Depressionen? Ich schäme mich nicht mehr für meine Krankheit

Ihr Lieben, Depressionen sind die Volkskrankheit Nummer 1 und noch immer ein Tabuthema. Umso mehr unterstützen wir die, die mir ihrer Diagnose in die Öffentlichkeit gehen, sich nicht verstecken oder schämen. Unsere Leserin Laura hat uns diesen Text geschickt, für den wir uns sehr bedanken. Wir wünschen dir alles Liebe, liebe Laura!

„Es ist der 12.März 2021, ich starre kopfschüttelnd aus dem Fenster und höre die Ärztin sagen: „Frau A., hören Sie mich? Ich denke, es ist sinnvoll, wenn sie erstmal ein paar Tage bei uns in der Klinik bleiben. Eine schwere depressive Episode kann man gut behandeln, aber Sie brauchen jetzt Ruhe. Ich kann sie nicht zwingen hierzubleiben, aber sie sind sehr krank und brauchen Unterstützung.“

Moment mal. Von wem redet die Ärztin hier gerade? Schwere depressive Episode? Krank? Unterstützung? Entschuldigung, aber sie kann unmöglich über MICH sprechen. Ja, okay, ich bin erschöpft von dem ganzen Corona-Wahnsinn, dem im-Homeoffice-Kindern-gerecht-werden, müde von der nicht existierenden Freizeit neben Kind&Kegel, dem nebenbei-mal-kurz-ein-Haus-bauen und auch von dem Druck der letzten Wochen auf der Arbeit in dem super wichtigen Projekt.

Ja ok, mein Körper hat manchmal etwas gestreikt und ich hatte ständig Blasenentzündungen. Aber alle haben doch gerade Stress, egal ob groß oder klein, arm oder reich, irgendwie sind doch alle gerade am Limit. Wieso sollte gerade ICH eine depressive Episode haben?

Ich doch nicht, die 34-jährige Twin-Mom mit einem internationalen, super coolen fancy Job in einer glossy Firma (’so international, yeah‘), verheiratet mit einem erfolgreichen, tollen Mann, die eigentlich ihr Leben lang alles dafür getan hat, um eben NICHT an so einen Punkt zu kommen. Und mit diesem Punkt meine ich: in die Psychiatrie.

Doch da steht meine Diagnose: ICD-10: F32.2 ‚Schwere depressive Episode ohne psychotische Symptome
Und ich kann diese Diagnose „hoch funktionale Depression“ und „generalisierte Angststörung“ kaum fassen. Stattdessen denke ich: „Bestimmt finden die Ärzte noch organische Ursachen“ und „Die Ärztin übertreibt doch gerade, es ist doch alles gar nicht so schlimm“.

Aber ich denke auch: „Warum zum Teufel habe ich die Symptome meines Körpers, die vielen Krankheiten, meinen Gewichtsverlust, meine Schlafstörungen nicht wahrgenommen und sie zur Seite geschoben als wäre es eine Banalität?“ Ich denke auch „Gratulation, du bist eine komplette Versagerin. Das ist ist die Niederlage, die du verdienst, Laura. Game over, du hast verloren.“

Ich dachte, ich sei super reflektiert und achtsam, super multikulturell unterwegs, zielstrebig, habe viele Länder bereist, studierte Sprachen und Kulturen, bin eine gesellige Frau mit Humor. Ich habe mit 29 geheiratet, bekam mit 30 meine kleinen Zwillingsgirls und dachte, es wäre voll schlau nach meiner Elternzeit wieder Vollzeit arbeiten zu gehen. Gleichberechtigung, Emanzipation und so. Ich wollte immer unabhängig sein, mein eigenes Geld verdienen, sodass sich mein Studium und meine Auslandsaufenthalte ‚lohnen würden‘.

Ich war die Erste aus meiner Familie, die studiert hat. Ich wollte es meinen Eltern und natürlich mir schon immer selbst beweisen und dachte, mit ein bisschen Biss und Durchhaltevermögen schaffe ich alles, was ich will. Gefangen in dem Hamsterrad des scheinbaren Erfolgs, dem Streben nach Anerkennung und Bestätigung im Außen, meiner vernachlässigten Ehe, dem Voll-Speed meines Lebens raste ich mit Tempo 300 auf eine Betonwand zu. Und Rumms. Es kam zum Crash.

Insgesamt verbrachte ich zwei Wochen stationär in der Psychiatrie und 8 Wochen in einer Tagesklinik und stelle rückblickend fest, dass es die beste Entscheidung meines Lebens war, mir dort Hilfe zu holen. Die Patienten und auch die Ärzte in der Klinik waren unaufgeregt normal, viele hatten ähnliche Geschichten oder sogar Suizidversuche hinter sich.

Ich hatte viel Zeit nachzudenken, zu weinen, für mich selbst Verständnis aufzubringen und mich zu sortieren. Zugegeben, anfangs schämte ich mich sehr für meinen Aufenthalt und meiner Diagnosen. Ich hatte meinem Mann und meiner Familie gesagt, dass niemand etwas erfahren darf. Zu groß ist das Stigma der Gesellschaft.

Mittlerweile ist mein Aufenthalt in der Klinik 1 Jahr her, ich war insgesamt 11 Monate krankgeschrieben und arbeite wieder, aber in Teilzeit. Zwei Mal pro Woche war ich in Therapien, las etliche Bücher, begann Sport zu treiben- versuchte alles, damit diese scheiss Depression nicht wieder Oberhand gewinnt.
Damit geht es mir soweit gut, aber gesund oder stabil bin ich noch lange nicht. Es braucht Zeit, dies musste ich schmerzlich lernen.

Liebe Lesende,
falls dir einige Zeilen bekannt vorkommen sollten, lass dir gesagt sein- du bist nicht allein! Depressionen betrifft so viele Menschen und es wird Zeit, dass diese Krankheit gesellschaftlich akzeptiert wird und dass niemand sich mehr schämen muss. Die Zeit ist reif für mehr Akzeptanz und Toleranz, mehr Empathie und Liebe zwischen den Menschen.
Ich gehe nun offen mit meiner Diagnose um, nicht, weil ich Mitleid möchte, sondern weil ich weiß, dass das Thema Depressionen allgegenwärtig ist und dass meine Geschichte anderen Mut machen soll, sich ebenfalls Hilfe zu holen. Es gibt einen Weg heraus aus der Negativ-spirale und du musst diesen Weg nicht alleine gehen! Alles wird gut, immer.“

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3 comments

  1. Vielen Dank, und alles Gute für die Zukunft! Es ist gut und wichtig aß die Autorin erkannt hat, das sie nach ihrem Tempo leben muss und nicht gegen ihren Körper.

  2. Vielen Dank für diesen Beitrag! Ich möchte an dieser Stelle den Ausdruck hochfunktional unterstreichen, weil psychische Erkrankungen wie Depressionen und Angsterkrankungen noch immer mit absolutem Rückzug und Antriebslosigkeit assoziiert werden. Selbstverständlich gibt es Betroffene, die es nicht mehr aus dem Bett oder zum Müllcontainer schaffen, aber es gibt eben auch Menschen, die trotz Krankheit ihrem Alltag und Beruf nachgehen können. Man sieht solche Erkrankungen den Menschen, die einfach weiter funktionieren, oft nicht an. Es ist sehr wichtig mehr über diese Erkrankungen zu sprechen (und zu schreiben), damit die Gesellschaft ein Verständnis dafür entwickelt und psychische Erkrankungen kein Tabu mehr sind. Von daher – besten Dank und alles Gute an die Autorin!

    1. Frau B.
      Jein. Es gibt die verschiedensten Ausprägungen von Depression und oft ist es so das beide Phasen/ Zustände auftreten. Und bitte nicht diese dumme ( sorry!) Einteilung in gute und schlechte Depression damit treffen! Depression ist immer eine Erkrankung und oft treten auch diese antriebslosen Phasen auf, das heißt nicht das jemand sich gehen lässt! Und die Autorin sagt sehr deutlich das dieser Rückzug auch bei ihr da war. Arbeitskollegen fällt das nur nicht auf da ja meist kein enger Kontakt da ist. Und in diesem Fall hat sie es selbst verdrängt. Das Problem bei Depression und anderen psychischen Erkrankungen ist immer das es eben „keine“ klaren sichtbaren Symptome gibt. Jedenfalls nicht für Außenstehende.

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