Häusliche Gewalt: Für Frauen und Kinder kann die Corona-Isolation zur Falle werden

Das Kontaktverbot, die Ausgangssperre, Kita-und Schulschließungen, Jobangst – das bringt viele Familien an den Rand ihrer Kräfte.

„Das ungewohnte intensive Zusammensein mag für viele ein weiterer Stressfaktor sein. Diese Zeiten der privaten Abschirmung und Quarantäne können insbesondere bereits belastete familiäre Situationen leicht überstrapazieren. Bundesfamilienministerin Franziska Giffey befürchtet, dass die aktuelle Lage in Familien zu einem erhöhten Konfliktpotenzial beitragen könne“, schreibt das Bundesfamilienministerium auf seiner Homepage.

Aus der Quarantäne-Stadt Wuhan gibt es Informationen, dass sich dort die Zahl der Fälle von häuslicher Gewalt verdreifacht haben, in Spanien gibt es ähnliche Tendenzen, berichtet der Tagesspiegel.

Wir haben mit Martina Schmitz vom Dachverband der autonomen Frauenberatungsstellen NRW e.V. über häusliche Gewalt gesprochen, inwieweit die Corona-Krise die Fallzahlen steigen lässt und wo betroffene Frauen und Kinder Hilfe finden:

Liebe Frau Schmitz, aufgrund der Corona-Krise leben viele Familien momentan ziemlich isoliert. Für Frauen und Kindern, die häusliche Gewalt erleben, spitzt sich gerade die Situation zu….

Ja, das stimmt. Die momentane Isolation führt leider auch dazu, dass die betroffenen Frauen und Kinder gerade mit wichtigen Mittler*innnen zum Hilfesystem, wie z.B. Erzieher*innen, Lehrer*innnen, Arbeitskolleg*innnen keinen Kontakt haben. Die Gewalt bleibt also von anderen unbemerkt. 

Häufig ist häusliche Gewalt ein Komplex aus sexualisierten, körperlichen und psychischen Gewalthandlungen, die ineinander greifen.

Auch ohne Corona-Krise gibt es viel mehr Fälle von häuslicher Gewalt, als viele Menschen glauben. Können Sie Zahlen nennen? 

Jede vierte in Deutschland lebende Frau hat häusliche Gewalt erfahren. Die Hälfte der Frauen, die seit ihrem 16. Lebensjahr körperliche oder sexualisierte Gewalt erlebt haben, haben diese durch den (Ex-) Partner erfahren.

Im Jahr 2018 wurden von Frauen über 114.000 Fälle von Gewalt durch ihre Partner oder Ex-Partner bei der Polizei zur Anzeige gebracht. Im Jahr 2018 wurden 122 Frauen von ihrem (Ex)Partner getötet.

Wie erleben Sie derzeit die Situation in den Hilfe- und Beratungsstellen? Bemerken Sie schon einen Anstieg der Fälle?

Alle sind derzeit damit beschäftigt, sich der Krise entsprechend aufzustellen und Angebote für Frauen anzubieten. Wir hören vereinzelt von Polizeidienststellen, dass es vermehrt Einsätze zu häuslicher Gewalt gibt. Es gibt derzeit noch keine offiziellen Zahlen.

Für betroffene Frauen: Wie verhalte ich mich, wenn ich häusliche Gewalt erfahre? 

Bei akuter häuslicher Gewalt unbedingt die Polizei rufen. Nach dem Gewaltschutzgesetz können Männer der Wohnung verwiesen werden mit einem 10-tägigen Rückkehrverbot. 

Es gibt auch die Möglichkeit, das Hilfetelefon gegen Gewalt kostenlos und rund um die Uhr anonym zu erreichen unter: 08000 116016.

Auf der Seite des bff https://www.frauen-gegen-gewalt.de/de/hilfe-vor-ort.html finden Frauen auch Beratungsstellen in ihrer Nähe, die weiterhelfen können.

Welche Voraussetzungen gibt es, um in ein Frauenhaus aufgenommen zu werden? 

Ins Frauenhaus werden Frauen aufgenommen, die akut von Gewalt betroffen sind, und die nicht in den eigenen Wohnungen bleiben wollen. Es ist im Einzelnen zu prüfen, wie die Lage im Frauenhaus vor Ort ist.

Die Frauenhäuser sind derzeit im Gespräch mit der Politik und suchen nach unbürokratischen Lösungen, gewaltbetroffene Frauen unterzubringen. Das erfahren Frauen, wenn sie sich vor Ort melden.

Welche Maßnahmen müssten ergriffen werden, um Frauen und Kinder besser zu schützen?

Um Frauen und Kinder nachhaltig zu schützen, müssen wir an vielen Stellschrauben drehen. Wir brauchen ausreichend Schutzräume für Frauen und ihre Kinder; eine entschlossene und konsequente Strafverfolgung der Täter; eine Prävention, die bereits sehr früh ansetzt und einen partnerschaftlichen Umgang in Beziehungen zum Thema hat; eine gesellschaftliche Ächtung von Gewalt verbunden mit nachbarschaftlicher Aufmerksamkeit und Eingreifen bei Gewalt.

Was möchten Sie betroffenen Frauen sagen? 

Es gibt einen Weg aus der Gewalt! Holen Sie sich Hilfe!

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