Elternabend: „Du wurdest zur Gruppe Klasse 1a hinzugefügt“

Marlene Hellene

Marlene Hellene. Foto: Cornelia Friedrich-Meyer

Ihr Lieben, manche Lebensphasen überleben wir nur mit Humor, die eigene Schulzeit und die Schulzeit unserer Kinder gehört wohl dazu. Lustiger darüber schreiben als Marlene Hellene kann das wohl niemand, dabei geht aber eben nicht sie Substanz verloren: Dass unsere Kinder viel bessere Gebäude, viel mehr individuelle Betreuung und ganz andere Voraussetzungen bräuchten, um gut lernen zu können. In ihrem neuen Buch Elternabend verbindet sie beides. Danke dafür und happy Book Release today!

Liebe Marlene, wenn du als Mutter zum Elternabend gehst, sitzt du dann auch immer noch in der letzten Reihe und kicherst mit deiner Freundin über unwitzige Witze? 

Natürlich! Sobald ich ein Schulhaus betrete, verwandele ich mich zurück in Teenie-Marlene. Ich kichere, ich schreibe Zettelchen, ich verstecke mich vor der Mathelehrerin auf dem Klo und ich suche verzweifelt und erfolglos meine Hausaufgaben.

Sag ehrlich: War das DEINE Idee, ein Buch über die Absurditäten des Schulalltags zu schreiben, wurdest du gezwungen, dich auch über echte Elternabende hinaus mit der Materie zu beschäftigen oder war das Schreiben eine Art Verarbeitsungstherapie? 

Elternabend
Elternabend: Absurditäten aus dem Schulalltag zwischen Hausaufgaben und Haareraufen

Es war nicht nur ganz allein meine Idee, es war auch notwendige Überlebensstrategie. Nie hätte ich gedacht, dass ich durch meine Kinder nochmal so richtig tief ins Schulleben eintauchen würde. Klassenarbeiten, Hausaufgaben, Verben konjugieren – ich war wieder voll dabei. Etwas, was ich mir noch weniger gewünscht habe als Herpes. Um mit all dem irgendwie klarzukommen und nicht das letzte bisschen Verstand zu verlieren, musste ich dieses Buch schreiben. Das hat geholfen. Zumindest an manchen Tagen.

Was, würdest du denn sagen, war denn das Absurdeste was du als Mutter im Schulalltag mit deinen Kindern bislang erlebt hast? 

Frag mich lieber, was nicht absurd war. Es gibt praktisch keinen Tag, an dem ich mich nicht nach der versteckten Kamera von „Verstehen Sie Spaß“ umschaue. Allein schon Mathe schickt mich täglich nach Absurdistan und wenn den Kindern dann noch abends einfällt, dass sie bis morgen eine zwanzigseitige Power Point Präsentation über Schwanzlurche aus der Familie der Querzahnmolche halten müssen explodiert – piff paff einfach so – mein Kopf.

Copy und paste uns doch gern mal den lustigsten WhatsAppGruppen Verlauf…

Das darf ich leider nicht wegen Datenschutz und weil mir Gefängnisklamotten so wenig stehen, aber ziemlich laut gelacht habe ich, als ich einst verzweifelt von einer anderen Mutter gefragt wurde, ob ich ihr die Physik Hausaufgaben der siebten Klasse erklären könnte, ihre zwei Staatsexamen in Physik würden irgendwie nicht weiterhelfen.

Welche Schul-Bastelei hebst du für immer auf und welche landete am schnellsten in der Tonne?

Während ich das hier schreibe glotzen mich mehrere getonte Dinosaurier an. Manche davon sollten möglicherweise Pferde werden, einige Katzen und mindestens einer ich. Ich liebe sie alle. Weniger liebe ich jegliche Arten von Laubblätterkunst. Zum Glück schimmelt sich das von ganz alleine ins Jenseits.

Warst du schon mal Schulpflegschaftsvertreterin? Was hast du da erlebt? 

Elternabend
Marlene Hellene. Foto: Julia Schnebele

Ja, klar. Das liegt in erster Linie daran, dass ich Stille sehr schlecht aushalte. Betretenes Schweigen auf Elternabenden, wenn die Frage kommt, wer sich freiwillig zur Verfügung stellt, lässt mich automatisch irgendwann die Hand heben.

Außerdem bin ich der Meinung, dass aktives Tun besser ist, als im stillen Kämmerlein zu meckern. Leider wurde mir in diesem Amt nie gestattet, Entlassungen in der Schulbehörde vorzunehmen oder mithilfe von öffentlichen Geldern die Schule kernzusanieren, ich durfte nur Weihnachtsgeschenke für Lehrkräfte kaufen oder Muffins für Veranstaltungen backen. Schade!

Gibt es eine Art Mütter-Schicksalsgemeinschaft bei dir, in der du offen über den Sexualkundeunterricht im Lehrplan reden kannst? 

Zum Glück ja! Und die braucht man auch. Schule schafft man nur im Rudel.

Wird das schwierig, wenn die Lehrkräfte deiner Kinder das Buch lesen?

Das wird sich zeigen (nervös an den Nägeln kauend geschrieben). Ich kann es mir aber eigentlich nicht vorstellen, mein Credo lautet nämlich: Miteinander und nicht gegeneinander. Ich sehe den Struggle der Lehrkräfte in einem maroden System sehr wohl.

In einem Land voller Möglichkeiten: Welche von dir konzipierte Traumschule gäbe es da?

To be honest: Es wäre eine Schule mit großem Geldspeicher. In dessen Fehlen liegt nämlich der Hund (oder das Schulkind) begraben. Es bedarf moderne Gebäude, in denen Kinder nicht schwitzen oder frieren, in dem sie sich nicht vor dem Toilettengang ekeln oder Asbest einatmen müssen.

Gebäude, die freundlich sind, statt betongrau, die lernen, lachen und Pausen machen gleichermaßen ermöglichen. Außerdem braucht es viel mehr Personal. Nur so sind kleine Klassen und individuelle Förderung überhaupt möglich. All das kostet Geld. Geld, das unsere Regierung lieber für andere Dinge ausgibt. 

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