Wie erklären wir Kindern, dass die Oma schon vor ihrer Geburt verstarb?

„Mama, warum haben wir zwei Opas, aber nur eine Oma?“ Nie hätte ich gedacht, dass Dreijährige schon solche Fragen stellen. Ich war darauf vorbereitet, dass die Frage eines Tages kommt, aber doch nicht kurz nach dem Gute-Nacht-Lied, wenige Tage vor dem vierten Geburtstag. Was antwortet man als Eltern darauf, ohne dass es für Kinder verstörend klingt?

„Du hast nur eine Oma, weil die andere schon verstorben ist“, sage ich.

„Und das ist deine Mama, oder?“, fragt mein Sohn.

Ich nicke. Mein Sohn und sie haben sich nicht nur knapp verpasst. Ich habe selbst nur meine halbe Lebenszeit mit meiner Mutter verbracht. Der Abschied liegt schon lange zurück. Doch seit ich selbst Kinder habe, kommen viele Themen, Erinnerungen und Emotionen wieder hoch.

Meine Kinder konnten meine Mutter nie kennenlernen

Manchmal bin ich wehmütig, dass meine Kinder meine Mutter nicht kennenlernen konnten. Dass ich nie erfahren werde, wie sie ihre Enkel umsorgt hätte. Und dass sie mir keine Erinnerungen aus meiner Kindheit erzählen kann, die ihr beim Anblick meiner Kinder eingefallen wären. Erinnerungen verbinden Generationen. Es fehlt das Wissen um das, was war und was man selbst frei ist zu interpretieren. Es fehlt ein Stückchen des Fundaments, auf dem Familien stehen.

Die meisten Kinder in unserem Umfeld haben noch beide Omas und Opas. Gleichzeitig haben viele Eltern um uns herum erste persönliche Erfahrungen mit Trauer und Tod, und auch ihre noch kleinen Kinder.

Bei einem Elternabend im Kindergarten erzählten uns die Erzieherinnen, dass einige der Kinder regelmäßig thematisieren, wer zu ihrer Familie gehört und dazu Fragen stellen. Warum haben die eine Uroma? Warum hast du drei Omas und zwei Opas? Wo ist dein Papa hingegangen? Manche Kinder haben nur ein Elternteil. Andere ein Geschwisterkind, das voller Freude angekündigt und doch nie geboren wurde.

Kinder begegnen dem Thema Trauer und Tod mit Neugier

Was ich beobachte: Die Kinder begegnen dem Thema nicht mit Verlustangst, Sorge oder Wut. Vielmehr sind sie neugierig. Sie suchen den Erfahrungsaustausch und kennen viele Geschichten, die sie mit einer ernsten, aber nicht besorgten Miene erzählen.

Manche sehen ihre Oma als Stern, der jeden Abend am Himmel leuchtet („und wenn Wolken sich davor schieben, müssen wir sie mit einem Donner wegkrachen lassen!“) Andere bringen mit ihren Eltern Blumen zum Friedhof oder entzünden ein schwimmendes Licht auf einem See.

Ich zeige meinen Kindern Fotos und erzähle ihnen Erinnerungen von früher. Viele der Geschichten schreibe ich für sie auf und scanne alte Fotos dazu ein. Meine Kinder sollen immer wissen, woher sie stammen und wer zu ihnen gehört.

„Meine Mama lebt in warmherzigen Anekdoten weiter“

So traurig Bruchstücke oder ganze Jahre vergangener Zeiten sein mögen, so können wir diese Vergangenheit doch mit warmherzigen Anekdoten aufleuchten lassen. Wir können zum Beispiel über witzige Sprüche der Großeltern lachen, die wir erinnern, oder über ihre Erlebnisse und Werte sprechen.

Auf diese Weise zeigen wir unseren Kindern, dass Abschiede ein Teil unseres Lebens sind und verstorbene Personen in unseren Geschichten weiterleben. Manchmal scheint es mir, als wäre das für unsere Kinder viel selbstverständlicher und einfacher anzunehmen als für uns Erwachsene.

Imme Scheit ist Mit-Gründerin von YAY, dem Online-Familientagebuch zum Ausdrucken (www.yaymemories.com). Darüber, wie das Aufschreiben von Erinnerungen Familien zusammenhält, hielt sie den TED Talk „Stories behind Pictures“.

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3 comments

  1. Ich habe drei meiner vier Großeltern nicht kennengelernt, weil sie vor meiner Geburt zum Teil schon lange gestorben waren. Mich hat das in der Kindheit eher mit Neugier erfüllt und ich habe mich über jedes Foto sehr gefreut. Mit dem Älterwerden kam eine Wehmut dazu, sie nicht gekannt zu haben, und auch die Frage, ob ich einem oder einer der Verstorbenen ähnlich war (sicherlich ein normaler Prozess in der Auseinandersetzung mit der Herkunftsfamilie). Da wurden dann die Geschichten meiner Eltern über ihre Eltern wichtig.
    Aber es gab in meiner Kindheit nie eine Leerstelle oder eine Trauer um die Großeltern. Es war einfach eine Tatsache, dass sie nicht da waren und andere Kinder eben noch alle Großeltern und sogar Urgroßeltern kennenlernen konnten.

  2. Hallo,
    Ich kann nur bestätigen, dass es für die Erwachsenen immer ein viel größeres Ding ist als für die kleinen. Unsere erste Tochter verstarb leider kurz nach der Geburt und als unsere zweite Tochter mit 2 anfing zu fragen wer das ist auf den Fotos die im Haus hängen haben wir ihr nach Verständnis und Entwicklungsstand erklärt dass das ihre Schwester ist die eben leider verstorben ist. Sie redet mal mehr und mal weniger darüber, hatte aber nie einen schreck Moment oder Trauer sondern nur viele neugierige Fragen und eigene Ideen (der gestorbene Hund von Oma kann jetzt mit meiner Schwester im Himmel spielen ect.)
    Ich finde es nur wichtig dass sie von Anfang an damit aufwachsen und man nicht auf „den richtigen Zeitpunkt“ wartet, denn den gibt es nicht, dann ist es ein Schock.

  3. Na genau so! Für Kinder ist das kein Weltuntergang, Kinder fragen aus Neugier und hören einfach gerne die Geschichten dazu. Als ich klein war haben meine Oma und ich auch die Uraltfotos längst verstorbener Verwandter angeschaut und ich fand das einfach interessant. Da ich keine persönliche Bindung hatte und die Menschen nicht kannte kam da auch keine Trauer oder Tränen. Ich denke das ist hier das Thema der Erwachsenen (die noch einen persönlichen Bezug zu den Verstorbenen hatten), macht da bitte kein Drama draus für die Kinder sondern lasst das als normale Situation einfach stehen. Mein Sohn hat auch keinen Schaden genommen als in der Kita Stammbäume Thema waren und auch das Thema Papa ( bei ihm abwesend, kein Kontaktwunsch) kam. Ich bin damit immer offen und sachlich umgegangen ihm gegenüber.

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