Andrea Harmonika: „Seit ich Kinder habe, bin ich emotional inkontinent“

Um es mal klar und deutlich zu sagen: Wir liiiiieeeeeeeeben Andrea Harmonika. Für uns ist sie eine der lustigsten Stimmen in der Elternwelt, gleichzeitig schafft sie es aber, uns mit ihren Texten wirklich zu berühren. Heute haben wir einen Textauszug aus ihrem grandiosen Buch Jedem Anfang wohnt ein verdammter Zauber inne (Affiliate Link) – lehnt Euch also zurück und genießt diese Zeilen! (Da das Buch bei Amazon zeitweise ausverkauft war – hier könnt ihr auch bestellen.)

„‚Wie gut, dass ich nicht da oben stehe’, denke ich jedes Mal, wenn ich mit den Kindern Die Eiskönigin schaue. Ansonsten würde mein nasses Gesicht nämlich immer an der Stelle, wo Königin Elsa hoch oben auf dem Berg ihre Krone in den Schnee wirft und „Ich bin frei“ singt, zufrieren.
„Mama heult wieder“ sagt der Große dann zum Kleinen, und er sagt dies mit derselben Begeisterung, mit der er auch Sätze sagt wie: „Oma hat kein Internet“ oder „Heute gibt es Reste von gestern“.

„Mama heult wieder“

Aber es stimmt. Seit ich Mutter bin, gibt es für mich ständig was zu heulen. Kinderkriegen weicht nämlich nicht nur den Beckenboden, sondern vor allem auch die Psyche auf. Leider wird man auf Letzteres nicht annähernd so gut vorbereitet, wie auf die Tatsache, dass man sich spätestens nach der Geburt des zweiten Kindes einen Tampon herausniesen kann.

Das geht schon in der Schwangerschaft los. Sobald sich der Winzling erfolgreich eingenistet hat, kommen einem ständig die Tränen. Beim Anblick des positiven Schwangerschaftstests, des ersten Ultraschallbildes oder eines leeren Glases Nutella.

Mutterschaft: Gefühlsausbrüche und Achterbahn-Adrenalin

Nichts ist vor einem spontanen Gefühlausbruch sicher. Aber auch Väter sind vor emotionaler Inkontinenz nicht gefeit. Allerdings tritt diese häufig mit einer Zeitverzögerung von etwa 40 Wochen auf. Meistens vor lauter Dankbarkeit, wenn sie das erste Mal ihr Kind im Arm halten (oder weil ihnen die Frau unter der letzten Presswehe nicht die Hand gebrochen hat.)

Während also neugeborene Väter von ihrer ersten postpartalen Gefühlswelle umspült werden, sind Mütter zu diesem Zeitpunkt bereits echte Vollprofis. Zwei Liter Tränen habe ich nach der Geburt des Großen über die ersten Seiten von Henning Mankells Kennedys Gehirn in mein Badewasser geheult, weil zu Beginn der Geschichte eine Mutter ihren toten Sohn findet.

Das mag verständlich sein. Allerdings habe ich am selben Tag auch zwei Liter Tränen über einen Werbespot vergossen, in dem eine alte Frau ihrem Postboten eine Schachtel Schokoriegel schenkt.

Rührselige Lieder drücken auf die Tränendrüse

Emotionale Inkontinenz kennt keine rationalen Grenzen. Zumindest im Wochenbett. Danach pendelt sich das Ganze natürlich wieder ein. Außer, Sie stellen sich versehentlich den Tag vor, an dem das schlafende Baby in ihren Armen auszieht. Oder Sie bekommen ihren ersten Tesafilm-Quatschklumpen zum Muttertag geschenkt. Und wenn unterwegs im Radio ein rührseliges Lied läuft, sollten Sie vielleicht auch besser umschalten. Es könnte nämlich gut sein, dass Sie sonst nach zwei Strophen rechts ranfahren müssen, weil Sie vor lauter Mascara-Schmierfilm keine Verkehrsschilder mehr erkennen können.

Ach, machen wir uns nichts vor. Sobald wir Eltern werden, ist nichts mehr vor uns und unserer Knopfdruck-Gerührtheit sicher. Geburtssendung im Fernsehen? Läuft. Ein Orang-Utan-Baby küsst seine Mutter? Mimimi. Ihr Kind ist auf einem Spaziergang mit der Laugenstange im Mund eingeschlafen? Okay, das ist witzig. Aber sobald Ihnen besagtes Kind seinen ersten „Mama is lip“-Zettel schreibt, können wir für nichts garantieren.

Tränendrüsen-Burnout: Überall lauern die Heul-Gefahren

Überall lauern sie. Momente, in denen plötzlich kein Auge trocken bleibt. Manchmal kommen sie mit Ankündigung (zum Beispiel im Elternbrief für die Einschulung) oder einfach so ohne Vorwarnung.

Ich habe schon aus heiterem Himmel auf allen Vieren im Hausflur auf ein Kehrblech geheult. Aber nicht, weil ich kurz zuvor wie so ein Anfänger die Kinderschuhe umgedreht hatte, sondern weil sich plötzlich beim Gedanken an den letzten mit Sand gefüllten Kinderschuh mein Herz zusammengezogen hat.

Wobei es natürlich Unterschiede gibt. Nicht jede Mutter verliert automatisch die Nerven, sobald ein einarmiger Kinderchor in einer Casting-Show „Heal the World“ von Michael Jackson covert.

Natürlich gibt es Mütter, die nach der Eingewöhnung nicht erst eine Runde auf dem Kindergartenparkplatz in ihren Kaffeebecher heulen. Und während die einen schwer sentimental werden, sobald sie den ersten Milchzahn ihres Kindes in der Hand halten, erinnern sich die anderen vielleicht einfach nur kopfschüttelnd an die vielen wunden Hintern und schlaflosen Nächte, die das kleine, weiße Scheißerchen in ihrer Hand verursacht hat.

Irgendwann heult jede Mama der Erzieherin auf die Schulter

Aber um es mit den Worten der Verkäuferin, zu sagen, bei der ich letztens neue Trinkflaschen für die Kinder gekauft habe: „Einen hundertprozentigen Auslaufschutz gibt es leider nicht.“

Denn spätestens, wenn sie ein paar Jahre später zum letzten Mal die Jacke ihres Kindes vom Birnen-Haken nimmt, knickt auch die coolste Eingewöhnungsmutter ein, und nicht selten wird dann der einen innig geliebten Erzieherin beim Abschied die Schulter bis auf den BH-Träger nassgeheult.

Nicht zum Aushalten, diese Flennerei!

Aber was können wir denn jetzt dagegen tun? Diese unkontrollierte Flennerei ist ja nicht zum Aushalten!

„Buhuuuuu … Schon Schuhgröße 35.“

„Buhuuuuu … Im Internet erkennen Babys ihre Mütter am Geruch.“

„Buhuuuuu … Sie haben mir einen großen Strauß Lavendel gepflückt.“

Nun, als Erstes sollten Sie Ihre Kinder vielleicht daran erinnern, dass die frisch mit Lavendel bepflanzten Blumenkästen unter absolutem Pflückverbot stehen.

Zweitens könnten Sie während künftiger Krisensituationen eine Art desensibilisierende Gegenoffensive starten. Wenn Sie also beispielsweise am ersten Schultag ihrem kleinen Kind dabei zusehen, wie es mit der großen Schultasche auf die Bühne der Grundschulaula klettert, könnten Sie sich in den Oberschenkel kneifen und dabei leise ein Anti-Tränen-Mantra wiederholen.

Zum Beispiel dieses: Hackbratenhackbratenhackbratenhackbraten.

Das funktioniert meistens aber nur so lange, bis der Erste in der Reihe die Nase hochzieht. Emotionale Inkontinenz ist nämlich nicht nur die Pest, sondern leider auch seeehr seeehr ansteckend…

Das Geheule ist doch völlig normal

Oder aber Sie entscheiden sich für die dritte und letzte Herangehensweise: Es ist Ihnen einfach wurscht, dass Sie jetzt ein Lauch sind.

Was soll‘s? Dann können Sie halt an Kindergeburtstagen spätestens ab der Zeile „Wie schön, dass du geboren bist“ nicht mehr mitsingen. Lassen Sie Ihren Tränen freien Lauf. Am Ende unserer Nerven lautet nämlich die frohe Botschaft: Das Geheule ist völlig normal.

Tatsächlich hat es sogar einen tieferen Sinn, warum Sie immer, wenn Sie an den Hasen denken, der Ihnen vors Auto gelaufen ist, sich wünschen, dass dieser keinen Bau mit Jungen hinterlässt. Mutter Natur hat uns mit voller Absicht verweichlicht. All die sensiblen Antennen, die auf einmal überall aus dem Boden sprießen, helfen uns, besser die Bedürfnisse der uns anvertrauten Kinder wahrzunehmen.

Von der neugeborenen Sensibilität

Diese neugeborene Sensibilität treibt uns an, unsere Kinder in einen festen Kokon aus Liebe und Geborgenheit zu hüllen, in dem sie weder frieren noch hungern (oder aus dem Fenster geworfen werden, sobald sie einen wahnsinnig machen).

Deswegen ist am Ende unsere eigentliche Achillesferse nicht der ramponierte Beckenboden, sondern unser Herz. Dieses butterweiche Ding, das plötzlich bei jedem Pipifax dahinschmilzt.

Wenn sich also das nächste Mal Ihr Kind beim Poabputzen an Sie lehnt und flüstert: „Wenn ich groß bin und Du klein, dann helfe ich dir auch.“, dann denken Sie einfach an Olaf, den kleinen Schneemann aus der Eiskönigin. Wie er am Ende des Films ein loderndes Feuer im Kamin entfacht, um seiner Freundin Anna das Leben zu retten: „Manche Menschen sind es eben wert, dass man für sie schmilzt.“

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9 comments

  1. Hm, ganz kann ich das alles nicht teilen, die „wir“-Form finde ich auch unpassend.

    Vielleicht waren meine Kinder zu anstrengend, aber der 1. Kindergartentag war für mich ein Traum – Zeit, 1h lang ungestört einen Kaffee zu trinken! Glücksgefühle! Der 1. Schultag – ich bin vor Stolz übergegangen und habe gestrahlt wie ein Hutschpferd. Erste Liebesbekundungen – wir haben uns angestrahlt und es einfach genossen, dass wir uns so liebhaben. Usw. usf.

    Wo ich aber zustimme: Seit ich Mama bin, halte ich Berichte über getötete oder misshandelte Kinder überhaupt nicht mehr aus, weder reale noch fiktive. Das hat meinen Medienkonsum doch etwas verändert, bin gespannt, ob sich das wieder gibt mit den Jahren (der Kleine ist 7).

    Tampon habe ich übrigens auch nach 2 Kindern nie rausgehustet, der sitzt so fest wie eh und je.

  2. Aha, das ist also eine der lustigsten Stimmen der Elternwelt. Da weiss ich ja wieder, warum ich mich in dieser Elternblase eher nicht so heimisch fühle😁.
    Aber dieses sich gegenseitig über den grünen Klee loben der „Mama-Bloggerinnen“ wie hier im Intro und auch diese Verallgemeinerungen, wie es „uns“ Mamas so geht, das scheint mir sehr typisch.

  3. Sarah: Aha und wer sind dann „einarmige Kinder“? Ich finde gerade diese Beschreibung äußerst seltsam….Oder spielt sie auf die Gerüchte um M. Jackson und seine pädophilen Neigungen an? Keine Ahnung, ich finde es jedenfalls daneben….

    Und was unterkühlte Mütter angeht: Alles, was ins Extreme ausschlägt, ist schwierig, für die eigenen Kinder und die weitere Umgebung auch. Das gilt für ständige Weinattacken genauso wie für die von Ihnen beschriebenen Mütter.

    1. Die einarmigen Kinder fand ich auch nicht so doll…der Rest… mein Gott, macht doch nicht aus allem so ein Drama…manche sind so, manche nicht…
      Manche finden es witzig, manche nicht…das ist doch kaum die Mühe wert, einen Kommentar zu schreiben 😉

    2. Wieso gehässig? Das war nur meine Meinung. Ich finde es halt gar nicht lustig und habe da anscheinend einen anderen Geschmack. Und dass sich in diesen Kreisen hier so sehr gegenseitig gelobt und gehyped wird finde ich halt auch manchmal fragwürdig. Aber klar, ihr wollt halt alle eure Bücher verkaufen. Ist ja okay, aber deshalb brauchst Du mich nicht gehässig zu nennen?! Das ist eine Abwertung abweichender Meinungen.

  4. Diese Verallgemeinerungen in dem Text finde ich problematisch. Wenn die Autorin ihre eigenen Erfahrungen im Hinblick auf ihre Emotionalität beschreiben möchte, kann sie dies in der „Ich-Form“ tun. Dieses ständige „man“ und „wir“ und Formulierungen wie „in der Schwangerschaft / im Wochenbett ist es (in Bezug auf Gefühle) so und so“ ärgern mich.

    Ich selbst bin als Frau und Mutter von meinem persönlichen Temperament her nicht so hoch emotional. Darunter leide ich auch teilweise.

    Einen Text, der durch die Verallgemeinerungen sehr eindeutig impliziert, wie Frauen bzw. Mütter zu empfinden haben, brauche ich deshalb wirklich nicht.

  5. Corinna W.
    Es gibt Frauen, die lassen ihre weiche Seite zu. Und das ist in Ordnung. Mir wäre eine Mutter lieber gewesen, die ihre sanfte Seite so gezeigt hätte und nicht unterkühlt auf alles reagiert hatte. So unterschiedlich sind wir nämlich.

    Und nein, sie macht sich gewiss nicht lustig über die Kinder mit Behinderung.

  6. Hm. Vielleicht sollte sie sich mal fragen, wie diese ständige Weinerei auf ihre Kinder wirkt…

    Ich habe auch eine Mutter, von der ich damals, ohne mich umzudrehen, wusste, dass sie in der Öffentlichkeit nun wieder weint. Für mich als Kind mehr als peinlich und unangenehm.

    Und was die Autorin mit dem Satz „Nicht jede Mutter verliert automatisch die Nerven, sobald ein einarmiger Kinderchor in einer Casting-Show „Hehl the World“ von Michael Jackson covert.“ meint, verstehe ich hoffentlich falsch. Oder findet sie es witzig, sich über Behinderungen lustig zu machen?

    Fazit: Überhaupt nicht mein Humor!

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