Insa Thiele-Eich über Astronautinnen-Training, Homeschooling und Klimawandel

Insa und Suzanna

Lady astronaut trainees Suzanna Randall (L) and Insa Thiele-Eich pose during a news conference in Garching, Germany February 16, 2018. REUTERS/Michaela Rehle

Ach, so ein Blick über den Tellerrand ist doch immer toll, oder? Gerade jetzt, da viele von uns viel mehr Zeit zu Hause verbringen als sonst, wo wir nicht mehr reisen können, drehen wir uns ja doch oft (also wir zumindest) auch um uns selbst.

Wie schön ist da ein Einblick in eine gnz andere Welt bzw. ins Weltall… denn da will Dreifachmama Insa Thiele-Eich als erste deutsche Frau hin. Zur ISS. Wie klappt das mit dem Raumfahrt-Training – so mitten in der Isolation? Wir haben sie gefragt.

Liebe Insa, du steckst mitten im Astronautinnentraining, versuchst die erste deutsche Frau auf der ISS zu werden: wie klappt das grad in der Corona-Krise?

Insa Thiele-Eich: Anfang März hatten wir eine gemeinsame Trainingswoche in Köln geplant, zu der meine Kollegin nicht mehr anreisen durfte. Deshalb haben wir direkt vorsorglich besprochen, wie wir die nächsten Monate gestalten, und eine Onlinevorlesung zu Raumfahrttechnik geplant, die wir bisher zeitlich nur schlecht unterbekommen hatten.

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Insa Thiele-Eich mit Claudia Kessler von „Die Astronautin“. Foto: Manfred H. Vogel

Außerdem muss ich z.B. meinen Flugschein im Herbst erneuern, und benötige dafür noch einiges an Flugzeit – das ist momentan noch möglich, solange ich keinen Unterricht nehme. Das Tauchtraining ist dafür gerade ausgesetzt. Insgesamt läuft es also anders als geplant, aber wir machen das Beste daraus und kommen gut voran.

Anfang März ist auch unser Bildungsprojekt code4space, dass wir gemeinsam mit der Fraunhofer-Initiative »Roberta® – Lernen mit Robotern« entwickelt haben, gestartet: Grundschulkinder sollen in Teams mit dem Calliope ein Experiment programmieren, eines davon nehmen wir mit auf die internationale Raumstation.

Wir haben das Programm jetzt umgestellt, so dass auch von zu Hause aus daran teilgenommen werden kann, und freuen uns sehr über Einsendungen! (In NRW kann man gerade sogar 2000 Calliopes gewinnen)

Wie sehen deine Tage gerade konkret aus?

Insa Thiele-Eich: Das Vereinbaren von Arbeit der Erwachsenen, der Schule bei zwei Kindern die jeweils eine 1:1 Betreuung erfordern, und ein 18 Monate altes Kleinkind erfordert bei uns logistische Meisterleistungen.

Wenn wir einen Plan haben, läuft es relativ gut. Haben wir leider nicht jeden Tag, dann wurschteln wir uns so gut es geht durch und probieren, den Humor zu bewahren.

Mein Mann steht um 4 Uhr morgens auf. Die Kinder wachen gegen 9 Uhr auf, ich betreue sie dann bis ca. 11 Uhr und übergebe dann ein Schulkind plus Kleinkind an meinen Mann. Mittags probieren wir, kurz alle zusammenzusitzen, dann schnell den Mittagsschlaf ausnutzen um weiterzuarbeiten.

Nachmittags arbeite ich weiter, tausche aber auch manchmal gegen einen Waldspaziergang und hole die Stunden dann spätabends nach. Einmal pro Woche gibt es einen Filmabend (für die Erwachsenen Pflichttermin), und vom gesparten Urlaubsgeld beauftragen wir gerne mal den Lieferdienst – das machen wir sonst nur selten.

Insa Tauchen
Beim Tauch-Training für die Weltraum-Mission. Foto: Benjamin Schulze

Abends spielen wir seit ein paar Wochen oft Brettspiele, oder virtuell Montagsmaler, Werwolf, und mal eine Runde Kniffel mit Oma und Opa. Langweilig war uns noch nie, und gefühlt rast die Zeit so dahin. Ich kann ehrlich gesagt nicht glauben, dass wir jetzt schon so viele Wochen hinter uns haben!

Eure Kinder sind 9, 6 und 1 Jahr(e) alt. Ihr arbeitet beide Vollzeit, bzw. du 120% (bei zwei Arbeitgebern). Wie klappt es bei euch mit Home-schooling undHhome-krippe-ing und Homofficing?

Insa Thiele-Eich: Für uns war besonders die Umstellung am Anfang enorm anstrengend. Ich dachte: „Corona Pause! Alle Veranstaltungen abgesagt, Zeit, um auf der Arbeit so richtig loszulegen!

Zu Hause endlich Zeit nur für uns und all meine Selbstoptimierungs-Projekte! Wir kochen nur noch gesund! Wir machen jeden Tag Yoga! Wir reflektieren Abends zusammen vor dem Kamin mit einem Obstteller den Tag und gestalten dann gemeinsam die Fotobücher der letzten zehn Jahre!“ Tja.

Die Auswirkungen der Pandemie zu überblicken, sowohl finanziell als auch besonders bei den Kindern emotional, hat mir enorm viel Energie abverlangt. Leider ist zeitgleich eine sehr enge Verwandte in palliative Behandlung gekommen – die sehr kurze Lebenserwartung in Kombination mit Corona verschärft vieles.

Wir haben es bis zu den Osterferien geschafft, uns an die neue Situation zu gewöhnen, nicht zuletzt dank meiner Cousine, die uns Ende Februar besucht hat und dann nicht wieder nach Hause fahren konnte. Sie studiert zwar ebenfalls mit ca. 30 Semesterwochenstunden und muss viel für die Uni tun, es hilft aber enorm, wenn ein weiterer Erwachsener im Haus ist der im Notfall einfach noch ein bisschen gute Laune verbreiten kann.

Dank diverser (weiterer) Privilegien wie z.B. einem Garten läuft es jetzt bei den Kindern relativ rund, womit ich nur meine, dass wir nicht mehr jeden Tag am Rande des Wahnsinns stehen.

Und meine Arbeit und das Training schaffe ich zwar, lange aber nur mit Müh und Not. Erst jetzt nach sechs Wochen kommt langsam etwas Leichtigkeit dazu, TROTZ aller Privilegien. Obstteller gibt es hin und wieder, alle zwei Tage mal einen Sonnengruß, aber Fotobücher macht hier immer noch keiner.

Mich hat es zerrieben, dass diese Krise soziale Ungerechtigkeiten verstärkt: fehlende Wahlmöglichkeiten für Familien, besonders Alleinerziehenden, in Form eines Corona-Elterngeldes, das Wegbrechen von allen sozialen Netzwerken für die 50.000 Familien mit Kindern, die der Hochrisikogruppe angehören.

Insa Pilotin
Beim Flug-Training – auch das gehört zur Ausbildung dazu.

Die schlechte Bezahlung in systemrelevanten Berufen in denen meist Frauen arbeiten, dann noch Nachrichten wie drohende Zwangsverpflichtung von Pflegekräften, Kurzarbeit und fehlende Tests in diesen Bereichen. Zeitgleich sollen Fußballspieler natürlich getestet werden und hier in NRW öffnen die Möbelhäuser, verkaufsoffene Sonntage waren in Planung…manches macht(e) mich wirklich fassungslos.

Ich habe dann beschlossen, Mails und Briefe an unsere Abgeordneten zu schreiben, um mich nicht nur passiv zu ärgern sondern aktiv zu werden. Die Antworten sind bisher aber sehr unkonkret, also bleibe ich weiter dran.

Ihr seid ja bereits ein stark gleichberechtigtes Paar, gab es jetzt in der Ausnahmesituation trotzdem Dinge, die nachjustiert werden mussten in Sachen Mental Load?

Insa Thiele-Eich: Es läuft in vielen Dingen sehr gut, aber auch bei uns gab es noch Potential, um es mal konstruktiv auszudrücken. Früher hat ein Blick in den Google Kalender oft die Zuständigkeiten geklärt – wenn ich auf Dienstreise bin, koche ich natürlich nicht.

Jetzt sind viel öfter Absprachen nötig, so dass wir in punkto Kommunikation von dieser Krise ziemlich profitiert haben (oder haben werden – es ist ein Prozess. 😉 )

Besonders mein Mann lebt gerne in den Tag hinein, und fängt an zu kochen wenn er Hunger hat. Ich hätte am liebsten schon am Vorabend minutiös aufgelistet, wer wann was macht. Wir mussten also eine gesunde Mischung von beidem finden, und sind da auf einem guten Weg.

Die Paarbeziehung ist definitiv etwas, auf das wir in den nächsten Wochen mehr Fokus legen müssen – bisher ist auch hier mehr Türklinke in die Hand geben, und da mein Mann um 4 Uhr aufsteht um zu arbeiten, geht er oft mit den Kindern ins Bett.

Tiger King versetzt zu schauen macht nicht ganz so viel Spaß. Da müssen wir dringend schauen, wie wir mehr Paarzeit in den nächsten Wochen unterbekommen. Die Kinder bleiben bei uns nämlich bis zu den Sommerferien den größten Teil zu Hause.

Nun bist du ja auch Meteorologin: meinst du, diese Zeit hier kann zumindest in Sachen Klimawandel etwas bewirken?

Insa Thiele-Eich: Das war einer meiner ersten Gedanken. Tatsächlich haben Analysen gezeigt, dass die Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie global gesehen zu ca. 5,5 Prozent weniger CO2 Emissionen führen wird.

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Schwerelosigkeit üben. Foto: Markus M. Gloger/Space Affairs

Das ist natürlich toll, und ich würde mich sehr freuen wenn viele Maßnahmen wie digitale Meetings oder auch mehr home office in Deutschland einziehen würden – diese Zahl zeigt aber leider eines der Hauptprobleme: individuelle Einschränkungen, wie momentan hauptsächlich im Verkehrssektor zu sehen, KÖNNEN allein nicht genug ausrichten.

Wir bräuchten nämlich jedes (!) Jahr eine Verringerung um 7,6 Prozent. Hier wird mehr als deutlich, dass es seitens der Politik ganz andere Hebelwirkungen braucht.

Und das macht mir Sorge, besonders wenn ich sehe, wie renitent manche jetzt schon den Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie gegenüberstehen.

Wie sind denn jetzt deine weiteren Pläne in Sachen Weltall?

Insa Thiele-Eich: Es gab bei uns noch zwei große Fragezeichen: mit wem starten wir, und wer zahlt den Start? Ein möglicher Anbieter, SpaceX, startet am 27. Mai zum ersten Mal mit einem astronautischen Flug zur Raumstation – wir sind also sehr gespannt!

Zur Finanzierung der Mission hatten wir sehr positive Gespräche mit der Bundesregierung. Ich war ziemlich optimistisch, Antwort sollten wir im März erhalten. Verständlicherweise wurden wir jetzt erstmal vertröstet, aber: aufgeschoben ist nicht aufgehoben!  

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