Gastbeitrag von Jennifer: Gebt Euren Baby Zeit!

Vorne weg sei gesagt, dass ich meine Kinder sehr liebe und mir immer wieder ganz bewusst mache, wie dankbar ich dafür sein kann, zwei gesunde Kinder auf die Welt gebracht zu haben.

Beide Schwangerschaften und vor allem die Geburten waren völlig unterschiedlich. Nachdem ich in der ersten Schwangerschaft Diabetes entwickelt hatte und die Geburt am ET eingeleitet werden musste, erlitt ich tatsächlich ein Geburtstrauma, da es so einige Komplikationen bei meiner ersten Geburt gab. Dennoch kam mein Sohn gesund und munter zur Welt, worüber ich natürlich sehr froh bin.

Doch all diese Ereignisse machten mir meine zweite Schwangerschaft noch schwerer. Der Druck und die Angst vor der zweiten Geburt lösten sich erst, nachdem eine erneute Diabetes ausgeschlossen wurde. Mir fiel ein Stein vom Herzen – ich würde endlich eine spontane, normale Geburt erleben mit natürlichen Wehen. So hoffte ich.

Ich hatte bereits ab der 22. SSW Vor- und Übungswehen, sollte mich also dringend schonen (mit einem Kleinkind zu Hause geht das natürlich besonders gut) und ab der 34. SSW war der Gebärmutterhals bereits verkürzt. Ich musste eine Woche lang nur liegen und wurde sehr engmaschig kontrolliert. Drei Ärzte prognostizierten mir unabhängig voneinander, dass meine Tochter mindestens zwei Wochen vor Termin zur Welt kommen würde. Da alle Werte sowie ihre Größe und ihr Gewicht ideal waren, freute ich mich wie verrückt und war ab der 38. Woche jeden Tag "startklar".

Jedes Ziepen, jedes Ziehen, jeder noch so kleine Druck vergrößerten die Hoffnung, dass es nun los ging. Ich hatte schlaflose Nächte, war "Dauergast" in der Arztpraxis oder im Krankenhaus und interpretierte jede noch so kleine Übungswehe als Startzeichen – aber so richtig losgehen wollte es dann doch noch nicht.

Der ET kam und meine Tochter machte es sich noch immer in meinem Bauch gemütlich. Ich fühlte mich sehr unwohl, es war Hochsommer, ich hatte irrsinnige Wassereinlagerungen, nahm insgesamt 23kg zu, aber mein Mädchen wollte noch nicht kommen.

Alle Freunde, Verwandte und sogar die Nachbarn fragten täglich nach, was mich noch mehr störte und zu dem Zeitpunkt auch schon arg deprimierte.. Jeder Tag zog sich wie Kaugummi, es war, als zählte ich die Sekunden, aber es tat sich nichts.

Nach einer Woche über ET musste ich ins Krankenhaus zum CTG, das immer noch keinerlei Wehen anzeigte. Die Ärztin sagte mir, dass nach 10 Tagen nach ET eingeleitet werden würde. Alle Gedanken, Gefühle und Ängste meiner ersten Geburt kamen wieder hoch. Ich habe in diesen Tagen sehr viel geweint. Ich habe einfach nicht verstanden, warum diese Schwangerschaft kein Ende nehmen wollte. In meiner Arztpraxis haben die Sprechstundenhilfen tatsächlich schon Wetten abgeschlossen, ob ich mich noch einmal zur Vorsorge sehen lassen würde. Ich war verzweifelt, weil dieses Baby einfach nicht aus mir raus wollte. Bis mich meine Hebamme in dem Arm nahm und mir sagte: "Vertraue deinem Baby. Deine Tochter wird kommen. Von allein. Wenn sie soweit ist."

Zwei Tage später – 9 Tage nach ET und einen Tag bevor ich zur Einleitung ins Krankenhaus hätte gehen müssen – kam meine bildhübsche Tochter dann spontan und natürlich nach 5 Stunden Geburtswehen auf die Welt. Es war eine wunderschöne, unvergessliche Geburt, die mich unendlich stolz gemacht hat auf meine Tochter und auch auf mich. Darauf, dass wir das beide durchgestanden und geschafft haben.

Für die Worte meiner Hebamme bin ich ihr bis heute dankbar. Die Babies entscheiden, wann sie soweit sind. Kein Arzt, keine Eltern, keine Nachbarn, keine Freunde oder Verwandte. Und das ist genau richtig so. Als Mama kann ich nur sagen: für das unerträglich zähe und lange Warten wird man mehr als reichlich belohnt. Vertraut euren Babies, gebt ihnen die Zeit, die sie brauchen. Das ist es wirklich wert.


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6 comments

  1. Ich habe durch die Einleitung mein Kind verloren
    Ich hätte auf mein Bauchgefühl hören sollen und die Einleitung mit Prostaglandin-Gel verweigern sollen, dann wäre meine kleine Tochter vielleicht noch am Leben. Bei mir haben sie am ET +10 angefangen mit Foley-Katheter einzuleiten. Das hat leider nicht den gewünschten Effekt gebracht. Durch Akkupunktur habe ich dann stärker werdende Wehen bekommen, aber das war den Ärzten nicht genug, daher wurde ein Prostaglandin-Gel gegeben. Hätte ich gewusst, dass das eine Uterusruptur nach Kaiserschnitt drastisch wahrscheinlicher macht, hätte ich das sowieso abgelehnt, aber so habe ich mich überreden lassen. Der Effekt war ein Wehensturm mit Gebärmutterriss, durch den mein Mädchen in meine Bauchraum gepurzelt und dort erstickt ist. Ich mache mir solche Vorwürfe, dass ich mein Baby nicht habe selbst entscheiden lassen. Auch wenn sie einem in der Klinik nicht wirklich eine Wahl lassen.

  2. Wie schön…
    …dass du deinem Baby die nötige Zeit geben konntest und am Ende alles gut war! Ich wollte das bei meinen zweien auch so gerne. Beim ersten Mal habe ich bis ET+10 gewartet, und dann mit natürlichen Methoden versucht einzuleiten… also Wehencocktail, Muttermund manuell öffnen etc. und dann immer „unnatürlicher“ werdend. Ich bekam von fast allen Methoden Wehen, aber leider hat sich der Muttermund nicht geöffnet. Fast 5 Tage! später, kam mein Kleiner dann doch per Notkaiserschnitt auf die Welt. (Den gesamten Geburtsbericht findet ihr ab hier, in 2 Teilen: http://fitundgluecklich.net/2014/09/02/baby-olivers-geburt-teil-1-olivers-birth-part-1/ – falls es wen interessiert)
    Beim zweiten Mal hätte ich soooo gerne eine natürliche Geburt gehabt und hab auch wieder gewartet…allerdings tat sich auch hier bis weit nach ET nichts, daher hab ich mich dann schweren Herzens für einen Kaiserschnitt entschieden. Diesmal war die Nabelschnur 3x um den Hals gewickelt und die Kleine ist nicht ins Becken gerutscht, eine natürliche Geburt hätte sie wohl nicht überlebt.
    Ich bin also auch sehr dafür, die Babies selbst entscheiden zu lassen, leider ist das allerdings manchmal einfach nicht so möglich! (Ich bin aber sehr froh, im Endeffekt zwei gesunde Kinder zu haben, alles andere ist doch wirklich Nebensache :-)) Alles Liebe, Ulli

  3. Ich habe es bereut…
    …meine erste Geburt einleiten zu lassen. Wir waren auch 9 Tage über dem ET und die Geburt zog sich 36 Stunden mit einem Kaiserschnitt am Ende. Sollte ich noch ein Kind bekommen, möchte ich dem Kleinen unbedingt Zeit lassen, bis es von alleine kommt. Es sei denn, es besteht UNBEDINGT eine medizinische Notwendigkeit zur Einleitung. Ansonsten rate ich dringend davon ab!

    Viele Grüße und schön, dass Du bei Deiner zweiten Geburt dieses tolle Erlebnis hattest!

  4. Genau!
    Ganz richtig, solange kein medizinischer Grund für eine Einleitung vorliegt, sollte man abwarten!
    Mein Kind kam 12 Tage nach ET spontan zur Welt.
    Das Warten war zwar grausam und ich war selbst mit den Nerven soweit durch, dass ich sogar freiwillig zur Einleitung wollte 😉 aber ich hatte eine gute Hebamme an meiner Seite die mir Mut gemacht hat noch abzuwarten. Die Geburt war komplikationslos und in 5 Std „vorüber“. Ich kann auch nur dazu raten, sich in Geduld zu üben und zu warten bis die Kleinen von selbst raus wollen (wie gesagt, solange es keinen medizinischen Grund für ein Eingreifen gibt).

  5. Ich wünsche mir sehr, dass
    Ich wünsche mir sehr, dass ich bei meiner ersten Geburt in einigen Wochen auch spontan entbinden kann. Bisher sieht alles gut aus und das Baby ist auch gechillt. Ich habe Respekt vor dem Ereignis, dass da auf mich zukommt, bin aber sehr zuversichtlich, dass es alles „werden wird“.
    Warum auch nicht? Mein Optimismus ist (vorerst) grenzenlos.

    Ich freue mich, dass deine zweite Geburt schön war und wünsche mir, dass viele Frauen es so erleben können!

    Alles Liebe,
    FrauBr.it

  6. Wenn es klappt
    Toll, dass es bei Dir bei der zweiten Geburt so gut geklappt hat, wobei die Warterei bestimmt auch an Deine Substanz ging. Die Idee, dem Kind die Zeit zu lassen, bis es selbstbauf die Welt kommt, ist natürlich klasse. Bedenken muss man trotzdem, dass es dennoch ein Risiko füe das Baby ist. Zum Ende der Schwangerschaft ist die Plazenta nun mal nicht mehr super intakt und es kann doch mal passieren, dass das Baby im Bauch unterversogt wird. Deshalb musstest Du ja wahrscheinlich auch ständig zum CTG usw. Ich denke daher, dass auch eine Einleitung ok ist, denn die Hauptsache ist, dass das Kind gesund zur Welt kommt, auch wenn es dann vielleicht dann noch nicht so bereit war. Ich hatte bei der ersten Schwangerschaft eine verkalkte Plazenta und die Geburt musste knapp zwei Wochen vorher eingeleitet werden. Das Baby kam relativ klein zur Welt. Da hätte ich eher nicht warten können, bis das Kind bereit gewesen wäre.