Ihr Liebe, „let´s talk about it“ lässt sich schnell sagen, aber wie kommen wir wirklich mit Kindern über Körper, Sexualität und schützende Grenzen ins Gespräch? Eliane Retz findet, dass gelingende Aufklärung nicht aus dem einen großen Gespräch besteht, sondern aus vielen kleinen Momenten im Alltag. Hier erklärt sie, wie uns das gelingen kann.
Let´s talk about it: Wie kommen wir mit unseren Kindern über Körper und Sexualität ins Gespräch, damit sie ihr Wissen nicht ausschließlich von TikTok holen? Oder gilt: Hauptsache Wissen?
Es kommt sehr darauf an, welches Wissen Kinder erhalten. Im Internet gibt es gute Aufklärungsseiten, aber auch falsche, irreführende Informationen und natürlich auch zahlreiche Inhalte, die Druck erzeugen. Es ist besser, viele kleine Gespräche zu führen.
Aufklärung ist ein riesiges Themenfeld und genau deshalb kann man wirklich nicht alles in einem einzigen Gespräch unterbringen. Genau das würde Kinder und Jugendliche massiv überfordern. Gut ist es, wenn sich Aufklärung ganz natürlich im Alltag ergibt: Wenn man im Schwimmbad ist und Kinder dann feststellen, dass Menschen ganz unterschiedliche Körperformen besitzen.
ufklärung und die Vermittlung von Körperwissen ist dann nicht mehr etwas „komisches“, peinliches, alltagsfernes, sondern ganz konkret und gut greifbar für Kinder – eben weil es einen aktuellen Gesprächsanlass gibt.
Wie können Eltern ihren Kindern ein gutes und gesundes Körperbild vermitteln?
Kinder nehmen sehr genau wahr, wie zu Hause über den menschlichen Körper gesprochen wird. Wenn Eltern ständig die eigene Figur kritisieren oder das Aussehen anderer Menschen bewerten und zwar sowohl positiv als auch negativ, vermitteln sie damit: Du musst gut aufpassen und dich ordentlich anstrengen, damit du meinen persönlichen oder auch gesellschaftlichen Idealvorstellungen entsprichst.
Das tut Kindern, die noch mitten in ihrer körperlichen Entwicklung sind, wirklich nicht gut! Wenn ein Kind ständig hört: „Das würde ich nicht essen, sonst wirst du auch so fett, wie der Junge aus der 3b“, legen Eltern den Grundstein für Körperscham. Oft erfolgt das jedoch völlig unbewusst und genau deshalb ist es wichtig, dafür zu sensibilisieren.
Ich würde außerdem den Blick darauf lenken, wie sich der eigene Körper anfühlt und was das Kind alles damit erlebt. Macht schnelles Rennen Spaß? Wie fühlt es sich an, wenn das Herz schneller schlägt? Wo spürt man Aufregung? Wie merkt man, dass man eine Pause braucht? Woran merkt man, dass sich Kleidung gut anfühlt und welche Kleidung mag man überhaupt? So bekommt der Körper eine tiefere, stimmige Bedeutung, die über das reine Aussehen hinausgeht.
Wenn ein Kind außerdem mit seinem eigenen Aussehen hadert, hilft es, wirklich zuzuhören: „Was genau macht dir gerade zu schaffen?“ Ein schnelles „Du bist doch schön“ ist sicherlich gut gemeint, aber hilft Kindern nicht wirklich weiter. Vielmehr geht es darum, dass ein Kind lernt, sich selbst wirklich anzunehmen und wertzuschätzen. Und es bedeutet auch, manchmal mit neuen Herausforderungen zurechtzukommen.
Für viele Kinder ist es durchaus ein Einschnitt, wenn sie plötzlich eine Brille tragen müssen. Es ist wichtig, dass man ein Kind damit nicht allein lässt, sondern es dabei unterstützt mit dieser körperlichen Veränderung auch seelisch mitzukommen.
Wie können Eltern reagieren, wenn die Kinder erste Selbsterfahrungen machen und ihnen das aber selbst unangenehm wird?
Kinder wollen ihren Körper entdecken. Sie schauen sich im Spiegel an und erkunden dabei auch die eigenen Geschlechtsorgane. Manche Kindern haben hier mehr Interesse als andere an diesen Körpererfahrungen. Das gilt auch für die gegenseitige Erkundung. Unangenehm sollte es dabei erst gar nicht werden!
Es ist wichtig, dass Kinder hier früh Regeln vermittelt bekommen und gut geschützt durch die Erwachsenen, wie etwa durch geschultes, feinfühliges Kita-Personal begleitet werden: Auch das leistets Nein zählt. Ältere Kinder erkunden nichts bei jüngeren Kindern und umgekehrt.
Es ist wichtig, dass man ganz klare Worte findet: es werden keine Äste, Stifte oder Murmeln in die Vulva, den Po oder in den Penis gesteckt. Klarheit ist an dieser Stelle entscheidend. Eltern trauen sich hier oft nicht, Fragen zu stellen, wenn Körpererkundung im Kindergarten ein Thema ist. Doch genau das dürfen sie. Ich ermutige Eltern immer dazu, wenn wir in einem Beratungsgespräch darauf zu sprechen kommen und Eltern ganz offensichtlich verunsichert sind aber nicht trauen, Bedenkungen oder gar Ängste in Worte zu fassen.
Wie können Mütter und Väter selbst Grenzen wahren, wenn die Kinder gucken oder Körperteile berühren wollen?
Eltern vermitteln ihren Kinder, dass niemand sie ungefragt berühren darf und dieses Recht auf körperliche Grenzen haben Eltern ebenso: „Ich möchte nicht, dass du meine Brust oder meinen Penis anfasst.“ Dazu braucht es keine lange Rechtfertigung.
Familiäre Grenzen beinhalten stets auch das sog. Inzesttabu. Und deshalb ist es wichtig, dass Eltern auch sehr klar sind, wenn sie beobachten, dass sich zwischen ihren Kindern, beim Baden etwa, eine ungute Dynamik entwickelt. Auch hier sind klare Worte wichtig: „Nein, dein Bruder möchte nicht an seinen Penis von dir berührt werden. Er hat das klar gesagt.“
Dabei geht es nicht um Scham oder Beschuldigungen, sondern darum, gut über die Beziehung zwischen den Kindern zu wachen. Körperliche Nähe ist freiwillig und niemand darf diese einfordern. Kinder sollten ihre eigenen Grenzen wahrnehmen, und zugleich auch lernen, die Grenzen anderer zu respektieren.
Dass wir nicht das EINE große Aufklärungsgespräch führen sollen, sondern lieber von Anfang an kindergerecht Fragen beantworen sollen, wissen wir mitterlweile. Wie aber steht es um sexualisierte Gewalt? Wie sprechen wir die an, ohne Angst zu machen – und wann?
Bei kleinen Kindern beginnt Schutz mit Körperwissen und dem, was sie im Alltag erleben: Werden ihre Grenzen ernst genommen? Dürfen sie sagen, dass ihnen etwas unangenehm ist? Kennen sie die richtigen Worte für ihre Körperteile? Ein Kind, das keinen Kuss geben möchte, braucht Erwachsene, die es darin bestärken, Nein zu sagen, und seine Entscheidung respektieren.
Über sexualisierte Gewalt zu sprechen, setzt voraus, dass Kinder bereits eine gute, altersgerechte Aufklärung erfahren haben und Erwachsene ihnen zuvor einen positiven Zugang zu Körperlichkeit und Sexualität vermitteln. Wenn wir diesen Teil überspringen und Sexualität ausschließlich mit Gewalt, Übergriffen, ungewollten Schwangerschaften oder Krankheiten in Verbindung bringen, ist es nur logisch, dass Ängste entstehen.
Im schlimmsten Fall nehmen wir Kindern damit die Möglichkeit, sich diesem großen Themenfeld zunächst unbefangen und positiv anzunähern. Gute Aufklärung ist deshalb auch Prävention von Ängsten und zahlreichen Unsicherheiten.
Aber ganz ehrlich: Natürlich können solche Gespräche auch Ängste auslösen. Es gibt genügend Frauen, die bis ins hohe Alter Angst davor haben, nachts allein auf der Straße unterwegs zu sein. Und diese Angst kommt nicht von ungefähr. Wenn wir mit Kindern über schwierige, existenzielle Themen sprechen – über Tod, Krankheiten, Kriege, Umweltkatastrophen oder sexualisierte
Gewalt –, kann das natürlich Ängste hervorrufen. Das ist nicht ungewöhnlich.
Aber nicht darüber zu sprechen, wäre ziemlich unfair, oder? Denn nur weil Erwachsene schweigen, verschwinden diese Gefahren ja nicht. Und Angst ist nicht grundsätzlich schlecht. Solange sie uns nicht überwältigt, kann sie eine wichtige Schutzfunktion haben: Sie macht uns aufmerksam, lässt uns vorsichtiger werden und kann uns dabei helfen, Risiken besser einzuschätzen.
Entscheidend ist deshalb nicht, Kinder vor jeder Angst bewahren zu wollen. Entscheidend ist, ihnen Wissen, Orientierung und Vertrauen mitzugeben. Damit sie Gefahren rechtzeitig erkennen können und sich trauen, sich zu schützen und gut abzugrenzen.
In einer Welt der Wunder: Was würdest du dir für uns alle zu diesem Thema wünschen?
Traut euch, mit euren Kindern darüber zu sprechen. Denn Aufklärung ist so viel mehr als ein peinliches Gespräch, das allen irgendwie unangenehm ist. Wenn ihr als Eltern beginnt, selbstsicher über Sex und auch die möglichen Gefahren zu sprechen, dann ist ge nau das der Grundstein dafür, dass junge Menschen sicher(er) in ihre ersten romantischen Beziehungen starten.
Liebeskummer wird es trotzdem geben. Aber weniger zerstörend, vernichtend, sondern im besten Fall aushaltbar. Dass schon Teenager tief in sich drin genau das spüren: Das tut gerade unglaublich weh. Aber ich werde daran nicht zugrunde gehen. Ich werde das überstehen. Mein Leben geht gerade erst los!