Gastbeiträge

24/04/2019 - 06:45

Land-Mama Lisa

Gastbeitrag von Merle: Ich habe abgetrieben, liebe meinen Engel aber immer noch

Foto: pixabay

Ich bin Mama (40) seit 15 Jahren verheiratet, zwei tolle Jungs (11und 6) wirbeln um uns rum.

Ich muss etwas weiter ausholen, um es besser zu verdeutlichen.....

In meiner ersten Schwangerschaft hatte ich Angst bzw. Panik, dass mein Kind ein Mädchen werden könnte.

Ein Mädchen, das wir als Eltern nicht beschützen könnten.

Ich wurde ab meiner frühesten Kindheit von einem sehr nachstehenden Verwandten missbraucht, dies ging über meine gesamte Kindheit - ohne das meine Eltern auch nur einen Funken Ahnung hatten.
Natürlich hab ich das Erlebte in Therapien aufgearbeitet und fühlte mich auch stark fürs Leben.

Nur dann auf einmal kam diese Angst, die Panik in der Schwangerschaft.... auch nachdem ich wusste es, dass es ein Junge wird wurde es nicht wirklich leichter.

Mit fachlicher Hilfe hab ich es geschafft und entwickelte mich nach etwa drei Jahren zu einer normal besorgten Mutter. 

In der zweiten Schwangerschaft war es noch schlimmer- wieder Panik, Angst... ich war richtig hysterisch.

Ich konnte mich nach der Geburt überhaupt nicht mehr selbst einschätzen. Ich hatte nicht nur Angst um meine Kinder, sondern auch um meine Ehe. Es war eine verdammt harte Zeit für uns alle.

Ca. drei Jahre nach Geburt haben ich und mein Mann beschlossen, dass wir die Familienplanung abschließen und glücklich über die perfekten Jungs und unser Familie sind.
Ab diesem Zeitpunkt fühlte ich mich befreit, glücklich, lebensfroh.

Dann kam dieser Tag Ende Mai 2017.... ich saß im Büro, als mir mein Kreislauf von jetzt auf gleich schlapp machte. In dem Moment wusste ich schon, was Sache ist. Wie in Trance bin ich nach Hause, auch mein Mann wusste sofort, was los ist, als er mich gesehen hat.

Am nächsten Tag bestätigte meine Frauenärztin, was ich geahnt hatte: vierte Woche!

Tränen über Tränen, Panik, Schmerz, hilflos... so habe ich mich gefühlt. Mein Mann nahm mich in den Arm, sah mir in die Augen und fing dabei selbst an zu weinen.

Wir fühlten uns beide nicht in der Lage nochmal so eine Trauma-Situation mit drei Kindern durchzustehen.
Ich machte nochmal einen Termin bei der Ärztin und auch bei einer Beratungsstelle. Meine Psychologin nahm sich viel Zeit für mich, blieb aber ganz neutral. Nächtelang haben mein Mann und ich danach über unsere Situation gesprochen, aber weder er noch ich konnten den Gedanken an eine Familie mit drei Kindern zu Ende denken.

Zusammen haben wir beschlossen die Schwangerschaft abzubrechen. Es fühlte sich richtig an.
Ich spürte keine Liebe in mir... nur Angst und Verzweiflung.

Beim Ultraschall gute zwei Wochen später sagte die Ärztin, dass das Herzchen sehr unregelmäßig schlägt, immer wieder Aussetzer hätte.

Ich weiß nicht, ob Engelchen spürte, dass es seine Eltern nicht aus vollem Herzen liebten oder ob ich es vielleicht die ganze Zeit spürte das etwas nicht intakt ist. Wir hätten ab diesen Zeitpunkt auch abwarten können, ob das Kind von alleine von uns fliegt, aber das wollte ich nicht.

An einem Dienstag morgen fuhren wir in die Klinik, wo der Abbruch durchgeführt werden sollte. Vor dem Eingriff wurde nochmal Ultraschall gemacht, da sah man das Herzchen nur noch leicht flackern und auch das Wachstum schien nicht wirklich voran gegangen zu sein. Das „ tröstet“ uns etwas in unsere Entscheidung, dass wir uns für einen Abbruch bei 8+3 entschieden haben.

Als ich aufwachte, war mein Mann bei mir und ich fühlte diese Erleichterung. Ich hatte keine Angst mehr. Wir schweigen nicht über unseren Engel, wir reden über dieses Baby. Es bleibt immer ein Teil in unserem Leben.

Ich bin eine glückliche Mama, die ihre Jungs mit vollem Einsatz beim Erwachsenwerden begleiten kann.

Mein Mann hat sich ein paar Wochen später sterilisieren lassen, damit wir nie wieder in so eine schwere Situation kommen und so eine Entscheidung treffen müssten. Wir sind uns durchaus bewusst, was wir entschieden haben und mit dieser Tatsache müssen wir leben. Diese Zeilen jetzt zu schreiben, hatte irgendwie etwas Befreiendes. Vielleicht hätte ich dies schon früher tun sollen. Ich werde meinen Engel trotzdem lieben, auch wenn er nicht in die Familie geboren wurde.

 

Das könnte dich auch interessieren...

Kommentare

Nicola — Mi, 04/24/2019 - 08:18

Unglaublich mutig! Mutig diese Geschichte zu erzählen und noch mutiger die Entscheidung des Abbruchs zu treffen. Wäre die Familie aufgrund der zusätzlichen Belastung auseinander gebrochen, wäre auch keinem geholfen gewesen. Ihr seid unglaublich tapfer und stark, lasst euch nicht unterkriegen!

Neuen Kommentar schreiben