Polifidelity: Wir sind vier Frauen, die zusammen leben und sich lieben

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Ihr Lieben, Stadt Land Mama ist bunt! Wir stellen hier immer wieder unterschiedliche Erziehungsstile, Lebensmodelle und Partnerschaften vor. Diese Vielfalt finden wir ganz großartig und empfinden es als großes Geschenk, dass Ihr Eure Geschichten mit uns teilt. Heute geht es um eine Beziehung von vier Frauen. Vielen Dank für Eure Offenheit und dieses tolle Interview!

Liebe Elena, bitte sag doch erst mal, wer alles zu Eurer Familie gehört. 

Zu meiner Familie gehören Julia (Mama), Viviane (Mami), ich (Mammina Ella), Lara (Mum Lavi) und die Kinder Leyla (7), Helena (3) und Johann (1). Außerdem haben wir noch 4 Katzen – 2 äußerst pelzige Selkirk Rex und zwei nackige Sphynx Katzen. Bei uns ist also Full House 🙂

Wir haben hier schon öfter über polyamore Beziehungen berichtet – Ihr selbst bezeichnet Euch als „Polifidelity“. Was genau bedeutet das?

Polyfidelity bedeutet, dass wir keine weiteren Partner haben. Weder auf emotionaler, noch sexueller Ebene. Wir bilden ein sogenanntes geschlossenes Quad. Also kurz gesagt: wir vier sind zusammen und wir sind uns vieren untereinander treu. 

Du bist mit Lara verheiratet und Julia mit Viviane. Kannst du uns mal erzählen, wie Ihr Euch als Paare gefunden habt?

Genau, ich bin mit Lara verheiratet seit Dezember 2020 und Viviane und Julia sind seit April 2016 verheiratet. Julia hat Lara und mir über Instagram eine Nachricht geschickt. „Ich wollte auch mal liebe Grüße da lassen“, schrieb sie uns – und das war der Anfang. Seit diesem Tag schrieben wir hin und her, es wurde schnell ein enger Kontakt. Uns fiel auf, dass wir wahnsinnig viele Parallelen in unseren Geschichten hatten. Unser Kontakt war ohne Hintergedanken, dass wir den das andere Paar Daten wollten, es war rein freundschaftlich. Aber wie das Leben eben so spielt, kam alles anders als gedacht.

Wer von Euch hat dann das erste Mal gespürt, dass da mehr Gefühle im Spiel sind?

Julia meinte irgendwann, ob wir uns nicht mal treffen wollen. Wir hatten auch Lust darauf und so kamen Julia und Viviane und die Kinder zu uns. Es war von der ersten Sekunde total familiär und als die fünf sich verabschiedet haben, waren wir richtig traurig.

Sobald die Tür geschlossen war, schaute Lara mich an und meine „Ohje … Ich glaube, da sind Schmetterlinge in meinem Bauch.“ Meine Reaktion war: „Puh, gut, dass du das sagst. Mir geht es genauso.“ Tatsächlich hat es dann auch Viviane bald thematisiert, dass da mehr ist, als ursprünglich geplant war….

Wie steht Ihr zum Thema Eifersucht?

Eifersucht war früher innerhalb unserer Beziehung definitiv ein größeres Thema als heute. Als alles noch neu und irgendwie unsicher war. Je länger wir letztendlich auch zusammen sind, desto mehr nimmt die Eifersucht ab. Einfach auch, weil man eine ganz andere Vertrauensbasis zueinander hat. Das A und O ist die Kommunikation! Ohne geht es nicht, denn niemand kann dem anderen in den Kopf schauen. Es ist einfach wichtig, Bedürfnisse, Wünsche und Ängste offen und ehrlich zu kommunizieren. So können wir uns alle schnell und gemeinsam darum kümmern. 

Mal ganz praktisch: Seid Ihr alle vier völlig „gleichberechtigt“ oder sind die jeweiligen Ehepaare doch noch stärker miteinander verbunden?

Es gibt sicherlich vereinzelt mal Punkte, wo man als Ehepaar noch enger miteinander verbunden ist. Wir haben ja als „Einzelpaare“ auch eine Vorgeschichte und daher gibt es auch Themen, die man doch zuerst mit dem Ehepartner bespricht und ggf. dann nochmal mit allen. Aber insgesamt würde ich schon sagen, dass wir „gleichberechtigt“ sind, gerade – wenn es uns eben auch alle vier (sieben) betrifft. 

Was ist die größte Bereicherung für Dich durch Euer Lebensmodell?

Durch zwei weitere Menschen erweitert sich einfach der Horizont sehr. Man beschäftigt sich nochmal mit ganz anderen Themen und Ansichten. Außerdem gibt es nochmal zwei Menschen mehr, die die eigenen Bedürfnisse befriedigen, sei es körperlich oder thematisch. Zum Beispiel: Ich habe keinen Spaß am Sport, die anderen aber schon. Ich freuen mich dann, wenn die anderen das zusammen genießen können. Auf der anderen Seite habe ich Interessen, die nicht alle, sondern eben vielleicht nur eine andere teilt.

Was auch super ist: Wir teilen uns alle Care-Arbeit zu viert. Jeder macht das, was er gerne macht, die eine kocht gerne, die andere macht lieber Wäsche, die andere bespaßt in der Zeit die Kids. So bleibt übrigens auch für jeden mehr Me-Time, weil die Pflichten einfach durch vier geteilt werden.

Und was ist die größte Herausforderung? Wo knallt es am häufigsten?

Ganz klar die Koordination unserer Terminkalender. Wir arbeiten alle vier und da braucht es viel Organisation. Und natürlich ist das Thema „Besitzansprüche“ immer wieder ein Thema. Da lernen wir stetig dazu, es ist ein Prozess.

Wie thematisiert ihr Eure Lebenssituation mit den Kindern? Ist es für sie schwer verständlich, dass Ihr nicht das klassische Modell lebt?

Wir thematisieren das nicht explizit. Wir wollen den Kindern Normalität vermitteln. Andere Eltern thematisieren mit ihren Kindern auch nicht, dass sie zu zweit in ihrer sind Partnerschaft und warum. das so ist. Wenn Fragen aufkommen, antworten wir altersgerecht und ehrlich. Wir lieben uns und sind zusammen. Mehr muss man da eigentlich nicht thematisieren. Die Kinder wachsen damit auf, dass sie lieben dürfen wen sie wollen und nicht eingeschränkt sind im Geschlecht oder auch Anzahl der Partner.

Wie haben Eure Familien auf Euer Modell reagiert?

Unsere Familien waren überrascht, allerdings letztendlich positiv gestimmt. Wir haben ihnen erzählt, wie es uns geht und dann sagten sie „Wo die Liebe hinfällt“ – und dann war das Thema gegessen. Seitdem wird einfach „kein Ding“ mehr daraus gemacht.

Über welche Vorurteile ärger Ihr Euch?10. Was meint Ihr, wie Ihr in 5 Jahren lebt? 

Toi, Toi, Toi, wir haben bisher sehr wenig Negatives abbekommen. Also wirklich geärgert hat uns bisher nichts. Wir werden oft gefragt, wie es sein kann, dass man wirklich alle gleich liebt. Unsere Antwort darauf ist, dass man doch auch alle seine Kinder liebt. Liebe ist doch letztendlich das Einzige, was nicht weniger wird, wenn man es teilt…

Wie stellt Ihr Euch Euer Leben in ein paar Jahren vor?

Hoffentlich leben wir dann mit 4 oder vielleicht auch 5 Kindern in unserem Dreiseiten-Hof. Mit Hund und Gemüsegarten und sowas. Okay, das ist tatsächlich ganz schönes Wunschdenken, aber die Bestellung ans Universum ist raus. Bis dahin lässt es sich auch wunderbar in unserer neuen Wohnung aushalten – auch mit Hof und Garten und Platz für Nachwachs :-))

Wer mehr über diese vier tollen Frauen erfahren will, kann ihnen auf Instagram folgen: https://www.instagram.com/happypolyfamily/

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4 comments

  1. Hallo⚘!
    Sehr schön geschrieben und trotzdem sehr befremdlich für mich. Bin ich zu alt, zu starr verwachsen mit dem Bild der ‚herkömmlichen Familie‘. Ich frage mich, was kann noch kommen? Welche Konstellation? Ich gestehe, dass ich bestimmt ein Problem damit hätte, wenn mein Sohn auf mich zugekommen wäre und mir erzählt hätte, er lebt mit noch drei Männern zusammen und sie lieben sich…

    1. Eigentlich ist es wunderschön!
      So viel Liebe und Wärme zu geben und zu empfangen muss etwas wunderschönes sein.
      Ich finde es schön und gut, daß sie ihr Leben so leben, wie sie es sich vorstellen und sich nicht von starren Leitlinien beeinflussen und lenken lassen. Wie viele Menschen gab und gibt es, die ein konventionelles Leben führen und unglücklich sind, weil sie sich etwas anderes wünschen, aber denken, es wäre nicht ok.

  2. Vielen Dank für dieses spannende Interview! Ich finde euer Partnerschaftsmodell toll und wünsche euch und euren Kindern alles Gute.

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