Gastbeiträge

20/07/2015 - 13:00

Land-Mama Lisa

Gastbeitrag von Natalie: „Jedes Leid hat seinen Sinn“ - Von einem fatalen Familiengutachten nach der Trennung

Ich bin Natalie*, alleinerziehende Mama zweier wunderbarer Kinder. Meine Oma, die ich leider nicht mehr kennen lernen durfte, soll angeblich immer gesagt haben: „Jedes Leid hat seinen Sinn.“ Ich fand den Spruch immer doof, aber im Nachhinein muss ich sagen, dass da ein Funken Wahrheit drinnen steckt.

Im Jahr 2012 war mein Leben auf einem Tiefpunkt. Ich hatte mich im Jahr zuvor von dem Vater meiner Kinder getrennt. Gewalt, Stalking, Straftaten – das waren Gründe für mich, mich zu trennen. Der Trennungsprozess fiel mir nicht leicht. Wir landeten vor einem Familiengericht in Berlin. Ich hatte zuvor nie mit der Justiz zu tun und war mir sicher, dass die Fachleute dort ihr Bestes tun würden, um unserer Familie zu helfen, eine gute Regelung für die Kinder und uns zu finden.
Meine Hoffnung sollte nicht erfüllt werden. Der Richter konnte sich nicht entscheiden, wie er den Umgang regeln solle. Er beauftragte eine Gerichtsgutachterin, die herausfinden sollte, wie der Umgang am besten zu regeln sei.

Ich ging guter Dinge in die Begutachtung hinein. Die Frau wirkte nett und zugewandt. Ich berichtete ihr über die Probleme, die ich mit dem Vater unserer Kinder hatte. Legte eine Reihe Zeugenberichte vor. Das Gutachten kam nach mehreren Monaten. Es war eine Katastrophe.
Sollte ICH die Frau in diesem Bericht sein? Ich fand mich nicht wieder. Ein Bild von einer psychisch labilen und kranken Mutter hatte die Sachverständige gezeichnet. Ich, die ich meine Kinder gestillt, getragen und in Liebe erzogen hatte. Freunde, denen ich die Expertise zu lesen gab, waren fassungslos.

Die Gutachterin empfahl, dass ich nur unter strengen Auflagen meine Kinder sehen sollte. Der Vater sei trotz allem, was vorgefallen war, besser erziehungsgeeignet und am besten sollten die Kinder ganz zu ihm ziehen. Aus meiner Sicht eine Fehldiagnose. Straftaten, Stalking, Gewalt von seiner Seite – davon war nicht mehr die Rede.

Die Sachverstände hatte übrigens nur eine Heilpraktikerlizenz, aber stellte medizinische Diagnosen. Das durfte sie gar nicht, wie ich später erfuhr.

Ich suchte im Internet und fand eine Seite mit Betroffenen von solchen familienpsychologischen Gutachten. Sie hieß damals GWG Gutachten – hatte aber nichts mit dem gleichnamigen Institut zu tun. Dort konnte man sich mit dem Namen des Gutachters und seiner Email-Adresse anmelden und bekam die Mailadressen anderer Betroffener zugesandt.
Ich meldete mich an und schrieb den Leuten, die auch von meiner Gutachterin betroffen waren. Wir schrieben ein paar Male hin und her und fanden, dass wir uns treffen sollten. Es war irgendwie wie ein Blind-Date. Keiner wusste, was ihn erwartet. Ich war aufgeregt: Was wäre, wenn das doch komische Leute wären, bei denen die Anschuldigungen aus den Gutachten stimmten?

Anfangs beäugten wir uns alle etwas misstrauisch. Die Frauen (fast nur Mütter wurden von dieser Gutachterin schlecht bewertet) waren fast alle Akademikerinnen. Nett, gebildet, witzig.

Wir lasen uns Passagen aus unseren Stellungnahmen vor und mussten teilweise herzlich lachen darüber, obwohl das für Außenstehende sicher nicht lustig gewesen wäre.

Ich schaffte es, mich mit einem Gegengutachten und vielen Infos gewappnet gegen ihr Gutachten erfolgreich zu wehren. Es wurde niemals umgesetzt und noch in der ersten Gerichtsinstanz verworfen. Meine Kinder blieben bei mir.

Die Mädels aus der Gutachterdatenbank wurden für mich eine feste Bezugsgröße und blieben es auch – trotz des Happy Ends. Für Freunde und Verwandte sind die Probleme, die man vor dem Familiengericht hat, nicht immer einfach zu verkraften. Von daher war es gut, andere Betroffene zu finden und sich mit ihnen auszutauschen.

Im Laufe der Jahre trafen wir uns nicht mehr nur noch, um Probleme zu wälzen. Unsere Kinder freundeten sich an. Sie luden sich zu Geburtstagen ein. Wir machten lustige Mädelsabende und gingen essen. Heute kann ich sagen: So schlimm, wie die Zeit war, ich habe nicht nur juristisch gewonnen, sondern auch emotional.

Manchmal wenn die Kinder zusammen spielen, reden sie über die Zeit vor dem Gericht. Ohne uns Erwachsene – einfach von sich aus. Das ist besser für sie als jede „Trennungskindergruppe“.

Die Internetseite GWG Gutachten gibt es schon länger nicht mehr. Aber durch Kontakte bekamen wir vor einiger Zeit die alte Datenbank und haben damit eine neue Seite ins Leben gerufen. Wir Betroffenen von damals sind zum großen Teil durch mit unseren Gutachten. Aber das Thema ist immer noch aktuell. In einer Studie der Fernuniversität Hagen erwies sich jedes zweite Gutachten als mangelhaft. Es gibt jedes Jahr viele, viele weitere Betroffene.

Die Vernetzung war für uns wirklich Glück im Unglück. Und eines hat meine schlimme Gutachterin geschafft: sie hat mir viele Freundinnen und Bekannte beschert, die ich im realen Leben wahrscheinlich niemals kennen gelernt hätte. Danke an Thekla, Rosa, Birgit, Manu, Petra und all die anderen. Wir haben das Beste daraus gemacht.

 

Mehr zum Thema: Das Buch "Mama zwischen Sorge und Recht"

*Wir haben die Namen in diesem Text verändert.

 

Tags: Familiengericht, Trennung, Gutachten, Unschuld, Fairness, Recht, Gerechtigkeit, Mutter, Vater

Das könnte dich auch interessieren...

Kommentare

Christin — Mo, 11/28/2016 - 18:23

Hallo ich finde eure Seite Super , ich wünsche euch alles Gute für die Zukunft . Und Finger Weg von Gutachter kann ich nur Empfehlen.

Neuen Kommentar schreiben