Hilfe. 

Aber es wird immer beratungsressistente Menschen geben, denen der Klaps auf den Po früher auch nicht geschadet hat oder die es für eine gängige Erziehungsmethode halten, das Kind mit dem Gürtel zu verprügeln.

 

Tags: Jugendamt, Kinder Schläge, Gewalt, Hilfe, Beratung

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Kommentare

Teresa — Fr, 09/01/2017 - 09:42

dass ihr aus dieser Sichtweise einen Beitrag zeigt. Man liest ja doch eher selten, was die Mitarbeiter des Jugendamts persönlich dazu sagen. Ich persönlich finde die Autorin auch sehr sympathisch und denke, sie macht einen sehr guten Job. Man kann wahrscheinlich glücklich sein, wenn man sie als Sachbearbeiterin hat. Jetzt müssten nur noch alle Mitarbeiter so sein!

Doris Berndt — Fr, 09/01/2017 - 15:26

Ein sehr interessanter Bericht mit einigen eklatanten Schwächen. Zum Beispiel interessiert es das Jugendamt keineswegs, wenn Kinder misshandelt werden, sie tun auch nichts, um diese Kinder zu schützen. Das habe ich schriftlich. Falsch ist auch, dass es gewichtige Gründe geben muss, um ein Kind Inobhut zu nehmen, es liegen mir Beweise vor, die das Gegenteil aufzeigen. Ende der Chat-Unterhaltung Verfasse eine Nachricht .... (Text von Freundin kopiert)

Sarah — Fr, 09/01/2017 - 21:52

Liebe Jutta, zwei Aussagen sehe ich kritisch: Es gibt auch immer wieder Fälle, bei denen sich Jugendliche aus Spaß in Obhut nehmen lassen - quasi als Mutprobe oder als Auszeit von den Eltern?. „Sozialadel“ Das sind m.E. krasse Formulierungen. Da wundert mich der schlechte Ruf des Jugendamtes nicht. In vielem, aber vor allem in einem, gebe ich dir absolut Recht: Das größte Problem liegt darin, dass die Mitarbeiter in den Jugendämtern oft haltlos überfordert sind. Lieber Gruß von einer Jugendhilfemitarbeitern und Mutter ;).

Sarah — Fr, 09/01/2017 - 21:54

Liebe Doris, das sollte eigentlich gar nicht direkt auf dein Kommentar antworten, sondern auf den allgemeinen Chat. Ich habe mich wohl verklickt.

Kristina Becker — Fr, 09/01/2017 - 17:05

Schöne Grüße ans Jugendamt.

Enzo Pardo — Fr, 09/01/2017 - 19:10

Das sind mehr lügen drin als erlaubt wow Wie Jugendamt Mitarbeitern Lügrn erzählen. Das ist das Letzte oft mals wird schlimmer als in der DDR gehandelt kein wunder das immer mehr Straftäter in Deutschland sind. Ich kann genau das gegen teil beweusen das was erzählt wird stimmt nicht! Meine Beweise werden in Kürze veröffentlicht denn ich habe es satt das mit Kinder Gehandelt wir und ca.15000€ der steuer pro Kind verschwendet werden ich kenne auch falle wie kinder ums Leben Kammen. Liebe PR lasst euch nicht so ein Mist erzählen denn das stimmt zu 80% nicht.

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