Verkehrsunfall: Sein Fahrradhelm rettete unserem Sohn das Leben

Fahrradhelm

Ihr Lieben, Hand aufs Herz: Tragt ihr immer Fahrradhelm, wenn ihr aufs Rad steigt? Was bei den Kindern mittlerweile selbstverständlich sein sollte, ist für viele Erwachsene immer noch eine Seltenheit: NIE ohne Helm aufs Rad. Dass Helme im Ernstfall Leben retten können, hat Dunja bei ihrem kleinen Sohn Moritz gesehen. Er hatte vor einem Jahr einen heftigen Radunfall, schwere Hirnverletzungen – und das, obwohl er einen Helm trug. Wie es ohne Helm ausgegangen wäre, mag sich keiner vorstellen. Dunja erzählt uns heute von dem Umfall und wie er ihr Leben geprägt hat.

Liebe Dunja, heute möchten wir mit dir über den Tag sprechen, der euer Leben komplett verändert hat: Den 12.09.2021. Bitte erzähl uns, was vor einem Jahr passiert ist. 

Es war der letzte Sommerferientag bei uns. Ich wollte mich nach unserem erholsamen Urlaub ein paar Dinge für den ersten Arbeitstag vorbereiten und hatte meinen Mann mit den Kindern rausgeschickt, damit sie in der Abendsonne noch eine Runde mit dem Fahrrad fahren und ich mich in Ruhe konzentrieren konnte. Keine Viertelstunde später stand ein fremder Mann vor unserer Haustüre, der mir sagte, dass mein Sohn einen Unfall hatte und ich doch bitte schnell kommen sollte.

Bild Helm 3

Es waren nur wenige hundert Meter vor unserer Haustüre. Dort ist Moritz ganz ohne Fremdverschulden ins Schlingern geraten und mit ganz viel Pech mit dem Kopf zuerst auf die Hauptstraße gestürzt. Die heranfahrende Autofahrerin hat zum Glück in letzter Sekunde gebremst und konnte Schlimmeres verhindern. Er war sofort bewusstlos – und das trotz Helm. Durch eine Platzwunde über dem Auge blutete er auch noch recht stark, so dass sich mir ein sehr dramatisches Bild bot. Ein Moment, den man nie vergisst – ich höre heute noch die Schreie von seinem 4 Jahre älteren Bruder und sehe den verzweifelten Blick meines Mannes vor mir.

In welchem Zustand wurde dein Sohn in die Klinik gebracht und was waren die ersten Prognosen?

Mein Sohn musste noch an der Unfallstelle sediert und intubiert werden, weil die Verletzungen so schwer waren. Es war schnell offensichtlich, dass die Kopfverletzungen sehr schwer waren und unklar, inwieweit seine Wirbelsäule verletzt war. Der Notarzt und das Rettungsteam hatten eine ganze Weile gebraucht, ihn für den Transport zu stabilisieren.

Da wir nicht mitfahren durften (ich weiß nicht mehr, ob es nur an der Coronaregel oder vor allem daran lag, dass die Situation sehr kritisch war) und die Uniklinik Tübingen eine halbe Stunde von uns entfernt ist, hat es über eine Stunde gedauert, bis wir zu ihm in den Schockraum durften und Informationen bekamen. Die Prognose war sehr ungewiss. Zwar konnten die Wirbelsäulenverletzungen ausgeschlossen werden, dennoch war der Zustand unseres Sohnes extrem lebensbedrohlich. Erst einmal ging es darum, dass er die ersten 1-2 Nächte überlebt.

Kannst du irgendwie beschreiben, welche Gefühle du in diesen Tagen durchlebt hast?

Im ersten Moment realisiert man es überhaupt nicht. Wir standen natürlich alle unter Schock und ich musste ja auch nebenbei alles organisieren: Schließlich haben wir ja noch ein zweites Kind, der am nächsten Tag eigentlich zur Schule sollte und nicht allein zu Hause bleiben konnte. Das eigene Kind im künstlichen Koma zu sehen ist surreal. Gerade eben stand er noch lachend neben mir. Und zwischendurch denkt man tatsächlich auch, dass man morgen wieder nach Hause kommt und alles gut ist. Dass der Weg noch ein langer ist, haben wir erst viel viel später realisiert. Wieviel Kraft uns das ganze Kosten würde, haben wir da noch nicht ahnen können.

Wie lange war euer Sohn im Koma und wie schwer waren die Hirnverletzungen?

Er hatte ein sehr schweres Schädelhirntrauma und Hirnblutungen im Stammhirn. Das Stammhirn ist mehr oder weniger eine Art Schaltzentrale im Gehirn. Blutungen in diesem Areal können Schäden unbekannten Ausmaßes verursachen. Es hätte also alles passieren können und die Prognosen der Ärzte war relativ eindeutig: Er würde auf jeden Fall (schwere) bleibende Schäden zurückbehalten.

Als er nach 6 Tagen aus dem Koma zurückgeholt wurde, war es auch erst einmal fatal: Er konnte nichts mehr und hatte zudem noch eine halbseitige Lähmung. Alles musste er komplett neu lernen: Schlucken, essen, sprechen, laufen, einfach alles. Wir waren im Prinzip zurückversetzt in die Zeit, als er noch ein Baby war. Genauso verlief auch die Entwicklung, zum Glück im Zeitraffer. Tatsächlich konnte er nach 3 Wochen schon wieder selbständig essen und ein paar Schritte laufen. Auch seinen gelähmten Arm konnte er wieder aktivieren.

Sprechen konnte er nach etwa 6 Wochen wieder (die größte Erleichterung, da wir ja immer noch befürchteten, dass einige Schäden dauerhaft bleiben könnten). Das, was am längsten gedauert hat, war die „geistige“ Reha – er war zu Beginn nicht einmal in der Lage ein 3 (!)-teiliges Puzzle zu lösen, geschweige denn Memory mit 2 (!) paar Karten zu spielen. Sein Kurzzeitgedächtnis war nicht vorhanden und auch sonst war vieles im Alltag wesentlich mühsamer. Zum Glück konnten wir auch hier jeden Tag Fortschritte erleben und heute ist er wieder absolut altersentsprechend entwickelt.

Wie lange wart ihr insgesamt im Krankenhaus bzw. in der Rehaklinik?

Nachdem uns die Ärzte prognostiziert haben, dass wir gut 2 Jahre für die Genesungszeit einplanen sollten, sind wir auch heute noch total überrascht, dass wir nach exakt 2 Monaten wieder zu Hause waren und fast wieder alles so war, wie vor dem Unfall. Im Krankenhaus selbst waren wir insgesamt etwa 3 Wochen, die restliche Zeit in einer neurologischen Rehaklinik in Gailingen. Pünktlich zu seinem 5. Geburtstag waren wir wieder zurück – was sich dann wieder surreal angefühlt hatte.

Wie geht es eurem Sohn heute? Wie ist der aktuelle Stand?

Unser Sohn ist frech und fidel wie eh und je. Ihr würdet wahrscheinlich überhaupt nicht bemerken, was er hinter sich hat. Die Therapien konnten wir schon im Februar dieses Jahres beenden und wie durch ein Wunder hat er nahezu keine Folgeschäden. Die wenigen Kleinigkeiten (wie zum Beispiel eine leicht zitternde Hand und charakterliche Veränderungen, wie mehr Unsicherheit und ein verstärktes Bedürfnis nach Nähe) sind nichts im Verhältnis zu dem, was prognostiziert wurde.

Knapp vier Monate nach dem Unfall stand Moritz schon wieder auf der Skipiste und ging wieder in den Kindergarten und seit Frühling fährt er auch wieder Fahrrad. Angst hat er keine, weil er sich an nichts erinnern kann. Lediglich wir Eltern müssen manchmal noch extra tief durchatmen.

Was hat das letzte Jahr mit euch als Familie gemacht?

So ein Ereignis prägt und verändert natürlich extrem – sowohl uns als auch unser direktes Umfeld. Uns als Familie hat es noch einmal mehr zusammengeschweißt und wir haben erfahren, dass wir in einer Ausnahmesituation alle zusammen als Team hervorragend funktionieren. Natürlich sind wir auch dankbar, dass wir so viele Freunde haben, die uns in dieser schweren Zeit unterstützt haben. Zum Jahrestag vor ein paar Wochen haben wir noch einmal vieles Revue passieren lassen.

Immer noch erscheint uns vieles so unwirklich, weil das Ganze in so kurzer Zeit geschehen ist. Inzwischen haben wir alle es einigermaßen verarbeitet, teilweise auch mit professioneller Hilfe. Aber vergessen werden wir es natürlich nie und wir leben und genießen den Moment definitiv noch bewusster als vorher. Nicht ist selbstverständlich. 

Du setzt dich seit dem Unfall für das Tragen ein. Was genau tust du und warum ist der Fahrradhelm eben ein Lebensretter?

Seit dem Unfall fällt mir auf, wie viele Kinder (vor allem Jugendliche), aber auch Erwachsene, keinen Helm tragen. Da ich nun erfahren habe, dass ein Helm Leben retten kann und in den meisten Fällen auch vor schweren Kopfverletzungen schützt, ist es mir ein Herzensanliegen, darüber aufzuklären. Mit unserer Geschichte möchte ich die Menschen wachrütteln und zum Helmtragen animieren.

Ich engagiere mich dazu ehrenamtlich als Botschafterin für die Stiftung Savemybrain und habe sogar schon das deutschlandweit bekannte Projekt „Stadthelm“ nach Metzingen gebracht. Bei der Aktion #helmdrauf, die in ganz Baden-Württemberg von unterschiedlichen Polizeipräsidien gesteuert wurde, war ich für Reutlingen ebenfalls als Helmbotschafterin im Video zu sehen. Auf meinen Social Media Profilen teile ich zudem immer wieder neue Geschichten und Fakten zu diesem Thema und bin sehr dankbar, dass ich schon sehr viele Nachrichten erhalten habe von Menschen, die durch unsere Geschichte jetzt Helm tragen.

Was wünscht du dir für das nächste Jahr? 

Ich wünsche mir für mich bzw. meine Familie einfach ein stinknormales, gerne auch langweiliges Jahr. Aufregung brauche ich erst einmal keine. Ich wünsche mir vor allem, dass wir gesund bleiben. Ich bin unendlich dankbar, dass wir unser Leben als Familie ohne Einschränkungen weiterleben dürfen. Für meinen Sohn wünsche ich mir, dass er nächstes Jahr einen guten Schulstart hat und sich keine Spätfolgen von seiner Verletzung zeigen. Für meine Tätigkeit als Helmfluencerin hoffe ich weiterhin auf große Reichweite, damit ich noch mehr Menschen zum Helmtragen bewegen kann.


Noch mehr Infos zu Dunja und Moritz findet ihr hier: https://www.instagram.com/dunjaschenk/ Oder hier: ttps://www.facebook.com/dunja.schenk

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8 comments

  1. Schön zu lesen, dass es Deinem Sohn wieder gut geht.
    Mich hat bei 2 Unfällen (und einem Sturz) der jeweilige Helm vor schlimmerem bewahrt. Die Kid’s kennen es nicht ohne (und zum Glück nehmen sie das auch ernst) weshalb es für sie normal ist, nur „mit“ zu fahren.
    Da sie meine Verletzungen/Einschränkungen, nachdem mich ein Auto vom Fahrrad holte, voll mitbekommen haben, hoffe ich,dass das Helm tragen auch in Zukunft durchgehalten wird…..sonst bekommen sie von Mama/Papa/Oma o. Opa noch einmal aufgezeigt, was passiert ist!

  2. Liebe Dunja,
    Da läuft es einem wirklich kalt den Rücken runter, wenn man eure Geschichte liest. Und wie unglaublich es ist, dass dein Sohn sich so schnell und so gut erholt hat! Kinder sind solche Überlebenskünstler! Ich kann eure Hilflosigkeit und auch den Schock, von dem du schreibst sehr gut nachempfinden. Meine Tochter musste als Baby ganz plötzlich und für Wochen ins Krankenhaus, weil bei ihr ein Herzfehler festgestellt wurde. Sie wurde operiert, war mehrere Wochen sediert und intubiert und insgesamt 5 Wochen auf der Intensivstation. Das Gefühl, wenn plötzlich alles über einem zusammenbricht, man nur noch hilflos am Bett des schwer kranken Kindes sitzen kann und auch noch düstere Prognosen von den Ärzten bekommt… kenne ich auch. nicht schön, wünscht man keinem.
    Ich hoffe, ihr könnt euch die Dankbarkeit und das Glücksgefühl als Familie noch komplett zu sein erhalten! Alles Gute!

  3. Ich fahre täglich Fahrrad zur Arbeit, immer mit Helm! Einmal ist an einer kleinen Straße neben mir eine Frau über den Lenker abgestiegen, direkt auf den Kopf gefallen, ich habe es Gr hoch geholfen, sie hat sich leider im Schock direkt auf ihr Rad gesetzt und ist davon gefahren, trotz Platzwunde über dem Auge und Blut, welches herunter lief. Sie ließ sich nicht aufhalten. Seitdem trage ich den Helm auch auf kürzesten Strecken. Auch beim Ski laufen trage ich immer Helm. Ich bin einmal ganz blöd gestürzt, direkt auf den Kopf, mir war dann schlecht usw… ich bin nicht zum Arzt, aber Jahre später hat man bei einem Schädel- MRT von mir festgestellt, dass ich kleine verheilte Verletzungen im Frontallappen habe, ich will mir nicht ausmalen, was aus meinem Sturz ohne Skihelm geworden wäre. Meine Kinder tragen auch konsequent Helm. Mein Mann leider nicht, er total taub auf dem Ohr und das macht mir auch Angst.

  4. Zu Beginn der Pandemie waren meine Tochter und ich spazieren, sie mit Roller ohne Helm. Irrwitzigerweise hatte ich einige Tage zuvor einen Helm in einem Onlineshop entdeckt und ihn in den Warenkorb gelegt, aber nicht bestellt. Und was geschah? Meine damals Dreijährige rollte eine kleine Anhöhe hinunter, kam ins Schlingen und fiel auf den Kopf. In den ersten Minuten wusste sie nicht, wer ich war, rief und weinte nach ihrem Papa und wusste auch nicht, wo wir waren. Im Krankenhaus wurde nichts gefunden, es war wohl der Schock. Jedoch muss sie für jede Strecke, ob nun mit dem Roller oder Fahrrad etc. einen Helm tragen. Sie selbst kann sich nicht mehr erinnern, aber ich. Und das war schon erschreckend genug wie sie sieben Minuten einfach nicht sie selbst war, Schlimmeres mag ich mir nicht vorstellen.

  5. Vor den Kindern hatte ich nie einen Helm. bevor ich mit der Ausbildung fertig war ( mit 23 jahren) bin ich überall mit dem rad hin gerast. ich hab mir gar keine gedanken gemacht.
    seit die kinder da sind trage ich aber helm! und bestehe darauf das die kinder auch bei kurzen strecken mit roller, auf dem rad, egal ob selsbt fahrend oder hinten drauf, helm tragen. da hatten wir schon viel geschrei und die menschen im noch finden es übertrieben.
    einmal ist meine tochter mit roller ohne helm los gerast. ist gestützt auf der straße und mit dem kopf zentimeter über der bordsteinkante zum liegen gekommen. ich will mir gar nicht ausmalen was passiert wäre wenn der kopf auf den bordstein geknallt wäre …..
    also da bin ich sehr gerne streng. da können wir uns so leicht schützen!
    und beim autogurt geht es ja weiter….

  6. Ich hatte selber mal einen Inlinerunfall, bei dem mir der Helm einmal komplett durchgesplittert ist. Das Entscheidende: ich hatte absolut nichts, keine Kopfverletzungen, nur ein paar Abschürfungen. Ich möchte mir nicht vorstellen, wie es ohne Helm ausgegangen wäre und fahre seitdem erst Recht nur mit Helm und erzähle jedem die Geschichte…

    1. Bei mir war es ähnlich, ich bin als Kind schwer mit dem Fahrrad gestürzt. Damals waren die Helme noch nicht so gut, er ist auch in der Mitte zerbrochen. Trotzdem habe ich ausser einem großen Schrecken und einigen Schürfwunden nichts gehabt und seitdem trage ich immer einen Helm. Damals war es als Jugendlicher extrem uncool und wenn mich Klassenkameraden aufgezogen haben, habe ich erzählt dass ich ohne Helm vermutlich nicht mehr leben würde. Dann war Ruhe. Mich wundern auch die Eltern deren Kinder zwar mit Helm aufm Fahrrad(sitz) sitzen, die selbst aber ohne Helm fahren. Was hat das Kind denn davon wenn ich bewusstlos im Straßengraben liege? Mal von der Vorbildfunktion abgesehen. Ich hätte auch nichts gegen eine generelle Helmpflicht. Im Auto anschnallen ist mittlerweile ja auch selbstverständlich. Ich freue mich sehr dass der Sohn und die ganze Familie das Unglück überstanden haben und wünsche für die Zukunft alles Gute!

      1. Genau diesen Gedanken hab ich auch: was hilft es dem Rest meiner Familie, wenn ich zum Pflegefall werde, weil ich aus lauter Stolz oder Eitelkeit auf den Helm verzichtet habe? Die meisten Menschen haben darauf keine Gegenargumente, tragen dann aber trotzdem keinen Helm. Auch nicht seit dem tödlichen Fahrradunfall eines bei uns sehr beliebten Dorfmitglieds vor einigen Monaten. Schade, dass selbst das kein Umdenken bewirkt. Ich trage seit vielen Jahren konsequent einen Helm.
        Der Familie wünsche ich alles Gute und der Helmfluencerin ganz viel Erfolg!

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