Mama hat Depressionen: Jennifers Bericht aus der Psychiatrie

Ihr Lieben, dieser Gastbeitrag von Jennifer ist wesentlich länger als die üblichen Beiträge bei uns. Aber wir versprechen: Jedes Wort lohnt sich. Denn es ist die Geschichte einer mutigen Frau, die nicht länger über Depressionen schweigen will und die uns sehr nah an sich heran lässt. Wir bedanken uns für diese außergewöhnlichen Zeilen und schicken Jenny all unsere guten Gedanken.

Da sitzen wir. Drei Frauen und drei Männern mit Abstand, Masken und offenem Fenster an einem runden Tisch. Wir sehen aus, als würden wir neue Projektideen für unser Unternehmen entwickeln. Doch die rohen Eier in der Tischmitte sind kein Requisit einer angesagten Planungsmethode. Wir tragen keine Hemden und Blazer, sondern Trainings- und Strickjacken. Unter unserem Tisch tummeln sich Füße in Schlappen und Hausschuhen. Das hier ist eine Therapiesitzung. Ich bin auf der Akutstation einer Psychiatrie. Wie bin ich hier nur gelandet?  

Meine Diagnose lautet verschlüsselt: F32.2, E43 und F 42.1. Ich habe eine schwere, rezidivierende und agitierte Depression. Ausgerechnet ich. Nie hätte ich diese Diagnose mit mir in Verbindung gebracht. Dabei erkranken 17,1 Prozent aller Deutschen in ihrem Leben mindestens einmal an einer unipolaren Depression oder einer anhaltenden depressiven Störung. Im Laufe eines Jahres sind das über fünf Millionen der erwachsenen Deutschen (18-79 Jahre). Depressionen zählen zu den häufigsten Erkrankungen hierzulande.

Das war bereits vor der Coronapandemie der Fall. Die vom Bundesministerium für Gesundheit geförderte Langzeitstudie NAKO stellte im Frühjahr 2020 eine weitere Zunahme der Diagnosen fest. Vor allem junge bis mittelalte Menschen fühlten sich zunehmend unter Druck. Mit meinen 39 Jahren bin ich eine mittelalte Frau. Die in der Studie aufgezählten Stressfaktoren, die mit SARS-CoV-2 in unser Leben gekommen sind, betreffen auch mich: Die Angst, meine Lieben oder ich könnten am Virus erkranken, Homeoffice und Homeschooling, die wirtschaftlichen und privaten Einschränkungen. Und neben alledem die Unwissenheit, wann und wie und ob das alles einmal endet.  

Und dann bin ich in der Psychiatrie

Aus diesem Strudel bin ich herauskatapultiert worden – hinein in dieses Zimmer, in die Psychiatrie. Hier soll uns nichts stressen. Und so widmet unsere Gruppe sich heute nicht irgendwelchen Projektideen, sondern einer Meditationstechnik: „Nehmen Sie sich bitte jeder ein Ei aus der Schachtel“, fordert uns der mich stark an Markus Lanz erinnernde Dr. T. mit sanfter Stimme auf. Die Schachtel wird reihum gereicht. Daniel, ein junger Mann, dessen kindliches Gesicht nicht zu seinen Aggressionsproblemen passt, hat Mühe, das Ei nicht fallen zu lassen. Gunther hingegen, ein manischer Lkw-Fahrer, freut sich über sein Ei. Er betrachtet es voller Stauen. Ich befinde mich unter Verrückten.  Und ich bin nicht weniger verrückt als die anderen, Dr. T. ausgenommen…

Mir fällt es schwer, dessen Erklärungen zu unseren Eiern zu folgen. Als würde er die Funktionsweise von Finanzmärkten erläutern. Wir sollen uns jedoch nur in Achtsamkeit üben: „Sehen Sie sich Ihr Ei in Ruhe an“. Meine Augen sind auf das Ei in meiner Hand gerichtet. Meine Gedanken sind beim Abgabetermin der Biologie-Aufgaben unserer großen Tochter. Und hat mein Mann die Krankenkarte unseres Sohnes für seine Physiotherapieverordnung? Dr. T. hält sein eigenes Ei hoch: „Fühlen Sie die Struktur des Eis“. Seine monotone Stimme macht mich nervös. Was soll das? Was soll ich hier? Ich sollte nicht auf ein Ei starren. Ich sollte jetzt, im Frühjahr 2021, auf einen Computerbildschirm blicken.

Meine dritte Elternzeit zog sich in der Pandemie länger hin als geplant. Nun wollte ich für meine Rente vorsorgen. Und meinen Intellekt wieder nutzen. Nur ist von dem nicht viel übrig. Selbst dieses Ei überfordert mich. Auch der mit hängenden Schultern neben mir sitzenden Elke fällt unsere Tagesaufgabe schwer: „Bringen Sie das Ei zum Stehen!“ Mehr verlangt Dr. T. nicht von uns. Elke schafft es nicht einmal, das Ei zu berühren. Teilnahmslos und mit gesenktem Blick versinkt sie in ihrem Stuhl. So habe ich mir eine depressive Frau immer vorgestellt: Ihr graues Shirt trägt Elke den fünften Tag in Folge. Die braunen Haare hängen ungewaschen und strähnig ins Gesicht. Sie ist schwer adipös. Zum morgendlichen Spaziergang um sieben muss sie stets geweckt werden. 

Niemand sucht sich diese Krankheit aus

Ich wusste bereits vor meinem eigenen Zusammenbruch: Frauen wie Elke suchen sich ihre Depression nicht aus. Es ist eine Erkrankung, dazu noch eine komplexe. Die psychosoziale Seite gehört zur Depression ebenso wie die neurobiologische. Genetische Faktoren erhöhen das Risiko zu erkranken. Daneben gibt es psychosoziale Auslöser für das Auftreten der Erkrankung. So können u. a. Verlusterlebnisse oder chronische Überlastung ihr Ausbrechen provozieren. Die Coronapandemie hat nicht nur Elke und mich in die Klinik geführt. Wobei Stress allein nicht ausreicht. Erst viel später begreife ich: frühe traumatische Erlebnisse erhöhen die Anfälligkeit für eine Depression, auch bei mir. Ein klassisches stressbedingtes Burnout als Diagnose wäre für mich weniger bedrohlich. Und es ist gesellschaftlich akzeptierter.

So betiteln auch wir die Ursache meines Klinikaufenthalts bei Bekannten, an den Schulen und im Kindergarten, als Burnout. Burnout klingt sexy. Als Corona-Mama habe ich das letzte Jahr viel geleistet. Das Burnout habe ich mir verdient. Mit diesem Bild kann ich mich identifizieren. Depression hingegen klingt nach Elke. Sie entspricht nicht meinem Bild von sexy. Dabei habe ich mich selbst, abgemagert und angespannt, die letzten Monate gleichfalls unsexy gefühlt. Nur depressiv, das entsprach nie meiner Selbstwahrnehmung. Dafür waren meine Vorurteile gegenüber psychisch Erkrankten zu groß. Obgleich ich nicht nur wusste, psychische Erkrankungen sind kein Wunschkonzert. Ich wusste auch, sie sind nicht immer sichtbar. Ich habe eine alte Schulfreundin, die in depressiven Tiefphasen tagelang ihre Wohnung nicht verlässt. Ist sie medikamentös richtig eingestellt und achtet auf ihren Lebensstil, arbeitet sie erfolgreich im Marketing, ist fröhlich, macht Yoga. Es fiel mir stets schwer nachzuvollziehen, warum diese lebensbejahende Freundin in ihren dunklen Phasen meinen Kaffee-Einladungen nicht folgte. Und warum kann Elke nicht einfach ihr T-Shirt wechseln?

Über Depressionen gibt es viele Vorurteile

Mit solchen Vorurteilen stehe ich nicht allein da. Laut des Deutschland-Barometers Depression von 2017 halten etwa 19 Prozent der deutschen Bevölkerung „sich zusammenreißen“ für eine geeignete Maßnahme zur Bewältigung von Depressionen. Depression ist ein Stigma. Und aus diesem Grund geben wir bei der Anmeldung der Notbetreuung für unsere drei Kinder Burnout an. Bei einem doppelten Beinbruch hätten wir nicht „leichte Verstauchung“ gesagt. Dabei ist eine Depression faktisch auch eine körperliche Erkrankung. Nicht die Beine sind betroffen, sondern das Gehirn. Neurobiologisch kommt es zu Veränderungen auf der Stressachse. Die Botenstoffe in bestimmten Hirnregionen geraten ins Ungleichgewicht.

Aus diesem Grund ist meine Therapie nicht auf dieses verflixte Ei begrenzt. Heute Abend wird Dr. T. vermutlich Rühreier braten. Ich werde mir im Pflegezimmer eine Tablette meines Antidepressivums abholen. Ohne das Medikament kann sich mein Zustand nicht bessern. Ich habe nicht dieselben Symptome wie Elke. Deswegen bin ich nicht weniger depressiv. Während Elke ihr Ei anstarrt, zittert meines in meinen Händen. 

Ich stehe seit Wochen, Monaten unter Strom. Im letzten Jahr habe ich zehn Kilo verloren und bin gefährlich dünn. Dafür sind meine Haare gekämmt, meine Kleidung ist farblich abgestimmt und frisch. Man sieht mir meine Depression nicht an. Obwohl ich meinen körperlichen Abbau nicht verbergen kann. Den Gewichtsverlust versuche ich seit Langem zu kaschieren. Die Pullis sitzen lockerer als sonst, meine Röcke habe ich gegen weite Hosen getauscht. Kurz vor meinem Zusammenbruch sprechen mich Freundinnen vermehrt an. Ich sähe nicht gesund aus. Die Pandemie hält mich lange ab, meine körperlichen Symptome selbst ernst zu nehmen: Zu viel zu tun.

Ich will die Symptome zunächst nicht sehen

Arztbesuche, die nicht dringend notwendig sind, vermeide ich aus Angst vor Ansteckungen. Erst als die Inzidenz in unserem Landkreis unter 20 gefallen ist, mache ich einen Termin bei meiner Gynäkologin. Ein Jahr nach dem Abstillen habe ich noch keine Regelblutung. Gynäkologisch bin ich gesund. Die Ärztin rät mir zu einer Mutter-Kind-Kur. Ich wiegele ab. Wie soll das gehen? Und eine Kur, die auf die Körperbehinderung unseres Sohnes, seine zwei Schwestern und meine Bedürfnisse ausgerichtet ist? Gibt es nicht. Außerdem sind Termine für Kuren rar. Ich bin nicht die einzige Mutter mit Corona-Belastung. Bis zum Kurantritt würde es mir auch ohne Hilfe besser gehen. Hormonpräparate werden vorerst genügen.

Ich funktioniere einwandfrei. Der Haushalt läuft. Ich unterstütze und bespaße die Kinder im Homeschooling. Schreibe nebenbei Bewerbungen und Artikel. Wie ich zunehmend schlechter schlafe und meinen Morgen auf drei Uhr vorverlege, ignoriere ich. Statt zwei- bis dreimal in der Woche fahre ich nun jeden Tag auf unserem Ergometer. Nur dort kann ich Texte lesen. Meine Konzentration lässt nach. In der Nacht oder unter der Dusche, immer schalte ich mein Handy laut an. Höre Podcasts und Nachrichten in Dauerbeschallung. Ich verspüre häufig ein körperliches Zittern, dazu ein inneres. Es gibt Tage, da kann ich trotz Schwindel erst mittags etwas essen. Und dann bin ich schon acht Stunden auf den dürren Beinen.

Ich empfinde keine Freude mehr

Die Pflege unseres Sohnes, sein Anheben, das Überziehen seiner Orthesen, alles fällt mir körperlich schwer. Leider nicht nur das. Dinge, die ich sonst voller Freude getan habe, fühlen sich zäh und mühsam an: Ich lese den Kindern vor, höre mir ihre Geschichten an, nehme sie in den Arm. Weil eine Mama das so macht. Nicht mehr instinktiv oder mit Gefühl. Gemeinsames Backen oder Spazierengehen schiebe ich auf. Stattdessen sauge ich zweimal täglich das Haus und bereite Unmengen an gesunden Snacks vor. Schneller als sonst verliere ich irgendwann beim Homeschooling meine Nerven. Täglich fiebere ich dem Abend entgegen. Aber so geht es allen Eltern in der Pandemie, oder? Ich sehe keinen Grund, mich zu beschweren. Im Gegensatz zu so vielen anderen sind meine Belastungen gering. Und ich kann meine Familie und mich vor Ansteckungen schützen. Viel bedrohter und stressgeplagter sind prekär Beschäftigte oder Menschen in beengten Wohnverhältnissen, alle, die in Städten den öffentlichen Nahverkehr nutzen oder im Lebensmitteleinzelhandel arbeiten. Ich kann Homeoffice machen, wir haben einen Garten, genug Endgeräte, keine Existenzängste.

Warum fühle ich mich in meiner Bullerbü-Welt so überfordert? Das steht mir nicht zu. Die Kinder meistern das Homeschooling wunderbar und die Geschwister spielen viel miteinander. Sie toben umher, führen selbsterdachte Theaterstücke vor. Wie in einer Bilderbuchfamilie. In Bilderbüchern ist das Lächeln der Mutter aufgemalt. Und das ist es bei mir irgendwann auch. Unbemerkt spule ich wie ein Roboter meine „Aufgaben“ ab. Jede Umarmung, jedes tröstende Wort läuft automatisiert. Ich beobachte die Kinder und meinen Mann, mein Leben, wie durch eine Scheibe. Indes rotiere ich weiter und bemerke nicht, wie sehr ich mich verändere. 

Ich fühle nichts mehr, gar nichts mehr

Meine Schwester ist Assistenzärztin für Psychiatrie, regelmäßig telefoniere ich mit ihr. Sage nichts. Besuchen wollen wir uns nicht: Corona. Mein Mann macht sich irgendwann ernsthafte Sorgen: „Wann hast du das letzte Mal gelacht, Jenny?“ Ich lächele verkrampft zurück. Er drängelt. Ich soll meiner Schwester sagen, wie dunkel meine Stimmung ist. Ich will sie nicht volljammern. Mir geht es nicht gut, ok. Aber so schlecht fühle ich mich nicht. Eigentlich fühle ich nichts. 

Dann verschlechtert sich mein Zustand innerhalb weniger Tage. Mir entgleiten mehr als meine Gefühle. Ich verliere komplett die Kontrolle über meinen Körper und meine Gedanken. Es ist einer dieser typischen Corona-Tage mit beiden Schulkindern im Homeschooling und der Kleinen mit Infekt daheim. Das Endgerät der Großen stürzt ab, ihre kleine Schwester zerreißt ein Schulheft, ich bekomme eine Absage auf eine Bewerbung. Alles zu viel. Zunächst bewältige ich das Chaos irgendwie. Dann schalte ich mit letzter Kraft den Beamer an und parke die Kinder auf dem Sofa. Zeitgleich verabschiedet sich mein Ich.

Als mein Mann abends nach Hause kommt, kann ich ihn kaum begrüßen. „Du sprichst wie eine Maschine“, er nimmt mich in den Arm. Ich fühle seine Umarmung nicht. Ich habe meinen Körper längst verlassen. Der Fachbegriff dafür lautet Depersonalisation. Sofort schickt mich mein Mann nach oben ins Schlafzimmer. Er werde den Rest allein schaffen. Ich widerspreche zunächst. Sonst teilen wir uns abends auf. Er hat einen 11-Stunden-Arbeitstag hinter sich. Ich lasse mich nicht davon abbringen, den Tisch abzuräumen. Erst als ich völlig fahrig zwei Teller fallen lasse, folge ich seiner Anweisung und ziehe mich ins Schlafzimmer zurück. Stundenlang liege ich schlotternd im Bett. Um Mitternacht klappe ich den Computer auf und beginne zu googeln. Schnell lande ich auf der Seite der Deutschen Depressionshilfe. Ich mache einen Selbsttest. Drei Hauptsymptome und mehrere Nebensymptome kennzeichnen eine Depression. Die Diagnose Depression wird erst gestellt, wenn über mindestens zwei Wochen zwei oder drei der Hauptsymptome und zusätzlich mindestens zwei Nebensymptome vorliegen. Ich mache meine Kreuze. 

Leiden Sie seit mehr als zwei Wochen unter

  • gedrückter Stimmung: Ja
  • Interessenlosigkeit und/oder Freudlosigkeit, auch bei sonst angenehmen Ereignissen: Ja
  • Schwunglosigkeit und/oder bleierner Müdigkeit und/oder innerer Unruhe: Ja
  • Fehlendem Selbstvertrauen und/oder fehlendem Selbstwertgefühl: Ja
  • Verminderter Konzentrationsfähigkeit und/oder starker Grübelneigung und/oder Unsicherheit beim Treffen von Entscheidungen: Ja
  • Starken Schuldgefühlen und/oder vermehrter Selbstkritik: Ja
  • Negativen Zukunftsperspektiven und/oder Hoffnungslosigkeit: Ja
  • Hartnäckigen Schlafstörungen: Ja
  • Vermindertem Appetit: Ja
  • Tiefer Verzweiflung und/oder Todesgedanken: Nein

In sieben Tagen wird meine letzte Antwort anders lauten. Geschockt von dem Testergebnis bin ich schon jetzt: „Bitte suchen Sie umgehend einen Arzt/eine Ärztin (Hausarzt, Facharzt für Psychiatrie, Psychosomatische Medizin oder einen Nervenarzt) auf. Ihr Ergebnis lässt vermuten, dass Sie unter einer schweren depressiven Erkrankung leiden (…). Bitte beachten Sie, dass schwere depressive Erkrankungen leider immer wieder zu Selbsttötungsversuchen führen. Insofern brauchen Sie jetzt dringend professionelle Hilfe“. Ich klappe den Laptop zu. Ist mein Zustand so schlimm? Die ganze Nacht wälze ich mich hin und her. 

Mein Mann drängt mich, Hilfe zu suchen

Am nächsten Tag geht es mir besser. Ich funktioniere wieder. Mein Mann verlangt dennoch, meine Schwester anzurufen. Die ist besorgt und drängt mich, sofort meine Hausärztin aufzusuchen. Parallel hält mein Mann Rücksprache mit einem alten Studienkollegen, heute Oberarzt in der Forensik. Erst dann gehe ich zur Hausärztin und lasse mir ein Antidepressivum verschreiben. Ich telefoniere zwanzig Psychotherapie-Praxen ab: Keine Plätze in den nächsten sechs bis zwölf Monaten. Corona fordert Kollateralschäden. Meine Schwester will mich am nächsten Tag besuchen und live sehen. Dann bekommt unsere Jüngste wilde Windpocken – trotz Impfung. Wegen ihres Babys kann meine Schwester nicht zu uns. Weil mein Mann dringende berufliche Termine hat, muss er mich mit den Kindern allein lassen. An diesem Tag breche ich endgültig zusammen. 

Homeschooling, Kinderbetreuung, Pflege, alles kriege ich noch irgendwie hin. Mein Zittern jedoch wird im Tagesverlauf zunehmend stärker. Nach dem Abendbrot kann ich kaum noch einen klaren Gedanken fassen. Ich verschiebe das Zähneputzen der Kinder nach hinten. Sie dürfen stattdessen Lego bauen. Völlig neben der Spur verstecke ich mich im Hauswirtschaftsraum. Der Collegeblock in meinen Händen vibriert. Darauf stehen jetzt neben zig To-do-Listen drei Briefe an meine Kinder: Wie sehr ich sie liebe. Mein Körper und mein Gehirn rotieren. Alles dreht sich. Ich will nur noch dieses Zittern stoppen, verspüre einen starken Drang, mich in die warme Wanne zu legen: Unterzutauchen – nicht mehr aufzutauchen. 

Letzte Testfrage der Depressionshilfe: „Leiden Sie unter Tiefer Verzweiflung und/oder Todesgedanken“: „Ja“

An diesem Abend bringt meine frisch geimpfte Schwiegermutter die Kinder ins Bett. Mein Mann fährt mich in die psychiatrische Notfallambulanz. Von dort komme ich gleich auf die Akutstation. 

Ich habe immer funktioniert. Warum jetzt nicht mehr? 

Wochen später erläutert mir eine Psychologin mein Krankheitsbild: eine hochfunktionale, agitierte, schwere Depression: 

Ich versuche, mich öffentlich und vor den Kindern normal zu verhalten. Zusammenzubrechen traue ich mich nur, wenn mein Mann heimkommt. Seit Monaten halte ich jegliche Art von sozialer Interaktion auf dem Small-Talk-Level und selbst das ist unfassbar anstrengend für mich. Ich verwende Unmengen an Energie darauf, die Kinder mit gesundem Essen und Corona-Bespaßungen glücklich zu machen – weil ich selbst kein Glück empfinden kann. Ich lasse mich rund um die Uhr beschallen, konsumiere wahllos Medien, muss dauernd Sport machen, Bewerbungen schreiben oder putzen, denn ich vermag weder Geist noch Körper ruhig zu halten. 

Wenn ich gewusst hätte, wie viele Gesichter eine Depression haben kann, hätte ich dann früher meine eigene Erkrankung bemerkt? Eine Depression kann jede und jeden treffen, unabhängig von Geschlecht, Herkunft, Charaktereigenschaften oder sozialem Status.

Auf der Akutstation, in den Gruppensitzungen, Malstunden und beim gemeinsamen Essen begreife ich langsam: Ich gehöre hierher. Wir sind ein bunter Haufen von Psychiatrie-PatientInnen. Keine und keiner ist ohne Grund hier. Zugleich lerne ich: Meine Depression begleitet mich nicht erst seit der Coronapandemie. Die Pandemie hat diese Episode ausgelöst, meine bisher schlimmste. Schwächere Episoden, die von allein abklangen, hatte ich bereits im Studium. Wie die Mehrzahl der Depressionen ist auch meine rezidivierend. Bei über 70 Prozent der Betroffenen kehrt die Depression wieder. 

Gunther, der Lkw-Fahrer aus unserer Ei-Runde, lebt mit seiner manischen Depression seit Jahrzehnten. Bei ihm wechseln sich Hochgefühle und Tiefs stetig ab. Gerade bringt er als Erster von uns sein Ei zum Stehen. Er jubelt laut auf. Wenigstens Gunther scheint im Reinen mit sich zu sein. Er akzeptiert: die Krankheit gehört zu seiner Person. Das hat er mir auf unseren nächtlichen Streifzügen durch die Klinik erzählt. Ab und an muss er eben auf die Akutstation. Danach geht es zurück ans Steuer seines Lkw und seines Lebens. Bis er wieder eine Pause einlegen muss. „Das haben Sie toll gemacht“, lobt ihn Dr. T. sehr überschwänglich. Zugegeben, Gunthers Ei steht. Meines fällt um, immer wieder. Werde ich es je zum Stehen bringen können? Wäre das schon ein Erfolg? Ich will, dass mein Ei steht. Ich will mein Leben zurück. Meine Hände zittern ebenso wie mein Kopf. 

Bis heute bringe ich kein Ei zum Stehen. Doch ich bin nach einigen Wochen der stationären Therapie wieder zu Hause. Meine depressive Episode klingt ab. Noch bin ich nicht stabil und muss weiterhin therapiert werden. Zu den drei Therapiebausteinen einer depressiven Störung gehören die psychotherapeutische und medikamentöse Behandlung sowie andere unterstützende Maßnahmen.

Corona hat Depressionen verstärkt

Ich stehe mittlerweile auf 18 Wartelisten für einen ambulanten Psychotherapieplatz. In Zeiten von Corona bin ich nicht die Einzige, die Hilfe sucht. Laut Sondererhebung des Deutschland-Barometers Depression vom Februar 2021 berichteten bereits beim zweiten Lockdown 44 Prozent der Menschen mit diagnostizierter Depression von einer Verschlechterung ihres Krankheitsverlaufs in den letzten sechs Monaten bis hin zu Suizidversuchen. 22 Prozent der Menschen in einer akuten depressiven Krankheitsphase geben an, keinen Behandlungstermin zu bekommen. Zum Glück habe ich meine Schwester. Sie hilft mir mit Gesprächen, die Zeit bis zur Therapie zu überbücken. Sie bestärkt mich auch, meine Erkrankung als solche anzunehmen. Auch den biologischen Aspekt.

Um stabil zu bleiben, nehme ich weiterhin ein Antidepressivum ein. Daneben strukturieren wir als Familie unser Leben um. Wir haben eine Haushaltshilfe organisiert und etwas Unterstützung bei der Pflege unseres Sohnes. Ich werde mich beruflich neu orientieren müssen. Noch bin ich krankgeschrieben. Mein gesamtes Selbstbild muss ich revidieren. Ich bin nicht die Powerfrau, die alles meistert. Und ich muss das auch nicht sein. Ich muss keinem Bild entsprechen, keinem gesellschaftlichen und auch nicht meinem alten Selbstbild. Was ich muss, damit es mir und meiner Familie gut geht, ist akzeptieren, dass ich krank bin. Und zwar chronisch und psychisch. Irgendwann werde ich in einer Therapie dunkle Kindheitserlebnisse aufarbeiten. Wie so viele andere Erkrankte ebenfalls. Meine Depression wird nicht wie ein gebrochenes Bein einfach auskuriert sein. Ich werde nicht wieder gesund sein, wenn alle geimpft, alle Schulen wieder auf sind und die Pandemie im Griff ist. 

Die Depression ist ein Teil von mir

Die depressive Störung bleibt ein Teil von mir. Sie definiert mich nicht. Sie gehört dennoch zu mir. Die depressiven Episoden können wieder auftreten. Zwischen den Episoden werden symptomfreie Phasen liegen. Und diese können auch Monate und sogar Jahre dauern. Darauf hoffe ich. Das Risiko eines Rückfalls kann ich reduzieren. Ich muss regelmäßig meine Medikamente einnehmen, meine Psychotherapie ambulant fortsetzen und mein Leben entschleunigen. Dazu bin ich bereit. Einige Hilfen für den Alltag habe ich in der Psychiatrie erlernt: z. B. achtsam zu sein, nicht nur für die Beschaffenheit einer Eierschale. Ich werde auch meinen Gedanken und Bedürfnissen gegenüber achtsam sein. Denn ich bin eine gute Mutter – mit einer psychischen Störung.

Und so macht mir dieser Sonntagmorgen richtig Freude. Mein Lächeln ist nicht aufgemalt. Es kommt von innen heraus. Unsere drei Kinder, mein Mann und ich sitzen am Esstisch. Entgegen meinen Zwängen habe ich ihn noch nicht abgeräumt. Die Teller sind wild beiseitegeschoben, alles ist verkrümelt. Unsere Münder sind marmeladenverschmiert. Jetzt wird erst einmal gespielt. Ich gebe jedem Kind ein rohes Ei, sogar der Kleinen: „Wer es zuerst schafft, sein Ei zum Stehen zu bringen, darf heute Mittag den Nachtisch aussuchen!“ Und zwar keinen selbstgemachten, zuckerfreien Joghurt. Irgendein leckeres, mit Industriezucker verseuchtes Zeug aus der Süßigkeitenschublade. Die Übung beginnt. Für die Kinder und für mich. 

——–

Lange habe ich überlegt, ob ich diesen Artikel unter meinem Namen veröffentlichen lassen soll. Ich habe mich dafür entschieden. Nicht nur, um Betroffenen Mut zu machen. Ganz egoistisch, um mich zu akzeptieren. Und um Danke zu sagen: Meinem Mann, meinen Kindern, meiner Schwester, meiner Mama und meinen Schwiegereltern, Freundinnen und Freunden und meinen ÄrztInnen, TherapeutInnen und MitpatientInnen. Letztere habe ich anonymisiert beschrieben. Ich hoffe, sie nehmen meinen Dank dennoch entgegen: Danke. 

Wenn du selbst den Verdacht auf eine Depression hast, bei dir oder bei einem dir nahestehenden Menschen, suche unbedingt das Gespräch mit einer Ärztin oder Psychotherapeutin. 

Die erste Ansprechpartnerin ist grundsätzlich die Hausärztin, die dich bei Bedarf an eine Fachärztin (Psychiaterin) oder eine psychologische Psychotherapeutin überweisen wird. In Notfällen, wenn du drängende oder konkrete Suizidgedanken hast, melde dich sofort bei der nächsten psychiatrischen Klinik oder bei der Notärztin (112).

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31 comments

  1. Toller Artikel! Vielen Dank dafür. Mir erging es sehr ähnlich und nach knapp zwei Jahren kann ich jetzt mit Stolz behaupten eine schwere Depression überwunden zu haben! Anfangs waren nur Gefühle wie Scham und Angst da – ich hatte als Mutter/Freundin/Tochter/Ehefrau versagt… heute bin ich stolz auf den Mut den es gebraucht hat mir einzugestehen, dass ich Hilfe brauche. Ich kann meinen Kindern in einigen Jahren erhobenen Hauptes entgegen treten und sagen, dass es sich lohnt zu kämpfen und dass man immer selbst in der Hand hat was man für ein Leben führen möchte. Ich bin froh und dankbar heute noch hier zu sein und diese Worte mit so viel Zuversicht schreiben zu können, denn es gab unglaublich dunkle Tage in meinem Leben. Es lohnt sich immer weiter zu machen! An alle da draußen: Lebt euer Leben wie ihr es für richtig haltet und nicht so wie andere euch gerne hätten!

  2. Danke für diesen ehrlichen Bericht! Es müsste viel mehr über solche Themen gesprochen und Aufklärung betrieben werden.
    Depression kann jeden treffen und verändert das Leben immens.

  3. Danke für diesen ehrlichen Bericht! Es müsste viel mehr über solche Themen gesprochen und Aufklärung betrieben werden.
    Depression kann jeden treffen und verändert das Leben immens.

  4. Danke für alle Eure Kommentare! Ihr zeigt mir, dass es richtig und wichtig war, mich hier zu öffnen. Ihr gebt mir Stärke, weil ich mich weniger allein fühle nach Euren Zeilen. Und Ihr gebt mir Hoffnung, dass es besser wird. Noch nicht heute oder morgen, aber wir Betroffenen werden wieder sehr helle Tage haben und uns wiederfinden. Danke Euch, Jenny

    1. Liebe Jenny,

      Vielen Dank für deinen Bericht. Du hast vollkommen recht, depressiv sind immer nur die anderen, aber bloß nicht man selbst. Auch ich gehe mit meiner Erkrankung nicht offen um, aus Scham. Ich habe so oft die Erfahrung gemacht, dass Freundschaften in die Brüche gehen, wenn ich mir eine sichere, verständnisvolle Beziehung wünsche. Die anderen Frauen, die keine Erfahrung mit Depressionen haben, sind wegen anderer Dinge trotzdem so gestresst, dass sie sich mit mir nicht abgeben wollen. Leider haben die Freundschaften aus den Kliniken auch nie lange gehalten – und eine Freundin ist leider gestorben. Depressionen haben ja oft ihre Ursache in Beziehungsverlusten während der Kindheit. Aber in der heutigen Zeit enge Beziehungen herzustellen, im echten Leben, wird irgendwie immer schwerer, finde ich auch schon vor Corona. Ich würde mir so sehr wünschen, dass sich jemand einmal um mich bemüht, als immer nur anders herum. Meine Therapeutin versucht mir beizubringen, mit mit selbst allein auch glücklich und zufrieden zu sein, und nicht einsam. Das ist wirklich schwer. Am glücklichsten wäre ich glaube ich als Teil einer indianischen Großfamilie gewesen, bevor die Weißen kamen 🙂 dieses Gefühl der Zugehörigkeit ist heute verloren, deswegen fühlen sich glaube ich viele Menschen verloren. Und dann der allwährende berufliche Druck, keine krankheitstage anzuhäufen, um nicht als Loser dazustehen oder von den Kollegen schief angeguckt zu werden. Das habe ich früher nicht so krass erlebt. Wir Frauen sollten wieder mehr zusammen halten und auf uns achten! Ich wünsche dir alles, alles Gute!

  5. Ein toller Text. Eine tolle Frau. Und irgendwo findet sich sicher jede Mutter wieder. Vielen Dank, dass du uns LeserInnen teilhaben lässt. Uns aufklärst. Uns bestärkst.

  6. Liebe Jennifer,
    Danke für Deinen Beitrag.
    Mir geht es ganz genau so.
    In schweren Phasen habe ich starke Suizid Gedanken.
    Ich habe Angst,mein ganzes Leben nur dagegen ankämpfen zu müssen.
    Ich bin bereits 1,5 Jahre in Therapie. Eine richtig tolle Therapeutin.
    Du hast Recht, wenn man lernt, seine Krankheit anzunehmen und sie zu akzeptieren, dann wird es leichter sein , ein fröhliches und entspanntes Leben zu führen.
    Dein Beitrag hat mir sehr gut getan.
    Dankeschön.
    Ganz liebe Grüße, Ela

  7. Danke für deine ehrlichen Worte! Damit, dass du akzeptierst, dass du erkrankt bist, hast du einen ganz wichtigen Meilenstein für dich erreicht, denn daraus resultiert die Kraft weiterzumachen. Alles Gute für dich und deine Familie!!!

  8. Ein toller und wichtiger Text, danke dafür!
    In beruflicher Hinsicht von der anderen Seite – als psychologische Psychotherapeutin mit langer Berufserfahrung in der Psychiatrie – möchte ich ergänzen: Ja, in der Psychiatrie sind tatsächlich Menschen, die in Punkto Aussehen und Verhalten beängstigend oder befremdlich wirken können – etwa, weil sie eine langjährige schwere chronische Psychose haben. Ganz generell gilt: In der Psychiatrie werden Menschen wie du und ich behandelt. Die 20-jährige Erzieherin, der 30-jährige Arbeitslose ohne Schulabschluss, die Beruf und Familie stemmende 41-jährige Ärztin, der 55-jährige Topmanager. Als Betroffene*r in der stationären Psychiatrie auf all diese Menschen zu treffen und sich mit ihnen auszutauschen, kann immens wohltuend und entlastend sein und einen für den weiteren persönlichen Weg stärken. Wir alle sind nur Menschen und niemand ist davor gefeit, in eine psychische Notlage zu geraten.
    Ich möchte allen, die eine psychische Belastung bei sich wahrnehmen, Mut machen, sich Hilfe zu holen. Den Hausarzt ansprechen, sich an eine Beratungsstelle wenden oder – auch bei Nacht und Nebel – in der Notaufnahme einer Psychiatrie vorstellig werden oder dort anrufen.

  9. Liebe Jennifer,

    dein Artikel hat mich sehr berührt. Er ist äußerst reflektiert, sehr ehrlich, und so liebevoll geschrieben. Ich stimme den anderen Leserinnen hier zu: einer der besten Artikel, die hier veröffentlicht wurden. Herzlichen Dank dafür!

    Ich bewundere deine Offenheit und deine Stärke. Du gehst mutig deinen Weg und scheust dich nicht davor, Hilfe anzunehmen. Nein, du klärst sogar andere über das Krankheitsbild Depression auf. Hut ab!

    Ich habe es erst dieses Jahr geschafft, meinen Liebsten von meiner Wochenbettdepression zu erzählen, die ich vor einigen Jahren hatte und Dank therapeutischer Unterstützung überwinden konnte. Die Scham war zu groß, erst mit Abstand konnte ich darüber sprechen. Wie du sagst: Depressionen sind ein Stigma.

    Ich wünsche dir das Allerbeste für deinen Weg!

    Liebe Grüße, Sophia

    1. Ich fand den Artikel auch superwichtig – auch für Menschen wie mich, die bisher persönlich(zum Glück) noch wenig bis nichts mit BurnOut und/oder Depression zu tun hatten.
      Denn ich merke oft wie die Kombination aus

      Kindern (mit denen ich gern geduldiger und zugewandter wäre)
      Beruf (den ich gern engagierter ausüben würde),
      Haus (das ich gern sauberer hätte),
      Mini- Garten (in dem ich gern überhaupt mal was machen würde)
      Kochen (das ich gern abwechslungsreicher und gesünder machen würde) und Sozialleben ( hätte gern viel mehr Energie für meine Freunde und Ehrenamt)
      Mir und meineHobbies (für die nur sehr, sehr wenig Zeit bleibt)

      mir manchmal sehr an die Nieren geht und dann können ein Corona- Monat einen schon ins Schwanken bringen.
      Insofern hat der Artikel auch jemandem wie mir gesagt, dass wir einfach alle auf uns aufpassen müssen und rechtzeitig gegensteuern!
      Danke, Jennifer und alles Gute!

    2. Danke für diesen ehrlichen Bericht! Es müsste viel mehr über solche Themen gesprochen und Aufklärung betrieben werden.
      Depression kann jeden treffen und verändert das Leben immens.

  10. Danke für deine offenen Worte. Dieser Artikel beschreibt wunderbar das es jeden von uns treffen kann.
    Wir sollten diesen Perfektionismus endlich weit von uns schieben und uns nicht zwanghaft versuchen in ein falsches Bild zu schieben, was nicht zu schaffen ist.
    Ich weiß genau wie es sich anfühlt, nur zu funktionieren. Nichts mehr zu spüren. Ich bin selbst noch ganz am Anfang meines Weges. Es kostet Kraft und Tränen. Aber es geht…irgendwie…an alle Mamas da draußen. Sorgt euch um euch! Ihr macht das wunderbar

  11. Vielen Dank für diesen Artikel und deine Offenheit! Ich denke es hilft denjenigen, die sich wiedererkennen und sensibilsiert sie dazu, auf sich aufzupassen oder sich Hilfe zu suchen. Alles Gute für dich und deine Familie!

  12. So ein ehrlicher und wichtiger Artikel und dabei noch wunderbar geschrieben, ich habe mich in vielen Punkten wiedererkannt.
    Dankeschön!!!

  13. Hallo Jennifer,

    Danke für diesen Artikel. Ich muss gerade weinen, weil er soviel in mir aufwühlt.

    Ich bin Mutter von zwei Kindern. Berufstätig. Ein Schul-Kind mit einer geistigen Behinderung, einem Kita Kind. Denn zweiten Lockdown habe ich nicht gut überstanden, hatte im Februar mehrere Tage, an denen ich mental neben der Spur stand und bin zum Hausarzt wegen dem Verdacht auf Depression. Eine Überweisung zum Psychiater zur Feststellung der Diagnose habe ich bekommen, aber nach den ersten Anrufen mit Bitte um Terminen und den Absagen wieder aufgegeben.

    Habe dann viel Sport gemacht und auf die Ernährung geachtet (auch wegen einer anderen gesundheitlichen Sache) weil ich weiß, dass es mir gut tut. Mir ging es auch wieder lange besser. Aber seit einer Woche hänge ich wieder im Tief. Und ich habe Angst davor, tatsächlich depressiv zu sein. Ich hatte gehofft, ich müsste mich nur „zusammen reißen“…

    Wir sind hier auch eher in die Kategorie „Bilderbuch Familie“ einzusortieren. Ein Mann, der gemeinsam mit mir die Familie wuppt. Zwei sehr flexible Jobs, beide Teilzeit. Haus, kleiner Garten, keine Geld- oder Jobsorgen. Tolle Kinder, wir sind alle gesund. Mir müsste es super gehen. Tut es aber nicht immer. Ich habe ein schlechtes Gewissen, weil ich denke : andere haben richtige Probleme, die bekommen das auch hin. Bin ich ein Luxus-Weibchen und nicht dankbar genug für mein recht privilegiertes Leben?!

    Der Artikel wühlt mich extrem auf und ich bewundere deine Stärke! Du bist eine tolle Frau!

    Alles Gute auf deinem Weg!

    1. Hallo Stiefelkind,

      auch mich hat der Artikel sehr berührt und angesprochen.
      Bin in einer ähnlichen Situation,in der du dich befindest.
      Mit dem Unterschied,dass ich nach einem Zusammenbruch im Februar krankgeschrieben bin.
      Ich hadere immer noch mit der Situation Burnout bzw Depression.
      Hätte ich mir niemals vorstellen können.
      Ich verstehe deine Gedanken so gut,dass man doch eigentlich „glücklich“ sein müsste und keinen Grund hat,um eine Depression zu bekommen.
      Aber ich habe mittlerweile lernen müssen,dass sich niemand diese Erkrankung aussucht.

      Ich wünsche dir viel Kraft für die nächste Zeit und bleibe hartnäckig bei der Suche nach ärztlicher bzw. therapeutischer Hilfe.

      Liebe Grüße

      1. Vielen Dank für deinen Artikel!
        Ich kann nun die Situation, die ich vor nunmehr 14 Jahren mit meiner Mutter erlebt habe, besser verstehen. Mein Bruder und ich haben sie vom Hausarzt direkt in die psychiatrische Ambulanz gefahren, wo sie dann auch sofort Medikamente erhielt und eingewiesen wurde.
        Ich befand mich gerade in den letzten Zügen meines Studiums und wohnte nicht mehr zuhause. Meine beiden Brüder jedoch, sodass ich daraufhin wieder mehr oder weniger einzog. Mein Vater hatte wenig Verständnis für die Situation.
        So viele Jahre später und nun selbst Mutter und berufstätig, komme ich aktuell auch immer wieder an meine Grenzen, will mir das aber nicht eingestehen, da auch ich ein anderes Bild von mir habe und versuche stets, mich zusammenzureißen.
        Dein Text hat mir die Augen geöffnet und ich glaube es längst an der Zeit mich diesem Thema zu stellen…
        Danke!!

      2. Liebes Stiefelkind, die psychiatrischen Ambulanzen könnten Dir vielleicht auch weiterhelfen. Ich bin sehr spät, fast zu spät dorthin… Mach Dich früh genug auf den Weg. Dir steht Hilfe zu. Leider fehlt gerade bei Hilfsbedarf, die Kraft diese auch laut einzufordern… Alles Liebe für Dich, Jenny

    2. Liebe Stiefelkind, ich wollte dir nur kurz Rückmelden, auch du bist bestimmt eine tolle Frau 😉 Vergiss das bitte NIE!!!

      Auch, wenn es dein Zustand momentan nicht zulässt, das zu glauben / zu denken!!!

      Niemand hat in seinem Leben wirklich eine Bilderbuch Familie, es gibt immer Höhen und Tiefen.

      Und es ist okay, wenn es dir nicht gut geht, du musst dich für nichts und niemanden zusammen reißen, schon gar nicht vor dir selbst!

      Ich kenne dein Gefühl nur zu gut, auch ich habe alles erdenkliche im Leben, genau das was du auch beschreibst. Und trotzdem ist man nicht glücklich und es geht einem schlecht. Das ist auch okay!

      Versuche dich damit nicht noch zusätzlich unter Druck zu setzen.

      Nimm dir Auszeiten wenn du sie brauchst ohne sich zu sagen, dass geht jetzt nicht, doch das geht;-) nimm Hilfe an und versuche nicht alles alleine zu meistern, denn das kann niemand!!!

      Ich wünsche dir viel Kraft und das es dir bald wieder besser geht.

      Ganz liebe Grüße

      Jinie

  14. Danke für deine offene Worte,darin finde ich mich als ebenso betroffene mit einer psychischen Erkrankung Mama auch wieder.
    Nur für viele ohne diesen Makel ist es ein NoGo wenn man sowas ausspricht

  15. Wow, vielen Dank für deine Offenheit! Ein schmerzliches und sehr wichtiges Thema, auch die psychischen Krankheiten gehören in die Mitte der Gesellschaft und nicht ins Verborgene. Ich wünsche dir weiterhin alles Gute!

      1. Wow, danke für deinen Mut, die Depression zu thematisieren und ganz genau auf den Punkt zu bringen.

        Auch ich bin seit 9 Jahren bis heute an einer schweren rezidivierenden Depression erkrankt, durch verschiedene Lebensereignisse. Die Depression kam dann, zum Ende meiner zweiten Schwangerschaft, letztlich zum Ausbruch.

        Du sprichst mir in deinem Beitrag aus der Seele und ja, leider ist die Depression ein sehr großes STIGMA in unserer Gesellschaft!!!

        Ich selbst bin Krankenschwester in einer Psychiatrie und liebe meinen Beruf überalles, denn ich weiß, hautnah, wie es ,,meinen“ Patienten geht und was sie erleiden müssen!!! Ohne dies nur aus Lehrbüchern zu kennen.

        Meine schlimmste Episode hielt ein 3/4 Jahr an und wenn ich immer dachte bis dahin, es könnte nicht mehr schlimmer kommen, lehrte mich diese Episode was ganz anderes!

        Es war das schlimmste, was ich je in meinem Leben erlebt habe und fern ab, von jeglicher Vorstellung. Ich kann für mich sagen, dass ich sprichwörtlich durch die Hölle ging und das meine ich auch genau so.

        Es ging so weit, dass ich wirklich ernsthaft dachte und es genau so fühlte: So, jetzt ist es soweit, jetzt verlierst du völlig den Verstand! “

        Ich hatte 6 Monate täglich ab dem aufwachen bis zum schlafen, ein so beklemmendes Gefühl, als wie, um es annähernd für psychisch gesunde Menschen zu beschreiben, als wenn man als Kind/Jugendlicher etwas ganz schlimmes ,, angestellt“ hat, wofür man wusste, dass man richtig Ärger bekam.

        Mit diesem Gefühl, lebte ich 6 Monate Tag ein Tag aus, was mich völlig in den Wahnsinn trieb, weil es einfach nicht weg ging.

        Dank meiner Ärztin, die eine ehemalige Arbeitskollegin von mir war, jedoch seit Jahren nicht mehr in unserer Klinik arbeitete und sich mit einer Psychotherapeutischen Praxis selbstständig gemacht hat, konnte ich einen Therapieplatz bei Ihr bekommen.

        Wäre sie nicht gewesen, die richtige Medikation, die Tiefenspychologische Therapie und meine allerletzten Ressourcen, würde ich wahrscheinlich heute nicht mehr da sein.

        Ich bin so froh, dass ich diese Episode überlebt habe und es hat sich gelohnt, dies auszuhalten.

        Es geht mir heute wieder richtig gut, ich habe wieder Spass am Leben, was ich niemals mehr in dieser Episode gedacht hätte. Ich bin so froh wieder sagen zu : JA DAS LEBEN IST SCHÖN!!!!

        Bitte haltet durch, egal wie aussichtslos euch alles erscheinen mag und wie unerträglich es sich auch anfühlen mag und ja es ist schlimm, aber glaubt mir bitte, es wird wieder besser, gebt niemals auf. Auch DU wirst es schaffen, vertraue einfach auf meine Worte!!!

        Ich bin heute dadurch so stark geworden, wie ich es seit Jahren nicht mehr war. Und eins habe ich mir geschworen, an so einem Tiefpunkt will ich nie wieder im Leben sein.

        Durch diese Erfahrung, habe ich gelernt was mir gut tut und was nicht und kann mich klar von allem abgrenzen, was mir nicht gut tut.

        Ich musste lernen damals, den Zustand auszuhalten und heute weiß ich zu 100% es lohnt sich etwas auszuhalten und es durchzustehen, es wird besser definitiv besser!!!

        Ich wünsche euch allen den Mut und die Kraft es durchzustehen und scheut euch nicht professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, vorallem bei suizidgeanken!!!

        1. Liebe Jinie,

          danke für deine ehrlichen Worte.Dein Artikel hat mich zu Tränen gerührt.Mir geht es seit ca.zwei Monaten“schlecht“,ich muss fast täglich weinen ohne Grund,ich bin traurig,habe starke Schlafstörungen und meine Stimmung ist depressiv.Dein Artikel hat mir Mut gemacht,mir Hilfe zu holen.Liebe Grüße

          1. Liebe Makar, es freut mich, daß ich dir Mut machen konnte. Genau so soll es auch sein 😉 Ich weiß wie schwierig sich alles anfühlt und vorallem so aussichtslos!!!

            Doch verliere NIE den Glauben an dich!!!! DAS IST MEGA WICHTIG!!!

            Wir sind nicht alleine…. auch wenn es sich so anfühlt!!!

            Ich bin froh, daß ich meine Geschichte hier geschrieben habe, denn dadurch bekommt die Depression ein Gesicht, für mich und für andere. Und wenn ich auch nur einem einzigen Menschen dadurch Mut machen kann. Hat sich mein durchhalten doppelt gelohnt.

            Ich wünsche dir /euch von Herzen alles Liebe

    1. Ein sehr schön geschriebener Artikel, den ich gerade in der psychiatrischen Tagesklinik lese.
      Leider braucht es viel Mut, um einigermaßen schnell Hilfe zu bekommen. Und auch eine Portion Glück. Vor 10 Jahren war ich in einer ähnlichen Situation und habe dann das Handtuch geworfen, da ich einfach keinen Termin bekommen habe.

      Gefühlt mein ganzes Leben schon hangel ich mich von einer depressiven Phase zur nächsten. Es ist schon ein Teil von mir geworden.

      Ich wünsche allen, denen es da draußen ähnlich geht, dass sie Hilfe bekommen.

    2. Beim Lesen kamen mir die Tränen. Genauso geht es mir auch. Das Schlimmste ist die emotionale Taubheit. Ich habe große Angst nie wieder etwas Schönes empfinden zu können. Zu wissen das ich meine Kinder liebe, es aber nicht fühlen zu können ist furchtbar.
      Ich möchte mich zutiefst für den intimen und offenen Beitrag bedanken. Viel zu oft wird die Erkrankung verdrängt. Das ist lebensbedrohlich. Von Herzen alles erdenklich Gute und nochmals DANKE.

  16. Ich sag nur DANKE.
    Danke für diesen wunderbaren Beitrag und den Satz: ich bin eine gute Mutter – mit einer psychisch Erkrankung.
    Ich hab mich so oft wiedergefunden.

    Alles Gute!

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