Ein bisschen Größenwahn gehört dazu – über die Wackelzahn-Pubertät

Viele Wackelzahnkinder haben mit ihren fünf, sechs oder sieben Jahren das Gefühl, sie könnten schon ALLES. Größenwahn hoch zwanzig, möchte ich behaupten. Andererseits ist ihnen durchaus bewusst, dass sie manche Sachen einfach noch nicht können. Aber zwischen Wissen und Akzeptanz liegen manchmal Welten.

Was in diesen Momenten wichtig ist: Verweist darauf, dass sie immer auf eure Hilfe zählen können. Dass ihr da seid, auch wenn sie glauben, euch nicht zu brauchen. Denn ja, diese Wackelzahnzeit ist eine fragile Zeit. Unsere Kinder testen uns, wollen unabhängig von uns sein. Aber sie wollen so gern – auch wenn sie das nicht so kommunizieren – wissen, dass wir da sind, dass wir sie auffangen. Das kann im wortwörtlichen Sinne so sein, wenn sie sich auf dem Spielplatz selbst überschätzen und so hoch klettern, dass sie unsere Hilfe brauchen. Natürlich könnt ihr auf das Spielgerüst klettern und eure Kinder herunterholen. Das ist der einfache Weg, weil ihr damit bestimmt, wie und wie schnell oder langsam der Abstieg vonstatten geht.

Aber mehr lernen sie, wenn ihr Tipps gebt, ihnen versichert, dass sie es schaffen, und dennoch eure Hand hinhaltet. Genau das, die schützende Hand, die ihnen versichert, dass sie gut sind und alles schaffen können, brauchen sie im weiteren Leben immer wieder. Wenn wir ihnen genug Vertrauen schenken, dann lernen unsere Kinder sich selbst zu vertrauen. Lasst eure Kinder niemals vom metaphorischen und vom echten Klettergerüst fallen: Nicht um sie zu ärgern, nicht um zu beweisen, dass ihr Recht hattet. Sie sind klein und lernen nur mit unserer Hilfe, sie selbst zu sein, stark und selbstbewusst durchs Leben zu gehen. Sie sind in der Wackelzahnpubertät mit einem unfassbar großen Ego ausgestattet. Unsere Kinder glauben, ihnen würde die Welt gehören. Und gelegentlich führen sie sich auch genauso auf. Da kennen sie keine Grenzen und glauben, alles besser zu wissen.

Und ja, dieses übergroße Ego, die maßlose Selbstüberschätzung, die kann unfassbar nerven. Im Zusammenleben mit anderen Menschen würden wir jemanden, der glaubt alles, wirklich alles besser zu wissen und zu können, jemand, der keinen unserer Ratschläge annimmt und uns streckenweise nicht mal zuhört, vermutlich nie wieder treffen wollen. Einmal und nie wieder. Mit unseren Kindern geht das nicht. Mit ihnen müssen wir diese Achterbahn der Gefühle durchstehen und auch noch für sie da sein. Das erfordert jede Menge Geduld und Langmut. Den wir Eltern in stressigen Momenten nicht immer haben.

Mir geht es so: Selbst wenn ich entspannt bin, kann ich nicht immer gut auf den Größenwahn meines Kindes eingehen. Meine Tochter ist beispielsweise davon überzeugt, die weltbeste Kletterin zu sein. Und sie macht das wirklich extrem gut, sie klettert ohne Angst auch in große Höhen. Einmal waren wir im Urlaub und wollten den Sonnenuntergang anschauen. Dazu mussten wir ein wenig auf Felsen herumklettern. Meine Tochter nahm das zum Anlass, von Felsen zu Felsen zu springen, höher und höher zu klettern.

Ich rief sie herunter, sie hörte natürlich nicht. Ich wurde lauter, nicht, weil ich ihr den Spaß verderben wollte, sondern weil es schlicht unglaublich gefährlich wurde. Denn in der Ferne hinter den Felsen lauerte der Abgrund. Sie war noch einige Meter vom Absturz entfernt, aber alle Eltern wissen, wie schnell auch mal was passieren kann. Es ging sehr steil ins Meer nach unten. Ich rief und rief nach ihr. Sie kam und war kurze Zeit später wieder verschwunden. Ich rief wieder, sie kehrte zurück. Es war ein für beide Seiten nerviges Spiel. Ich drohte sogar damit, den Abendspaziergang abzubrechen, weil ich keine Lust mehr auf das ewige Ermahnen hatte. Meine Tochter maulte, blieb kurz neben mir und preschte wieder nach vorn. Ich hatte die Schnauze gestrichen voll. Wieso verstand sie denn nicht, dass diese Felsenkletterei gefährlich war? Ich rief sie zu mir, ging in die Knie, hielt ihren Arm fest und erklärte ihr, dass sie, wenn sie nicht auf mich hörte, im Krankenhaus landen könnte. Oder sterben. Dass ich ihr nicht den Spaß verderben wollte, aber dass das hier nicht die Zeit für Rumspringen, Klettern und Abenteuer sei. Ob sie mich verstehen könne? Sie bejahte, schaute aber weg. Ich bat sie, mich anzusehen, denn ich habe inzwischen gelernt, dass es wichtig ist, dass wir einander in die Augen schauen. Nur dann wissen beide Seiten, dass wir auch wirklich zugehört haben. Sie sah mir ins Gesicht und erklärte, dass sie doch nur klettern wollte, weil das hier so tolle Kletterfelsen waren. Ich verstand und schlug vor, einen anderen Ort zum Klettern zu suchen, am nächsten Tag. Jetzt aber müsse sie an meiner Seite bleiben. Sie blieb es nicht und so blieb ich konsequent und wir gingen zurück.

Auf dem Heimweg nahm sie meine Hand und sagte, dass sie schon verstehen würde, dass es gefährlich sei. Sie aber nicht anders handeln könnte, in diesem Moment. In ihrem Kopf ginge das nicht. Das wiederum verstand ich. Es gibt für alles eine Zeit. Dieser Abend war eben nicht der für einen romantischen Sonnenuntergang. Aber ich musste hart bleiben und ihr das Klettern verbieten. Sie selbst konnte nicht überblicken, wie gefährlich ihr waghalsiges Herumspringen war. Und es ist meine Aufgabe als Elternteil, die Verantwortung zu übernehmen, auch wenn ich selbst lieber den Sonnenuntergang gesehen hätte. Schon wenn ich an den Vorfall denke, fällt mir wieder ein, wie nervig ich dieses ständige Ermahnen fand. Wie sehr ich mir wünschte, das Kind würde sich einfach an meine Anweisungen halten. Tat sie nicht.

Deswegen blieb mir nur, Schlimmeres zu verhindern. Das ist unsere Aufgabe als Erwachsene. Unsere Wackelzahnkinder sind Kinder, sie können nur bedingt überblicken, was sie Gefährliches wagen. Wir Erwachsene können das schon eher, wenn auch nicht hundertprozentig. Und deswegen ist es unsere Aufgabe, auch mal Spielverderberin – in den Worten unserer Kinder: „einfach unfair“ – zu sein.

Dieser Text stammt aus dem Buch „Nicht mehr klein und noch nicht groß: Der liebevolle Ratgeber für die Wackelzahnpubertät“ von unserer lieben Bloggerkollegin Andrea. Die dreifach Mama bloggt auch unter https://runzelfuesschen.de

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1 Kommentar

  1. Danke für die Geschichte, genau solche Texte wären für diese Zeit wichtig, inkl. Hilfestellung, wie man damit umgehen soll, oder reagiert. Man bekommt nie einen Lösungsansatz präsentiert. Das fehlt in den Ratgebern. Buch ist auf meiner Amazonliste. Danke.

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