Erfahrungsbericht: So war mein Schulhalbjahr im Ausland in der 10. Klasse

Halbes Jahr Spanien

Ihr Lieben, nachdem im ersten Halbjahr des Jahres 2021 durch Corona wenig bis gar nichts möglich war, war es umso schöner für uns, als wir erfuhren, dass der Auslandsaufenthalt unserer 15jährigen Tochter doch klappen würde. Zwar nicht zu ihrem Wunschziel Argentinien (denn die brasilianische Variante wütete so in Lateinamerika, dass die Organisation das gesamte Argentinien-Angebot aus dem Programm nahm), aber nach Spanien.

Ich war damals selbst mit 15 ein halbes Jahr in Südamerika, ich hatte in Kolumbien die deutsche Schule besucht, nun wollte sie das auch. Da ihre kleine Cousine deutsch-spanisch bilingual aufwächst, wir wirklich gern in Spanien sind und auch ich immer noch von meinem spanischsprachigen Schüleraustausch profitiere, hatte sie sich für ein spanischsprachiges Land entschieden. Hier schreibt sie sehr ehrlich, wie es ihr in der Zeit im Ausland mit fremder Sprache, fremder Kultur und fremder Gastfamilie erging:

Erfahrungsbericht: Ein halbes Jahr ins Ausland

„Mein Auslandsjahr von Anfang September 2021 bis Ende Januar 2022 war eine sehr erfahrungsreiche Reise. Ich kann es jedem empfehlen, denn egal was man erlebt, man macht viele neue Erfahrungen, wird selbstständiger und dazu bekommt man ein ganz anderes Bild auf sein vorheriges Leben. Trotzdem braucht es ein wenig Glück, in die richtige Gastfamilie und an den richtigen Ort zu bekommen.

Ich weiß noch genau, wie ich in der Woche vor der Abreise meinen Koffer gepackt habe und das letzte Mal meine Freunde getroffen habe, bevor es sonntagsmorgens losging. Ich war nicht besonders nervös. Ich hatte mir einfach nicht zu viele Gedanken gemacht und es wohl einfach noch nicht ganz realisiert, dass ich von da an für fünf Monate ein anderes Leben haben werde.

Auslandsaufenthalt

Realitätsschock: Warum tu ich mir das an?

Das erste Mal, dass es mir richtig bewusstwurde, war, als ich am Flughafen in Spanien meine Gastfamilie kennengelernt habe. Ich habe mich einfach nur gefragt, warum ich das mache, was es mir bringt und warum ich nicht einfach zuhause geblieben bin.

Ich war mir auch direkt sicher, dass ich auf jeden Fall vor Weihnachten wieder nach Hause möchte. Dazu bin ich geflogen, ohne jegliche Spanischkenntnisse. Und daher, dass meine Gasteltern kein Englisch konnten, habe ich die erste Zeit am meisten mit meiner Gastschwester geredet, die es konnte.

Nachdem ich gelandet bin, sind wir nach Hause gefahren und ich habe ein kleines Zimmer mit einer orangenen und einer grünen Wand bekommen. Meine Schule hat erst nach zwei Wochen begonnen, deswegen habe ich die Tage in meinem Zimmer verbracht, da ich die meiste Zeit alleine zuhause war und meine Gastfamilie sich nicht besonders viel Zeit genommen oder mir Orte gezeigt hat.

Spanien: In der Schule duzen sie die LehrerInnen

Die Schule war wirklich ganz anders als in Deutschland. Die Tore der Schule wurden während der ganzen Schulzeit abgeschlossen, sodass man nicht raus konnte, die Lehrer wurden mit Vornamen angesprochen, im Englischunterricht haben wir das Verb „to be“ durchgenommen und ab und zu war auch die Polizei oder ein Krankenwagen an unserer Schule. Trotzdem hatte ich eine unfassbar nette und lustige Klasse.

In meiner Gastfamilie fühlt ich mich mit der Zeit aber immer unwohler. Ich habe jeden Nachmittag nur in meinem Zimmer verbracht und war alleine. Meine Gasteltern waren meistens nicht vor 22.30h zuhause und mein Gastbruder war gerade ausgezogen. Die ersten beiden Monate habe ich nichts wirklich erlebt, kaum etwas von der Gegend gesehen und nicht wirklich Spanisch gelernt oder gehört, außer in der Schule. Ich fragte mich, warum meine Gastfamilie mich überhaupt aufgenommen hatte.

Von Heimweh und Einsamkeit

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An den Wochenenden sollte ich die Küche und das Wohnzimmer putzen und wenn wir bei den Großeltern waren, sollte ich den Tisch decken, während alle vor dem Fernseher saßen und nicht mal die Idee hatten, zu helfen. Nicht falsch verstehen: Ich helfe unfassbar gerne, aber nach einiger Zeit wurde es einfach selbstverständlich, dass ich es allein mache und sie zugucken. Sehr wohl gefühlt habe ich mich dabei nicht und war mir deshalb immer sicherer, dass ich vor Weihnachten, also nach drei Monaten das Programm abbrechen möchte.

An einem Abend haben mich dann ein paar Freunde aus meiner Klasse gefragt, ob ich Lust hätte, mich am Abend mit ihnen zu einem Fußballspiel zu treffen. Meine Gastfamilie wollte dies aber nicht und am Schluss durfte ich für genau für eine Stunde raus, musste dann aber auch pünktlich wieder zuhause sein. Das Ganze aber ohne eine Begründung, an einem Freitagabend. Ich konnte also nicht bis zum Abpfiff bleiben.

Gastfamilien-Wechsel: Wie ich in eine neue Familie kam

Ich bin dann dort rechtzeitig losgelaufen, um pünktlich zu Hause zu sein, aber weil es schon dunkel war um 20.30 Uhr, ich den Weg nicht wusste, weil es ein relativ unsicherer Ort war und meine Gastfamilie mich nicht abholte, wusste ich nicht, was ich machen sollte. Ich stand komplett alleine an einem Ort, wo ich nicht wusste, wie ich wegkomme und wollte alles, aber nicht zurück zu meiner Gastfamilie.

Am Schluss sind zwei Freunde von meiner Schule mir hinterhergelaufen und haben mich nach Hause begleitet. Ich war natürlich zu spät, wofür ich dann Ärger bekommen habe. Während des ganzen Abends war ich in Kontakt mit meiner Betreuerin vor Ort (die beste, tollste, superste Frau, die sooo lieb war) und habe ihr geschrieben, dass ich gerne sofort meine Gastfamilie wechseln wollen würde oder sonst gerne nach Hause fliegen würde. Sie hat mich am nächsten Tag abgeholt und zu einer weiteren Gastschülerin in die Familie gebracht.

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So hatte ich mir den Auslandsaufenthalt vorgestellt

Meine neue Gastschwester war aus Tschechien und ich kannte sie bereits, da wir beide zur gleichen Zeit gekommen waren. Wir hatten eine Gastmutter, die unfassbar nett war und wo ich mich direkt wohlgefühlt habe. Ab dann ist es viel mehr so geworden, wie ich es mir am Anfang vorgestellt hatte. Ich konnte machen was ich wollte, hingehen wo ich wollte und essen was ich wollte. Ich wohnte jetzt nicht mehr abgeschieden im „Nichts“, wo es eher gefährlich war, sondern sehr zentral und konnte vieles auch zu Fuß erreichen. Ich habe mich dann doch dazu entschieden, bis zum Ende zu bleiben.

Daher, dass es in Spanien so ist, dass man Weihnachten mit der Familie ein großes Essen hat und man am 6.02. die Geschenke bekommt, fand ich es ganz interessant, die Tradition auch kennenzulernen. Allerdings war meine Gastmutter aus England und somit hatten wir nochmal ein anderes Weihnachten und haben am 25.12. gefeiert. Den 24.12. habe ich am Strand in der Sonne verbracht.

Weihnachten und Silvester fern der Heimat

Am Strand leben

Unsere Gastmutter hat wirklich versucht, dass wir ein schönes Weihnachten haben und uns wohlfühlen und es war auch wirklich ganz schön. Mit meiner Gastschwester habe ich mich auch immer gut verstanden. Auch mein Silvester war sehr schön. Trotzdem habe ich mich geärgert, dass die ersten zwei Monate so unschön waren.

Und auch wenn ich mich nun viel wohler fühlte, vermisste ich mein Leben in Deutschland wirklich sehr, denn ich wusste wirklich zu schätzen, was für ein Glück ich mit meiner Familie habe. Und auch wenn es hier schöne Orte gibt, würde ich vielleicht empfehlen, eher in eine Großstadt zu gehen, wo man mehr machen kann, denn so viel Langeweile auf Dauer macht einen verrückt.

Schüleraustausch: Für viele ist es die Zeit ihres Lebens

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Auch in den letzten Wochen bevor ich zurückgeflogen bin, hatte ich das Gefühl, ich hab schon alles gemacht, was die Region so hergab und habe mich somit sehr auf zuhause gefreut. Ich bin mir aber sicher: Sobald ich wieder in Deutschland bin, werde ich nicht nur den Strand und das Wetter, sondern auch die Leute und die Umgebung vermissen, denn ich habe hier gewohnt, ich kenne die Wege und weiß, wo alles ist und ich hatte hier auch schöne Momente. Ich konnte surfen lernen und hab das wirklich sehr geliebt.

Von Freunden von mir, die auch im Ausland waren, habe ich auch viel mitbekommen und teilweise hatten sie die Zeit ihres Lebens und wollten gar nicht mehr nach Hause. Aber auch ich habe unfassbar viele neue Erfahrungen gemacht, für die ich sehr dankbar bin und es war eine einmalige Chance im Leben, die ich niemals vergessen werde. Mit ein bisschen Glück hat man wirklich die Zeit seines Lebens.“

Ein kleines Nachwort der Mama

Edit: Diesen Text hat meine Tochter in der letzten Woche vor ihrer Abreise nach Deutschland geschrieben. Mittlerweile sind drei Monate seit ihrer Rückkehr vergangen und viele Erfahrungen gesackt – und sie plant nun mit einer anderen Austauschschülerin aus Deutschland, die zur gleichen Zeit wie sie dort war, wieder hinzufahren. Weil das Vermissen und das Schätzenlernen dieses anderen Lebens dann doch so groß war, dass die Sehnsucht kam…

Am Ende behält man dann vermutlich eben doch eher die schönen Momente in Erinnerung während man sein Leben zu Hause aber gleichzeitig trotzdem unfassbar zu schätzen weiß. Sie ist so wenig zu Hause, so viel mit FreundInnen unterwegs, holt so viel nach hier, dass ich das Gefühl hab, sie hat grad die Zeit ihres Lebens.

Und ist das nicht eine schöne Erkenntnis? Dass nicht alles perfekt laufen muss, um den Blick zu schärfen und den Horizont zu erweitern. Sie weiß ihre Heimat und Familie und FreundInnen viel mehr zu schätzen, hat aber auch einen neuen Ort und neue Menschen an dem bzw. mit denen sie sich heimisch fühlt und zu denen der Kontakt wohl nie abbrechen wird. Und Spanisch? Sie findet immer noch, sie hat nicht genug gelernt. Hat es jetzt aber als mündliches Abifach gewählt. Win-Win also 😉

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10 comments

  1. Nach einem Austausch kann nichts großartiges passieren oder viel oder irgendwas irgendwie dazwischen. Das Leben ist halt bunt! Mit und ohne Austausch. Grundsätzlich finde ich Austausch l, je nach Alter, Ort und Bedingungen sehr gut!

    Die traurigste Geschichte aus Sicht einer Mutter ist, als sie dann schon mit 70 nimmer reiselustig war, ihre kleinen Enkel abwechselnd von Österreich aus in Australien (Sohn mit Familie) und USA (Tochter mit Familie) je nur einmal im Jahr sehen zu können.

  2. Wenn man sich Lisas Bericht über die Planung des Aufenthalts durchliest, in dem sie beschreibt, wie scheinbar sorgfältig die Gastfamilie ausgewählt wurde, dann wirft das ja nun aber wirklich kein gutes Licht auf die Organisation. Leider kein Einzelfall- Austauschschüler sind eben doch oft nur eine willkommene Einnahmequelle. Ein Internat kann da vielleicht doch die bessere Alternative sein.
    In jedem Fall aber ist es mutig und tapfer, so lange durchgehalten zu haben!

  3. Ich finde es wahnsinnig mutig, was du gemacht hast!! Und auch enorm, dass du so lange in der ersten Gastfamilie ausgehalten hast. 2 Monate sind eine echt lange Zeit!!
    Ich kann es nur überhaupt nicht verstehen, wieso man so einen Aufenthalt ohne jegliche Sprachkenntnisse macht. Mit Anfang 20 war ich selbst für 2 Monate in Südamerika. Ich hatte allerdings Italienisch im Abi und vor dem Spanienaufenthalt noch einen Spanisch Intensivkurs besucht. Trotzdem fiel mir die Verständigung anfangs oft schwer, ich konnte einfach nicht alles so erzählen, wie ich es gerne gemacht hätte und fühlte mich dadurch richtig gehandicapt.
    Ich würde niemandem empfehlen, so einen Aufenthalt ohne jegliche Sprachkenntnisse zu machen. Meinen Kindern würde ich davon abraten und erstmal empfehlen, zumindest Grundkenntnisse in der Sprache zu erwerben. Oder beurteilst du das anders? Es würde mich wirklich sehr interessieren!
    Auf jeden Fall Hut ab, das ist wirklich eine enorme Herausforderung gewesen, und du hast sie anscheinend prima gemeistert!!

  4. Das sind Erfahrungen fürs Leben die man nicht wieder vergisst. Meinen Bruder hat es erst nach Irland verschlagen ( mit riesig tollen Gasteltern, der Kontakt besteht 20 Jahre später noch) und seit er berufstätig ist lebt er, nach Irland, seit mehreren Jahren ganz in Großbritannien.

  5. Ich möchte niemand abraten. Aber gut überlegt soll es schon sein. Das Eintauchen in eine neue Welt ändert eben halt viel. In jede Richtung. Das ist ja auch durchaus erwünscht.

  6. ich bin auch mit ende 15 ( dort bin ich 16 geworden) für fünf Monate zum Schüleraustausch gegangen. Nicht nach Spanien, sondern in die USA. es war sehr mutig von mir, ich bin ein sehr schüchterner und zurück haltender mensch. von daher ist es mir auch dort sehr schwer gefallen mich mit anderen anzufreunden.
    was aber definitiv sehr schwierig war, war das man dort auf dem land gewohnt hat, so richtig auf dem land. und dort gab es auch keine zug oder bus verbindungen. das heißt wenn man keine gestelzten hatte die einen überall hin fahren konnten oder freunde fand die älter waren und einen fahren konnten, war man ( also ich) total aufgeschmissen. hier in deutschland bin ich seit der schule selbst zu fuß, mit dem rad oder bus und bahn überall hin gekommen.
    meine gastfamilie war aber ein sechster im lotto! sehr lieb, aber die gasteltern haben sehr viel gearbeitet und waren wenig da, das gastkind ein ein jahr jüngerer sohn. die zwei mädchen sie auch aus meiner schule dort hin sind hatten auch keine gastgeschwister.
    also an sich finde ich zeiten als schüler im ausland super! ich würde nur das nächste mal wirklich wohin gehen wo ich selbst mobil sein kann um nicht auf andere angewiesen zu sein.
    ort wo ich war, war aber sicher und bürgerlich. und ich finde, so eine erfahrung bringt einen definitiv weiter.
    jetzt bin ich mutter und wir haben schulzeit erst noch vor uns. mal sehen ob eins meiner kinder sowas auch machen möchte, ich glaube ich wäre genauso aufgeregt wie mein kind …

  7. Danke für den ehrlichen und gerade deswegen so wertvollen Beitrag.
    Ich war selber ein Jahr im Ausland und beim Lesen des Textes konnte ich ein bisschen das Heimweh der Anfangszeit von damals spüren.
    Trotzdem war es rückblickend ein aufregendes und tolles Jahr, in dem ich viel gelernt habe und auch innerlich an den Erfahrungen gewachsen bin.

  8. Ich war mit 21 Jahren das erstemal in Spanien für einige Monate, um dort bei einer Gastfamilie zu leben.
    Mit 15 wäre ich komplett überfordert gewesen.
    Und Mittlerweile würde ich 1000 Tode sterben, wenn meine Tochter das täte ( als junges Mädchen).
    Es war damals tatsächlich sehr schön und wertvoll, habe meinen Traummann gefunden und wir sind zusammen bis heute.
    Aber es war nicht nur schön, sondern auch sehr riskant und gefährlich. Entweder hatte ich einfach Glück, einen Schutzengel oder einige, deren Gebet erhöhrt wurde und ich kam aus einigen Situationen wohlbehalten (für mich wie ein Wunder) ungeschoren heraus.

    1. Hallo Caro,
      Schade, dass du deinen Auslandsaufenthalt als so gefährlich erlebt hast. Bei einem Schüleraustausch (für i.d.R. minderjährige Schüler, nicht mit 21 wie bei dir) wird natürlich noch ganz anders auf die Sicherheit der jungen Menschen geachtet. Zum einen schicken die Organisationen die Schüler nicht in ganz gefährliche Gegenden. Weiterhin wissen die Gastfamilien natürlich wie man sich verhalten muss um sicher zu leben – schließlich leben sie auch dort und kennen sich aus! Das wird den Gastachülern natürlich auch vermittelt, von wirklich einfachen Verhaltensweisen bis hin zu Regeln, die erstmal streng und ungewohnt wirken können, aber sich dann oft doch viel leichter als gedacht in den – ganz anderen! – Alltag integrieren lassen. Gefährlich ist es an vielen Orten nur, wenn man sich unbedacht genauso verhält wie zu Hause. Daher hoffe ich, dass Eltern nicht aus Angst vom Schüleraustausch/Auslandsaufenthalt für ihre Kinder absehen!

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