Cybergrooming: Mein Sohn wurde online erpresst

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Ihr Lieben, eigentlich wissen wir alle, welche Gefahren im Internet lauern. Gerade für Kinder und Jugendliche. Wie schnell es aber dann wirklich gefährlich werden kann, ist dann aber vielleicht doch überraschend. Und auch, wie schnell unsere Kinder all das „vergessen“, was wir ihnen über das Verhalten im Netz beigebracht haben. Luises Sohn ist gerade in so eine Falle getappt, er ist 14 und wurde erpresst. Danke Luise für deine Offenheit und deinen Mut, seine Geschichte zu erzählen.

Liebe Luise, Du hast einen 14-jährigen Sohn, der vor Kurzem Opfer von „Cybergrooming“ geworden ist. Erzähl bitte mal, was passiert ist.

Mein Sohn hat auf der Chat-Plattform Omegle einen Chat gestartet. Bei Omegle handelt es sich um eine Plattform, auf der man mit fremden Personen 1:1 anonym chatten kann. Diese werden per Zufall zugewiesen. 

Er fing an, mit einem angeblich philippinischen Mädchen zu schreiben. Dieser Chat wurde immer vertrauter und um in Kontakt zu bleiben, wechselten sie dann zu skype. Dort schrieben sie sich weiter und dann forderte sie ihn auf, ein Bild zu schicken. Das tat er.

Sie antwortete, er solle nicht so schüchtern sein und ihr „richte Bilder“ schicken. Er fragte, warum sie das wolle, daraufhin rief sie ihn über Skype an. Seine Kamera war an, ihre angeblich kaputt. Sie sagte, er solle sein Gesicht zeigen und dann langsam mit der Kamera den Körper runter fahren bis zu den Geschlechtsteilen.

Dann sagte sie, er solle seine Geschlechtsteile berühren. Aus welchen Grund auch immer – er hat das getan. Das wurde ihm dann irgendwie zu viel und er wollte aufhören. Da schrieb sie in den Chat: „Wage es nicht, den Chat zu beenden. Ich habe dich auf Video, dein Gesicht und wie du masturbierst. Ich habe alle deine Follower auf Instagram und werde das Video bei all deinen Followern verbreiten, um dein Leben zu ruinieren. Es ist ok, wenn du mich auf Insta blockierst, weil ich längst alle Follower von dir gespeichert habe. Wenn du willst, dass ich das Video lösche, dann müssen wir jetzt einen Deal aushandeln.“

Und wie sag der „Deal“ aus?

Sie sagte, mein Sohn solle innerhalb von fünf Stunden 500 Euro überweisen. Mein Sohn versuchte, sie hinzuhalten und an ihr Gewissen zu appellieren. Er sagte: „Bitte, ich habe nicht so viel Geld und kann auch nicht überweisen, weil ich noch nicht 18 bin.“ und „Warum tust du das? Wenn du Geld brauchst, geh arbeiten und erpresse keine Kinder mit Videos“.

Sie antwortete: „Es ist mir egal, wie du an das Geld kommst. Die Zeit läuft.“ „Ich will nicht diskutieren, ich will Geld, benutze die Bankkarte deiner Mutter oder Kryptowährungen.“ Dazu schickte sie ihm Screenshots von meinem Facebook-Profil, als Drohung, dass sie weiß, wer zu seiner Familie gehört. Dann folgte ein Link mit einer Schritt-für-Schritt Anleitung, wie und wohin das Geld überwiesen werden sollte.

Wie ist das bei Euch: Welche Medien nutzte dein Sohn bis dahin regelmäßig und welche Regeln gab es dazu?

Mein Sohn nutzt sein eigenes Smartphone und ein Ipad. Das Ipad wird hauptsächlich für die Schule, aber auch zum Streamen, genutzt. Das Smartphone zum Musik und Podcasts streamen und für allgemeine Kommunikation. Er darf beide Geräte nachts nicht im Zimmer halten und wir Eltern behalten uns vor, ab und zu beide Geräte in seiner Anwesenheit zu kontrollieren. Er weiß, dass er keine Fotos von anderen Personen veröffentlichen darf und mit seinen persönlichen Daten und Fotos vorsichtig sein muss.

Ihr habt also mit eurem Sohn vorher schon mal über die Gefahren im Netz gesprochen. War euch bewusst, wie leicht sowas passiert?

Wir haben immer wieder mit ihm über die Gefahren im Netz gesprochen.  Vor allem, dass man bei Fremden nie wissen kann, wer oder was dahinter steckt. Außerdem haben wir über versteckte Kosten gesprochen und dass das Netz NICHTS vergisst. Wie schnell es dann aber doch gehen kann, dass man Probleme bekommt, hätten wir nicht gedacht. Genau so wenig, wie schnell unser Sohn alles in den Wind schießt, vor dem wir ihn gewarnt hatten…

Wie ging dieser schlimme Fall weiter? Wie hast du davon erfahren?

Während der Chat noch lief, hat er mir eine lange Whatsapp geschickt und verzweifelt den Sachverhalt erklärt. Er bat mich, das Geld einfach zu überweisen. Er wollte nicht, dass ich in sein Zimmer komme, weil er sich extrem geschämt hat.

Also habe ich zurück geschrieben und ihm klar gemacht, dass wir hinter ihm stehen und wir eine Lösung finden. Da hat er sich etwas beruhigt und ich durfte zu ihm ins Zimmer. Wir haben darüber geredet, was passieren könnte und wie wir damit umgehen. Auch, dass wir ihm keinen Vorwurf machen. Das beruhigte ihn dann noch etwas mehr. Als wir dann am nächsten Morgen feststellten, dass das Video nicht geteilt wurde, war die Erleichterung riesig.

Ihr seid dann zur Polizei. Was habt ihr dort angezeigt und was haben die Beamten dazu gesagt?

Da mein Sohn zu der Zeit in Quarantäne saß, bin ich alleine zur Polizei. Das iPad hatte ich dabei und habe dort zum ersten Mal den ganzen Chat gelesen. Da der Chat in Englisch war, musste es erstmal übersetzt werden, dann wurde der Chat gesichert und wir haben Anzeige wegen Erpressung, Nötigung und Verstoß gegen das Recht am eigenen Bild und „alles was noch in Frage kommt“ erstattet. 

Mir wurde keine große Hoffnung gemacht, da irgendjemanden dingfest zu machen, da es sich meist um Callcenter im Ausland handelt.  Dennoch war der Weg zur Polizei richtig.

Tatsache ist, dass diese Masche immer öfter vorkommt, es sei quasi der Enkeltrick für junge Leute. Die Menschen dahinter arbeiten mit Schockmoment und massiven Zeitdruck gearbeitet, was in vielen Fällen die Opfer zum Zahlen bringt. Die Polizei geht von einer hohen Dunkelziffer aus, weil so viele Opfer sich schämen und nicht darüber reden.

Oft zeigen Opfer die Täter auch gar nicht an, weil sie sich so schämen. Kannst du das verstehen/nachvollziehen?

Ich kann das sehr gut verstehen. Man muss sich ja eingestehen, dass man sich auf etwas eingelassen hat, was nicht richtig ist und dazu ist man auf jemanden reingefallen. Grade, wenn es dann noch um sexuelle Handlungen geht (und dann noch bei Heranwachsenden)…

Welche Konsequenzen zieht ihr aus dem Vorfall?

Wir werden uns wohl noch intensiver damit beschäftigen, wie und mit wem unsere Kinder im Internet Kontakt haben. Zudem führen wir regelmäßig warnende Gespräche mit den Kindern. Die Chatplattform Omegle haben wir natürlich gesperrt.

Was möchtest du anderen Eltern raten? 

Ermutigt eure Kinder dazu, zu euch zu kommen und mit euch zu reden – egal, welchen Mist sie gebaut haben.

Informiert euch, wo eure Kinder chatten und klärt auf, was es für Gefahren gib. Fragt die Kinder speziell danach, weil solche Sachen meist im stillen Kämmerlein passieren, wenn Mama nicht dabei ist. Und sprecht mit Kindern darüber, was Erpressung ist und wie man sich dagegen wehren kann.

Foto: Pixabay

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3 comments

  1. Toll, dass der Sohn zu ihr gekommen ist. Das braucht in so einer Situation riesig viel Mut und Kraft und eine gute Beziehung. Ja, es war doof was er gemacht hat, aber als Teenie lebt man um doofe Sachen zu machen 😉 umso besser das Mama helfen konnte.

  2. Danke für das Teilen von diesem schrecklichen Erlebniss. Ein sehr wichtiges Thema und Erinnerungen an mich wieder mehr mit meinen Kindern darüber zu sprechen.
    Ganz toll finde ich, dass Dein Sohn zu Dir gekommen ist und ihr das gemeinsam durchgestanden habt!
    Alles Liebe

  3. Danke für den Mut diese Geschichte zu teilen und zu warnen! Das ist wichtig. Und es fallen beileibe viel mehr Erwachsene auf solche Maschen herein, das tröstet hoffentlich etwas. Da sind die Kinder/ Teenies, gerade durch mehr Erfahrung im Netz/ mit Smartphone und Tablet, eher die misstrauischeren und sichereren Nutzer. Aber natürlich hört eben ein Teenie manchmal weniger zu. Und natürlich Ist eigentlich klar keine Fotos und intime Daten zu schicken, generell nicht mit unbekannt zu chatten. Und das Positive ist eure Beziehung zueinander ist intakt, euer Sohn vertraut euch und seid miteinander im Gespräch.

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