Landleben

11/03/2019 - 16:15

Land-Mama Lisa

Spitzenvater des Jahres 2019: Was Astronautin Insa Thiele-Eich zur umstrittenen Auszeichnung für ihren Mann sagt

Foto: Mestemacher/SweetNorth

Ihr Lieben, es gibt gerade sehr viel Aufregung im Netz, weil ein Preis für den „Spitzenvater 2019“ verliehen wurde. Gewinner ist Daniel Eich aus Königswinter, dessen Frau 2020 als erste weibliche Deutsche als Astronautin ins All fliegen soll. Das Paar hat drei Kinder.

Der große Shitstorm in den sozialen Medien begann mit einem Artikel des WDR, in dem stand, dass Dr. Insa Thiele-Eich nur ins All fliegen kann, weil ihr Mann Elternzeit genommen habe. Klar, dass so etwas aufregt. Denn natürlich kann diese Frau nicht nur ins All fliegen, weil ihr Mann Elternzeit genommen hat, sondern weil sie in einem jahrelangen aufwändigen Verfahren bewiesen hat, dass sie die Richtige für den Job ist. Das bezweifelt also auch keiner.

Trotzdem wird jetzt nicht gegen die Berichterstattung geschossen, sondern gegen den Preis an sich – und ja, leider auch gegen das Paar selbst. So funktioniert das im zur Hysterie neigenden Internet nun einmal. Da werden Screenshots ohne Quellenangaben geteilt und am Ende schreiben alle: Ey, boah, ey, sind hier eigentlich alle bekloppt?!

Auch hier bei Stadt Land Mama – und das müssen wir uns selbstkritisch eingestehen – wurde der Artikel ohne kritisches Hinterfragen auf Facebook geteilt und schließlich – wie zu erwarten – auf herbste und deftigste Weise kommentiert. Katharina und ich haben darüber telefoniert und festgestellt, dass wir in solchen Fällen lieber mal bei den Betroffenen selbst nachfragen, wie wir das ja auch in der Vergangenheit schon oft getan haben.

Denn die große Aufregung über diesen Preis bzw. über die Berichterstattung darüber zeigt ja eben gerade, dass es wichtig ist, weiter öffentlich über Gleichberechtigung zu reden! Denn jetzt sagt mal ganz ehrlich: Wer von euch Frauen, die hier mitlesen, geht seit der Geburt Vollzeit arbeiten, weil der Mann sich freiwillig bereit erklärt hat, ein Jahr Elternzeit zu nehmen?

Alle Statistiken beweisen, dass das in den wenigsten Familien vorkommt. Bei den Eichs aber wird genau das gelebt. Ich kann mir da tatsächlich ein Urteil erlauben, denn ich kenne die Familie persönlich und konnte, nachdem Katharina den Beitrag auf unserer Facebookseite geteilt hatte, mit Insa Thiele-Eich über den Preis und die Reaktionen darauf am Telefon sprechen.   

Sie hat mir gesagt, dass sie tatsächlich zusammen mit ihrer Familie im Vorfeld sehr genau überlegt hat, ob sie diesen „Familienpreis“, wie sie ihn nennen, annehmen. Nicht, weil Väter, die sich engagieren, Preise verdient haben (Jede Mutter, die den Laden zu Hause hauptsächlich schmeißt hat ja genauso Preise verdient, da sind wir uns alle einig!), sondern weil es mehr Vorbilder braucht – damit auch Frauen endlich tun und lassen können, was sie wollen. Damit wirklich Wahlfreiheit in Familien entsteht.

Es war ein Cousin der Familie, der 2007 nach der Einführung des Elterngeldes ein ganzes Jahr Elternzeit nahm und der den Eichs überhaupt erst den Weg für ihr Modell ebnete. Einfach, weil er tat, was er tat. Stimmt ja, jetzt kann ja auch der Mann zu Hause bleiben!

Also nahm Daniel auch schon beim ersten Kind ein Jahr Elternzeit. Obwohl er in dieser Zeit besser verdiente – und obwohl Insa zu dieser Zeit noch nicht Astronauten-Anwärterin war, sondern einfach Doktorandin an der Uni.

In ihrem Umfeld sind sie damit noch immer Exoten. Es ging bei der Annahme des Preises also vor allem darum, dass sie wollten, dass auch weitere Väter darin ein Beispiel sehen, wie es gehen kann. Eben weil es noch nicht selbstverständlich ist in Deutschland im Jahr 2019.

„Auf jeder Veranstaltung werde ich gefragt, wo denn das Baby sei“, erzählt mir Insa Thiele-Eich am Telefon. Bei Oma? Beim Babysitter? Nein, beim Papa! Und solange das so ist, werden sie auch öffentlich darüber reden. Denn sie wollen genau das Gleiche wie all die Leute, die jetzt gegen sie und den Preis hetzen: Sie wollen, dass es gleichberechtigter zugeht in deutschen Familien.

„Warum werde ich als erste deutsche Frau, die ins All will, betitelt?“, fragt sie provokant? Weil es eben noch nie eine deutsche Frau gab, die als Astronautin zur ISS flog. Sie würde auf dieses Label liebend gern verzichten, solange aber nicht gleich viele Frauen wie Männer ins All fliegen, spielt es eben doch eine Rolle.

Und der Preis? Tja. Der kriegt natürlich sein Fett weiter weg. Kritik ist gut und wichtig und auch Katharina und ich sind uns nach wie vor nicht einig, wie wir ihn finden. Einig sind wir uns aber darin, dass wir finden, dass wir die Aufregung darüber nutzen sollten. Dafür, zu erkennen, dass noch immer viel zu tun ist in Sachen Gleichberechtigung.

Und statt uns auf dem Weg dahin gegenseitig auf die Füße zu treten – wie wär´s, wenn wir alle zusammen für die gute Sache einstehen? Dafür, dass Familien wirklich frei entscheiden können, wer wann wie lange arbeiten oder Elternzeit nehmen kann?! Wir finden: Yes.

Lasst uns solche Krisen nutzen. Wenn Insa ins All kann, dann können wir auch überall hin. Irgendwann bestimmt auch ohne Preise für Väter, weil sie dann einfach nicht mehr nötig sind. Aber mit ganz viel gleichberechtigter Power im Gepäck. 

Für alle, die sich für den Preis interessieren, gibt es hier die Begründung der Jury für Daniel Eich als Preisträger.

Und hier unser großer Beitrag über Insa Thiele-Eich.

 

 

Tags: Astronautin, Astronaut, Auszeichnung, Preisverleihung, Gleichberechtigung, Rollenverteilung, Familie, Kinder, Job, Karriere, Vereinbarkeit

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Kommentare

BERND NIERMANN — Mo, 03/18/2019 - 22:12

Sehr geehrte Damen und Herren, der Preis ist ein Witz, wenn ich betrachte das ich Alleinerziehender Vater von 3 Kindern bin und 1 hauptberuflichen Job und einen nebenberuflichen Job ausübe. Eine tägliche Fahrzeit von 2 h habe und den gesamten Haushalt organisiere. Ich Frage mich, das was ich mache müssen hunderte Väter wahrscheinlich in Deutschland machen. Anschliessend werden dann noch Väter im Himmel gelobt, die es aus meiner Sicht es nicht verdient haben. Schön das er Herr Eich sich um die Kinder kümmert, mehr ist es aber auch nicht, im Gegensatz zu meiner Belastung oder anderen Alleinerziehenden Vätern. Oder liegt es an deren Bekanntheit ? Für mich ist das absolut nicht nachvollziehbar, ich möchte und würde auch nie so ein Preis haben wollen, weil ich gerne für meine Kinder alles tue und wenn nötig 24 h. Armes Deutschland !!! VG

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