Samenleiter durchtrennen als Vater: „So ging´s mir nach der Vasektomie“

Lieber Heiner, du hast dich vor ein paar Tagen sterilisieren lassen. Wie geht es dir ganz aktuell?

Sehr gut, danke. Die Vasektomie, also das Durchtrennen der Samenleiter im Hoden, war vor drei Tagen. Bis auf ein leichtes Drücken spüre ich tatsächlich keine Schmerzen im Hoden. Bei mir fühlt es sich auch nicht an, als wenn mir jemand in den Hoden getreten hätte, was man von anderen Männern hört. Es drückt nur hin und wieder ganz leicht. Auf einer Schmerzskala von 0 bis 10 befinde ich mich bei einer 2, worüber ich sehr glücklich bin. Ich habe es mir schlimmer vorgestellt. Direkt nach der Operation habe ich mich mit einem Eispack auf die Couch gelegt und meinen Hoden den ganzen Tag gekühlt. Das hat sehr geholfen.

Eine Vasektomie ist (leider) immer noch relativ selten. Erzähl mal, wann du dich das erste Mal mit dem Thema befasst hast.

Mein Vater hat sich nach vier Kindern sterilisieren lassen und ich wollte es auch machen, sobald die Familienplanung abgeschlossen ist. Meine Frau hat bis zur Geburt unseres ersten Kindes mit der Pille verhütet. Weil die Nebenwirkungen nicht zu unterschätzen sind, haben wir danach mit Kondomen verhütet. Nun sehe ich mich in der Verantwortung und habe mich sterilisieren lassen. In Deutschland machen das ca. 50.000 Männer jährlich, das hat die TK herausgefunden. Wenn ich mit anderen Männern spreche, dann bin ich überrascht, wie viele schon an eine Vasektomie gedacht haben oder tatsächlich durchgeführt haben. Trotzdem scheint die Sterilisation ein Tabuthema zu sein und niemand spricht darüber.

Das wollte ich mit meinem Blogbeitrag und Instagram Post ändern, denn Verhütung ist auch Männersache und eine Vasektomie laut PERAL-Index die sicherste und schonendste Verhütungsmethode!

Wie hat deine Partnerin darauf reagiert?

Schon in der Kennenlernphase haben meine Frau und ich über unseren Kinderwunsch gesprochen, wie viele Kinder wir haben wollen und woran wir merken, dass die Familienplanung abgeschlossen sein wird. „Dann lasse ich mich sterilisieren!“ habe ich gesagt. Meine Frau war überrascht, denn Verhütung ist in Beziehungen vor allem Frauensache. Der Mann kümmert sich höchstens um Kondome und die Frau hat die Wahl zwischen z.B. Pille, Spirale, Diaphragma oder Hormonimplantat. Dabei steht der Mann ebenso in der Verantwortung. Das war mir immer wichtig.

Wie genau läuft die OP ab?

Seit 2004 ist eine Vasektomie keine Kassenleistung mehr, die Kosten müssen privat gezahlt werden. Zwischen 500 und 700 EUR kostet der ambulante Eingriff. Mein niedergelassener Urologe hat mir die Nummer von der urologischen Ambulanz im Krankenhaus gegeben, mit denen ich direkt zwei Termine ausgemacht hatte. Mittwochnachmittag das Aufklärungsgespräch und zwei Tage später der Eingriff. Im ersten Gespräch habe ich den Aufklärungsbogen ausgefüllt und mit dem Arzt über den Ablauf gesprochen. Er wollte wissen, ob meine Frau bescheid weiß, dass ich mich sterilisieren lassen möchte und ob die Familienplanung wirklich abgeschlossen sei.

Den wichtigsten Punkt aber hat er dreimal im gesamten Gespräch wiederholt: Innerhalb der nächsten drei Monate keinen ungeschützten Geschlechtsverkehr. Erst nach ca. 30 Ejakulationen ist die Flüssigkeit frei von Spermien. Etwaige Regressansprüche können nicht geltend gemacht werden. Und ganz wichtig: „Rasieren sie den Hoden, am besten noch heute.“ Wir haben viel gelacht und die lockere Atmosphäre hat mir ein wenig die Angst genommen.

Am Tag des Eingriffs musste ich zuerst meinen Hoden mit einem Mittel zu örtlichen Schmerzausschaltung einreiben. Nach 30 Minuten lag ich auf dem OP-Tisch und wurde unten herum mit Jod desinfiziert. Der Oberarzt war super freundlich und zuvorkommend. Er trug eine Spiderman-OP-Haube und war auch für die Kinderurologie zuständig. Zunächst massierte er den Samenleiter im linken Hoden nach oben und spritzte großflächig ein Betäubungsmittel in den Hodensack (nicht ins Ei, nur in den Sack). Davon habe ich kaum etwas gemerkt, es tat nicht weh. Anschließend setzte er einen 1 cm kurzen Schnitt und hebelte mit einer Rundzange den Samenleiter hinaus. Er trennte ein kurzes Stück heraus, verknotete und verödete beide Enden, die dann weit voneinander getrennt wieder in das Hodengewebe gelegt wurden. Die Wunde wurde vernäht und die andere Seite war dran.

Nach einer Stunde war alles vorbei und ich konnte meine Anspannung lösen. Mir hat es sehr geholfen, dass der Urologe jeden Schritt erklärt hat. Bis auf ein Ziehen und Drücken in der Leiste und im Bauch habe ich auch nichts von der Operation gemerkt. Auf die Frage, warum das denn bei einem Kumpel so schnell ging (er sagte mir 15 Minuten je Seite), meinte der Oberarzt, dass er sich die Zeit für einen sanften und schmerzfreien Eingriff gerne nimmt. Er sollte recht behalten, denn anders als mein Kumpel habe ich auch am dritten Tag nach der OP keine Schmerzen.

Hattest du auch mal kurz Zweifel an deiner Entscheidung?

An der Richtigkeit des Eingriffs hatte ich nie Zweifel. Mir kamen aber für einen Moment komische Gedanken, ob ich meine Männlichkeit verlieren werde. Aber es wird ja nur der Samenleiter durchtrennt und keine Kastration durchgeführt. Meine Hoden produzieren weiterhin Testosteron und ich ejakuliere auch Flüssigkeit beim Sex. Da schwimmen nur keine Samen mehr drin. Der Gedanke kam mir aber nur kurz, denn ich hatte mich im Vorfeld belesen und wusste schon lange, dass ich mich irgendwann sterilisieren lassen werde. Der Entschluss stand fest.

Wie reagierte dein Umfeld darauf?

Frauen in meinem Umfeld finden meine Entscheidung richtig und Männer finden sie mutig, weil sie endgültig ist. Dann werden mir Fragen gestellt über eine mögliche Trennung, einer neuen Partnerin mit einem möglichen Kinderwunsch. Ich entgegne dann immer, dass ich doch zwei wunderbare Kinder habe und weiterhin für sie verantwortlich sein werde. Die sind ja nicht weg, nur weil ich eine neue Partnerin hätte. Die Großeltern haben uns zu diesem Schritt gratuliert, auch wenn die wissen, dass es keine weiteren Enkelkinder geben wird. Zu meinem Vater habe ich keinen Kontakt mehr.

Nun berichtet du ja offen über die Vasektomie auf Instagram und dem Blog und hast viele Kommentare dafür bekommen...

Die Kommentare sind unterschiedlich, wobei der Tenor grundsätzlich positiv ist. Mir danken viele für die Offenheit und erzählen von ihrer Erfahrung mit dem Thema Sterilisation beim Mann. Frauen wünschen sich Gespräche mit ihrem Partner oder haben bereits über eine Vasektomie gesprochen. Einige Männer haben sich auch sterilisieren lassen und heißen mich im Club willkommen. Das finde ich sehr schön. Es gibt kaum zweifelnde Stimmen, die Rückmeldungen sind im Großen und Ganzen positiv.

Allerdings haben sich auf Twitter einige offensichtlich maskulinistische User*innen einen Spaß gemacht und meinen Tweet über die Sterilisation mit anzüglichen Nacktbildern parodiert. Teilweise musste ich hart lachen, weil sie anscheinend große Probleme haben, dass ich über meinen Hoden schreibe. Für diese Maskulinisten kommt eine Sterilisation einer Entmannung gleich. Das kenne ich aber schon von denen, weil ich für meine feministische Sichtweise auf Vaterschaft immer wieder angefeindet werde.

Was meinst du, was steckt dahinter, wenn jemand dir solche Kommentare schickt?

Männer machen sich nicht nur lustig über mich, sondern werten mich auch als Mann ab. Sie schreiben, dass ich eine Schwuchtel sei und halten das herrschaftliche Bild von Männern in der Gesellschaft hoch. Es geht um hegemoniale Männlichkeit, also um Macht- und Dominanzgehabe gegenüber Frauen. Sie halten das biologistische Familienbild hoch und lehnen den Feminismus ab. Sobald sie merken, dass ich mich nicht „ankumpeln“ lasse, bin ich deren Feind. Mir tun diese Männer leid, denn sie sehen sich als Opfer einer sich verändernden Gesellschaft. Sie sind nicht bereit, ihre Privilegien anzuerkennen, zu hinterfragen und abzulegen.

Warum war für euch die Vasektomie genau der richtige Schritt als Familie?

Alles sprach für eine Vasektomie. Wir haben uns dafür entschieden, weil sie die sicherste und schonendste Methode ist. Unsere Familienplanung ist abgeschlossen, unsere Familie ist komplett. Für uns ist ist die Vasektomie ein wichtiger Schritt hin zu einer gleichberechtigten und feministischen Partnerschaft. Wir sind sehr dankbar, dass es diese Methode gibt und freuen uns auf ungeschützten und sicheren Sex.

Mehr über Heiner, seine Familie und alles zu seiner Vasektomie findet Ihr hier: https://vaterwelten.de oder https://www.instagram.com/vaterwelten/

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7 comments

  1. @Kathi
    Keine Menstruation mehr nach Sterilisation? 🤣🤣🤣Wer hat die denn das erzählt?
    Ich habe mich 2014 beim Kaiserschnitt unseres vierten Kindes direkt sterilisieren lassen (Eileiter abgetrennt, verknotet und verödet, Gebärmutter aber natürlich noch drin) und habe jetzt im Jahr 2021 immer noch brav jeden Monat meine Regel. Und ich muss sagen, seit etwa einem Jahr ist sie viel stärker und auch mit Zeitverschiebung; mein Körper will mir wohl sagen: „He, bereiten wir uns schon mal auf die Wechseljahre vor.“ Und erst wenn die vorbei sind, gibts keine Periode mehr.

    Und, das Wichtigste ist, was der MANN will? In Bezug auf die Unversehrtheit seines Körpers oder in der Beziehung/Familienplanung? Ich hoffe ersteres, sonst 🤨 wäre das ja absolut unfair.

  2. Ich habe selbst keine eigene Erfahrung damit, aber ich glaube, dass dein Mann falsch informiert ist, was die Sterilisation bei Frauen angeht. Meines Wissens nach werden dabei lediglich die Eileiter der Frau durchtrennt und undurchlässig gemacht. Die Gebärmutter und Eierstöcke behalten ihre Funktionalität, sodass die Menstruation weiter wie gehabt stattfindet. Nur bei einer Entfernung der Gebärmutter würde die Menstruation ausbleiben.
    Und natürlich ist der Eingriff bei Frauen deutlich aufwendiger, dort ist es eine Bauch-OP (ich vermute mit Vollnarkose).
    Für den Mann ist es ein vergleichsweise minimaler Eingriff… Mein Mann hat es vor 8 Jahren machen lassen und es war zum einen unkompliziert, zum anderen ist es herrlich, sich nie wieder Gedanken mehr über Verhütung machen zu müssen!! Auf die „Männlichkeit“ hatte es keinerlei Einfluss. Ich bin meinem Mann sehr dankbar dafür, nachdem die Verhütung jahrelang mein Job war 😉

  3. Also zunächst mal: Ich bin auch der Meinung, dass Verhütung natürlich auch Männersache ist.
    Ich habe auch nie meine Frau genötigt die Pille zu nehmen. Sie hat sie aus eigenem freien Willen genommen und auch irgendwann aus eigenem freien Wunsch aufgehört. Ich habe ihr immer gesagt: „Es ist ein Eingriff in Deinen Körper und Du musst das nicht mir zuliebe machen“.

    Meine Familienplanung ist nun auch abgeschlossen. Eine Vasektomie kommt für mich dennoch nicht in Betracht. Letztlich weiß ich es ja auch nicht, was die Zukunft bringt.
    Stellen wir uns mal vor, meine Frau und meine Kinder würden (Gott bewahre!) bei irgendeinem Unfall ums Leben kommen. Dann würde ich mich vielleicht ein paar Jahre später neu verlieben und noch einmal eine Familie gründen wollen, hätte mich aber einem unter Umständen irreversiblen Eingriff unterworfen, der meine Fruchtbarkeit zu Nichte macht. Mache ich nicht. Punkt.

    Ich fühle mich nicht „entmannt“, wenn ein anderer Mann sich einem solchen Eingriff unterzieht. Aber ich fände es nicht akzeptabel, wenn eine Frau dahingehend Druck auf ihren Mann ausüben würde.

    Ich halte es so: Mein Körper gehört mir! Ich lasse mich nicht piercen, nicht tätowieren und auch sonst keine medizinisch nicht notwendigen Veränderungen daran vornehmen. Das ist auch keine Entscheidung die „wir“ treffen, sondern eine Entscheidung, die ich für mich treffe.

    Es gibt immer noch Kondome, die eine ziemlich sichere Verhütungsmethode sind und nicht in die körperliche Integrität eines der Partner eingreifen. Wer wirklich ganz auf Nummer sicher gehen will, kombiniert die Kondome noch beispielsweise mit den Fruchtbarkeitstests für Frauen, die einfach per Urintest funktionieren.

    Dann kann man an den nicht fruchtbaren Tagen Sex mit Kondom haben und an den fruchtbaren Tagen verzichtet man ganz auf penetrativen Geschlechtsverkehr. Es gibt eine Menge anderer lustvoller und befriedigender Praktiken bei denen keine ungewollten Schwangerschaften entstehen. Sex ist so viel mehr als nur „rein-raus“.

    1. Ich bin genau deiner Meinung Flo, glaube aber, das der Augo deinen Kommentar auch unterschreiben würde. Es ist kein Widerspruch.
      Er möchte das Thema nur aus der Tabuecke holen und anderen Männern Mut machen bzw. die Möglichkeit ins Bewusstsein bringen.
      Liebe Grüße

      1. in der familie haben wir zwei männer die das gemacht haben nachdem sie wirklich sicher waren keine kinder mehr haben zu wollen. sie sind auch immer offen damit
        umgegangen udn ich finde es ist einfach deren entscheidung, die nicht zu bewerten ist. genaus ob und wie eine frau verhütet. ich finde es sogar sehr gut in bezug auf die frau in einer festen partnerschaft, da sie nun weder hormone nehmen muss, noch sich fremdkörper einsetzten lassen muss oder ein kondom verwenden. mein mann würde es auch machen. da wir aber 32bzw 34 sind und man nie weiß was das schicksal und die zukunft bringt, lassen wir es vorerst noch bzw er. wäre er aber felsenfest davon überzeugt das er persönlich keine kinder mehr haben möchte könnte er das jedoch jederzeit tun. ich weiß nicht ob nicht doch ein nachzügler kommt oder nicht. das wird die zeit bringen. aber ich finde das wichtigste ist was der mann will. mein mann meint auch oft zu mir ich könne mich doch sterilisieren lassen. damit ich dann auch keine menstruation mehr haben muss und nicht verhüten muss. aber da ich nicht 100% davon überzeugt bin wirklich kein kind mehr zu wollen lasse ich das. das ist ja alles eine sehr individuelle entscheidung. und wenn man(n) es machen möchte macht es das sexualleben doch im einiges einfacher! warum dann welche sich darüber lustig machen verstehe ich nicht.

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