Abschiedshaus auf Gut Feismann: Ein Ort für Familien nach frühen Verlusten

Carolin Feismann

Ihr Lieben, es gibt so Menschen, denen man an den Lippen hängt, wenn sie ihre Geschichte erzählen. So geht es uns auch mit Carolin Feismann, die jetzt auch noch ein Abschiedshaus ins Leben gerufen hat. Nach einem schweren Verlust hat sie ihr Leben umgekrempelt. Sie arbeitete als Tellerwäscherin, Buschpilotin, Unternehmerin und Hospizgründerin, studierte Medizin, war in Alaska, Afrika, Israel und landete schließlich wieder im Münsterland.

Dort hat sie aus einer Ruine in Darup einen Ort gemacht, den Familien in ganz Deutschland kennen: Ein tiergestütztes Kinderhospiz, in dem sie Familien mit lebensverkürzend erkrankten Kindern aufnehmen. Ein Ponyhof für Auszeiten, letzte Wege und Abschiede in Liebe und Würde.

Carolin Feismann wollte nach Jahren voller Aufbrüche, Umwege und Grenzerfahrungen nicht mehr für Frieden kämpfen – sondern ihn selbst leben: zwischen Baustelle und Ponyhof, Pflegebett und Familienküche, Schmerz und Trost, Sternenkindern und Schäfchen. Immer tatkräftig und handfest – und immer in dem Glauben, dass Frieden nicht groß anfangen muss, um wirksam zu werden.

Das Gut Feismann ist nun auch ein Abschiedshaus

Abschiedshaus
Das „Nest“ als Familienappartment im Abschiedshaus

Der Hof in Nottuln-Darup, das Gut Feismann, ist nun auch ein Abschiedshaus geworden. Carolins Traum ist es, dass es irgendwann überall, deutschlandweit, Abschiedshäuser geben wird. Denn hier ist Raum auch für die ganz frühen Verluste. Wenn Eltern ihr Kind in der Schwangerschaft oder im ersten Jahr nach der Geburt verlieren, haben sie die Chance, für fünf Tage mit ihrer Familie auf dem Hof einzuziehen. Sie zahlen dafür nichts, das gesamte Angebot wird durch Spenden finanziert.

Die Familien ziehen in dieser verletzlichen Phase ihres Lebens in das Familienapartment des Abschiedshauses ein, können Familie und Freunde empfangen, die Kinder können Zeit mit den Tieren verbringen, mittags gibt es ein gemeinsames Essen, bei dem alle Gäste und das ganze Team zusammenkommen, sodass sie sich um die warme Mahlzeit hier nicht kümmern müssen.

Das Wichtigste: Sie bekommen Raum, Abschied von ihrem Kind zu nehmen. Von ihrem Baby, das sie oft noch gar nicht richtig kennenlernen konnten. „Frieden entsteht, wenn wir das, was ist, annehmen können“, sagt Carolin Feismann. Was sie damit meint?

Raum, um den Verlust zu verarbeiten

Tiergestütztes Kinderhospiz
Abendstimmung auf dem Gut Feismann

Wenn ein Baby zum Beispiel am plötzlichen Kindstod verstirbt, kommt erst einmal die Kripo und beschlagnahmt den Körper des Kindes, um sicherzustellen, dass es keine Fremdeinwirkung gab. Die Familien, die noch gar nicht verstanden haben, was ihnen hier gerade passiert ist, bleiben fassungslos zurück.

Hier nehmen die Mitarbeitenden des Gut Feismann Kontakt mit der Familie auf und ermöglichen, dass das Kind nach der Freigabe aus der Gerichtsmedizin zu ihnen auf den Hof kommt, damit die Familie würdig Abschied von ihrem Kind nehmen kann.

Das Gleiche gilt für stille Geburten. Auch in dieser Situation ist die Aufnahme ins Sternenkinder Abschiedshaus auf Gut Feismann möglich. Betroffene Familien werden interdisziplinär liebevoll begleitet, sodass Raum und Zeit fürs Begreifen, Annehmen und Abschiednehmen ist.  

Gute Begleitung durch die Trauer

Gut Feismann
Meerschweinchen, Kaninchen und Hühner auf dem Gut Feismann

„Viele Mütter und Väter wollen ihr in der Schwangerschaft verstorbenes Kind direkt nach der Geburt aus völliger Überforderung und Angst erst einmal nicht sehen“, erzählt Carolin Feismann. Es sei aber ein Irrglaube, dass der Schmerz vergeht, je weniger man sich mit dem Verlust auseinandersetzt. Gerade die bewusste Verabschiedung könne da Wunder für die Verarbeitung wirken und Traumata vorbeugen.

„Wenn die Eltern ihr Kind der Kripo übergeben müssen und keine Chance mehr haben, es anzuschauen oder auf den Arm zu nehmen, gehen die Eltern in einen Widerstand mit der Situation“, erklärt Feismann. Das ziehe unheimlich Lebensenergie, könne zu Burnout, Unverständnis oder Trennungen führen. Die Kinder brauchen ihren Raum. Hier wird er ihnen und ihren Familien gegeben.

Erst gestern Abend beobachtete Carolin einen Papa, der ganz allein an der Wiege saß und um seine kleine Tochter trauerte. Er hatte zu Anfang Spaziergänge gewählt, wollte weg, lehnte alles eher ab. „Das war eine sehr berührende Szene, wie er bei seinem toten Baby saß, den Widerstand aufgegeben hatte und das Geschehene endlich zulassen konnte“, erzählt Feismann.

Unzählige Möglichkeiten, Erinnerungen zu schaffen

Gut Feismann
Das Außengelände des Gut Feismann

Den Familien – manchmal zwei in einer Woche – bieten sie die Möglichkeit, Familienfotos und letzte Fotos von ihrem Kind durch eine Sternenkindfotografin machen zu lassen, Bilder mit Hand- und Fußabdrücken zu gestalten und sich in Ruhe für die zu ihnen passende Bestattungsart zu entscheiden. Die Geschwisterkinder können sich frei zwischen Trauer und kindlicher Fröhlichkeit bewegen, Eier einsammeln, die Schafe kraulen oder Ponyreiten.

Auf dem Gut arbeiten zehn Menschen. Zwei Kinderkrankenschwestern, Carolin als Geschäftsführerin, ihr Mann als Hausmeister auf Minijobbasis, ihre Mama ehrenamtlich in der Waschküche, ein Heilerziehungspfleger, der auch Familienbegleiter ist, zwei Tierpflegerinnen, eine Raumpflegerin und eine Hebamme, die die Mütter neben so vielem auch beim Abstillen und bei der Rückbildung begleitet.

Um die Gehälter des Teams bezahlen und den Familien weiterhin kostenfrei zur Seite stehen zu können, wünscht sich Carolin eine Kostenträgerschaft durch Krankenkassen für dieses wichtige traumapräventive Angebot. Auch um weitere Sternenkinder Abschiedshäuser zu realisieren, braucht es Kostenträger. „Wir brauchen viel mehr solcher Häuser, ich seh es doch an den Menschen, die hier zu uns kommen. Sie wirken oft wie Ertrinkende, die wir mit unserer Begleitung retten können“, sagt sie.

Den letzten Weg gemeinsam gehen

Wenn die Familien bereit sind und der Bestatter ihr Kind abholt, bereiten Carolin und ihr Team ganz individuell einen letzten schönen Weg. Geschwisterkinder basteln kleine Kostbarkeiten für die Reise, suchen Spielzeug aus und legen alles, was ihnen wichtig ist in einen wunderschönen Babysarg. Begleitet von selbstgewählter Musik tragen die Eltern ihr Kind durch einen Kerzengang zum Leichenwagen. „Und wenn sich die Geschwister hier Bibi und Tina wünschen, dann bekommen sie Bibi und Tina. Es geht doch um sie!“, sagt Feismann.

An einigen Tagen im Jahr öffnet Gut Feismann seine Tore für Besucher. Carolin erklärt in einem Vortrag die Arbeit des tiergestützten Kinderhospiz und des Sternenkinder Abschiedshauses. Besucher erleben die friedliche Atmosphäre, werden in der Gutsküche kulinarisch verwöhnt und betroffene Familie können nochmal auftanken und sich erinnern.

„Das sind natürlich immer berührende Momente, denn an solchen Tagen spüren wir die Präsenz all dieser kleinen Seelen, die wir hier verabschiedet haben.“ Die Kraft für diese Arbeit generiert sie aus tiefer Dankbarkeit der Familien, deren Leben ohne sie eine andere Wendung genommen hätte.

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Abschiedshaus
Das Buch zur Geschichte Carolin Feismann: Frieden Sterben Ponyhof


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