Ihr Lieben, heute geht es um Christina, die vor zwei Jahren Witwe wurde, ihr Sohn war damals 7 und ist nun neun. Neulich waren meine Kollegin Golli und ich als TrostTeam im Podcast „Liebe ohne Filter“ in Köln eingeladen. Unsere Gastgeberin Simone Janssen fand die Folge mit uns so wertvoll, dass sie uns einige Wochen später um ein Insta-Live bat, bei dem wir als Trauerbegleiterinnen eingeladen waren und in das dann auch Frauen zugeschaltet würden, die ihren Mann verloren hatten.
Dabei war auch Christina. Ihr Mann Thomas starb ganz plötzlich an einem Herzinfarkt. Am ersten Tag war da nur Schock, am zweiten Tag schaute sie in sein Handy… was sich ihr da eröffnete, wird sie nie mehr vergessen. Ich war so beeindruckt von ihrem Umgang mit dieser Geschichte, dass ich sie um ein Interview bat. Hier ist es.
Auch Christina hat einen Podcast mit Simone aufgenommen, den ihr unbedingt hören oder sehen solltet. Es lohnt sich so!
Liebe Christina, du hast deinen Mann Thomas recht spät kennengelernt, wie seid ihr euch begegnet, in was hast du dich damals verliebt?
Wir sind uns bei Tinder begegnet. Ich hab früher mehr Zeit in meine Karriere gesteckt als in Beziehungen. Ich war eher Dauer-Single und hatte irgendwie nie so viel Glück. Bei Thomas war das anders. Er blieb einfach dran. Wir haben zunächst geschrieben und relativ schnell fragte er: „Du, wollen wir einfach telefonieren? Ich würde gern deine Stimme hören.“
Er sagte dann auch recht bald, dass er keine Brieffreundschaft suche, sondern mich auch gern bald sehen würde. Ich war damals bei einer großen Modemarke in Düsseldorf und es war Order-Zeit und meinte: „Du, ich hab gar keine Zeit unter der Woche.“ Da meinte er, dass er einfach Freitag komme und mich vom Showroom abhole. Ich hab mich sehr in diese Beharrlichkeit verliebt.
Thomas war Österreicher und ich mochte seinen Akzent, er war auch sehr groß, hatte große Hände und ich wollte immer einen Kerl, der anpacken kann, der technisch versiert ist, der zu Hause Sachen reparieren kann und so. Ich hab mich bei ihm irgendwie gleich sehr sicher gefühlt. Wir haben uns dann ein paar Mal getroffen, bis er vorschlug, mal gemeinsam nach Holland zu fahren.
Dann wurde mir da schon bisschen komisch, aber er nahm einfach meine Hand und meinte: „Komm, du brauchst einfach mal frische Luft.“ Und dann hat er relativ schnell auch auf meinen Hund Timmi aufgepasst, weil ich ja in meinen Showroom musste. Er fand das überhaupt kein Problem. Das hat mich schon beeindruckt, ich dachte: Mensch, der Mann, der meint das echt ernst.
Er war so ein Macher und so verlässlich und er hat auch so eine Ruhe ausgestrahlt, was ich im Nachhinein sehr komisch finde. Aber es hat er wirklich. Er hatte einfach so ne Art, da zu sein. Ich hatte das Gefühl, ich muss überhaupt nicht kämpfen, sondern kann mich fallen lassen und das war sehr schön. Und das mit 40! so alt war ich da schon.
Ihr habt schon recht bald ein Kind bekommen, euren Sohn, was hat das Elternwerden mit euch als Paar gemacht?
Das hat zwischen Thomas und mir viel verändert und gleichzeitig auch sehr viel sichtbar gemacht. Lennox war ja sehr plötzlich da, keiner von uns beiden hätte gedacht, dass wir nach nur wenigen Wochen schwanger sind. Ich war schon 40 und Thomas hatte auch mal Krebs gehabt, also gingen wir nicht davon aus, dass wir gemeinsam Eltern werden würden. Wir hatten also überhaupt nicht damit gerechnet, dass uns so schnell so viel Glück passieren kann.
Als Lennox dann da war, war da auf einmal etwas ganz Neues. Diese große Verantwortung, dieses Gefühl: Wir sind jetzt nicht nur zwei Menschen, die sich lieben. Wir sind jetzt ne ganze Familie. Aber auch weniger Paar. Wir haben uns quasi in der Schwangerschaft kennengelernt und Thomas ist in seine Vaterrolle sehr hineingewachsen. Er war megastolz auf Lennox, er war wirklich sein ganzer Stolz, dieses Kind war etwas ganz Besonderes für ihn.
Ich glaube, Vater zu werden hat bei Thomas eine sehr weiche, liebevolle Seite noch stärker gezeigt. Er konnte mit Lennox albern sein, spielen, Quatsch machen, ihn zum Lachen bringen. Er hat alles für Lennox gemacht und die Verbindung zwischen den beiden war wunderschön.
Für mich hat das Mutterwerden alles verändert. Ich war vorher sehr stark beruflich eingespannt, war als Frau sehr unabhängig, sehr stark im Außen und plötzlich war da dieser kleine Mensch, der mich gebraucht hat, der mich geerdet hat, der mir eine ganz neue Form von Liebe gezeigt hat. Eine Liebe, die tiefer ist als alles, was ich vorher kannte.
Natürlich war das nicht immer leicht. Eltern werden bedeutet auch ganz viel Müdigkeit, vor allen Dingen in so einem späten Alter. Mehr Verantwortung, weniger Leichtigkeit. Man funktioniert manchmal mehr als Eltern als als Paar, aber gleichzeitig hat Lennox uns verbunden. Er war unser gemeinsames Glück. Das größte Glück, unser kleiner Mittelpunkt, unser Zuhause.
Mit Lennox wurde aus Thomas und mir eine Familie und auch wenn unser Weg später so unfassbar schmerzhaft wurde, bin ich unendlich dankbar, dass es Lennox gibt. Er ist das Schönste, was aus unserer Liebe entstanden ist. In ihm lebt Thomas weiter, sein Humor, seine Art, seine Wärme.
Das Elternwerden hat uns erwachsen gemacht, verletzlicher und auch weicher und mir hat’s gezeigt, was Liebe eigentlich wirklich bedeutet: Verantwortung übernehmen, da sein, bleiben, tragen… auch dann, wenn das Leben ganz anders kommt, als man es sich vielleicht vorgestellt hat.
Ihr hattet neun gemeinsame Jahre. Euer Sohn war 7. Da ist Thomas mit nur 52 plötzlich verstorben. Was ist passiert?
Es war ein Samstagabend. Am Freitag hatten mich Lennox und Thomas noch aus dem Krankenhaus abgeholt, weil ich eine kleine OP hatte. Am Samstag waren wir einkaufen und danach ganz normal zu Hause. Thomas hat abends gekocht: Mein Lieblingsgericht Butter Chicken es war eigentlich ein ganz normaler schöner Abend. Gegen 22 Uhr ist Thomas dann früher nach oben gegangen und sagte: „Ich leg mich schon mal hin“. Das war überhaupt nicht ungewöhnlich.
Plötzlich hörten wir aber ein „Wumms“. Das klang nicht, als wäre etwas Schlimmes passiert, sondern eher, als wäre eine Schublade runtergekommen oder so. Also ich hab mir überhaupt gar nichts Böses dabei gedacht. Lennox ging ein Stück die Treppe hoch, um nachzuschauen und kam dann aber wieder runter.
Zum Glück (und nicht auszudenken, das wäre einen Tag vorher passiert, als ich noch selbst in der Klinik war)! Er sagte: „Mama, ich glaube, der Papa schnarcht schon, ich glaube, der schläft schon“. Als wir dann eine Viertelstunde später gemeinsam hoch sind, um uns auch hinzulegen, war das Licht noch an und alles hell beleuchtet.
Wir sind dann mit vorsichtigen Schritten ins Zimmer, dachten, er versteckt sich vielleicht, um Lennox zu erschrecken, wie er das so oft getan hat. Auffällig war, dass unser Hund in das Zimmer lief, dann umdrehte und wieder rauskam. Ein Sideboard nahm uns zunächst die Sicht und dann da lag er da. Am Boden, auf der Seite. Völlig regungslos. Ich hab ihn umgedreht und Lennox ist aufs Bett gestiegen und hat sich die ganze Zeit nur die Hand vor den Mund gehalten.
Ich war vollkommen verwirrt, wählte erstmal 110 statt 112. Die Leitstelle sagte, ich solle mit einer Herzdruckmassage beginnen. Ich sollte in der Leitung bleiben. „Wir machen das gemeinsam“, sagten sie. Es war wahnsinnig anstrengend. Der Mann am Telefon wies mich an, was ich tun sollte. Irgendwann schrie ich in den Hörer: „Verdammt noch mal, wo bleiben die, wie lange brauchen die denn?“ Es kam mir vor wie ‘ne halbe Ewigkeit. Der Mann in der Leitstelle blieb ruhig und gab mir einfach die Straßen durch, in denen sich der Rettungswagen auf dem Weg zu uns grad befand.
Dann kamen die Ärzte. Und kurze Zeit später ein weiterer Notarzt. Ich ging mit Lennox in sein Zimmer nach nebenan. Ich weiß noch, dass wir in das Kinderbuch „Ein Funkeln im Dunkeln“ schauten mit Bo, dem Bären und auf der aufgeschlagenen Seite stand: „Sie umarmten sich ein letzten Mal und dann war er fort“. Solche Momente, die verstehst du erst später. Irgendwann klopfte es an der Zimmertür und der Notarzt meinte: „Haben Sie mal eine Minute?“
Er sagte, sie müssten die Feuerwehr rufen, weil Thomas schon da nur noch mit maschineller Unterstützung überleben konnte und dass er auf die Intensivstation komme. Dann kam der Notarzt: „Wir bringen Ihren Mann jetzt runter und dann melden wir uns.“ Er fragte, ob ich einen Seelsorger bräuchte. In dem Moment hab ich gedacht „Seelsorger?!?“ Ich hätte schreien können.
Da dachte ich noch: Mein Gott, der kriegt ein paar Stents, dann kommt der in Reha und dann ist doch alles wieder gut. „Macht einfach euren Job, es geht doch hier wohl nicht um mich!“, dachte ich. Im Nachhinein glaube ich, dass sie mich da schon auf das Schlimmste vorbereiten wollten. Diese Frage klingt mir so nach, weil sie alles verändern sollte.
Ich bekam weiche Knie. Der Krankenwagen stand noch unheimlich lange vor der Tür. Es war mittlerweile mitten in der Nacht. Alle schliefen, außer uns. Ich beruhigte Lennox und sagte immer wieder: „Alles wird gut, mein Schatz“. Er schlief dann ein, ich war hellwach. Ich würde mich in zwei Stunden in der Klinik melden dürfen, aber dazu kam es nicht, denn 40 Minuten später bekam ich den Anruf, der alles verändern sollte.
Thomas hat es nicht geschafft.
Sein Herz hatte aufgehört zu schlagen. Mein Leben, unser Leben, war von einer Sekunde auf die nächste nicht mehr dasselbe. Ich erinnere mich an jede einzelne Minute dieses Abends, das vergisst man nicht. Es ist, als wär es gestern passiert. Jedes Wort. Jede Minute. Wie in einem Film. Um 22 Uhr änderte sich alles. Unser Zuhause, unser Samstag, unser Leben. Nichts war mehr so, wie wir es kannten. Das Davor war vorbei.
Zwei Tage nach dem Tod deines Mannes wolltest du über sein Handy an Kontakte kommen, um sie zu informieren, was hat dich da erwartet?
Ja, Thomas ist in der Nacht von Samstag auf Sonntag verstorben und am Sonntag ging es hier zu wie im Taubenschlag. Meine Schwester kam morgens. Sie brachte Möhren und Kartoffelbrei mit. Meine Eltern kamen, Nachbarn, meine beste Freundin brach den Skiurlaub ab. Es waren alle da.
Ich informierte am Montag telefonisch meine Chefin und versuchte, zu funktionieren. Ich war nicht wirklich bei mir, ich stand unter Schock. Ich machte einfach Schritt für Schritt. Und ich wusste: Okay, ich muss jetzt alle informieren. Ich muss Menschen informieren, Bekannte, Freunde, Kollegen. Menschen, die Thomas nahe standen. Also hab ich sein Handy genommen, um über seine Kontakte und Nachrichten herauszufinden, wen ich erreichen musste.
Als Erstes rief ich seinen Arbeitgeber an. Und dieser Anruf hat mich aus der Bahn geworfen. Ich wollte ihn informieren, dass Thomas verstorben ist und er bedankte sich, dass ich ihn informiere, aber Thomas sei nicht mehr bei ihm angestellt. Ich weiß noch, dass ich das überhaupt gar nicht einordnen konnte. Wie, Thomas arbeitet da nicht mehr? Seit wann und warum weiß ich das nicht?
In diesem Moment war ich sowieso schon in einem Zustand, in dem ich kaum begreifen konnte, dass Thomas nicht mehr da ist. Und dann kam plötzlich noch dieses Gefühl dazu, dass ich Dinge über sein Leben gar nicht wusste, dass es offenbar etwas gab, von dem ich gar keine Ahnung hatte.
Ich schaute dann weiter in sein Handy. Erst auf WhatsApp, um Freunde und enge Bekannte zu informieren und irgendwann klickte ich auch auf das kleine Telegram-Symbol. Dort hat mich keine Erklärung erwartet. Keine beruhigende Nachricht, kein Halt, sondern Nachrichten von Frauen.
Das war der zweite Schock in einem Moment, in dem ich eigentlich gar keinen weiteren Schock mehr hätte ertragen können. Ich war frisch verwitwet. Unser Kind hatte seinen Vater verloren, und gleichzeitig begann ich, Dinge zu entdecken, die ich nicht verstand und die mein Bild von den letzten Wochen erschütterten.
Es war, als würde nicht nur Thomas plötzlich fehlen, sondern auch ein Stück Wahrheit. Ein Stück Sicherheit, das Vertrauen in das, was ich geglaubt hatte, zu wissen. Und das ist schwer zu beschreiben: Du trauerst um den Menschen, den du liebst und gleichzeitig stehst du da mit Fragen, auf die du niemals eine Antwort bekommen wirst.
Welche Gefühle waren da in dem Moment in dir?
Ich hab so oft geschrien, nicht nur einmal, immer wieder, weil ich es nicht fassen konnte, weil der Schmerz zu groß war. Die Demütigung, die Trauer, die Wut. Und irgendwann, nach all den Tränen, nach all dem Schreien, nach all der Fassungslosigkeit, kam auch etwas anderes in mir hoch. Eine Kraft, die mich getragen hat. Ich weiß noch, dass ich irgendwann dachte: Jetzt pass mal auf da oben! Ich zeige dir jetzt hier unten, dass wir sehr wohl ohne dich sehr gut klarkommen werden.
Nicht, weil ich ihn nicht geliebt habe. Nicht, weil ich ihn nicht vermisst habe, sondern weil ich plötzlich gespürt habe: Ich darf daran wachsen. Ich hab ein Kind und Lennox braucht mich. Da war dieser Moment, in dem aus Schmerz Überlebenswille wurde. Ich war innerlich zerrissen. Ich habe Thomas geliebt. Ich habe ihn vermisst. Ich hätte ihn zurück gewollt, und gleichzeitig war ich so verletzt und so wütend über das, was ich gefunden hatte. Das war eine brutale Mischung.
Aber genau daraus entstand diese absolute Kraft, von der ich vorher nicht wusste, dass ich sie habe. Dieses Gefühl: Du hast uns hier zurückgelassen, aber wir bleiben nicht liegen. Ich steh wieder auf für Lennox, für unser Leben, für mich. Und vielleicht war das auch der erste Moment, in dem ich ganz tief in mir verstanden habe: Ich bin nicht nur Witwe, ich bin auch Mutter und ich bin stark und ich werde uns da irgendwie durch bringen.
War da auch so ein Gefühl von: Ich weiß gar nicht, mit wem ich da zusammen war?
Da war sehr oft dieses Gefühl, dass ich gar nicht weiß, mit wem ich eigentlich da zusammen war. Wer war ich denn für Thomas? Und das ist ganz schwer auszuhalten. Der Gedanke, dass er so viel kaputt macht, nicht nur in dem Moment, sondern rückwirkend. Ich hab mich gefragt: Wer war dieser Mensch wirklich was davon war echt, was hat er vielleicht nur aus schlechtem Gewissen mir zuliebe gemacht, was hab ich gesehen und was hab ich nicht gesehen?
Wie konnte es sein, dass wir zusammen gelebt haben und ich von so vielem nichts wusste? Das war brutal, weil ich ja gleichzeitig um Thomas getrauert habe, um meinen Partner, da ich wir nicht verheiratet waren, nur verlobt. Und bemerkenswerterweise hatte ich zu meiner Mama immer gesagt: Ich kann Thomas irgendwie noch nicht heiraten, da ist irgendwas, was ich noch nicht weiß. Ein Bauchgefühl.
Ich hab um meinen Mann getrauert, um Lennox´ Vater, um den Menschen, den ich geliebt hab. Und trotzdem kamen immer mehr Dinge ans Licht, die überhaupt gar nicht zu dem Bild passen, was ich von ihm hatte. Und genau das hat mich innerlich zerrissen. Da war Liebe, da war Sehnsucht, da war der Schock über seinen Tod. Aber auch die tiefe Verunsicherung, ob ich einen Menschen verloren habe, den ich kannte oder einen Menschen, von dem mit nur ein kleiner Ausschnitt zuteil wurde. Wir waren immerhin neun Jahre zusammen.
Ich konnte ihn all das nicht mehr fragen. Das war gemein. Ich konnte ihn nicht zur Rede stellen. Ich konnte nicht sagen, Thomas, erklär mir das. Warum, seit wann? Was war wirklich los? Was hat dich so zerrissen? Ich blieb zurück mit Antworten, die ich mir selbst zusammensuchen musste. Und irgendwann war da nicht nur Trauer, sondern auch tiefes Gefühl von Verrat und von Ohnmacht von „Ich stehe hier in den Trümmern und muss jetzt auch noch verstehen, was überhaupt die Wahrheit war.“
Das hat mein Vertrauen in unsere Geschichte erschüttert und trotzdem war’s ja unsere Geschichte und ist es unsere Geschichte. Thomas war der Vater meines Kindes. Er war Teil meines Lebens, Teil unserer Familie. Ich musste um jemanden trauern, den ich geliebt habe und gleichzeitig verarbeiten. Warum hatte er nicht einfach mit mir gesprochen? Was hatte er im Außen gesucht, was er im Innen bei sich oder bei mir nicht gefunden hat? Wie war sein Leben?
Wie hast du deinem Sohn von all dem erzählt?
Lennox ist neun, dem hab ich noch gar nicht so viel erzählt. Er hat mitbekommen, dass viele Rechnungen zu begleichen waren, dass viele Leute hier waren, dass ich geweint habe, dass ich traurig war. Wir halten uns in den traurigen Momenten. Und ich sag’s eher durch die Blume. Ich geb die Werte weiter, die mir wichtig sind denn je: Dass er, egal was ist, jederzeit zu mir kommen kann. Wenn er traurig ist, wenn er Kummer hat, wenn er nicht mehr weiter weiß: Ich bin immer für ihn da.
Ich betone Werte wie Ehrlichkeit und wie wichtig es ist, die Wahrheit zu sagen, dass man gut ist zu den eigenen Leuten, dass man nicht lügt. Ich will keine schmutzige Wäsche waschen, Thomas ist und bleibt immer Lennox´ Hero, der Papa, der mit ihm so viel Spaß gemacht hat. Der alles für ihn gemacht hat. Dennoch darf er auch wissen, was nicht in Ordnung war.
Du bist auch an die Öffentlichkeit gegangen mit eurer Geschichte, hast einen TikTok-Kanal. Es gab Kommentare, dass man Tote doch bitte ruhen lassen sollte. Was entgegnest du da?
Ich verstehe diesen Satz wirklich, dass man Tote ruhen lassen sollte, das klingt erstmal nach Respekt. Aber meine Antwort darauf ist: Ich lasse Thomas ruhen, aber ich darf trotzdem meine Geschichte erzählen. Denn es ist ja nicht nur seine Geschichte. Es ist auch meine. Es ist die Geschichte von Lennox und mir von dem Abend, an dem unser Leben zerbrochen ist von dem, was danach kam. Von Trauerschock Liebe, Verrat, Existenzangst und von dem Versuch, irgendwie weiter zu leben.
Ich erzähle nicht, um Thomas schlecht zu machen. Ich erzähle nicht, weil ich ihn nicht geliebt habe. Ich erzähle, weil ich Dinge erlebt habe, über die viele Menschen schweigen, weil Trauer manchmal nicht sauber, still und würdevoll aussieht. Manchmal ist Trauer laut, wütend, hässlich chaotisch ungerecht. Manchmal schreit sie mich an. Und ich glaube, genau darüber muss gesprochen werden dürfen.
Wenn jemand stirbt, wird die Person für viele Menschen automatisch unantastbar, aber für die Menschen, die zurückbleiben endet die Geschichte nicht mit dem Tod. Für mich begann danach erst ein ganz anderer Kampf. Eine ganz andere Geschichte. Tote ruhen zu lassen, darf nicht bedeuten, dass die Lebenden schweigen müssen. Ich habe lange genug geschwiegen, aber meine Geschichte zu erzählen, hat mir geholfen, das Erlebte einzuordnen.
Und wenn auch nur eine Frau da draußen sich dadurch weniger allein fühlt, dann hat es einen Sinn. Ich kann Thomas als Vater meines Kindes achten und trotzdem ehrlich darüber sprechen, was ich erlebt habe. Beides darf nebeneinander existieren: die Liebe, die Trauer, die Enttäuschung, die Wut, die Wahrheit und genau darum geht es mir. Nicht um Abrechnung, sondern um die Wahrheit und das Sichtbarmachen dessen, was nach einem Verlust eben auch passieren kann.
Ich bin diejenige, die weiterleben musste. Ich bin diejenige, die Lennox auffangen musste. Ich bin diejenige, die Rechnungen, Fragen, Mahnungen, Schmerz und offene Wunden sortieren musste und deshalb darf ich darüber sprechen. Nicht um Thomas keine Ruhe zu lassen, sondern damit ich irgendwann Frieden finde. Und anderen Frauen Mut machen möchte, damit rauszugehen sich Luft zu machen, sich Hilfe zu holen.
Heute schaust du gütiger auf das, was Thomas da am Laufen hatte, du vermisst ihn vor allem als Vater deines Kindes, als Mensch, mit dem du den Stolz teilen kannst, richtig?
Ja, das stimmt, heute schaue ich gütiger auf das, was Thomas da am Laufen hatte, nicht, weil es dadurch weniger wehtut und auch nicht, weil ich alles verstanden oder verziehen habe, aber weil mit der Zeit etwas Weiches dazu gekommen ist. Am Anfang war da vor allem Schmerz, Wut, Fassungslosigkeit. Dieses Gefühl von: Wie konntest du mir sowas nur antun? Was war da los? Warum hast du mich mit alldem alleingelassen?
Heute hab ich immer noch nicht auf alles eine Antwort, aber ich hab aufgehört, mich innerlich immer wieder an diesen Fragen festzukrallen. Vielleicht auch, weil ich weiß, dass Thomas sie mir nie mehr beantworten kann. Was heute viel stärker bleibt, ist: Ich bin so dankbar, dass er mir Lennox geschenkt hat. Und ich vermisse ihn als Vater meines Kindes. Ich vermisse den Menschen, mit dem ich diesen Stolz auf Lennox teilen kann. Dieses gemeinsame Staunen, wenn Lennox etwas geschafft hat, wenn er wächst, wenn er mutiger wird, wenn er über sich hinaus wächst.
Zuletzt hatte ich das ganz stark bei einem Basketballspiel. Lennox stand da auf dem Spielfeld und ich hab ihn angeschaut und ich war so unfassbar stolz und genau in diesem Moment kam dieser Gedanke: Thomas müsste das jetzt sehen. Er müsste sehen, wie groß Lennox geworden ist, wie toll er das macht, wie sehr er kämpft, wie sehr er sich entwickelt.
Und das sind Momente, in denen mir Thomas besonders fehlt, nicht unbedingt als Partner, nicht in diesem ganzen komplizierten Danach, sondern als Papa. Als der Mensch, der genauso stolz gewesen wäre wie ich, der neben mir gestanden hätte. Vielleicht mit diesem Blick, der sagt: Das ist unser Sohn!
Diesen Stolz alleine tragen zu müssen tut manchmal fast genauso weh wie die Trauer selbst. Weil Elternschaft ja eigentlich etwas Gemeinsames ist. Man teilt Sorgen, aber eben auch diese großen kleinen Glücksmomente, die Entwicklungsschritte, die Erfolge, die lustigen Sätze, die Momente, in denen man sich anschaut und beide wissen: Wir haben einen ganz besonderen Jungen. Und genau das fehlt heute.
Ja, da war vieles, was mich verletzt hat. Da waren Dinge, die ich bis heute nicht verstehe, aber Lennox ist das Schönste, was aus unserer gemeinsamen Geschichte entstanden ist. Deshalb schaue ich heute gütiger darauf. Nicht, weil alles gut war, sondern weil ich meinen Frieden nicht darin finde, Thomas nur auf das zu reduzieren, was nach seinem Tod alles ans Licht kam. Er war mehr als das.
Er war der Vater meines Kindes und manchmal vermisse ich genau diesen Menschen am allermeisten.



