„Ich war schwanger, als mein Mann die Diagnose MS bekam“

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Ihr Lieben, es gibt Phasen im Leben, die einfach krass sind, in denen alles zusammenkommt und man oft gar keine Ahnung hat, wie man all die Herausforderungen meistern soll. Lucia hat genau so eine Phase hinter sich. Ihr Mann wurde krank, sie war schwanger und dann kam auch noch Corona… Davon erzählt sie uns hier im Interview

Liebe Lucia, dein Mann hat eines Tages plötzlich auf einem Auge nicht mehr richtig gesehen. Er ist dann ins Krankenhaus gefahren. Bitte beschreib mal, wie dieser Tag war. 

Anfangs war alles ziemlich entspannt, er ist zunächst zum dritten Mal zum Augenarzt, weil es beim ersten Mal hieß es sei eine Allergie. Beim zweiten Mal, zwei Tage später, hieß es, es sei eine leichte Verletzung der Hornhaut und beim dritten Mal war es dann plötzlich eine Sehnerv-Entzündung. Damit sollte er dann sofort in die Notaufnahme der Augenklinik. 

Wie lange hat es gedauert, bis er eine Diagnose hatte? Und welche Diagnose war es?

Wir hatten erstmal nichts schlimmes vermutet, aber wenn man ein bisschen danach sucht, findet man diverse Erkrankungen, die man alle nicht haben will. Nach drei Tagen Krankenhaus und Cortison-Therapie stand eine Diagnose im Raum: Verdacht auf MS

Ab diesem Moment fing unser Kopfkino an. Mit dieser Krankheit verbanden wir in erster Linie starke körperliche Einschränkungen. Als wir uns mehr Infos über MS holten, lernten wir auch, dass die Krankheit bei vielen Patienten auf die Psyche schlägt.

Leider bestätigte sich die Vermutung. In einem kurzen Gespräch hatte der Arzt (Neurologe) meinem Mann die Diagnose schließlich an den Kopf geknallt und uns dann mit „Ich habe jetzt keine Zeit“ alleingelassen. Wir blieben mit vielen unbeantworteten Fragen zurück.

Du warst zu dieser Zeit schwanger. Wie ging es dir nach diesem Schock?

Genau, ich war im 5. Monat schwanger und fühlte mich gerade nach Woche mit starker Übelkeit und täglichem Erbrechen wieder etwas fitter. Wir waren auch erst kurz zuvor umgezogen, es gab so viel zu tun und wir wollten alles im neuen Heim gemeinsam anpacken.

Da mein Mann dann im Krankenhaus bleiben musste, war ich nun alleine in einer neuen Stadt, einer neuen Wohnung und konnte auch nirgends hin, denn genau dann kam der erste Corona-Lockdown.

Nach all diesen heftigen Ereignissen kam die Übelkeit zurück, ich konnte nachts auch nicht mehr schlafen. Mein Mann allerdings auch nicht, weil er sich solche Sorgen um mich und das ungeborene Kind machte. Daher haben wir die halbe Nacht miteinander gechattet.

Wie geht es deinem Mann aktuell?

Heute geht es ihm gut. Er nimmt Medikamente, die einen Schub verhindern sollen und sein Zustand wird regelmäßig kontrolliert. Bisher ist zum Glück nichts mehr passiert und wir haben Hoffnung, dass es meinem Mann lange gut geht.

Wie war dann die Zeit rund um die Geburt? Wie geht es dir?

Da es in dem Sommer sehr warm war, war ich echt erschöpft. Der Monat vor der Geburt war eine Qual. ich hatte Sodbrennen, einen riesigen Bauch, war dauermüde, konnte aber nicht schlafen.

Auch die Geburt lief nicht so wie erhofft. Nach einer Einleitung und 1,5 Tagen Wehen endete es doch im Kaiserschnitt. Kräftemäßig war ich ziemlich am Ende, dazu kam auch noch unsensibles Pflegepersonal. Ich habe im Krankenhaus das Stillen eingestellt und nur abgepumpt, zu Hause und bei entsprechender Privatsphäre habe ich mir das Stillen Stück für Stück zurückerobert. Es war für mich ein schöner Erfolg, als das Stillen dann schließlich geklappt hat.

Was haben die ganzen Herausforderungen mit euch als Familie gemacht?

Wir haben sehr, sehr lange gebraucht uns zu erholen. Ich hatte oft keine Kraft mehr, Dinge positiv zu sehen oder positiv in die Zukunft zu blicken.   

Meine körperlichen Beschwerden haben sehr lange gebraucht, bis sie wieder einigermaßen abgeklungen waren. Bezüglich der traumatischen Geburt habe ich mir Hilfe bei einer Hebamme gesucht, die auch psychologische Sitzungen anbietet.

Wie geht es euch als Paar?

Wir hatten viel Angst vor der Zukunft – ob mein Mann mit unserem Kind Ballspielen, Radfahren und rumtoben können wird. Die Ängste sind mit der Zeit kleiner geworden, oft sind sie gar nicht mehr da. Dennoch bleiben wir wachsam.  

Wir haben viele Vorkehrungen bezüglich Vorsorge, Patientenverfügung und  Testament getroffen. Und wir haben das zusammen durchgestanden. Es stand für mich nie zur Debatte, mich zu trennen oder dass wir das nicht schaffen könnten.

Was wünscht du dir für die Zukunft?

Dass alles so bleibt wie es gerade ist. Und wenn es sich doch wieder verschlechtert, dass wir diese neue Situation dann auch gemeinsam anpacken und meistern.

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3 comments

  1. Ich habe mittlerweile seit 2008 die Diagnose MS und nach vielen Tiefs die Krankheit akzeptiert. Festgestellt wurde sie bei mir zufällig nach wochenlangen Zahnschmerzen was schlussendlich eine Entzündung des Trigenimusnerv war. Ich hatte einen ähnlich unsensiblen Arzt bei der Diagnose. Habe danach aber eine tolle MS Ambulanz gefunden die mich seitdem betreut. Das Beste was mir passieren konnte, dort werde ich super behandelt und betreut. Seit 2012 und 2017 bin ich selbst Mutter und meine Schubrate ist gering. Wer nicht weiß das ich MS habe, sieht es mir auch nicht an. Die Krankheit hat 1000 Gesichter und man muss positiv bleiben,auch wenn es nicht immer einfach ist. Mein Motto ist von Anfang an, die Krankheit muss mit mir leben und nicht umgekehrt ;-). Alles Gute für Euch!!

  2. Vielen lieben Dank für diesen Beitrag. Liebe Luzia ich wünsche dir und deiner ganzen Familie von Herzen das Beste. Für alle anderen Leser:innen, die über diesen Beitrag zu euch kommen Und vielleicht selbst eine ähnliche Diagnose haben, möchte ich gerne hier noch eine Info mit auf den Weg geben. Selbst wenn man mehrere Schübe hat, und die körperlichen Einschränkungen größer sind, steht das nicht im Widerspruch zu einer Liebenden Elternschaft. Ganz gleich was euch das Umfeld dazu sagt. Und es gibt Möglichkeiten der Hilfe und Unterstützung. So zum Beispiel auch die Möglichkeit und den Rechtsanspruch auf eine Elternassistenz

  3. Schön, dass ihr nun wieder etwas entspannter in die Zukunft blicken könnt. Auch wenn die Diagnose erstmal hart ist, muss man positiv denken…die Krankheit verläuft ja sehr unterschiedlich,
    Ich habe vor fast 20 Jahren die Diagnose MS nach einer Sehnerventzündung erhalten. Ich habe mittlerweile drei Kinder und denke weiterhin positiv. Man weiß nie was kommt und das ist vielleicht auch gut so!
    Alles Gute!

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